Hanser 2020. € 16,50.

Issa Watanabe: Flucht

Während die Sammelkröte im August lyrisch-beschwingt dahergekommen ist, wird es mit Blick auf den herannahenden Herbst düsterer und ernster. Nicht aber weniger künstlerisch, wenn im Bilderbuch-Format rückverwiesen wird auf einen anderen Sommer. Jenen von vor fünf Jahren, den Flüchtlingssommer 2015.

Nahezu völlig schwarzer Hintergrund. Durchsetzt nur von schemenhaften Wellen, Bäumen in grau und rot und einer Schar von tierähnlichen Wesen im Vordergrund, die sich zumeist von links nach rechts durchs Bild bewegen. In ihrer Darstellung sind die anthropomorphen Tierwesen umso farbenfroher gekleidet – zumindest zu Beginn. Die Gruppe ist bunt zusammengewürfelt und versinnbildlicht dadurch die Multikulturalität jener Menschen, die von Flucht betroffen sind: die Ordnung der Nahrungskette und die topografischen Lebensräume der Tiere sind außer Kraft gesetzt. Neben Fuchs und Gans begeben sich auch Schaf, Giraffe, Löwe und Eisbär auf eine Reise. Eine Reise ins Ungewisse.
Flucht zählt wohl zu jenen Themen, die in den letzten Jahren am öftesten ihre kinder- und jugendliterarische Realisierung erfahren haben – egal in welchem Format. Zu Sachbüchern, Romanen und Graphic Novels reiht sich nun erneut ein Bilderbuch, im Original unter dem Titel „Migrantes“ veröffentlicht und von der peruanischen Illustratorin Issa Watanabe gestaltet. Das vielbesprochene Thema erhält damit dennoch ganz neue künstlerische Intensität: Bereits auf dem Schmutztitel schreitet ein stolz anmutender, blauer langbeiniger Vogel ins Bild. Auf seinem Rücken ein Geschöpf, das einerseits Assoziationen zum mexikanischen Totenkult am „Dia de los muertos“ hervorruft und andererseits stark an den Tod in Wolf Erlbruchs „Ente, Tod und Tulpe“ erinnert, ohne diesen kopieren zu wollen.
Mit einem Koffer in der Hand ruft das Wesen mit Totenkopf und schwarzem, mit bunten Blumen bestickten Umhang der Tiergruppe nach, um sich anzuschließen. Zunächst ebenbürtig wandert es mit ihnen von Doppelseite zu Doppelseite. Von Situation zu Situation, die durch die phantastischen Anleihen der menschlich anmutenden Wesen mit Tierköpfen zwar verfremdet, aber in ihrer Aussagekraft keineswegs gemindert werden und dabei medial wohlbekannte Szenerien hervorrufen: ein überfülltes Flüchtlingslager (wenngleich im düsteren Wald und nicht in einem eingezäunten Gelände), ein Schlauchboot am Meer, das sinkt und schließlich das mit Müh und Not an den Strand retten, nur um zu begreifen, dass es nicht alle Bootsinsass_innen geschafft haben. Die Mimik der Tiere? Ausdrucksstark. Ernst. Ängstlich. Verzweifelt.
Die Willkür, mit welcher Menschen, oder in diesem Fall vermenschlichte Tiere, ein solches Schicksal ereilen kann, zeigt sich in der Zusammensetzung der Gruppe: selbst die Stärksten (Elefant, Nashorn oder Löwe) sind gegen Entwurzelung und Vertreibung aus ihrer Heimat – wo auch immer diese gelegen haben mag – machtlos. Und auch noch so viel Zusammenhalt kann nicht verhindern, dass die schwächsten diese Reise nicht überstehen.
Die Frage ist, welche Rolle das Totenkopfwesen dabei einnimmt:
Ist er oder sie selbst bereits ein totgeweihter Flüchtling? Oder ist er/sie tatsächlich der Tod selbst? Zum Teil wandert dieses Geschöpf mit der flüchtenden Gruppe, zu einem anderen fliegt es hoch über ihren Köpfen auf dem Rücken des blauen Vogels oder ist gar nicht im Bild zu sehen. Die Interpretation, dass es sich um den Tod selbst handelt, manifestiert sich vor allem in einer der letzten ganzseitigen Illustrationen: ein Hasenwesen hat die Überfahrt und das Sinken des Schlauchbootes nicht überlebt und liegt – nach kummervollen Abschied der Überlebenden und mit dem mittlerweile verblassten Umhang des Totenkopfgeschöpfs zugedeckt – scheinbar friedlich im Schoß des Todes. Ein zutiefst trauriges, aber zugleich auch sehr tröstenden Bild. Die Koexistenz zwischen Leben und Tod, das Moment des Übergangs und das Nebeneinander von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit werden damit auf eindrucksvolle Art und Weise verbildlicht.  
Der Farbsymbolik der Bildkompositionen in Bezug auf das Totenkopfwesen, aber auch mit Blick auf das gesamte Werk kommt eine tragende Rolle zu und eröffnet vielschichtige Lesarten. Die Differenzierung zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten – oder jenen, über denen der Tod schwebt – wird durch den Einsatz von roten Blüten markiert. Ist der Hintergrund auf der Flucht grau und in sehr matten Farben gehalten, stehen die Bäume am Ende der Reise in voller kräftiger rot-rosa Blütenpracht und wirken in der gedämpften Atomsphäre wie ein umso stärkerer Hoffnungsschimmer. Ein illustratorisches Motiv, das sich auch schon früher auf einer Doppelseite finden lässt, die neben dem Tod des Häschens die einzige monoszenische Illustration bildet: ein Eisbär im Reich der Lebenden mit rot blühenden Bäumen im Hintergrund steht dem Totenkopfwesen vor grauer, abgestorbener Baumkulisse gegenüber. Handelt es sich dabei um eine Verhandlung, wenn der Tod dem Eisbären eine graue Blume entgegenstreckt und dabei einen gelben Umhang trägt? Gelb, eine Farbe, die im Allgemeinen mit Licht und Wärme in Verbindung gebracht wird. Gleichzeitig aber auch die Farbe der Pest, des Egoismus und der Gefahr, wenn man an Warnschilder für Radioaktivität oder Chemie denkt. Ist der Tod also eine Erlösung auf dem beschwerlichen Weg voll von Strapazen oder muss man sich vor ihm/ihr in Acht nehmen?

Issa Watanabe schafft mit ihrem zeit-, ort- und wortlosem Bilderbuch ein geniales Debüt am deutschsprachigen Markt, das sich aus der Fülle an Flucht-Büchern hervorhebt. Durch die detailreichen Illustrationen, die Assoziationen zu bekannten, immer noch medial viral gehenden Ikonografien hervorrufen, verweist die junge Illustratorin Missstände ohne zu moralisieren auf moderne Odysseen von Menschen, die ihrer Heimat beraubt wurden.

Wie und wo Flucht noch thematisiert wird, lässt sich >>>hier in einer immer wieder aktualisierten und ergänzten Buchliste nachlesen.  

Alexandra Hofer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



mixtvision 2020. € 16,50.

nils mohl und katharina greve: könig der kinder /
tänze der untertanen. gedichte

Als Drehbuchautor des Films „Es gilt das gesprochene Wort“ wurde er heuer für den Deutschen Filmpreis nominiert. Als Autor des Adoleszenzromans „Es war einmal Indianerland“ wurde er 2012 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und lotete in Folge mit seiner Stadtrandtrilogie eine Grammatik des Erwachsenwerdens aus. Er war Lead-Writer der Gaming App „Story Beats“ und Story Coach für die Textmanufaktur.
Und nun: Ein überraschender Genrewechsel, der im Vorfeld bereits durch ein literarisches AntiVirusProgramm auf Instagram begleitet wurde: In gleich zwei zeitgleich erschienen Bänden präsentiert Nils Mohl Gedichte. Dabei wird jener Band (gelbliches Knallorange), in dem vielfach sprachspielerisch gefubbert wird, an Kinder adressiert, und jener Band (blaustichiges Hellgrün), in dem die Sprache gleichermaßen auf die Probe gestellt wird wie die von ihr erfassten lebensweltlichen Zusammenhänge, an Jugendliche. Diesen Adressierungen entsprechen nicht nur Stil und Tonalität der Gedichte, sondern auch die unterschiedliche grafische Gestaltung der beiden Bände: Katharina Greve, die in Ihrem illustratorischen Hochhaus-Projekt (ein digitaler Comic, der später als hochformatiges, aber querformatig zu lesendes Buch erschien) ein hundertundzweistöckiges Panoptikum urbanen (Innen-) Lebens entworfen hat, arbeitet hier erfrischend reduziert. Freigestellte Illustrationen teasern zentrale Figuren oder thematische Aspekte der Gedichte und begleiten die Texte, ohne sie künstlerisch in den Hintergrund zu drängen. Dieserart entstehen zwei literarisch gleichermaßen wie grafisch liebenswert und durchdacht gestaltete Bücher, die nicht in der Regalabteilung für bibliophile Lyrik-Anthologien, sondern im literarischen Alltag der Zielgruppe selbst Platz finden sollen. Oder in der Literaturvermittlung. Oder im Kontext genussvoller, intermedialer Adaptionsprozesse. Oder dort, wo das STUBE-Team einmal mehr dem mehr kollektiven Genuss der Auseinandersetzung mit Lyrik-Bänden frönt. Also hier.


ich und du

Ohne Du gibt es kein Ich. Oder war es doch, dass es ohne Ich kein Du geben kann? Wie auch immer es um ein Ich oder Du stehen mag – für eine geschwisterliche, freundschaftliche oder anders-liche Beziehung, in der man womöglich auch streiten kann, braucht es immer zwei Personen. Wie der Verlauf von gegenseitiger Wertschätzung hin zu einem (kleinen) Streit aussehen kann, wird in „ich und du“ wunderbar verknappt dargestellt.

Zunächst sehr harmonisch zeigen die ersten je drei Wort starken Zweizeiler, in die geschickt die Dimensionen von Raum (wo), Zeit (wann) und Modus (wie) eingeflochten sind, die Zuneigung zueinander:

wo immer du
da immer ich

Wie schnell es aber eskalieren kann, wissen die Leser_innen nach einigen Liebes- oder Freundschaftsbekundungen:

wieso nur du
du immerzu


Bis am Ende keine_r der beiden Beteiligten mehr weiß, was der Grund war und warum es überhaupt zur „Auseinandersetzung“ gekommen ist: äh ich ich äh. War es die Selbstsüchtigkeit des Ichs oder des Dus oder des Wirs? Eine Frage, die einem womöglich auch aus dem eigenen Leben bekannt sein könnte – worum gings noch gleich im letzten Streit?

Wo der eine oder die andere vielleicht ein Fragezeichen, einen Beistrich oder ein Rufzeichen gesetzt hätte, lässt Nils Mohl die kurzen Verse für sich stehen. Ebenso reduziert kommen die Illustrationen von Katharina Greve daher: liebevoll aneinander geschmiegte Gesichter kehren sich zunehmend mit ärgerlich-trauriger Miene voneinander ab.

Da es auch immer wieder schön ist, Lyrik einfach nur zu lauschen anstatt sie selbst zu lesen, kann in diesem Fall der Instagram-Account des Autors wärmsten empfohlen werden. „ich und du“ wird dort beispielsweise von Johanna Polley (auch bekannt als Edda, die Frau mit der Bohrmaschine) und Luca Lehnert vorgestellt und man darf sich auch auf andere bekannte Stimmen, die verschiedene Gedichte aus den beiden Bänden rezitieren, freuen: https://www.instagram.com/p/CC-feuaqt5p/


Xandi Hofer

so oder so
Dass die Interaktion zwischen Ich und Du nicht immer reibungsfrei abläuft, haben Nils Mohl, Katharina Greve und Xandi Hofer bereits an anderer Stelle thematisiert. Während sich das synchrone Paar in „ich und du“ jedoch trotz (oder wegen?) der anfänglich überwältigenden Innigkeit letztlich distanziert und entgegengesetzte Richtungen einschlägt, erweist sich in „so oder so“ die ironische Ergänzung (bzw. die ergänzende Ironie) als vielversprechendes Heilmittel. Da wie dort entspinnt Nils Mohl auf verdichteten Zeilen einen verknappten Schlagabtausch, der auf der einen Seite zeigt, wie schnell absoluter Einklang in trennende Konflikte überschlagen kann, und wie auf der anderen Seite trotz (oder wegen?) der Lust an der Provokation eine Harmonie des Inhomogenen ent- und bestehen kann, die jeglicher Rationalität entbehrt.

ich so, du so
– du hast mir meinen verstand geraubt
– o das bisschen? asche auf mein haupt

Dass es weniger Vernunft und Verstand als Spontanität und Unernst in den Paradoxien der Liebe und/oder Freundschaft braucht, legen die beiden Dialoge von Ich und Du, die sich jeweils im Paarreim zusammenfügen, nahe. In einem gewitzten (Sprach-) Duell alternieren die schlagfertigen Zeilen der Opponent_innen – das Genre des Western ist dem Hamburger Drehbuchautor ja ohnehin nicht unbekannt.  

du so, ich so
– hey du raubst mir echt noch den verstand
– ach ohne ist‘s auch ganz interessant

Die durchlässigen Grenzen zwischen Ich und Du werden auch in Katharina Greves zugehöriger Illustration sichtbar, die sich über die Buchseite hinaus erstreckt und entlang des Falzes ein gedoppeltes schwarzflächiges Profil mit einzelnen orangefarbigen Bildakzenten spiegelt: Ein komplementäres (statt kongruentes) Duo, das vielstimmigen Einklang verspricht. Wenn doch auch im echten Leben alles immer so „einfach“ und unbeschwert sein könnte!

Claudia Sackl

entstehung der gezeiten

Mit Arbeitskolleginnen und -kollegen verbringt man oft meist ebenso viel Zeit wie mit Familie, Freunde oder Vereinsmitgliedern. Oft sogar mehr. Man lernt sich über die Jahre kennen und irgendwann kann man Sätze der anderen zu Ende führen. Vor allem dann, wenn man im selben populärkulturellen Pool schwimmt und zusammenhält: in guten TV-Serien wie in schlechten. Dank Gruppentherapeutischer Gespräche konnte sogar das Ende von „Game of Thrones“ ohne traumatische Folgen überstanden werden. Gerade eben ist das fast ebenso epochal inszenierte Finale der in Deutschland produzierten TV-Serie „Dark“ auf einem bekannten Streaming-Dienst über die Bühne gegangen. Auch darüber gab es viel zu sagen, die Meinungen gingen auseinander. An einem Punkt war man sich jedoch einig: Die sich über die gesamte dritte Staffel wiederholenden Sätze, die der Erzählung biblische, philosophische, essentielle Tragweite bescheren sollten, fanden alle ungemein lustig und wurden kurzerhand in den Büroalltag eingebaut. Seither vernimmt man während Dienstbesprechungen Formulierungen wie: „Deine Vorstellung des Fernkurs-Curriculums verhält sich zu meiner wie Licht und Schatten“. Auf der gegenüberliegenden Seite sagt darauf jemand: „Wie Leben und…“ und eine dritte Kollegin „… und Tod“. Im STUBE-Team liegen also schwerwiegende Dichotomien voll im Trend und daher könnte Nils Mohls Gedicht „die entstehung der gezeiten“ zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen.

Die 20 Zeilen über das Dasein und das Nicht-Dasein von Wasser am Strand, die Katharina Greve lustvoll mit einer elegant ausgestreckten Figuration der Flut bebildert, zeigt trotz der Leichtigkeit der Verse, dass es auf dieser Welt Dinge gibt, die sich fundamental unterscheiden, die sich einander nie annähern, nie eine Gemeinsamkeit und nie Konsens finden werden. Würde man diese Gedanken in der STUBE laut vorlesen, würde jetzt wahrscheinlich jemand flüstern: „Anfang und…“, worauf alle im Chor, lachend-laut „… und Ende“ brüllten. Nils Mohl und das STUBE-Team verbindet nicht nur eine Freundschaft, sondern auch der humorvolle Blick auf die substanziellen Dinge im Leben: da kam die ebbe / zog voll übermut / der flut an der langen schleppe / machte sich neben ihr breit / sprach zur kollegin / es ist jetzt zeit für meine wenigkeit / zieh‘ leine sonst mach‘ ich dir beine.

Vielleicht geht es im Gedicht „die entstehung der gezeiten“ um mehr als „nur“ die Entstehung der Gezeiten. Vielleicht steckt in Nils Mohls Gedicht ein Bezug zu einer unvereinbaren Trennung, zu Erkenntnissen, die durch Wasser und Land symbolisiert werden, vielleicht aber auch nicht. Wie bei vielen der Gedichte darf man die Zeilen mit einem Augenzwinkern lesen, man darf sie in ihrer kunstvollen Einfachheit (nicht Simplifizierung) ganz Ernst nehmen und man darf sie immer als Anregung auf das eigene Leben heranziehen oder Lyrik einfach Lyrik sein lassen. Das STUBE-Team im Chor: „Wie Ebbe und Flut“.

Peter Rinnerthaler

kurzmärchen

Das Epos. Der Roman. Die Novelle. Geschichten werden in unterschiedlichen literarischen Formen erzählt, denen wiederum (in den meisten Fällen) auch eine bestimmte Tendenz zu einer sehr üppigen, umfangreichen oder sehr prägnanten, kurzen Art des Erzählens zu eigen ist. Lyrik, der sich Nils Mohl in diesen beiden wunderbaren Bänden widmet, kommt meist mit wenigen Wörtern aus (auch wenn es natürlich längere lyrische Formen wie die Ballade gibt). Mit wie wenigen Wörtern aber ein Gedicht auskommen kann, um eine Geschichte wieder zu geben, die meist deutlich ausführlicher erzählt wird, beweist der Autor in „Kurzmärchen“. Wo sonst, etwa im ersten der Hausmärchen in der Sammlung der Brüder Grimm, länger ausgeführt wird, in welcher Zeit die Geschichte spielt, was das Problem ist, wie es zu lösen sein könnte, werden in unglaublichen vier Wörtern handelnde Personen, dramatischer Höhepunkt und Ende höchst präzise benannt. Dass hier geküsst statt an die Wand geworfen wird, ist natürlich ein wenig schwierig, sei jedoch angesichts des von Katharina Greve hinreißend dargestellten Frosches verziehen – denn wer könnte einem solchen Kussmund widerstehen?

Kathrin Wexberg

höhere mathematik und keine tiefere bedeutung

Die Stadt = eine Mixtur aus Formen. Diese werden in den Himmel gesetzt und festgemacht. Geometrie, von Kränen erschaffen. Mit diesem Bild steigt Nils Mohl in ein Spiel der Logik und gleichzeitig Unendlichkeit ∞ der Mathematik ein. Die übereinander gestapelten Formen lassen die Umgebung in die < Höhe schießen und damit ‚unberechenbar‘ (nicht-rechenbar oder unvorhersehbar) werden.

In dieses Szenario tritt nun ein kleines Tierchen, ein Element der Natur, mit vielen – nicht gezählten – Füßen. Ohne Namen kommt es daher und krabbelt uns den Rücken hoch. Ein komplett nicht-berechenbar und nicht-benennbares Wesen, das im Kontrast zur geradlinigen Geometrie der Stadt steht. Die Illustration konstruiert das Insekt um und ersetzt den Körper mit seinen Beinen und Fühlern durch die Kreiszahl . Den Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes περιφέρεια (peripheria) = Randbereich. Es trägt uns an die Randbereiche der Mathematik – an die Randbereiche des Berechenbaren.

Der Schluss bricht nun endgültig mit den mathematischen Verhältnisse von > und <, wenn dem Tierchen Flügel wachsen und es noch unberechenbarer erscheint. Dann hat die höhere Mathematik keine tiefere Bedeutung mehr. Dann steigt das Tierchen mit Flügel hinauf und überragt jegliche Kräne und Städte und deren Geometrie.

Das Gedicht ist ein endloses philosophisches Potpourri, sodass selbst Mathematik-Muffel, denen beim Anblick von π nicht nur ein Insekt über den Rücken läuft, höher als Kräne springen können vor Genuss.

Tamara Kurzbauer

exquisite expertisen

Wer ein X im Namen trägt, sogar ein EX, hat eine besondere Vorliebe für alles buchstäblich Gekreuzte, selbst dann, wenn damit den vergangenheitsgeformten Lebensniederlagen gefrönt wird: exhosen sitzen enger. exfreuden nennen sich nun also frustration. Nun gut, behelfen lässt sich mit extratouren durch sommerlich geblümten Flatterhosenabteilung (schließlich weiß man: extratouren sind legal / exhibitionisten anormal); auch wenn ein explodierender Kleiderschrank sie nur mit bumm-peng! auswirft, um vor modischer Unangemessenheit zu warnen. Im exdunkel, also im licht des Hochsommers gesehen, lässt sich auch damit das exil verlassen und damit der heimersatz mit der STUBE tauschen. Wenigsten nimmt man dann in gemütlicher Aufmachung an den sommerlichen Klausuren teil, die wieder einmal zeigen: exkurse dauern länger. Aber wer darum weiß, dass die exegese sich nicht nur wissenschaft nennt, sondern ohnehin kein Modediktat kennt, darf schon mal ein unmodisches exempel statuieren. exfehler (auch modische) werden mit dem winterlichen Schwarz ohnehin wieder ausradiert, sodass man das exgepresste, das sich saft nennt, auch ohne angsterfüllten Gedanken an den zu verbiegenden expander zu Kaffee und Keksen reichen kann. Schließlich geht es darum, dass in der Planung der nahen und weniger nahen Zukunft der STUBE exklusives einen ehrenplatz kriegt. Da gilt es, keine not zu leiden, auch dann nicht, wenn man kein exminister ist. Und schließlich sollen die X und EX im STUBE-Leben auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen; ganz nach dem Motto:
extremer ehrgeiz nennt sich streben
experiment im volksmund leben

Fazit: Nils Mohl wird am 16. Oktober 2020 mit seinen beiden Lyrik-Bänden beim STUBE-Freitag zu Gast sein.

Heidi Lexe

Nils Mohl liebt Bonusmaterial, das STUBE-Team auch!

#1 >>>Nils Mohl: Beim Erzählen alles in Ordnung?
Eine kurze Geschichte des Vor- und Zurückspulens. In: Heidi Lexe (Hg.): Timewarp und Taschenuhr. Zeit in der Kinder- und Jugendliteratur. Tagungsbericht. STUBE 2019. Reihe fokus.

#2 >>>Es war einmal Indianerland. Ein Trip von Ilker Ҫatak. Nach dem preisgekrönten Roman von Nils Mohl.
Rezension von Heidi Lexe im August 2018.

#3 >>>Das Hochhaus. 102 Etagen Leben von Katharina Greve.
Rezension von Claudia Sackl im März 2018.

#4 >>>Timewarp und Taschenuhr. Zeit in der Kinder- und Jugendliteratur. Bericht im Tagebuch der STUBE-Homepage von Alexandra Holmes im Mai 2018.

#5 Das beste zum Schluss:
Terminaviso: Nils Mohl wird die beiden Gedichtbände im Rahmen eines STUBE-Freitags am 16. Oktober 2020 präsentieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Amerik. von Silke Hachmeister und Peter Klöss.
Oetinger 2020. € 26,00.
OT: The Ballad of Songbirds and Snakes. A Hunger Games Novel

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem.
Das Lied von Vogel und Schlange

Das Faustrecht der Prärie: John Ford macht es 1946 zum Handlungsmovens eines Film-Westerns, in dem Wyatt Earp sich rechtschaffen gegen den Outlaw Billy Clanton stellt. Der Original-titel des Films ist einer Western Folk Ballade entlehnt, die auch zum Titelsong wird: „Oh My Darling Clementine“. Von einer nicht eben strahlend schönen Tochter eines Minenarbeiters ist darin die Rede. Sie ertrinkt und kann vom Geliebten nicht gerettet werden: But alas, I was no swimmer / So I lost my Clementine. Von dreadful sorrow auf Seiten des männlichen, lyrischen Ich ist hier die Rede und dennoch: Bedauert dieses Ich wirklich, die Geliebte verloren zu haben? Oder ist Clementine eine tragische Figur, die seinen Weg kreuzt, während seine Augen bereits auf die Zukunft gerichtet sind?
Mit dieser Lesart weist das Lied auf das Schicksal seiner Perfor-merin Lucy Gray voraus, wenn es in Suzanne Collins neuem Roman zitiert wird – und damit zum Teil eines in den Roman eingeschriebenen Soundtracks wird, mit dessen Hilfe die beiden Hauptfiguren, deren Biografien und deren Beziehung zueinander weitererzählt werden.
Aufgerufen wird mit dem Song auch die Grund-Stimmung von John Fords Western, an dessen Ende ein genrespezifisches Shooting steht. Von der Moral Wyatt Earps jedoch ist wenig geblieben, wenn hier in einem Schuppen hinter dem Hob/dem Hof in Distrikt 12 jemand erschossen und in einem anderen Schuppen (an einem See) die Tat-Waffen gefunden werden. Denn in „Das Lied von Vogel und Schlange“/„The Ballad of Songbirds and Snakes“ entspringt das Shooting nicht dem Kampf um das Gesetz, nicht dem Kampf um Recht und Rechtmäßigkeit; hier entspringt es dem gleichermaßen intuitiven wie präzise durchdachten Handeln eines jungen Mannes, der ausschließlich seine eigenen Interessen wahren will. Koste es, was es wolle und getreu dem Motto: Snow lands on top.

Mit der Leichtigkeit einer Schneeflocke gelingt es Coriolanus Snow, sich aus jeder noch so prekären Situation herauszuwinden. Schlangengleich. Bereits Katniss Everdeen hat aus ihrer Ich-Perspektive stets auf dieses teuflische Moment verwiesen und von Präsident Snow „Schlangenaugen“ gesprochen. Nun ist Snow selbst der Ich-Erzähler eines Prequels zu jener Trilogie, die im deutschsprachigen Raum unter dem Titel „Die Tribute von Panem“ zur breitenwirksamen Etablierung der Dystopie in der Jugend-
literatur geführt hat. Die Literaturwissenschaft hat darauf mit einer definitorischen und analytischen Neu-Verortung von Texten reagiert, die in die Zukunft erzählen. Die Publikation, die diesen Diskurs final aufbereitet, ist dieser Tage unter dem Titel >>>„The match that lights the fire“. Gesellschaft und Geschlecht in Future Fiction für Jugendliche“ im Chronos Verlag erschienen. Erste Vorüberlegungen dazu hat Autorin Manuela Kalbermatten bereits 2015 im Rahmen des STUBE-Freitags mit dem Titel >>>„Das Spiel ist aus“ präsentiert.

Der Wilde Westen also. Oder im Sinne Panems: Die Wildnis des Westens. Ihr entstammt Katniss Everdeen, als sie als Tribut ins „zivilisierte“ Kapitol gebracht und dort umgestylt wird, um erneut in eine Wildnis geschickt zu werden – jene der Arena. Denn die Hungerspiele, die „Hunger Games“ (so der Originaltitel des ersten Teils der Trilogie) basieren auf der Überzeugung des Kapitols, dass die Bewohner_innen der Distrikte nicht nur allesamt Wilde sind, sondern als solche auch diszipliniert werden müssen. Um sich nicht erneut gegen das Kapitol zu wenden – so wie in jener Rebellion, die mit zur Belagerung des Kapitols und einem erbitterten Krieg geführt hat. Erinnert wird diese Zeit als Dark Days. Bis heute – und gemeint ist damit die Erzählzeit der Trilogie – zollen die Distrikte dem Kapitol dafür Tribut. Jahr für Jahr müssen ein Mädchen und ein Junge aus jedem Distrikt den Preis für die einstige Rebellion zahlen und bei den Hungerspielen solange gegeneinander antreten, bis nur ein Tribut überlebt. Am Beginn der Trilogie finden die Hungerspiele bereits zum 74. Mal statt; und Katniss Everdeen ist das weibliche Tribut aus Distrikt 12.

Das vorliegende Prequel geht zurück ins Jahr der 10. Hunger-
spiele. Das Kapitol ist noch geprägt von den Dark Days, von der Belagerung, dem Hunger und dem Krieg, der tiefe Spuren hinter-
lassen hat. Die Hungerspiele haben noch jenen bestialischen Rache-Charakter, der dem Kriegstrauma entspringt: Die Arena ist ein ehemals repräsentativer Veranstaltungsort, an dessen steinerner Geschichte sich der einstige Glanz des Kapitols und die dort herrschenden sozialen Hierarchien abzeichnen. Die Tribute werden in die Ruinen geschickt und mit Waffen ausgestattet. End of Game.
Noch sehr viel deutlicher als in der Trilogie wird dabei die Wildnis der Distrikte herausgestrichen: Das hier, nahm Coriolanus an, war ein richtiger Wald, wenn nicht gar Wildnis. Wer dieser Wildnis entstammt, hat animalischen Charakter. Die Tribute werden daher nicht wie 64 Jahre später in Luxushotels untergebracht und aufgepäppelt, bevor sie in die Arena geschickt werden. Sie werden im Zoo in einen Käfig gesperrt – ausgestellt als gefährliche Wesen, die nur unter größter Gefahr gefüttert werden können.

Der Spielcharakter dieser ursprünglichen, ausschließlich martialischen Hungerspiele bleibt begrenzt – insbesondere, weil die emotionale Beteiligung der Bevölkerung daran nicht über das Reaping/die Ernte hinausreicht. Nicht im Kapitol und schon gar nicht in den Distrikten. Also sucht man im Rahmen des zehnten Jubiläums die allgemeine „Attraktivität“ der Hungerspiele zu steigern und führt so genannte Mentor_innen ein – Schüler_innen der Elite-Akademie im Kapitol, die Begleiter_innen und Berater_
innen der Tribute sein sollen; so wie es Mentor einst für Telemachos war, den Sohn des Odysseus. (Schlag nach bei Homer …) Diese Mentor_innen dienen der Akademie aber auch als eine Art Think-Tank, denn die Spielleiterin Dr. Gaul lässt in Diskussionen und Essays darüber nachdenken, wie die Breiten-
wirkung der Spiele gesteigert werden könnte. Sie selbst trägt dazu durch die Meisterschaft der Genmanipulation bei und züchtet in ihrem Labor animale Mutationen, die in der Arena für mehr Thrill sorgen sollen.
Aus den Überlegungen der Schüler_innen entstehen Neuerungen: Die Menschen im Kapitol können nun erstmals auf die Tribute wetten; und um den eigenen Wetteinsatz abzusichern, können sie zu Sponsor_innen werden. Mit den entsprechenden Finanzmitteln wird den Tributen mit Drohnen Wasser und Brot in die Arena geschickt. (Dass diese Drohnen ihr Eigenleben haben und technisch versierte Mentor_innen und Tribute das auch zu nutzen wissen, sei hier nur im Sinne eines Teasers verraten …) Gesteigert wird mit alldem der mediale Öffentlichkeitscharakter der Spiele im Kapitol; in einer Live-Sendung werden nicht nur die Tribute, sondern auch die Mentor_innen durchgehend beobachtet. Moderator dieser neuen Show: Lucretius „Lucky“ Flickerman, der als bisheriger Wettermoderator für eine durchaus clowneske Performance sorgt.
Im Zentrum des Geschehens und vorrangiger Ideengeber für Dr. Gaul: Coriolanus Snow, der als einer der Mentoren ausgewählt wurde und sich davon Vorteile für seine persönliche Zukunft erhofft. Denn er ist zwar der Sprössling einer Elite-Familie, doch auf die finanzielle Unterstützung der Akademie und ein Stipendium für ein etwaiges Studium angewiesen. Der Grund dafür: Der Reichtum der einst luxusverwöhnten Familie Snow entstammte ihren Waffengeschäften. Der Standort ihrer Produktionsfirma war in Distrikt 13 – jenem Distrikt, der im Krieg vom Kapitol mit Atomwaffen zerstört wurde. (Und ja auch am Beginn der Trilogie noch als zerstört gilt.)
Mittlerweile ist dem verwaisten Coriolanus nur der schöne Schein geblieben. Er wohnt zwar weiterhin in der Penthouse-Wohnung, doch um zu überleben wurde so ziemlich alles verkauft, was die Familie einst besessen hat. Gemeinsam mit seiner Großmutter, die auf der Dachterrasse Rosen züchtet (und damit wohl eine spätere Obsession grundlegt …), ist er auf das Wenige ange-
wiesen, was seine Cousine als Hilfskraft einer Mode-Designerin verdient. Immerhin: Tigris schafft es, zumindest Kohlsuppe auf den Tisch zu bringen und aus alten Stücken ein halbwegs reprä-
sentables Outfit für die besonderen Anlässe in der Akademie zu schneidern.
Tigris? Die Tigris?
Natürlich legt das Interesse dieser Figur für Mode nahe, dass es sich bereits hier um jene tigerkatzenhafte Tigris handelt, deren Laden für Fellunterwäsche Cressida im dritten Band der Trilogie in höchster Bedrängnis als Versteck für den kleinen Revolutions-
squad rund um Katniss wählt. Eine jüngere, weniger verstörende Version dieser Tigris gehörte zum festen Repertoire der ersten Hungerspiele, erinnert sich Katniss in „Mockingjay“. Sie war Stylistin, bis sie Präsident Snow sich ihrer – so eine Hinzufügung der filmischen Adaption – entledigt hat, weil sie nicht mehr schön genug war. Die Cousine von Coriolanus Snow hätte sich also in den 64 Jahren, die zwischen den Bänden liegen, von einer Konstante in Snows Leben zu dessen enttäuschter Gegnerin und Anhängerin der Rebellion des Plutarch Heavensbee gewandelt. Apropos Heavensbee: Unter den Mentor_innen zu finden ist ein Hilarius Heavensbee. Sein Tribut ist das Mädchen aus Distrikt 8, Wovery, die es immerhin bis Seite 347 schafft. (Teaser: Puderdose. Rattengift.)

Als kontrapunktisch zur verarmten Elite-Sippe der Snows führt Suzanne Collins die Familie von Sejanus Plinth ein. Sie stammt aus Distrikt 2 und hat durch den Krieg den Aufstieg ins Kapitol geschafft. Auch hier gründet der Reichtum auf einer Waffenfabrik; die aber eben nicht zerstört wurde und nun den Status neu-reicher Zuwanderer garantiert. Sejanus wird zu einer zentralen Figur im Roman, an der sich Coriolanus‘ Handeln beispielhaft abzeichnet. Denn Coriolanus sucht dessen Nähe dort, wo es ihm selbst hilft. So rasch jedoch kann Sejanus gar nicht Distrikt 12 sagen, wie er plötzlich auf die wortwörtliche Abschussliste von Snow gerät, als er von Dingen erfährt, von denen er nichts wissen soll. (Spoiler: Schnattertölpel/Jabberjays, bekannt aus der Arena des Jubel-
jubiläums im zweiten Band der Trilogie, sind vom Kapitol gezüchtete Vögel, die im Krieg als Spione eingesetzt wurden und zu Snows Requisit als Songbirds werden.)
Auch im Sinne ihrer gesellschaftspolitischen Positionierung dienen die beiden als Kontrastfiguren, denn während sich Coriolanus Snow sozusagen musterschülerhaft in die Perfidität von Macht-
spielen einübt und die Frage nach Chaos, Herrschaft und Gesetz zu seinen Gunsten auslegt, stellt Sejanus die Frage nach Recht und Gerechtigkeit, nach Würde und Moral.
Von wem der zukünftige Präsident Snow gelernt haben wird, wenn es darum geht, die Bauern im Schachspiel der Macht in Stellung zu bringen, zeigt sich bei der Zuweisung der Tribute zu ihren Mentor_innen durch Dekan Highbottom. Obwohl er sich selbst als Hoffnungsträger der Akademie sieht, bekommt Coriolanus das am wenigsten prestigeträchtige Tribut zugewiesen: jenes aus Distrikt 12, noch dazu das Mädchen. Noch perfider die Zuteilung für Sejanus Plinth: Er, der aus Distrikt 2 stammt, bekommt das männliche Tribut aus Distrikt 2 zugeteilt. Erst viel zu spät bemerkt Coriolanus, dass Dekan Highbottoms Spielzüge nur einer Regel folgen – jener, die später auch für ihn als Präsident Snow die einzig entscheidende ist: Das Spiel bin ich. Der Dekan sorgt dafür, dass Coriolanus Snow seinen Vornamen nicht ohne Grund mit einer Figur von Shakespeare teilt.
Als stolz und arrogant wird der römische Patrizier Marcius in Shakespeares Theaterstück „The Tragedy of Coriolanus“ samt seinen politischen Ambitionen beschrieben. Mit Raffinesse erobert Marcius die Volsker-Stadt Corioli und wird nicht nur nach ihr benannt, sondern hat auch das ersehnte Amt eines Konsuls vor Augen. Doch Hochmut kommt vor dem Fall: Coriolanus wird verbannt.
Sein literarischer Nachfahre Coriolanus Snow ist gleichermaßen trickreich, wenn es darum geht, die Arena (im übertragenen Sinn) zu erobern. Als trojanisches Pferd dient ihm dabei sein Tribut: Lucy Gray. Bereits beim Reaping zeigt sich, dass hier eine perfekte Performerin ins Spiel gebracht wird. Denn Lucy Gray gehört zu den Covey, einer Art Vagabunden-Volk, das in Distrikt 12 gestrandet ist. Sie ist Mitglied einer Folk-Band und lässt ihr Leben als Singer-Songwriterin zu Balladen werden. Greift dabei aber auch die musikalischen Traditionen von Distrikt 12 auf, sodass prägende, dereinst von Katniss performte Songs zu zentralen Texten des in den Roman eingeschrieben Soundtracks werden. Darunter die unvergleichliche Ballade vom „Hanging Tree“, mit der die beiden Biografien von Katniss und Lucy erzählerisch miteinander verknüpft werden.
Als er Lucy Grays Talent erkennt, wittert Coriolanus Snow Morgenluft. Wird sie mit ihrer Ausstrahlung und Popularität dafür sorgen, dass er, der Mentor, bei den Hungerspielen entsprechend zur Geltung kommt? Wird also Songbird Lucy mit ihrem Naheverhältnis zu Schlangen zu jener Siegerin der Hungerspiele, von der im ersten Band der Trilogie bereits die Rede ist? (Dann verliest [der Bürgermeister] die Liste der letzten Gewinner aus Distrikt 12. In dreiundsiebzig Jahren waren es genau zwei. Nur einer von ihnen lebt noch. Haymitch Abernathy […].) Oder wird Lucy Gray das erste weibliche Tribut aus Distrikt 12 sein, die Snow an seine Grenzen bringt? Wird also erneut ein Songbird zu Snows Verhängnis? Die Spotttölpel (und gemeint sind hier die Vögel) spielen auch im Prequel eine zentrale Rolle und können natürlich nicht losgelöst von Katniss, dem Mockingjay, gelesen werden. Im Vergleich zur Trilogie deutlich erweitert wird hingegen die Geschichte und Rolle der Jabberjays, der Schnattertölpel, die im Sinne des Verrats „singen“. Dieserart sind die (im Original) titelgebenden Songbirds – wie auch die Snakes – motivisch mit beiden Hauptfiguren verknüpft und lassen ein Vexierbild entstehen, auf dem die Dramaturgie des Romans basiert. (Die entsprechende Einzahl im deutschsprachigen Titel verweist darauf leider nicht.)

Die Rollenverteilung scheint also unklar. Zumal man ja Coriolanus‘ Perspektive folgt, der sich selbst als mitleiderregender Erzähler zu inszenieren weiß. Und dennoch auf verlorenem Posten steht. Denn wer würde diesen Roman ohne Kenntnis der ursprünglichen Trilogie lesen? Und sich diesem Ich-Erzähler damit vorurteilsfrei nähern? Man liest Katniss‘ Perspektive auch hier immer mit und erkennt rasch, dass Coriolanus Snow keine Handlung, keine Geste, kein Wort unbedacht setzt. Man folgt einem Ich-Erzähler, der jede Situation scannt, bewertet und seinen Bedürfnissen entsprechend modifiziert. Er weicht zurück, wenn es ihm dient; Empathie entwickelt er nur, wenn sie ihm zum Vorteil gereicht; und bei der geringsten Chance, die eigene Situation zu verbessern handelt er – ohne jede Rücksicht auf andere. Als Rechtfertigung dient ihm dabei das permanente Gefühl, zurückgesetzt zu werden und mit seinen „wahren“ Fähigkeiten nicht genug Beachtung zu finden. Auf perfide Weise wird ihm damit das eigene Selbstbild zur (grausamen) Handlungsmotivation. Er nimmt in dieser Episode I die Abkürzung auf dem Weg zur dunklen Seite der Macht und weiß sie mit dem subversiven Anschein statthafter Überzeugung zu kaschieren: Snow lands on top.

Heidi Lexe
(Mitarbeit: Xandi Hofer)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Hanser 2020. € 14,00.

Micha Friemel und Jacky Gleich: Lulu in der Mitte

Im Mai 2014 war im Rahmen der Wiener Festwochen eine zuvor bereits in Moskau und im „Theater der Welt“ in Mannheim umfassend bejubelte Inszenierung zu sehen: Tararabumbia. Bereits der Titel verweist auf jene musikalische Bildrevue, die an den staunenden Zuseher_innen wortwörtlich vorbeizog:

Um die achtzig Darsteller ziehen ununterbrochen über einen langen Laufsteg, der sich seinerseits bewegt. Auf dem Laufband sieht man Tschechow-Figuren auf Stelzen, überlebensgroße und ganz kleine Puppen, Menschen, die Drachen steigen lassen und Militäraufmärsche wie man sie aus der Sowjetunion kennt. Regisseur dieser Revue ist der ausgebildete Bühnenbildner Dmitry Krymov, Mitte 50, und Leiter des Krymov Labors in Moskau, das schon einige eigene spektakuläre Inszenierungen geschaffen hat.
(Ö1 Morgenjournal vom 28.5.2014) 

Schlägt man die erste Doppelseite von „Lulu in der Mitte“ auf, könnte man meinen, auch Jacky Gleich hätte diese Inszenierung gesehen und sich davon inspirieren lassen. Denn wie auf einem Laufband scheinen die Figuren von links nach rechts an einem vorbeizuziehen; allesamt in ungewöhnlicher Dynamik: Vorneweg Kaspar, auf Stelzen, der seine jauchzende Baby-Schwester Leonore in einer Seifenkiste ohne Räder hinter sich herzieht; gefolgt von der Mutter, die mit rettend ausgestreckten Armen und schreckgeweiteten Augen hinter den beiden herhechtet, und deren comicartige Speed-Lines die kleine Lulu umkreisen und beinahe umwerfen. Lulu, die am linken Bildrand zurück bleibt und als einzige nicht in Bewegung ist; vielmehr stellt sie durch ihre leichte, schützende Rückwärtsneigung beinahe eine Gegenbewegung her. Kaspar trägt Kopfhörer. Hört er darin die auf Trommel und Trompete basierende Bühnenmusik von Tararabumbia?
Fast könnte man das glauben, denn mit dem Umblättern läuft erneut ein ganz ähnliches Szenario vor den Augen der Leser_innen ab. Die Chorus Line, die die erste Doppelseite wortwörtlich zur Bühne werden ließ, ist nun verschwunden. Der Bilderbuchraum ähnelt mit seinen wenigen, assoziativen Raum-Requisiten dennoch dem Bühnenraum. Wie in der Londoner „Harry Potter“-Inszenierung scheinen hier mobile Türen, Schränke, Regale in einem dynamischen Hin und Her herein und wieder hinausgeschoben worden zu sein. Und erneut ziehen die Figuren wie auf Dmitry Krymovs Laufband an einem vorbei: Vorneweg erneut Kaspar, diesmal Pilot eines selbstgebauten Karton-Helikopters; dahinter die Mutter, die sowohl die Baby-Schwester Leonore als auch die Stelzen in Sicherheit gebracht hat. In die Bild-Revue reiht sich nun auch die Großmutter ein und (!) bläst jubelnd Kaspars selbstgebaute Trompete. Denn schließlich ist Kaspar in ihren Augen ein außergewöhnlich begabtes Kind, das Melkmaschinen, Kühlschrankventilatoren und Musikinstrumente bastelt. „Irgendwann“, sagt Oma, „bekommst du dafür den Nobelpreis.“
Am linken Bildrand wieder … richtig: Lulu. Zurückgelassen im revueartigen Tumult, der da an uns vorüberzieht. Mit Schere und Papier in der Hand. Und leicht angenervtem, um nicht zu sagen bösem Blick.
Keine Sorge, Lulu wird diese Schere gegen niemanden richten; es handelt sich schließlich nicht um eine Junk-Version der Familienszenen aus Shockheaded Peter. (Auch wenn die Musik der Tiger Lillies ganz wunderbar zu den ersten beiden Doppelseiten passen würde.) Es handelt sich um eine ganz unspektakuläre Geschichte über die Gefühle eines Sandwichkindes, die stets zwischen Omas Putzelchenbegeisterung für die Baby-Schwester und Omas Jubelausbrüche über die zukünftige Nobelpreisqualität des älteren Bruders hindurch fällt. Dabei ist Lulu gar nicht schüchtern, wie ihr kleiner rache-Akt an Schwesterchen Leonore zeigt; sie ist einfach stiller als das brüllende Baby und der nerdige Kaspar, der schon mal auf Christo (kurzer Gedenkmoment …) macht und die Möbel kunstaktionsreif mit Wollfädennetzen umwickelt. Der Hinweis darauf, kein Baby mehr zu sein, wird je nach elterlichem Bedarf schnippisch variiert und Lulus besondere Gabe nicht recht gewürdigt. Denn Lulu liebt es, Papier zu schnippeln und es wie Konfetti um sich schweben zu lassen.

Micha Friemels Textpassagen sind knappe Verweise auf die Situation, die Jacky Gleich aufgreifen und zu ihrer Bilder-Buch-Bühnen-Inszenierung erweitern kann. Sie arbeitet aus dem leeren Raum heraus und lässt durch ihre Raumgestaltung dennoch die Konstante einer Bewegung von links nach rechts über jede Doppelseite hin erneut wirksam werden. (Selbstverständlich inklusive akzentuierter Gegenbewegungen). Sie arbeitet mit schwarzen Buntstiftkonturen, zum Teil reduziert wie es das La Linea-Männchen war. (Da ist sie wieder, die Linie, die Chorus Line, die Bodenkante, die den Bilderbuchraum strukturiert und den revueartigen Fließbandcharakter im Sinne von Dmitry Krymov aufruft.) Auch wenn die Figuren natürlich nicht dieser Linie entwachsen, sondern fast Schneemann/Schneefrau-artige Köpfe haben und Körper, die durch ihre Kleider angedeutet werden; Kleider aus denen dann die Strichmännchen-Hände und -Füße ragen. Neben dem konturgebenden Schwarz und ein wenig Braun, das der Raumgestaltung dient, bleibt Jacky Gleich dabei auf zwei Farben konzentriert. Auf ein karottenrotes Orange, das zuallererst der karikierenden Andeutung der Frisuren dient, aber auch gemeinsam mit einem Grünblau für die reduzierten Bekleidungsdetails sorgt.
Diesen scheinbaren Minimalismus – und darin liegt der besondere Reiz der Illustrationen – konterkariert Jacky Gleich mit zahllosen Bilddetails: Schuhe im Regal, rote Bälle (Das Haus am Hügel lässt grüßen), Bücher, Bauklötze, die mit dem Umblättern plötzlich riesenhaft erscheinen, Bücher, Teller, Töpfe, Regenschirme. Und natürlich das kleine Zwischenwesen: der Familienhund, der seine ganz eigene Beziehung zum Goldfisch, insbesondere aber zum Baby-Schwesterchen Leonore pflegt. Zu Lulus Unglück dazu erzählt werden also kleine Alltagsszenarien, in denen Klopapier ab- und aufgewickelt wird, während U-Boote in die Badewannen-See stechen. Und immer scheint Lulu dabei viel zu wenig Frei-Raum für sich zu haben. Bis ihr der Kragen platzt – und sie den ohnehin schon leicht überforderten Eltern den Rest gibt.
An diesem Punkt jedoch wissen die beiden noch einmal die letzten Kräfte aufzubringen und Lulu ihren entsprechenden Platz im Familiengefüge einzuräumen. Dieserart gestärkt kann Lulu dann die Nacht zum Tag machen und sich endlich ihr eigenes Dasein zurechtschnipseln. Tararabumbia!


Heidi Lexe


Jacky Gleich gehört zu den renommiertesten Illustrator_innen im deutschsprachigen Raum. Sie kann für Workshops, Seminare, Vorträge usw. angefragt werden.
Kontakt: jacky@blumengleich.de

Die STUBE ist zwar kein Sandwichkind, über die (geliebten) Geschwister hat man jedoch schon einige Male (laut) nachgedacht. Nicht nur privat, sondern auch auf publizistischer Ebene:

In Susan Krellers Roman "Elektrische Fische" (Carlsen), der 2020 mit dem >>>Katholischen Kinderbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz ausgezeichnet wurde, geht es zentral um das Spannungsverhältnis zwischen der Frage nach der eigenen Identität und dem damit verbundenen Verhältnis zu den Geschwistern. Heidi Lexe und Kathrin Wexberg thematisieren dies im Rahmen der >>>Kröte des Monats Jänner 2020.

Davon inspiriert, hat sich das STUBE-Team auf die Suche nach besonderen Geschwister-Beziehungen in Kinder- und Jugendliteratur gemacht und eine umfangreiche und annotierte >>>Buchliste zum Thema Geschwister erstellt.

Mehr Buchtipps zum #Geschwister sind in den >>>altersspezifischen Buchlisten zu finden. Dort ist zum Beispiel ein weiteres Buch aus Paul-Maars >>>Nele-Reihe rezensiert.

Simone Weiss hat sich unter dem Titel "Bin ich der Wächter meins Bruders?" die Figur des großen Bruders in der realistischen Kinder- und Jugendliteratur der 2010er-Jahre angesehen und ein >>>Skriptum in der Reihe fokus dazu verfasst.

Mit einer noch gewagteren Frage "Verblödet – aber gut gelaunt?" hat Heidi Lexe im Jahr 2000 Jacky Gleich porträtiert. Der >>>Beitrag ist damals im vierten Heft von 1001 Buch erschienen.

Und zu guter letzt lassen wir Jacky Gleich selbst zu Wort kommen. Das >>>verschriftlichte Referat mit dem genialen Titel "Ich zeichne gegen die Verniedlichung der Welt" erschien im Jahr 2001 im Tagungsband der STUBE "Auf der Suche nach der Matrix. Ästhetische Verfahren in der Kinder- und Jugendliteratur."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Niederl. v. Rolf Erdorf.
Gerstenberg 2020. € 15,50.

Daan Remmerts de Vries und Floor Rieder: Der Zyklop

Bereits durch seine auffällige und aufwendige Covergestaltung besticht dieses aus dem Niederländischen übertragene Bilderbuch: Ein grünes echsenartiges einäugiges Monster droht ein erschrockenes Insekt zu verschlingen. Der Schriftzug „Der Zyklop“ prangt auf dem Hintergrund seines großzügig ins Bild gesetzten Bauches, dessen feine Schraffuren durch minimale Hervorhebungen auch physisch ertastet werden können. Nicht weniger eindrucksvoll präsentiert sich das Buch nach dem Aufschlagen. Der Text tritt fast vollständig in den Hintergrund, wird in kleiner unauffälliger Schrift maximal peripher am oberen oder unteren Rand der mal bildgewaltigen, mal detailverliebten Illustrationen platziert. Gleich auf der allerersten Doppelseite zoomen wir ganz nah an das frontal vergrößerte Auge des titelgebenden Protagonisten heran. Ein Zyklop hat nur ein Auge, führt der Text in das markante, wesensdefinierende Merkmal jener Kreatur ein, die traditioneller Weise Furcht und Schrecken verbreitet.

Dass das von Daan Remmerts de Vries verfasste Bilderbuch aber keinesfalls bei gewöhnlichen Darstellungsweisen stehen bleibt, sondern dieserart Konventionen vielmehr mit Ironie und Humor bricht, wird schon nach dem ersten Umblättern deutlich, wenn der Text launisch fragt: Ein Auge – wie viel kann man damit sehen? Zwei übereinander platzierte, horizontal in die Länge gezogene Panels zeigen den einäugigen Riesen ergänzend dazu kontemplativ an einem Fluss- oder Teichufer sitzen und mit niedergeschlagenem Gesichtsausdruck ins Wasser blicken, während sich dieser ob seiner mangelhaften Sehkraft lamentiert. Der Seufzer, der seinen Lippen entgleitet, wird in Floor Rieders bemerkenswert ausdrucksstarken Bildern dabei regelrecht hörbar. Zuletzt hatte die niederländische Künstlerin mit ihren Illustrationen zu der als Wendebuch gestalteten Ausgabe von „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ beeindruckt, dessen stimmiges, sorgsam ausgestaltetes künstlerisches Gesamtkonzept sich durch gezielt gesetzte farbliche Akzentuierungen und eine an Holzschnitte erinnernde Technik mit modernem, innovativem Layout auszeichnete. Auf ähnliche Weise lässt Floor Rieder nun in detailliert ausgearbeiteten, am Computer nachkolorierten Linolschnitten in langen doppelseitigen Panoramaansichten ein ganzes Insektendorf entstehen, in dem Heuschrecken – in völliger Ignoranz gegenüber der Existenz des Zyklopen – in Hängematten dösen, Bienen genussvoll Hönig schlemmen und Raupen auf Pilzen Pfeife rauchen (die kennen wir doch!). Aber nicht alles ist Eitel, Wonne, Sonnenschein in Krümelspritz, jeder und jede hat hier seine/ihre Aufgabe und trägt so zum reibungslosen Funktionieren des großen (bzw. in diesem Fall eher miniaturhaft kleinen) Ganzen bei:

Die Seidenraupe spann Bettdecken.
Die Kakerlake sammelte die vollgekackten Eimerchen ein.
Die Rote Kreuzspinne versorgte die Kranken.
Die Wasserjungfer verteile Gläser mit Getränken.
Die Fleischfliege machte Rauchwürste.


Kurzum: alle waren füreinander da – bis eines Tages der Zyklop auftaucht und das Insektendorf Godzilla-gleich verwüstet.
Dabei sequenziert Floor Rieder ihre Bilder in Panels und legt so parallel zu Daan Remmerts de Vries Text schrittweise offen, dass der (scheinbar zu Unrecht als Monster deklarierte) Protagonist gar nicht aus absichtlicher Boshaftigkeit, sondern aufgrund seiner eingeschränkten Sehkraft ungewollt auf Kirchturm und Schulbus tritt. Da eilen die altruistischen Insekten dem frustrierten Zyklopen selbstverständlich sofort zur Hilfe, basteln ihm flink eine Brille – penibel werden hier die entzückenden Handwerksarbeitschritte der eifrigen Helferlein ins Bild gesetzt – und alles könnte wieder gut sein. Wenn der Zyklop nur nicht so dickköpfig wäre …

Wiederholt bricht die Erzählung mit bereits aufgebauten Spannungsbögen und spielt gekonnt mit den Erwartungshaltungen der Leser_innen, um schließlich ausgelassen das Moment des (Monsterhaft-)Anarchischen zu feiern. Demgemäß ähnelt der Zyklop auch weniger einer klassischen Repräsentation der riesenhaften Kreatur aus der griechischen Mythologie, sondern erinnert dank seiner schuppenartigen Haut, seinen abgerundeten Fußspitzen, seiner hervorschnellenden Zunge und nicht zuletzt seiner geschmeidigen, sich windendenden Körperbewegungen eher an einen (einäugigen) Gecko. Als eine solche chimärenhafte Echse fällt er im Mikrokosmus des Insektendorfes nicht nur durch seine okulare Mutation, sondern vor allem auch durch seine relative Größe aus der Norm. Bei aller (vermeintlichen) Liebenswürdigkeit ist der Zyklop aber letztlich doch ein Zyklop, der tut, was ein Zyklop am besten kann.

Fast unerträglich verständnisvoll zeigen sich die Insekten im Angesicht dieses nun wirklich nicht nett[en] Egozentrismus …

„Der arme Mann“, sagt er dann. „Da geht er wieder. So ganz allein.“
„Furchtbar“, sagten die Dorfbewohner. „Was für ein armer Tropf!“
„Tja, so ist das“, sagte der Bürgermeister. „Das sieht man auch ohne Brille.“


… und bauen mit unbeirrbarem Optimismus und noch genauso nett wie immer ihre Häuser wieder auf. Eine erfrischende Erzählung, die keine Möglichkeit zur überraschenden Kehrtwende auslässt, dabei aber nicht nur durch ihre spielerische Dramaturgie, sondern nicht zuletzt auch durch ihre kunstvolle Bildgestaltung beeindruckt. Monster bleiben (manchmal) eben Monster.


Claudia Sackl



Auf die Dickköpfigkeit von Zyklopen haben schon Aidan Onn und Rob Hodgson in ihrem Bilderbuch „Das Alphabet der Monster“ (Laurence King Verlag) hingewiesen: Dessen Ordnungssystem hat sich die STUBE zum Anlass genommen, um eine umfangreiche annotierte >>>Buch- und Medienliste mit kinder- und jugendliterarischen Monstern zu jedem Buchstaben des ABCs zusammenzustellen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Picus 2020. € 22,00.

Cornelia Travnicek: Feenstaub

Petru, Chetra und Magare leben auf einer Insel. Sie haben kein festes Zuhause, keinen geordneten Tagesablauf, keine "richtige" Familie. In dem Getummel der Großstadt bedienen sie sich an dem Reichtum derer, die, wie es scheint, mehr als genug haben. Abliefern müssen sie das Erbeutete bei dem skrupellosen Krakadzil, der nicht zögert, handgreiflich zu werden, wenn die Rechnung einmal nicht stimmt. Ertragen können sie all das nur dank des Feenstaubs, mit dem sie Krakadzil versorgt. Als Petru jedoch Marja kennenlernt, mit ihr die fremde Sprache sprechen und lesen lernt und sich in sie (und ihre warmherzige Familie) verliebt, scheint sein Leben endlich eine Wendung zu nehmen.

Ihren dritten Roman lehnt Cornelia Travnicek an “Peter Pan” an und verknüpft dabei zeitlose Märchenmotive mit gegenwärtiger Sozialkritik. Vor der Folie von James Matthiew Barries Klassikertext erzählt sie von verlorenen, verwunschenen Jungen, einem tickendenden, alles verschlingenden Krokodil und einer mütterlich fürsorglichen Gwendolin. Anders als der Peter Pan des Originals ist Petru jedoch kein Anführer, sondern nur blinder Passagier in seiner eigenen Geschichte wie auch in seinem eigenen Leben. Sein unentdecktes, insulares Dazwischen fällt – wie Nimmerland – aus Zeit und Raum, so wie auch dessen Bewohner_innen aus dem Raster und durch das Sicherheitsnetz der Mehrheitsgesellschaft fallen – unsichtbar solange sie deren Leben nicht unmittelbar berühren.
Dass der magisch-ermächtigende Feenstaub aus “Peter Pan” – der nur wirkt, wenn man an ihn glaubt – dabei zu jener devastierenden Substanz wird, die die Heranwachsenden zwar für kurze Zeit “fliegen”, aber schon bald darauf noch tiefer fallen lässt, ist bezeichnend für Cornelia Travniceks sorgfältig arrangierte Metamorphose des Originaltexts, an der sie unglaubliche sieben Jahre gearbeitet hat. Das in “Peter Pan” nur latent angelegte Moment der Bedrohlichkeit wird in Travniceks Transformation an die Oberfläche geholt: Ist das Verweigern des Erwachsenwerdens für Peter Pan und die Kinder in Nimmerland mehr ein rebellisch-aufsässiges Spiel als bitterer Ernst, wird es in dem nur scheinbar phantastischen Text der österreichischen Autorin mit der harten Realität der Opfer von Kinderhandel konfrontiert: Petru und die anderen wollen und dürfen nicht erwachsen werden, denn als Taschendiebe haben Kinder einerseits leichteres Spiel, andererseits kommen mit dem mündigen Alter auch Unsicherheiten und Verantwortlichkeiten – nicht zuletzt vor dem Gesetz – auf sie zu, durch die ihre Lebenssituation womöglich noch prekärer werden würde. Und so belügen sie die anderen und sich selbst, machen sich jünger, als sie tatsächlich sind, um einen Schutzraum zu beanspruchen, den sie bitter nötig haben. Wie alt Petru nun genau ist, das weiß er ohnehin nicht mehr.

Erzählt wird die Geschichte in einzelnen Textfragmenten, die mal aus mehreren Seiten, mal aus einem einzigen knappen, mal aus einem zeilenlang gedehnten Satz bestehen. So ausschnitthaft wie die Form ist auch das Erzählte selbst: Nur vereinzelt erfahren wir Versatzstücke aus Petrus Vergangenheit. Er ist “nicht von hier”, kommt aus einem Land, dessen Bewohner_innen eine andere Sprache als jene seines neuen Zuhauses sprechen. Erst spät im Text lernen wir, dass er nicht einmal die hiesige Schrift lesen kann. Geografische, kulturelle, politische oder zeitgeschichtliche Hintergründe werden von Cornelia Travnicek nicht genauer ausgeleuchtet. Sie bleiben unbestimmt und können so von jedem Leser und jeder Leserin mit eigenen Assoziationen und Erfahrungen befüllt werden. Manch eine wird vielleicht meinen, in Petrus nebelumwobenem “Niemandsland” die Wiener Donauinsel wiederzuerkennen. Ein anderer wird womöglich gar nicht an ein wortwörtliches Eiland denken. Anstelle einer konkreten Verortung wird für Petru aber gerade das Fehlen seiner Biografie und das – ebenfalls an Peter Pan erinnernde – Rollenspiel identitätsstiftend:
Jedes Mal, wenn ich Marja sehe, lüge ich. Wenn ich sie nicht anlügen würde, könnte ich sie nicht sehen. Lieber wäre mir, dass alles, was ich ihr bisher erzählt habe, mit einem Schlag die Wahrheit wäre, damit ich endlich ich bin, auch wenn ich dann ein anderer sein müsste, nur damit ich mich nicht mehr fühle, als hätte ich die Verbindung zu mir verloren, als ginge ich ständig mit Abstand zu mir selbst.

Wenn das Erinnern scheitert, sehnt sich Petru danach, kein Davor, kein Danach, nur ein Jetzt zu haben. Denn die heile Traumwelt eines “Es war einmal” ist für ihn so weit weg wie ein “normaler” Alltag in seiner Lebensrealität als Straßenkind. Für seine Geschichte findet Cornelia Travnicek eine poetische melancholische, aber auch hoffnungvolle Sprachform, die ihrem Protagonisten schrittweise seine Selbstbestimmung und sein Selbstwertgefühl zurückgibt:
Du bist vielleicht ein verlorener Junge, Petru, aber solange etwas verloren ist, bedeutet das auch, dass jemand danach sucht.

Claudia Sackl

 

Inspiriert von den vielschichtigen Peter-Pan-Referenzen in Cornelia Travniceks Erzählung hat das STUBE-Team eine Buchliste mit ausgewählten Peter-Pan-Ausgaben zusammengestellt. Die annotierte Zusammenstellung mit fünf Büchern, zwei Filmen und einer CD ist >>>hier aufzurufen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Engl. v. Tatjana Kröll.
Knesebeck 2020. € 13,00.

Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau

Arielle war DIE Meerjungrau der 1990er-Jahre, Julian ist 2020! Als Kinder ihrer Zeit zeigen die an Andersens Märchen „Die kleine Seejungfrau“ (1837) angelehnten Figuren wie sich die Schlüsselfrage nach der eigenen Identität maßgeblich unterscheiden und wie konträr das Thema „Gender“ ins Bild gebracht werden kann. Während Arielles stereotype Norm-Körperzeichnung und die selbstverständliche Wiederholung des Prince-Charming-Narrativs beispielhaft für alle Disney-Prinzessinnen kritisiert werden kann, ist Julian ein Vorbild für eine zeitgemäße Erzählung über Gender-Fluidität. Was nach schwer theoretischer Kost für die genderaffine Blase klingt, ist jedoch ein Bilderbuch, das mit dem Prinzip der Einfachheit zeigt, wie man mit dem eigenen Leben und dem eigenen Körper glücklich sein oder werden kann.

Das beginnt auf dem Vorsatz- und endet auf dem Nachsatzpapier, wo fünf in ihren Dimensionen ganz unterschiedlich gezeichnete, mit bunten Badeanzügen bekleidete Frauenfiguren (später: Meerjungfrauen) und Julian durch ein türkis eingefärbtes Swimmingpool gleiten. Dazwischen entwickelt die in Brooklyn lebende Bilderbuchkünstlerin Jessica Love eine bunte, humorvolle und durchaus spannende Erzählung, in dessen klarem Text kein Wort unbedacht gesetzt zu sein scheint: „Das ist ein Junge namens Julian. Das ist seine Oma. Und das hier sind drei Meerjungfrauen. Julian LIEBT Meerjungfrauen.“ Auf wunderschön brauntönigem Papier setzen sich die geringfügig dunkleren Hautfarben der Bilderbuchfiguren auf harmonische Weise ab und zeigen ebenso wie die reduzierte Raumgestaltung, dass es keine üppige Detailarbeit braucht, um eine vielfältige Erzählung ins Bilderbuch zu setzen. Die einleitende U-Bahn-Szenerie, in der Julian mithilfe eines Buches von seiner eigenen Transition zur Meerjungfrau zu träumen beginnt, wird mit einem abgerundeten Fenster und einer Sitzbank angedeutet. Der farbenfrohe Unterwasser-Traum samt einer schwungvoll inszenierten Unterwasserwelt-Verwandlungsallegorie schwappt wie eine leichte Welle in Julians Alltag herein, bevor er von seiner Oma rasch in die Realität zurückgeholt „Komm, mein Schatz. Wir sind da.“ Üppig gestaltet sind dagegen Kleidung, Make-up, Frisuren der Figuren und die Pop-kulturellen Einschreibungen, die das Bilderbuch in ein sommerlich, zeitloses Brooklyn setzen, wo unter anderem ein entfesselter Wasserhydrant mit spielenden Kindern oder Sonnenbrillen tragende sowie an Milkshakes schlürfende Jugendliche vor einer rotschattierten Backsteinwand für eine äußerst hippe Szenerie sorgen.

Doch auch der wirklich coole, mit Schirmkappe, zwei Dackeln, gelb-grün-gestreiftem Hemd, Flower-Short und weißen Strümpfen ausgestattete Senior-Hipster wird von einer Figur in den Schatten gestellt: Julian, dessen prozesshafte Verwandlung in den eigenen vier Wänden, in Abwesenheit der Großmutter, dem Medium Comic ähnlich in Sequenzen erzählt und vor einem Spiegel von Statten geht. Als Oma aus der Dusche steigt, hat der Titelheld den farbenfrohen Blumenschmuck der Wohnung in kunstvolle Hair-Extensions, den weißen Rüschenvorhang in einen eleganten Rock verwandelt und farblich abgestimmt Rouge und Lippenstift aufgetragen. Doch wirklich begeistert scheint Oma von der Aufmachung des Enkelkindes nicht zu sein. Sie verlässt den Raum, kehrt mit grimmiger Miene und dem Satz „Komm mal her, mein Schatz“ zurück. Das Moment des Umblätterns sorgt auch in diesem Bilderbuch für eine ordentliche Portion Spannung; gepaart mit der nun leicht verunsicherten Mimik der jungen Meerjungrau.

Auf der nächsten Doppelseite ist dann alles gut! Oma überreicht einer der queersten Figuren der Bilderbuch-Geschichte die noch fehlende Perlenkette, von der das Kind schon in der U-Bahn geträumt hatte und die das Meerjungfrauen-Dasein komplettiert. Hand in Hand verlassen die zwei nun top-gestylten Figuren das Haus und machen sich auf den Weg: „‚Wohin gehen wir?‘ / ‚Das wirst du gleich sehen‘, sagte Oma.“ Ohne das Ende vorwegzunehmen, kann verraten werden, dass es sich um eine noch buntere, noch modischere Zukunft handeln wird. Ein perfekter Ort für eine Meerjungfrau, wie Julian eine ist, ein Ort für die jungen und alten, großen und kleinen, dicken und dünnen sowie alle irgendwie dazwischenliegenden (Meeres-)Bewohner_innen der Stadt.

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Niederl. v. Rolf Erdorf.
Gerstenberg 2020. € 14,40.

Edward van de Vendel / Marije Tolman: Der kleine Fuchs

Das Gefühl, zu fallen, kennt wahrscheinlich ein jeder und eine jede aus seinen/ihren Träumen. Man läuft, man springt, man fällt. Zumeist jedoch ohne je anzukommen. Ohne je aufzuschlagen. Denn davor wacht man (zum Glück meistens) auf. Kein solch endloser, aber ebenfalls ein traumhafter Moment des Fallens steht in einem Bilderbuch, das der niederländische Schriftsteller Edward van de Vendel und die niederländische Illustratorin Marije Tolman verfasst haben, sowohl am Anfang als auch am Ende der Erzählung:

Auf den ersten Seiten läuft der titelgebende kleine, in grellem Neonorange leuchtende Fuchs durch eine feingliedrige, monochrome Landschaft. Quer durch Wälder und Wiesen. Auf der Jagd nach lila Schmetterlingen. Bis er am Strand an einen Vorsprung kommt, plötzlich durch die Luft segelt und mit einem „SCHLAG“ am Boden landet.

[Szenenwechsel]

Ein Babyfuchs, „so klein wie ein Äpfelchen“, denkt an „Mama und Milch und an Milch und Mama und mmmmmmmmmmmmmmmm“. Ein junges Füchslein kugelt mit seinen Fuchsbrüdern und Fuchsschwestern durch den Bau. Im Schutz der Nacht zwängt es sich schließlich durch den engen Tunnel hinauf in den Mondschein. Aus dem ersten werden viele Male, denn oben wartet eine buntduftende Welt, die erkundet werden will.

Nach dem Fall des Fuchsjungen haben sich die Darstellungs- und Erzählweisen des Bilderbuchs deutlich verändert. Wurde der Handlungsstrang bis dahin hauptsächlich von den Bildern erzählt, strukturiert nun ein schriftsprachlicher Text das folgende Geschehen. Und auch auf der Bildebene zeichnen sich neue räumliche Ordnungen ab. Die großformatigen, abfallenden Illustrationen – eine Montage aus doppelseitigen, blauweiß eingefärbten Landschaftsfotos und Tierzeichnungen, die in den unterschiedlichsten Farben leuchten – werden abgelöst von durchwegs farbigen, sequentiellen Bildformaten, die als kleine Vignetten oder einzelne Panels (teilweise mit, teilweise ohne Rahmenstruktur) zwischen dem episodenhaft erzählenden Text platziert sind: Der kleine Fuchs trifft auf Käfer, Würmer und Rehe, lernt Blumen, Beeren und Wasserpfützen kennen. Er geht auf Raschelmausjagd, plündert Müllsäcke und schließt Freundschaft mit einem Menschenjungen in roter Latzhose.

Was wie Kindheitserinnerungen erscheint, wird vom Text jedoch als „Traum“ ausgewiesen und immer wieder von der als Rahmenhandlung inszenierten Erzählebene unterbrochen:

[Szenenwechsel]

Wir sehen einen rotgekleideten Jungen (denselben, der den Fuchs in dessen „Träumen“ aus einer ungemütlichen Situation gerettet hat) auf seinem Rad durch die (bereits bekannten) blauweißen Wiesen fahren. Nicht unweit des Strandes, auf dem der kleine Fuchs nach seinem Fall träumend auf dem Rücken liegt.

[Szenenwechsel]

In seinen in den unterschiedlichsten Farbtönen dargestellten Streifzügen, fragt sich der kleine Fuchs zunehmend: „Was ist das für ein Traum?“ Was ist das denn für ein Traum, in dem plötzlich zwei lila Schmetterlinge durch die Luft flattern? Ein Traum, in dem der kleine Fuchs den beiden hinterherjagt? In dem der kleine Fuchs plötzlich durch die Luft segelt? Dem Boden immer näher kommt. Bis er mit einem „SCHLAG“ unten aufkommt.

[Szenenwechsel]

Der Junge findet den schlafenden Fuchs und bringt ihn zu seiner Familie zurück. Dort wacht der kleine Fuchs schließlich auf…

Mithilfe von Stilmitteln wie Wiederholung und Lautmalerei, mithilfe lebensweltlicher Vergleiche und sinnesübergreifender Metaphern weiß Edward van de Vendel, die Erlebnisse des Fuchses in eine behutsame aber expressive Sprache zu kleiden. Dass Marije Tolman es versteht, vielschichtige Geschichten zu erzählen, hat sie bereits in ihren Illustrationen zu „Mein Papa ist der größte Held der Welt“ (Text von Daan Remmerts de Vries, Gerstenberg 2019) bewiesen, in dem sie die phantastischen Vorstellungen der kleinen Lynn gekonnt in die realistische Bildebene integriert hat. In „Der kleine Fuchs“ wählt Tolman eine ebenso einzigartige Farbgebung, wobei sich die Verflechtungen von Wirklichkeit und Imagination nun jedoch wesentlich komplexer und verzweigter zeigen. Dementsprechend raffiniert gestaltet sich auch die bildliche Umsetzung, in der Tolman einzelne Elemente wie den orangeleuchtenden Fuchs, den rotgekleideten Jungen und die lilafarbigen Schmetterlinge zwischen den beiden narrativen Ebenen hin und her wechseln lässt.

Dabei spielen Autor und Illustratorin gekonnt mit Fiktion und Wahrheit, verschränken Binnen- und Rahmenerzählung miteinander und lassen Realität und Traum auf eine Weise verschwimmen, sodass man sich nicht mehr sicher sein kann, was nun Traum und was Wirklichkeit ist: Handelt es sich bei den blauweißen Wiesen vielleicht doch um jene farbentleerte Seelenlandschaft, auf der sich der eigentliche Traum des kleinen Fuchses entspinnt? Was bzw. welcher Fall durch die Luft war zuerst da? Und wird es (in einer Art Zeitschleife) womöglich immer so weitergehen? Immerhin sind die lila Schmetterlinge am Ende des Buches verschwunden und der kleine Fuchs tollt mit seinen Geschwistern wieder durch den (blauweißen) Wald...

Claudia Sackl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Carlsen 2020. € 15,50.

Susan Kreller: Elektrische Fische


I shouldn’t be here –  

Die ersten Worte von „Lights of Home“ könnten auch für Emma gelten. Von der Hölle des Jetzt und den besten Tagen, die eigentlich schon zurückliegen, ist im Song der irischen Rockband U2 die Rede.
Susan Kreller stellt ihrem neuen Jugendroman ein Zitat dieses Songs voran und verweist damit auf die Pein der Entwurzelung, die zu einem Leitmotiv für Emmas Ich-Erzählung wird. Dennoch zitiert die 2015 für ihren Roman „Schneeriese“ mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Autorin eine Passage des Songs, die wortwörtlich Hoffnung aufleuchten lässt: In your eyes I see it / The lights of home.

Aufgefächert ist damit das Spannungsfeld zwischen dem Verlust des Home – der Heimat – und einem ersten, möglichen, noch unsicheren Moment des Ankommens.
Dabei legt Susan Kreller sich zu unterschiedlichen literarischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen quer: Sie erzählt keinen jener >>>Flüchtlingsgeschichten, die in ihrer unterschied-lichen Qualität vor den politischen Hintergründen in Syrien oder Afghanistan oder Somalia die Erfahrungen jener schildern, die einen lebensgefährlichen Weg nach Europa auf sich genommen haben. Sie erzählt aber auch nicht von jener Entleerung, mit der Gebiete im Osten Deutschlands zu kämpfen haben. Vielmehr ziehen Emma, deren Mutter und Geschwister in eine Gegend, die viele andere verlassen (haben):

Ihr habt da übrigens irgendwas falsch verstanden. Man zieht nicht in diese Gegend, niemand macht das. Wenn überhaupt, zieht man hier weg. (55)

Emma ist in Irland aufgewachsen und wird nun von ihrer Mutter in deren ursprüngliche Heimat, das (fiktive) Dorf Velgow in Mecklenburg-Vorpommern verpflanzt, sprich: in eines der ehemaligen Gebiete der DDR. Es ist weniger die Provinzialität, die für Emma zur Herausforderung wird, als vielmehr der Verlust kultureller, vor allem aber sprachlicher Zugehörigkeit.

Ich bin in einem Deutsch gelandet, in dem ich mich immer wieder verlaufe. (16)

Emma ist zweisprachig aufgewachsen; dennoch sind jene deutsche Sprache, die sie kennt, und jene, die in Velgow gesprochen wird, einander fremd. Emma stößt auf zahlreiche Worte, die sie nicht einzuordnen weiß; andererseits vermag sie keine adäquate Translation für Sprichwörter zu finden, die ihr nicht nur geläufig sind, sondern ihre Situation auch treffend beschreiben: It‘s going arseway.“ Dieserart ließe sich das neue Familienleben im Haus der Großeltern beschreiben, doch der plumpe Begriff arschwärts wird dem nicht annähernd gerecht. Emma erkennt, dass Sprache nicht nur das Werkzeug der Kommunikation, sondern identitätsstiftend ist:

Die englische Sprache bin ich.
Deutsch spreche ich nur.
Deutsch ist immer noch ein paar Meere von mir entfernt.
(17)

Noch sehr viel drastischer als Emma verweigert ihre jüngere Schwester Aoife die neue Identität: Sie verstummt.
Einzig Emmas älterer Bruder Dara scheint sich rasch einzuleben, findet Freund_innen, ist umschwärmt, präsentiert seiner Familie eine auch sprachlich heiter wirkende Oberfläche seiner selbst. Erst am Ende des Romans legt Emma offen, dass er derjenige war, der in Wahrheit immer der Traurigste von uns gewesen ist (179) und der später letztlich auch als einziger der drei Geschwister nach Irland zurück geht.
In Aoifes Fall ist der Schmerz des Heimatverlustes offensichtlicher. Hey now, do you know my name? heißt es im paratextuellen Zitat aus „Lights of Home“ – und in Aoifes Fall zeigt bereits die Fremdheit des Namens die scheinbare Unmöglichkeit, zwei (sprachliche) Welten zueinander zu bringen:

Ich frage mich, wie die Leute in Velgwo Aoifes Namen aussprechen werden, wahrscheinlich genauso falsch wie der deutsche Großvater. „Du musst Eufe sein“, hat er am Flughafen gesagt, und sie hat ihn nur böse angeguckt und langsam den Kopf geschüttelt und „Iiiifa“ gesagt, wieder und wieder. (9)

Die Sorge um die verstummte Aoife hält Emma davon ab, Velgow rasch wieder zu verlassen. Doch, so ihr Plan, sobald Aoife wieder zu sich selbst gefunden hat (und wieder spricht), wird Emma zurück nach Irland gehen. Sie trifft dafür bereits heimlich Vorbereitungen und findet in Levin unerwartet einen Partner, der ihr bei diesen Vorbereitungen hilft.
Dabei erschien ihr gerade Levin unter den neuen Schulkolleg_innen am verschrobendsten; doch eine unerwartete Begegnung am Meer legt den Grundstein dafür, dass Levin letztlich zu jenem light of home wird, das Emma auf ganz neue Art an die neue, fremde Heimat bindet. Vielleicht liegt das auch daran, dass Levin keiner ist, der viel redet, und Emma gerade dadurch weit weniger fremd erscheint als andere.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Levin weiß, was Verlust heißt – auch wenn er ihn auf ganz andere Weise erfahren hat, als Emma: „Verloren“ hat Levin seine Mutter; oder um es genauer zu formulieren: Verloren hat Levin eine Mutter, die den Normen und Vorstellungen ihrer selbst, der Familie und Gesellschaft entspricht. Durch eine psychische Krankheit ist sie zurück geworfen auf ein ebenso wirres wie verwirrtes Dasein, das mehr als durch alles andere durch Paranoia geprägt wird.
Und doch scheint gerade Levins Mutter diejenige zu sein, die auf ihre schräge, hexenhafte Art Wahrheiten erkennt:
Heimat ist da, wo man verstanden wird. Und wo keiner vergiftet wird.“ (63)

So wie Emma durch Aoife ist Levin durch seine Mutter an diesen Ort gebunden; seine Mutter, die einst Meeresbiologin war und nun auf ein Aquarium als Mittelpunkt ihres Lebens zurück-geworfen ist – eines jener poetisch einprägsamen Bilder, mit deren Hilfe Susan Kreller auf Emmas neuen Leben blickt, und durch jene sprachlichen Genauigkeiten, sprachlichen Volten und sprachliche Zartheit verstärkt, die ihren literarischen Stil prägen.

Letztlich sind es Levins Mutter und deren Wunsch nach einer Wieder-Begegnung mit dem Meer, die nicht nur zum dramatischen Höhepunkt des Romans werden, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Bewegung und Gegenbewegung bewirken: Emmas Versuch, Velgow zu verlassen führt durch die verqueren Umstände letztlich dazu, dass Emma bleibt. Und damit dem Refrain eines Songs von Flogging Molly, einer weiteren irischen Band (im Glossar vorgestellt als irisch-amerikanische Folk-Punk-Rock-Band) folgt: Hurry back to me, my wild calling.

Heidi Lexe und Kathrin Wexberg