Aus d. Norweg. v. Sarah Onkels und Meike Blatzheim.
Arctis 2022.
208 S.

Gulraiz Sharif: Ey hör mal!

So, Sommerferien. Super für norwegische Norweger, aber glaub mir, Alter, für uns Ausländer ohne Asche gar nicht super!

Der Beginn des Textes präsentiert sich nüchtern, vorwurfsvoll. Ein Ton, mit dem schnell gebrochen wird, wenn der 15-jährige Mahmoud das Leben der Norweger*innen mit jenem von Einwander*innen in interkulturelle Beziehung setzt und dabei seine Familie vorstellt: Mutter und Vater hart arbeitend, um das Leben zu finanzieren und Geld in die alte Heimat Pakistan zu schicken, der 10-jährige Bruder, der gern mit Puppen spielt, der Onkel, der aus Pakistan angereist kommt und das westliche Leben zu lieben lernt. Und Mahmoud, dem ein langweiliger Sommer mit seinem einäugigen Freund in einer Osloer Plattenbausiedlung bevorsteht. Der Ich-Erzähler ist dabei alles andere als auf den Mund gefallen. Mitunter an der Kippe zur politischen Unkorrektheit, aber in gekonnter Balance benennt die Hauptfigur gesellschaftliche Probleme, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er Rassist*innen verurteilt und auch hinsichtlich der konservativen Erziehungsansichten seines Vaters spart er nicht mit von Sarkasmus triefender Kritik. Sprachlich herausfordernd, provokativ, amüsant skizziert der norwegische Autor Gulraiz Sharif in seinem Debüt eine gesellschaftliche Schicht, aus der heraus eher selten Geschichten erzählt werden: Eine pakistanische Familie, in der der Vater glaubt, den Ton anzugeben. Einen Ton, der ein toxisches Männlichkeitsbild an die beiden Söhne vermittelt, in dem kein Platz für Schwäche oder Gefühle ist:

Ali antwortet nicht. Ich zwinker ihm zu, um ihn zu trösten, weil Papa ist’s voll wichtig, dass man hart ist. Man muss ein richtiger Mann sein, mit so geraden Rücken wie’n Mann. Wenn man hinfällt und sich wehtut, soll man wie’n Mann aufstehn, ohne zu weinen. Echte Männer dürften keine Gefühle zeigen.

Eingeordnet, verortet und negiert wird das im Text durch den 15-jährigen Mahmoud, der das salopp mit Was’n Scheiß, oder? quittiert.

Ischwör, Digga ist eine jener alltagssprachlichen Floskeln, die schriftsprachlich unkonventionell erscheinen; gerade durch solche Einschübe erhält der Text aber den Sog, der ihn so besonders macht: Dadurch wird Ehrlichkeit, Prägnanz und Direktheit eingeschrieben, die ihresgleichen in einem jugendliterarischen Text sucht, der nicht etwa das soziale Umfeld als solches zum Hauptthema hat, sondern vielmehr identitätsstiftende Fragen aufgreift. Etwa wenn der kleine den großen Bruder fragt, ob Gott ihn lieb habe, auch wenn er nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht; kommentiert wird das durch den Ich-Erzähler:

Ich bin jedenfalls nicht durch die Gegend spaziert und hab gegrübelt, ob Gott mich lieb hat. Liebt Gott nicht alle, so oder so. Schon alleine, weil Ali aus’m Osloer Osten kommt und Paki ist, muss er ihn schon lieben.

Subtil wird dieserart eine religiöse Komponente in den Text eingeflochten, durch die einmal mehr die Frage nach Identität und Zugehörigkeit vertieft wird. Ali vertraut sich seinem Bruder an, einem 15-Jährigen, der selbst mitnichten gefestigt im Leben steht, aber alles in seiner Macht Stehende tut, um den 10-jährigen Bruder zu unterstützen, als dieser sein Innerstes nach außen kehrt: »Bhai, ich … ich fühl mich wie ein … ich fühl mich wie ein … ein Mädchen. In einem Jungenkörper.« Dabei bleibt der Autor in dieser Situation ganz der jugendlichen Perspektive Mahmouds verpflichtet und spart auch an dieser Stelle nicht an Ironie:
Was soll ich sagen? Wie solll ich’s sagen? Wie viel sagt man da überhaupt? Und was darf man nicht sagen! Was weiß denn ich, Mann! Ich hab schließlich noch keinen »Das Geschlecht wechseln«-Kurs gemacht.

Ohne ins Lächerliche zu verfallen, wird die Zuneigung für den kleinen Bruder spürbar, während der in Norwegen vielgerühmte Text eine kindliche Identitätsfindung aus einer Außenperspektive verhandelt. Das ermöglicht eine Sensibilisierung auf zweifache Weise: Sharif zeichnet dabei nämlich nicht nur einen 15-Jährigen, der Überforderung mit solch großem Thema verspürt und gleichzeitig mit Sarkasmus und Trotz auf gesellschaftlich konstruierte Normen reagiert, sondern auch eine Familie, in der unterschiedliche Positionen bekleidet werden: Nicht zuletzt jene der Löwenmama, die ihren Sohn unter allen Umständen in Schutz nimmt. So wird auch überdeutlich, wer in dieser Familie eigentlich den Ton angibt und dass dieser mitnichten ein toxisches Männlichkeitsbild vermittelt.

»Euer Vater muss es erfahren, und es wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als es zu akzeptieren.« […] Sie ermannt sich, oder, na ja, sie erfraut sich! Mein Schluckreflex ist wieder da, und ich denk, jetzt, jeeetzt, haben wir also Feminismus im Haus. Krasse Frauenpower, Mann! Als ob der 8. März zu uns gekommen wär, der Frauentag höchstpersönlich in unsrer Wohnung!

Sprachliche Verknapptheit mit mündlichen Einschüben, gepaart mit jugendsprachlichen Slangausdrücken erzeugen einen Lesesog; der Autor schafft damit einen Text, der über eine jugendliche Provokation der Erwachsenenwelt hinausgeht, mit der nötigen Feinfühligkeit an ausgewählten Stellen ein Familienbild zeichnet, das unterschiedliche gesellschaftliche Dispositionen aufgreift und zugleich aufbricht, wenn Fragen der Männlichkeit, Körperlichkeit und Identität sowie Kultur verhandelt werden und sich über die erzählte Zeit eines Sommers verschiedene Figuren mit neuen Situationen arrangieren müssen.

Alexandra Hofer

"Ey hör mal" ist auch Teil jener Themenliste, die sich ganz dem >>> Sommer verschrieben hat und wo die unterschiedlichsten Lektüretipps rund um die nächsten Monate versammelt sind. Wie immer annotiert vom STUBE-Team.


Die gesammelten Kröten der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> Krötenarchiv

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus d. Engl. v. Martin Baltscheit.
dtv 2022.
48 S.

Eoin Colfer/Oliver Jeffers: Ein ziemlich unsichtbarer Freund. Dtv 2022

Andi hatte eine. Ihr Name: Die Omama im Apfelbaum.
Anna hatte einen. Sein Name: Der Zwerg im Kopf.
Die Rede ist von phantastischen Freund*innen. Von Fantasiegefährt*innen. Rosi Merl, langjährige freie Mitarbeiterin der STUBE, sieht in ihnen eine aktiv gesetzte Handlung des Kindes, in der Spiel- und Fantasiefähigkeit zum Ausdruck kommt. Dahinter liegt die literarische Möglichkeit, kindliche Wirklichkeit aus der Perspektive des Kindes sichtbar zu machen.
Zu einer Konstante der von Rosi Merl in ihrer 2014 veröffentlichten Diplomarbeit „Der imaginäre Gefährte als kinderliterarisches Motiv“ analytisch in den Blick genommenen Werke wird eine „bindende und exklusive Beziehung zwischen dem fantasierenden Kind und dem imaginären Freund als Beziehung des Kindes zu sich selbst“ (Merl 2014, 218). 

Rosi Merl kannte Fred und Frieda noch nicht. Sie würde die beiden lieben!
Weil Fred und Frieda außergewöhnliche, und dabei außergewöhnlich reizende kinderliterarische Figuren sind. Und weil sie das Motiv der phantastischen Freund*innen neu erzählen.

Eoin Colfer und Oliver Jeffers lassen ihre Geschichte mehrmals einsetzen; oder besser: sie setzten Variationen des Motivs und damit Wendungen dramaturgisch clever ein. Dieserart beginnt die Geschichte lange vor einer singulären Freundschaft zwischen dem einen Kind und dem einen phantastischen Freund / der einen phantastischen Freundin und SPOILER ALERT erzählt weit darüber hinaus. Der irische Autor und der aus Nordirland stammende, heute in Brooklyn lebende Illustrator setzen an den Beginn eine kleine Geschichte der Emotionen, die eine phantastische Freundschaft überhaupt erst ermöglicht: Vom Kopfweh ist da die Rede und von Einsamkeit (Alleine sein ist kein Spaß.). Die Rede ist aber auch von günstigen Umständen und der Magie des Augenblicks.

Szenewechsel.

Auftritt Fred.
Er kommt nicht vom Jupiter, sondern schwebt wie eine Feder im Wind, hoch über den Wolken. Oliver Jeffers kreiert ihn als durchscheinendes Pointilismus-Figürchen mit Charlie Brown-Locke und setzt ihn als Farbelement in den Weißraum, in dem mit Federstift konturierte Figuren freigestellt agieren. Requisiten werden dafür zurückhalten genutzt, Räume (wenn überhaupt) nur angedeutet.
In diesem Erzählraum kommt Fred in seiner unsichtbar-türkisen Präsenz erst zur Wirkung. (Zugegeben: das Wort Türkis kommt einem nur sandig über die Lippen im XII. Wiener Gemeindebezirk ...) Und Fred macht Vieles vergessen, wenn er erst gerufen wird und angekommen ist. Jeffers präsentiert eine Galerie kleiner Szenen, in denen sich der wahre Wert des phantastischen Freundes zeigt: Fred gibt alles. Er ver- und entkleidet sich, er spielt Ball und wird Ball. Er tut, was zu tun ist, ohne zu klagen.
Sehnsüchtig blickt man dabei als Betrachterin auf den nicht eben enthusiasmierten, aber dennoch pflichtbewussten Fred, der mit dem Staubsauger hantiert, während sein Menschlein sich am Telefon entspannt.  Sprich: Fred ist aufsehenerregend wandelbar – und bleibt dabei doch immer er selbst, von Oliver Jeffers nur in seiner Körperhaltung variiert und mit wenigen Strichen comichaft in seinem Tun verortet.
Doch auch in Freds durchscheinender Brust schlägt ein sehnsuchtsvolles Herz. Denn: Obwohl Fred der allerbeste aller unsichtbaren Freunde ist, passiert es immer wieder: Der einsame Freund findet einen echten Freund! Und Fred löst sich auf, tritt den Rückweg in die Wolkenwelt an. Wie herrlich aber wäre es, auch als unsichtbarer Freund einen echten Freund zu haben?
Es folgt eine erste dramaturgische Wendung, ein Neu-Ansetzen der Geschichte, eine Variation des Bekannten: Eoin Colfer erzählt auch weiterhin nicht aus der Perspektive des Kindes, sondern aus jener des phantastischen Freundes. Zum prägenden Moment der Freundschaft werden also weder die kindliche Widerstandskraft, noch der kindliche (Um-)Weg in die eigene Realität; zum bestimmenden Moment wird das Glück des phantastischen Freundes, in Sam endlich einen Gleichgesinnten gefunden zu haben: Einen, mit dem man Bücher lesen und sich über sie ärgern kann; einen, mit dem man auf Forschungsreise in beliebten Nassräumen (vulgo Klo) gehen kann; einen, mit dem man Theaterspielen, japanische Masken basteln und das eigene Leben in einem Comic nachzeichnen kann; einen, mit dem man Musik machen kann. Das dramatische Duo wird gegründet und siehe da: Es handelt sich nicht um eine Post-Punk-Band.

Letztlich aber kommt es, wie es kommen musste. Sam lernt jemanden kennen. Über mehrere Seiten hinweg nehmen Eoin Colfer und Oliver Jeffers sich die Zeit, den schmerzvollen Dialog mit jedem Umblättern neu zu akzentuieren – bis hin zu Notfallsitzung des dramatischen Duos. Denn Fred spürt, dass er Sam verlieren wird. Denn Sam hat Sammi getroffen. Fred ist kaum noch sichtbar, als Sam ihm die neue Freundin vorstellt, die auch noch einen Cello-Kasten hinter sich herzieht. Aber dann, aber dann …
Setzt die Bilderbuchgeschichte nochmals neu an: Denn Sammi überrascht Fred nicht nur mit einem Handschlag (sprich: Sie kann ihn sehen!), sondern bringt auch Frieda mit. Sie ist das gelbe, weibliche Pendant zu Fred und steht ob der neuen Situation durchsichtig und doch sichtbar angepampt neben ihrem Geigenkasten. Doch auch ihre Verlustangst ist rasch überwunden – fraglich bleibt nur, wie das neue Quartett heißen soll, das an die Stelle des Dramatischen Duos tritt.
Das Miteinander führt erstmals zu einem Doppelseitenszenario. Zu einem, wie es charmanter nicht sein könnte: Das Querulanten Quartett tritt bei der Weihnachtsfeier der Schule auf und erst auf den zweiten Blick sieht man zwei Lehrer*innen an der Seite flüstern: Warum sind sie nur zu zweit?

Als Betrachter*in hat man längst vergessen, dass zwei der vier Freund*innen unsichtbar sind. Diese zwei aber, geben einander Halt in der Welt der magischen Unwägbarkeiten. Als sich das Lebenskarussell weiterdreht und Sam und Sammi sich auf ihre Laufbahn als Comiczeichner*innen zu konzentrieren beginnen, haben Fred und Frieda – gemeinsam – dennoch weiterhin festen Boden unter den Füßen.
Ein letztes Mal variieren Eoin Colfer und Oliver Jeffers das Motiv der phantastischen Freund*innen. Fred und Frieda bleiben sozusagen im Apfelbaum sitzen. Ist es, so fragt man sich mit Blick auf die finale Doppelseite, Rosi Merl, die hier die Wissenschaftlerin gibt? Denn es gilt eine neue Regel zu erforschen: Sichtbare oder unsichtbar: Eine Freundschaft bleibt eine Freundschaft!

Heidi Lexe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Peter Hammer 2022.
24 S.

Das Vorsatzpapier blau: auf der linken Seite eine kreisrunde Stanzung im Buchdeckel. Auf der rechten ein ebenso kreisrunder Mond, vor dem sich eine Ranke mit allerlei Getier und Pflanzen vertikal über die Seite erstreckt. Klappt man das Buch noch einmal zu, schauen durch die Stanzung jenes Getier und jene Pflanzen entgegen und eröffnen so einen ersten Blick auf das titelgebende Paradies. Bis es zu dieser Vielfalt, die sich bereits durch das Cover erblicken lässt, kommt, wird es in der Erdzeitgeschichte aber noch so mancher Epoche und evolutionsbiologischer Entwicklung bedürfen. Doch was stand am Anfang? Am Anfang stand das Wort. Und am Anfang stand gleichermaßen auch der Urknall, wenn man Religion und Wissenschaft miteinander vereinen will.

Nähert man sich aus theologischer Sicht Jürg Schubigers Text, dann kann dieser als eine Form des transmedia storytellings der Bibel verstanden werden. Der Autor greift biblische Figuren auf, erzählt deren Geschichte aber weiter, findet vielleicht sogar ein alternatives Ende. Die Bilder der viel bepreisten deutschen Illustratorin Rotraut Susanne Berner spinnt die kurzen, klaren Sätze weiter und reichert durch die Illustrationen die Bedeutungsdimension eben dieser an, wenn Adam und Eva  zu Beginn des Bilderbuches im Gras liegen und die Unendlichkeit der Sterne bestaunen. Die Sterne oder vielmehr die Unendlichkeit des Universums referiert bereits zu Beginn auf jene Ewigkeit, die kurze Zeit später im Text angesprochen werden soll, wenn Eva Adam eröffnet, dass sie vorhabe die Sterne zählen zu wollen, Auch wenn ich eine doppelte Ewigkeit brauche[.] Dieses Vorhaben, das bei Adam auf wenig Verständnis stößt, ist zugleich jener Aspekt, der den ersten Streit zwischen den beiden Figuren heraufbeschwört. Damit erhält die Frage nach der Ewigkeit sowie Unendlichkeit neben der Bedeutung für den Menschen in Berners Illustrationen mehrere Dimensionen und wird auf ganz unterschiedlichen Ebenen verhandelt. Die Perspektivierung der Illustrationen nimmt dabei jeweils den gleichen Ausschnitt des Paradieses in den Blick: Die Erde, ein Streifen Horizont, der mal als Wasser-, mal als Luftraum fungiert und so alle Lebensräume beherbergt und schließlich der Himmel mit den Gestirnen, der über den Lebensräumen schwebt. Ein weißer, über jede Doppelseite verlaufender Balken am unteren Bildrand birgt Platz für die dreifärbigen, kurzen Textpassagen, von denen ausgehend weitergedacht wird. Die dreifache Farbkodierung ergibt sich durch die beiden menschlichen Figuren wie jene der Erzähler*innenstimme. Mit dieser Konstanten des Bild- und Textraums wird am Ende gebrochen, wenn es keiner Wörter mehr bedarf. Wo Konstanten sind, braucht es aber immer auch Varianten, die hier durch die unterschiedlichsten Pflanzen und Tiere realisiert werden und die sich durch das Moment des Vor- und Zurückblätterns und eines immer wieder Betrachten immer wieder neu und anders erschließen lassen (können).

Der Lebensraum der Erde mit all seiner Tier- und Pflanzenwelt, sei es im Wasser, in der Luft oder an Land folgt der Evolutionsgeschichte: Beginnend bei Einzellern, über sogenannte „niedere“ Lebensarten, wird die Entwicklung der Flora und Fauna im Laufe der Erdzeitalter in die Bilder eingespeist und kann damit als Gegenüberstellung von Naturwissenschaft und Religion, die durch die biblische Konnotation des Erzähltextes aufgerufen wird, gelesen werden. Je Doppelseite findet eine andere Entwicklungsebene ihren Platz: Wo sich zunächst Fische im gesamten Bildraum tummeln, übernehmen dann (Dino)Saurier und andere Urzeittiere, die mit der letzten Eiszeit ausgelöscht wurden, bis sich das Paradies bis zum letzten Umblättern in jene Welt wandelt, wie wir sie heute kennen. Dabei werden geographische Grenzen ebenso außen vorgelassen, wie eine womöglich Hierarchie in etwaigen Nahrungsketten. Von Eva wird diese Fülle an Leben mittels Wir leben ja wie in einem zoologischen Garten subsummiert. Die Bilder selbst erhalten dadurch Wimmelbildcharakter, wie er von Rotraut Susanne Berner bekannt ist und die Illustratorin zeigt einmal mehr, wie unterschiedliche Ebenen in einem Bildraum eröffnet werden können.

Auf dieser sich hinsichtlich des tierischen Figurenrepertoire ändernden Seiten fungieren zwei Figuren wiederum als wiederkehrende Konstante, wenn auch in unterschiedlichen Positionen und Körperhaltungen: Adam und Eva. Aufgebrochen wird hier die Vorstellung eines homogenen Urelternpaares gemäß einer vermeintlich mitteleuropäischen Vorstellung: Auf ihre körperliche Ursprünglichkeit zurückgeworfen, treffen die Lesenden wie Betrachtenden auf einen Adam als person of Color und eine Eva, die aufgrund ihres Teints indigenen Ursprungs sein könnte.

Adam und Eva sind hier, wie auch im biblischen Urstoff, jene Menschen, die sich durch (Nach)Denken diese, ihre Welt erschließen. In all diesen Überlegungen bleibt natürlich immer die Frage offen, ob die Natur – die Schöpfung – durch den Menschen als Geschöpf, das zur Vernunft fähig ist, erschlossen werden muss. Oder ob nicht vielmehr der Mensch die Natur für die Gestaltung des eigenen Lebens braucht.

Der Mond als auch ein Granatapfelkern, der die Lesenden von Beginn an begleitet sind jene zwei Motive, die auf jeder Doppelseite auftauchen und durch ihre natürliche Gegebenheit den Kreislauf des Lebens aufgreifen und damit einmal mehr auf die Ewigkeit referieren: Der Mond wird demnach nicht als einfache Sichel in den Nachthimmel gesetzt, sondern steht für sich schon für den Wandel der Zeit. Er wandert nicht nur einem Bogen gleich über das Firmament, sondern durchläuft indes die unterschiedlichen Mondzyklen, bis er am Ende als perfekter Vollmond dominant am Himmel steht. Parallel dazu sprießt ein Granatapfelkern. War auf der ersten Doppelseite der rote Kern der einzige Farbklecks in einer noch mondlosen Landschaft vor der Erschaffung der Menschen, verwandelt sich dieser mit jedem Umblättern von einem kleinen Keimling hin bis zu jenem Granatapfelbaum, der das Ende des Textes nach sich zieht. Dieser strebt aus eigenem Antrieb gen Himmel und kann dabei ebenso als kindliche Selbstermächtigung gelesen werden. Denn auch das Kind entfaltet sich für gewöhnlich aus eigenem Antrieb heraus, benötigt nur den Nährboden und Geborgenheit – jene Bedingungen also, die im Paradies gegeben sein sollten. Die Neugierde, die in dieser Metapher den Granatapfel antreibt, zu wachsen, nimmt dabei keinen unerheblichen Raum innerhalb einer (kindlichen) Selbstermächtigung ein, um die es letztendlich auch beim biblischen Baum der Erkenntnis geht und die auch in Schubigers Text mitschwingt, wenn die Frage aufgeworfen wird, ob der „Sündenfall“ des Menschen nicht auch als Befreiungsschlag gelesen werden kann.

Was fehlt nun also noch an einem Text, der über Adam und Eva erzählt? Die obligatorische Schlange. Diese gesellt sich spätestens dann zu Adam und Eva, als die Weiblichkeit das Leben im paradiesischen Garten in Frage stellt und sich der erste Streit der Menschen anbahnt; nicht den Überfluss anerkennend, sondern vielmehr die Reduziertheit herbeiwünschend formuliert Eva die Ausweglosigkeit: hier bleibt ja hier nichts zu wünschen übrig. Die Männlichkeit weiß darauf keinen Rat, es entbrennt aber kein Streit, vielmehr empfindet die Weiblichkeit Trauer über diese Ausweglosigkeit, in einem Paradies, in dem nichts zu wünschen bleibt, gefangen zu sein. In dieser Hilflosigkeit gründet auf Text- und Bildebene der Nährboden menschlicher Zuneigung, was auch als Plädoyer für das zusammen und gemeinsam sein, gelesen werden kann: Adam erfand in seiner Ratlosigkeit nämlich den Kuss. Und damit verändert sich auch die bildliche Verfasstheit des Paradieses, in das die beiden gesetzt werden. Die vormalige Dreiteilung weicht einer Gesamtheit; das Dunkelblau der Nacht einem Zartrosa der Morgen- oder Abenddämmerung, um nach dem letzten Umblättern die Krone des herangewachsenen Granatapfelbaumes in seiner Fülle zu zeigen, in der nicht nur Adam und Eva, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Geschöpfe aus dem Tierreich sich an den süßen Früchten des Baum der Erkenntnis erfreuen, ohne dabei infrage zu stellen, was denn ein Schwein in einer Baumkrone zu suchen hätte.

Rotraut Susanne Berner holt durch ihre Illustrationen die Paradieserzählung auf eine andere Ebene und verortet sie durch die Hereinnahme der unterschiedlichen durch die Natur vorgezeichneten Phänomene neu, reichert sie mit naturwissenschaftlichen Anknüpfungspunkten an. Und auch wenn der Text den biblischen Urstoff weiterdenkt, bleibt dieser klar in Genesis verortet, eröffnet aber andere und neue Denkräume, die einmal mehr aufzeigen, dass es womöglich Raum für andere Interpretationen bedarf.

Alexandra Hofer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus d. Italien. v. Cornelia Panzacchi
Mit. Ill. v. Timo Kümmel.

Thienemann 2022.
512 S.

„Die einzige Regel, die wirklich eine Rolle spielt, ist folgende: Was ein Mann kann und was ein Mann nicht kann.“, erklärte Captain Jack Sparrow im grandiosen ersten Teil der „Fluch der Karibik“-Serie. Und lag damit komplett falsch.

Was ein Mann kann, kann eine Frau schon lange.
Denn nicht ein Mann kommandierte die größte Piratenflotte der Weltmeere, sondern Zheng Yi Sao (1775–1844). Nach dem Tod ihres Mannes 1807 stand sie einer Allianz von rund 800 bis 1000 Schiffen vor – jedes davon mit rund hundertköpfiger Besatzung. Der Schaden, den diese ungeheure Flotte dem chinesischen Seehandel mit Portugal und Großbritannien zufügte, war so immens, dass der Generalgouverneur den Piraten 1810 (nach mehrfachen vergeblichen Versuchen, die Flotte militärisch zu zerstören) Amnestie anbot. Ein großzügiges Angebot, dem Zheng Yisao folgte und so nicht nur ihr Leben, sondern auch ihren erbeuteten Wohlstand rettete. Verhandlungsgeschick, Klugheit und Unerschrockenheit bewies sie fortan auf dem Festland, wo sie im Glückspiel und Casinobetrieb erfolgreich tätig war.

An diese mächtige und trotzdem hierzulande kaum bekannte Frau hat Davide Morosinotto die Protagonistin seines Abenteuerromans angelehnt, für den er mit dem Premio Strega Ragazze e Ragazzi ausgezeichnet wurde.
Waisenmädchen Yu lebt mehr schlecht als recht in einem Gasthaus in der chinesischen Provinz Kanton. Kost und Logis muss die Sechsjährige, seit sie denken kann, durch Arbeit in Küche und Schankraum verdienen. Die Grundszenerie erinnert an „Les Misérables“, doch hier ist es kein reicher, geheimnisvoller Fremder, der Hoffnung bringt, sondern ein alter Stammgast. Durch Zufall entdeckt Yu, dass Li Peng nicht nur schwerer Alkoholiker, sondern auch Meister einer geheimen Kampfkunst, des Wushu der Luft und des Wassers ist – und er erklärt sich bereit, Yu zusammen mit seinem Enkel Li Wei zu unterrichten. Der erste Schritt vom kleinen Mädchen zum allseits gefürchteten Piratenadmiral ist getan. Der zweite Schritt wird durch eine Tragödie vorbereitet: Eines Tages taucht er doch auf, der geheimnisvolle Fremde, doch er will nicht das Küchenmädchen sprechen, sondern Peng. Nachts wird der alte Mann tot aufgefunden, der Fremde ist verschwunden. Ihn zu finden und ihren Lehrmeister zu rächen, wird Yus Antrieb. Ganz im Gegenteil zu Wei, der von einem hohen Beamten adoptiert wird und daraufhin seine Vergangenheit zu vergessen scheint. Statt des Wushu der Luft und des Wassers lernt er nun den Kampfstil seines neuen Vaters, statt Freiheit schwebt ihm eine klassische Beamtenkarriere vor, das Buch mit dem Wissen um Pengs Geheimnisse liegt versteckt und verschlossen in seinem Zimmer. Yu findet bei einem Besuch klare Worte für ihren einstigen Freund:

„Du schämst dich wegen Peng und auch wegen mir. Weil ich nicht lesen kann und keine Seidenkleider besitze. Ich dachte, du wärst immer noch derselbe wie früher, aber du hast dich verändert. Du bist eine einzige Enttäuschung.“ […]
Sie sollte ihren Freund Wei erst viele Jahre später wiedersehen und in schlaflosen Nächten bitter bereuen was sie zu ihm gesagt hatte, wo es so vieles anders zu besprechen gegeben hätte. Aber so laufen die Dinge eben manchmal.

Bevor sie viele Nachforschungen anstellen kann, gerät Yu selbst in Schwierigkeiten: Kaiserliche Beamte verfolgen eine Gruppe Piraten ins Gasthaus, es kommt zum Kampf, bei dem Yu – die sich, fasziniert vom Freiheitsanspruch der Seeleute – nicht rechtzeitig in die Küche gerettet hat, bewusstlos geschlagen und kurzerhand auf das Piratenschiff verschleppt wird. Was ein Mann nicht kann? – Nach dem Eifer des Gefechts klar denken.

„Du hast Recht, Himmlischer Steuermann“, gab Scharlachroter Tiger zu. „Ich hätte sie vielleicht doch nicht entführen sollen.“ „Ist ein bisschen spät, das zu bereuen, findest du nicht auch?“

Was macht man mit Beute, die niemand will? Wegwerfen. Zum ersten Mal nutzt Yu ihre heimlich gelernten Kampfkünste und kann im Duell gegen einen Piraten ihr Recht auf Leben und – überraschend schnell – eine neue Heimat erringen. Wieder wird sie zunächst Küchengehilfin, nimmt aber auch immer mehr an Überfällen (eher: Abschreckungsmanövern, damit die Schiffe sich beim nächsten Mal kampflos ergeben und keine Leben riskiert werden) teil und erhält aufgrund ihrer akrobatischen Technik einen neuen Namen: Fliegende Klinge. Nach einigen Jahren rettet sie mit Übersicht ihrem Kapitän das Leben. Die ungeschriebenen Gesetze der Piraten sehen vor, dass sie dafür einen Wunsch freihat. Die Rückkehr nach Hause, zu Wei? Genug Gold, um nie wieder von jemandem abhängig zu sein und selbstbestimmt leben zu können?

Die Zähne von Goldener Drache blitzten auf, als er das Mädchen anknurrte: „Eine Dschunke und eine Mannschaft! Habe ich richtig gehört? Du, ein kleines Mädchen, willst das Kommando über ein Schiff?“ „So ist es“, erwiderte Yu. „Ich will Piratenkapitän werden.“

Von den Rangbezeichnungen darf man sich nicht täuschen lassen: Weibliche Kapitäne sind möglich, wenn auch nicht üblich. Unverheiratete Frauen dürfen Männer herumkommandieren, wenn sie klug und überzeugend genug sind – Fliegende Klinge ist beides und dazu noch eine bessere Kriegerin als ihre gesamte Mannschaft. Der erste Raubzug soll das ändern, führt er doch zu Wei und seinem Buch. Yus ohnehin geringe Hoffnungen in die alte Freundschaft werden völlig zerstört, als sie feststellt, dass Wei inzwischen geheiratet hat. Das Buch kann sie stehlen, aus dem alten Wunsch nach Rache wird aber nichts: Der geheimnisvolle Fremde taucht wieder auf und gibt sich ebenfalls als Meister des Wushu der Luft und des Wassers zu erkennen. Nachdem er Yu davon überzeugt hat, nicht Pengs Mörder zu sein, wird er ihr neuer Lehrmeister. Und schon bald hat sie Gelegenheit, ihre neuen Fähigkeiten einzusetzen: Ein alter Feind erklärt ihrem ehemaligen Kapitän den Krieg, beide rufen ihre Verbündeten herbei. Fliegende Klinge folgt dem Ruf und handelt sich den Posten als rechte Hand aus. Ihre Hand wiederum sichert sich der attraktive Pirat Blauer Tiger: Den Tod vor Augen, wird noch einmal ausgiebig gefeiert und geheiratet. Die Schlacht am nächsten Tag gerät fast zur Katastrophe, der Plan wird verraten, Yus ehemaliger Kapitän getötet. Wieder muss sie sich beweisen und hunderte Seeleute vor dem sicheren Tod retten. Es gelingt. Doch statt gefeiert zu werden, muss Yu feststellen, dass sie übertölpelt wurde.

Was ein Mann kann, ist, seiner Ehefrau zu befehlen. Jeder Mann und jede Frau auf jedem Piratenschiff schuldet Admiral Fliegende Klinge absoluten Gehorsam – und sie schuldet ihn Blauer Drache, der nur zu gern die Lorbeeren für den Sieg seiner Frau einheimsen möchte. Ein Missstand, der vorläufig durch Einschüchterung behoben werden kann, auf lange Sicht aber müssen die Regeln neu geschrieben werden. Yu fügt dem Piratenkodex neue Regeln zu, die Morosinotto teils direkt vom historischen Vorbild übernimmt (allerdings soll nicht Zheng Yi Sao selbst, sondern ihr Sohn der Urheber sein): Willkürliche Entführungen sind verboten, ebenso wie Vergewaltigung und Misshandlung weiblicher Gefangener. Frauen und Männer sind auf See gleichberechtigt (wohl eher nicht historisch). Diebstahl oder Misshandlung von Küstenbewohner*innen ist verboten. Erbeutete Schätze müssen gerecht zwischen allen aufgeteilt werden, nichts darf zurückbehalten werden.

Schnell zeigt sich: Die größte Flotte der Welt zu kommandieren, bedeutet vor allem Verwaltungsarbeit. Mit vierundzwanzig Jahren (Morosinotto arbeitet mit Zeitsprüngen, um Yu vierzig Jahre lang begleiten zu können) ist das einstige Küchenmädchen fast schon Beamtin, so wie Wei, den sie seit mehreren Jahren nicht gesehen hat und doch nicht vergessen kann. Seiner Einladung aufs Festland kann sie daher nicht widerstehen – und läuft in eine Falle. Dieses eine Mal ist Yu nicht die Klügere, ihr Widersacher (dessen Namen man bereits am Klappentext erfährt) ist wesentlich älter, mächtiger und intriganter: Cao Feng, der oberste Eunuch am kaiserlichen Hof, Ratgeber und heimlicher Beherrscher Seiner Majestät. Eine alte Prophezeiung besagt, dass das Wasser sich gegen den Himmel auflehnen werde. Was anderes kann das bedeuten, als dass Seeleute sich gegen den Sohn des Himmels (wie ein Beiname des Kaisers lautet) erheben werden? Doch nicht nur politisch ist die Piratin Feng ein Dorn im Auge: Er will auch jede Erinnerung an den Wushu der Luft und des Wassers vernichten. Warum, wird erst klar, als Yu sich nach drei Jahren der Folter aus ihrem Gefängnis befreien kann und mit den meisten ihrer ehemaligen Mitgefangenen ans Meer zurückkehrt: weil diese Kunst unbezwingbar macht.

Waren die weiten Sprünge, die Yu von Peng lernte, noch physikalisch möglich (oder zumindest vorstellbar), sprengt das, was sie nach ihrer Rückkehr lernt, die Grenzen der Naturgesetze. Yu lernt, auf dem Wasser zu gehen, unter Wasser zu atmen und von Welle zu Welle zu fliegen. Fähigkeiten, sie mehr denn je braucht. Wieder hat ihr untreuer Ehemann versucht, die Flotte unter sein Kommando zu bringen. Doch Blauer Tiger ist und bleibt ein schwacher Gegner. Cao Feng dagegen holt zum alles entscheidenden Schlag aus: Die kaiserliche Armee greift die Flotte an. Längst ist die Prophezeiung wahr geworden: Die Angriffe der Piraten bedrohen den internationalen Handel mit anderen Seemächten und damit Chinas Aufschwung. Die gewaltige Seeschlacht, bei der viele Piraten ihr Leben lassen, mündet in einen absolut filmreifen Showdown am Hauptmast.

„Wir zwei sind gleich“, sagte Cao. „Wir stammen beide aus einfachen Verhältnissen. […] Und schau mich jetzt an: Sie nennen mich Fürst, aber ich bin mächtiger als der Kaiser. Ich herrsche über das Land, so wie du über das Meer herrschst. Es war Schicksal, dass wir beide uns begegnen. Wir sind die Größten.“
„Wage nicht, das zu wiederholen“, fauchte Yu ihn an. „Ich bin Die Größte. Du bist nur ein kriechender Wurm.“

The rest is history: Ausgerechnet Wei überbringt Admiral Fliegende Klinge das Friedensangebot des Kaisers, das sie annimmt. Nachdem einige Missverständnisse ausgeräumt sind, flammt die nie gelebte Leidenschaft für eine Nacht auf. Für ein gemeinsames Leben reicht sie nicht, zu unterschiedlich sind die beiden. Wei kehrt nach Kanton zurück, Yu begründet eine Gasthauskette, die ihr auch als Spionagering dient.

Nach dem letzten Zeitsprung – Yu ist sechsundvierzig Jahre alt – übergibt sie das geheime Buch ihrer und Weis Tochter.
Was ein Mann kann… Davide Morosinottos kindliche Charaktere zeichnen sich oft durch Willensstärke und Eigensinn aus. An Shi Yu kann er diese Wesenszüge über Jahrzehnte hinweg entfalten und sie im Wechselspiel mit anderen Motivationen und Eigenschaften zeigen. Yu wird vom trotzigen zum schwärmerisch verliebten Mädchen, bleibt aber immer misstrauisch und auf den Überlebenskampf gefasst. Später dominieren die Liebe zu ihren Kindern und die Sorge um ihre Flotte. Dass der hohe Verwaltungsaufwand absolut nicht das ist, was man sich unter dem Piratenleben vorstellt, hält sie nicht von der Erfüllung ihrer Pflicht ab. Überhaupt ist zurückschauen fast nie eine Option für Fliegende Klinge. Einzig Wei bleibt ihr wunder Punkt, doch freundschaftliche und familiäre Beziehungen bleiben immer stärker als Romanzen.

Was ein Mann (noch) kann: Morosinotto kann nicht nur Figuren, er kann auch historische Settings: Nach Nordamerika, Sibirien und Italien nimmt er die Leser*innen nun ins China des beginnenden 19. Jahrhunderts mit. Durch viele Beschreibungen, bildhafte Benennungen (auch jede Wushu-Übung hat einen bezeichnenden Namen, z. B. Biss des Grauhais oder Hagel, der die Ernte zerstört) und Details aus dem Alltag (Speisen, Zeitangaben, Kleider) vermittelt er eine dichte, lebendige Atmosphäre. Eine so starke Figur wie Shi Yu braucht einen plastischen, intensiven Hintergrund, um nicht übermenschlich zu wirken – und sie bekommt ihn. Vom ersten bis zum letzten Gasthaus, in dem die Piratenfürstin lebt, ist jeder Schauplatz im Text sorgsam und kühn gezeichnet (was sich in der Übersetzung bewahrt). Das trifft auch auf das Coverbild von Rébecca Dautremer zu, das Yu in voller Rüstung und mit herausforderndem Blick zeigt. Über Vor- und Nachsatz segelt ein Schiff, eine Dschunke, wie im Glossar am Ende erklärt wird.
Und Jack Sparrow? Der bekommt auch die Chance, seinen Irrtum einzusehen. Eine der Kapitäninnen, die sich in „Fluch der Karibik: Am Ende der Welt“ zum Rat der Piratenfürst*innen zusammenfinden, soll lose auf Zheng Yi Sao basieren.

„[…] Alle Menschen leben in Gefängnissen, die sie sich selbst gebaut haben. Aber wir Piraten? Ach!“ Nachtfalter grinste. „Wir haben Schiffe die uns über die Meere tragen, und der Wind treibt uns an, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Tag für Tag entscheiden wir frei, wo wir hinwollen und was wir tun.“

Simone Weiss

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gerstenberg 2022.
80 S.

€ 26, 80.

 

Für die 99% sei dieses Buch geschrieben worden, verrät seine Widmung, und wen Vitali Konstantinov damit meint, ist rasch erschlossen: Ende 2020 waren 1,1% der Weltbevölkerung in Besitz von 45,8% des weltweiten Vermögens. Ein frappierendes Missverhältnis, das zwar immer wieder durch die Medien geistert, dessen Veröffentlichung im Umkehrschluss aber kaum einmal systematisches Umdenken oder Veränderung anregt. Und unter den besagten 99% ist Geld ohnehin ein schwieriges Thema – oft ist es ein erstaunlich kleiner Schritt von Geld regiert die Welt zu Über Geld spricht man nicht. Gerade für Menschen, denen der Zugang zum Geld nicht familiär mitgegeben wurde (das sind nämlich leider oft nur die, die gleich auch noch das Geld mitüberreicht bekommen), kann das Finanzsystem wie eine riesige, unberechenbare Blackbox wirken, von der sich besser fernhält, wer kann. Aber Geld bestimmt unseren Alltag, auch wenn es gar nicht so einfach zu definieren ist. In seinem Nachwort schreibt der Künstler:

Seit Geld existiert, gibt es Streit darüber, was es eigentlich ist. Nicht einmal Wissenschaftler und Experten wissen es genau, ihre sehr unterschiedlichen Meinungen hängen häufig vom jeweiligen politischen Standpunkt ab. Es gibt aber absolut keinen Zweifel, dass Geld unser Leben und Tun bestimmt und vorantreibt: Brot wird gebacken, Impfstoffe werden hergestellt, Schulen beheizt, Raumschiffe gebaut, Kriege geführt, Kleider genäht.

All diese Fäden nimmt der Autor auf und führt sie in diesem eigensinnigen, humorvollen und famos bebilderten Streifzug durch die Errungenschaften, Irrungen und Wirrungen der Geldgeschichte zusammen. Das großformatige Sachbuch organisiert sich in drei übergeordneten Kapiteln, beginnend beim Schenken, Tauschen, Kaufen. Noch nicht (wie auf den kommenden Seiten) in Comicpanels organisiert, sondern in Form einer assoziativ gestalteten Mind-Map stellt Vitali Konstantinov auf der ersten Doppelseite die provokante Frage Ohne Geld keine Welt? und knüpft durch mit Text befüllte Infoboxen, Pfeile, allerhand Doodles von kleinen Menschen, Tieren und Waren Verbindungslinien um ein symbolisches Zentrum herum: Zwei Hände, der Tausch eines Geldscheins gegen ein mit Eis befülltes Stanitzel. Auch auf allen kommenden Seiten wimmelt es nur so von kleinen (mal namenlos bleibenden, mal durchaus berühmten) Figürchen, die untereinander Geschäfte machen, ihre Meinungen zum Geld verlautbaren oder mit revolutionären gesellschaftspolitischen Ideen aufwarten. Die dezente Farbgestaltung orientiert sich – wie könnte es anders sein – am Dollar und ergänzt die schwarzen Linien auf weißem Grund durch die Schmuckfarben Grün und Gelb.

Nach dem assoziativen Einstieg und der daran angeknüpften historischen Vor- und Frühgeschichte dieses wundersame[n] Fantasieprodukts (so die liebevolle Bezeichnung des Autors) beschäftigt sich der umfassendste Abschnitt des Buchs mit dem Aufstieg des Geldes. Hier wird ein denkbar großer historischer Bogen von der Erfindung der Münze (auch die Gleichzeitigkeit von Entwicklungen wird hervorgehoben – an unterschiedlichen Orten der Welt haben sich unabhängig voneinander Münzgeldsysteme entwickelt) bis zu modernen Märkten und Börsen, ihren Krisen und Funktionsprinzipien gespannt. Das dritte Kapitel schließt dann noch Überlegungen zu Geld nach dem Geld an; eine Annäherung, die nicht nur vorausdenkend die Rolle der aktuell in aller Munde befindlichen Kryptowährungen einzuschätzen versucht, sondern die wiederum mit einer wahren Fülle an geschichtlichen Kuriositäten aufwarten kann. So geht es unter anderem um die vielleicht weniger bekannten Konzepte von Privatgeld, Freigeld und Ersatzgeld sowie die Zeiten, in denen sie tatsächlich zum Einsatz kamen.

Es ist gewiss keine leichte Lektüre, die der Autor seinen Leser*innen hier zumutet und es braucht schon einiges an Konzentration und Eigenleistung, um die Querverbindungen zwischen den oftmals nur Hinweis bleibenden Informationen herzustellen. Abschließende Wertungen werden außerdem keine vorgenommen, Aussagen wie Geld ist ein System des gegenseitigen Vertrauens und Geld zeugt von Misstrauen und totaler Kontrolle durch den Staat dürfen unkommentiert nebeneinanderstehen. Und vielleicht ist es gerade dieser pluralistische Zugang, den ein so komplexes Thema braucht. Das Sachbuch ist damit auch eine Aufforderung, sich auf nicht-lineare Lektüreprozesse einzulassen: nachzuschlagen, zu überspringen, zurückzublättern und einzelne Kapitel selektiv herauszugreifen. Abhilfe schafft dabei der umfassende Anhang. Er bietet Zusatzmaterialien wie einen überisichtlichen Zeitstrahl der in den Grafiken bearbeiteten Entwicklungen, liefert weiterführende Buchtipps, informative Websites zum Thema sowie einige Museums- und Sammlungsempfehlungen. Für die Lektüre selbst stehen ein Abkürzungsverzeichnis und ein Glossar zur Verfügung. Ein Glossar, das möglicherweise auch Leser*innen, die eigentlich seit Jahren und Jahrzehnten alltäglich Geldgeschäfte durchführen, häufiger konsultieren müssen als ihnen lieb ist. Aber zum Glück ist es da.

Wo ist die Kohle, wo ist die Marie? hat poetisch schon die Erste Allgemeine Verunsicherung gefragt, und Vitali Konstantinov gibt seine Antwort: Eigentlich überall. Geld hat sich eingeschrieben in gesellschaftliche Verhältnisse, kann sie durch Abhängigkeiten zementieren oder aufbrechen. Es bestimmt unser Verhältnis zu Besitz und definiert oft überhaupt erst dessen Wert. Über das Private hinausgehend wirkt Geld aber auch massiv auf internationale Beziehungen ein, es kann sie stabilisieren oder bedrohen, Konflikte befrieden oder eskalieren lassen. Der Autor liefert mit seiner Einführung in die Geldgeschichte wichtiges und anspruchsvolles Infotainment vom Feinsten, das durch seine exzentrische Aufmachung besticht und dessen Lektüre definitiv lohnenswert ist; für jugendliche wie erwachsene Leser*innen gleichermaßen.


Sarah Auer


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus d. Schwed. v. Karl Kurt Peters,
Oetinger 2022.
€ 15,95.

Astrid Lindgren und Johan Egerkrans: Mio, mein Mio

Ein Chart-Hit von (Teilen von) ABBA, Christian Bale in einer frühen Kino-Rolle und nicht zuletzt der Deutsche Jugendliteraturpreis – auch wenn „Mio, mein Mio“ lange nicht so bekannt ist wie Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter oder Kalle Blomquist, hat der phantastische Roman von 1954 einiges an kurioser Trivia zu bieten. Die ersten beiden Informationen haben, wie könnte es anders sein, mit der Verfilmung zu tun: In der schwedisch-norwegisch-sowjetischen Co-Produktion von 1987 verkörperte der damals erst 13-jährige Christian Bale Jum-Jum, den besten Freund der Titelfigur. Benny Andersson und Björn Ulvaeus komponierten einen Song für den Film, der ganze 17 Wochen die Spitzen der schwedischen Charts anführte. Doch nun genug des unnützen Wissens und hinein in den wie gesagt wenig bekannten Text, von dessen Entstehungsmoment Lindgren gerne und oft erzählt hat: Er lag in einer Begegnung auf ihrem Weg von ihrer Wohnung in der Dalagatan zu ihrer Arbeit beim Verlag Rabén & Sjögren begründet, der durch den Park Tegnérlunden führte. 

„Mio, mein Mio, das ist eigentlich ein kürzeres Märchen, das ich geschrieben habe, und ich weiß nicht mehr richtig, wie ich darauf gekommen bin, aber auf jeden Fall hat alles im Tegnérlunden angefangen. Ich lief durch den Tegnérlunden und sah einen kleinen Jungen auf einer Bank, und da dachte ich so bei mir, ja, vielleicht wohnt er in dem Haus dort. Ich habe dann ein bisschen darüber nachgedacht, dass er so dasaß. Und dass der Geist in der Flasche kam, und dass er ins Land in der Ferne geflogen ist. Aber eigentlich wollte ich gar nicht mehr als das schreiben. Sondern das Märchen wurde damals in einer Zeitung abgedruckt. Dann, nach ein paar Jahren, fing ich an nachzudenken und mich zu fragen, wie es ihm dort in der Ferne wohl erging. Ob er jemand hatte, mit dem er zusammen sein konnte, wenn er Benka nicht hatte, wie zu Hause in der Tegnérgatan."
(
Quelle: https://www.astridlindgren.com/de/figuren/mio-mein-mio)

Im Mittelpunkt steht also ein einsamer Bub, dem die Autorin den Namen Bo Vilhelm Olsson alias Bosse gab. Wie viele Jahre später Harry Potter lebt er als ungeliebtes angenommenes Kind bei Tante Edla und Onkel Sixten, die ihm ständig das Gefühl geben, lästig und anstrengend zu sein. Mithilfe des bereits erwähnten Geistes in der Flasche und eines zeichenhaften goldenen Apfels findet er jedoch auf die Grüne Insel, ins Land der Ferne. Dort wartet sein Vater, der König, der ihn nicht nur liebevoll in die Arme schließt, sondern auch endlich bei seinem wahren Namen nennt:

„Neun lange Jahre habe ich dich gesucht”, sagt mein Vater, der König. „Nachts habe ich wach gelegen und gedacht: Mio, mein Mio. Dann muss ich doch wohl wissen, dass du so heißt.”
Da sieht man es. Das mit dem Bosse war so falsch, wie alles andere falsch war, als ich in der Upplandsgatan wohnte. Und jetzt ist es richtig geworden. (S. 14)

Doch die in poetischer Sprache und mit formelhaften Wiederholungen gezeichnete Idylle währt nicht lange, denn wie so oft in phantastischen Welten gilt es eine Bewährungsprobe zu bestehen. Mio obliegt es, den bösen Ritter Kato zu besiegen und das von ihm in Armut und Elend gehaltene Land Außerhalb zu befreien. In diesem Auftrag zeigen sich weitere Parallelen zu Harry Potter: Wie dieser ist Mio ein erlösendes Kind, das sich dem Kampf mit einer Figur stellen muss, die das absolut Böse verkörpert (nicht zuletzt stellt sich heraus, dass Ritter Kato ein Herz aus Stein hat). Und wie dieser bezieht er seine Kraft für diesen Kampf aus seiner Fülle an liebevollen Beziehungen, wie es Heidi Lexe für Harry Potter formuliert hat. Als er entschlossen zur finalen Konfrontation aufbricht, sagt er zu seinem besten Freund Jum-Jum:

„Ich will in meiner letzten Stunde an dich und an meinen Vater, den König, denken.” (S. 124)

Nun, fast 70 Jahre nach seiner Veröffentlichung, erscheint der Roman in einer neuen Gestalt. Der Text bleibt unverändert in der ersten Übersetzung, die Karl Kurt Peters 1955 verantwortete. Neu sind hingegen die Illustrationen, die ursprünglich von Ilon Wikland stammten: Es war das erste erzählende Buch von Astrid Lindgren, das sie illustrierte, viele weitere sollten folgen und prägten die Rezeption der Texte sicher nachhaltig. Für die Neuausgabe konnte niemand geringerer als Johan Egerkrans gewonnen werden. Der 1978 geborene Künstler, der ursprünglich aus dem Bereich des Computerspiels kommt, zählt zweifellos zu den bedeutendsten schwedischen Illustrator*innen der Gegenwart. Den deutschsprachigen Buchmarkt eroberte er in den letzten Jahren mit seinen schaurig-schönen Bildern zu Nordischen Wesen, Nordischen Göttern und Untoten, alle bei Woow Books erschienen, die mittlerweile auch im Schuber erhältlich sind. 

In seinen Bildern spart Egerkrans nicht an dramatischen Effekten: Meist als ganzseitige Bildtafeln gestaltet, zeigt er zentrale Handlungsmomente wie den Flug in das Land der Ferne, den Aufbruch in das Land Außerhalb und natürlich die Konfrontation mit dem bösen Ritter Kato, in kräftigen Farben und mit spektakulären Kontrasten von Hell und Dunkel gestaltet. Das besondere Licht der Morgendämmerung, das kühle Leuchten des Mondes und die strahlenden Augen der verzauberten Vögel verleihen den Bildern eine besondere Wirkung, die der märchenhaften Atmosphäre der Geschichte entspricht. Es sind Bilder, die man sich immer wieder und sehr lange anschauen kann – wer damit nicht aufhören möchte, findet im >>> Webshop des Künstlers signierte Drucke der Illustrationen.

Der 1956 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Text wurde oft vor dem biographischen Hintergrund der Autorin ausgedeutet: Wie Bosse verbrachte auch ihr erstes Kind Lasse, den sie sehr jung aus einer Beziehung mit ihrem verheirateten Chef bekam, einige Lebensjahre bei einer dänischen Pflegefamilie, bis sie ihn zu sich holen konnte. Zwei Jahre vor Erscheinen des Buches war ihr Mann Sture, wohl an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit, gestorben. Es kann also gut sein, dass ein Teil ihrer Trauer die oft beklemmende Stimmung des Märchens geprägt hat. Doch abseits solcher Interpretationen bietet das Buch, auch so lange nach seiner Entstehung, Anknüpfungspunkte für Leser*innen unterschiedlicher Altersstufen und Lebensphasen: Denn wer sehnt sich nicht manchmal nach einem paradiesischen Land der Ferne, in dem man endlich in seinem wahren Wesen erkannt wird?

Kathrin Wexberg

Nicht nur die Kröte des Monats steht ganz im Zeichen des 20. Todestages von Astrid Lindgren.
Kathrin Wexberg hat überdies in einem Radio-Interview über ihr Leben und Werk gesprochen. Das Interview finden Sie >>> hier

Und: Im internen passwortgeschützen STUBE-Card-Bereich findet sich neuerdings eine >>> Medienliste, in der Bücher und Medien zu und rund um Astrid Lindgren versammelt sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Hanser 2021.
€ 18,50.

Johanna Schaible: Es war einmal und wird noch lange sein

Zeit & Raum: Um zu erkennen, dass diese beiden Dimensionen aufs Engste miteinander verknüpft sind, bedarf es keinerlei quantenmechanischer Vorkenntnisse, bereits der genaue Blick auf die Katachresen und Metaphern unserer Sprache genügt: Wir sprechen von Zeitpunkten und von Zeiträumen, von Zeitspannen und dem Lauf der Zeit. Ebendieser besonderen Verbindung zwischen Raum und Zeit widmet sich Johanna Schaible in ihrem Bilderbuch-Kunstwerk „Es war einmal und wird noch lange sein“ auf überaus poetische Art und Weise: Erzählt wird die Erdgeschichte – von der Urzeit bis in die Zukunft. Erzählt wird vom Gestern zum Heute zum Morgen, vom Fernen zum Nahen zum Weiten, vom Großen zum Kleinen zum Unbestimmten – und zwar in Bild und Text, in Form und Inhalt. Eine Erzählbewegung, die hier aufgegriffen werden soll:

Zunächst also zum Gestern und Großen: Wir beginnen dabei vor Milliarden von Jahren, als sich das Land, wie es im Text heißt, formt. Ganz in schwarz collagiert die Künstlerin die Felsen, das Land. Einziges Farbelement ist die orange-gelbe Lava, der hier eine ganz besondere Materialität zukommt: Sie ist mit Acrylfarben ins Bild gesetzt und bewirkt auf dem Glanzpapier, auf dem die Illustrationen gedruckt sind, einen fast dreidimensionalen Effekt, schwappt damit nicht nur über die dunklen Felsen, sondern scheinbar auch über den Bildrand hinweg. Eingefangen wird ein einzelner Moment, ein Augenblick vor Milliarden von Jahren. Mit dem Umblättern folgt der Zeitsprung: Vor Millionen von Jahren lebten Dinosaurier auf der Erde. Und so nähert man sich mit jedem Blättern in immer größer werdenden Schritten der Gegenwart an: vor Hunderttausenden, vor Tausenden, vor Hunderten von Jahren …

Dass Zeit und Raum Hand in Hand gehen und die eine Dimension nicht ohne die andere gedacht werden kann, zeigt sich hier auf faszinierende Weise: Mit jedem Umblättern und jedem Zeitsprung verkleinert sich auch das Seitenformat. So entsteht auf formaler Ebene ein beeindruckender Effekt, der die inhaltliche Ebene kunstvoll spiegelt. Und damit wären wir bei der zweiten Erzählbewegung angekommen – dem Übergang vom Fernen zum Nahen, vom Fremden zum Vertrauten:

Erzählt wird zunächst von einer prä-menschlichen Welt: Der Formung des Landes und der Zeit der Saurier: Vor Millionen von Jahren lebten Dinosaurier auf der Erde. Der Text wird dabei auf der linken Doppelseite lakonisch in einen weißen Textblock gesetzt und dient in erster Linie der zeitlichen Verortung des illustratorischen Bildraumes. Im Vordergrund stehen aber die Aquarelle, die hier in gedeckten Farben eine besondere Form der Ruhe ausstrahlen: Eine weite grüne Landschaft, über deren Himmel einzelne Flugsaurier friedlich ihre Runden ziehen. Mit dem nächsten Umblättern taucht erstmals der Mensch in der Erdgeschichte auf: Winzig klein werden diese Urmenschlein in den Erzählraum gesetzt und wandern durch die weite Landschaft.

Johanna Schaibles Collagen fangen dabei die Erhabenheit dieser noch nicht menschlich ver-/ge-formten Natur ein – der Blick der Betrachtenden fällt auf eine weite Fläche. Im Text heißt es dazu: Vor Hundertrausenden von Jahren zogen die Menschen von Ort zu Ort. Von nun an ist die Geschichte der Erde die Geschichte des Menschen:: Seite für Seite wird immer mehr auf den Menschen, seine Bauten und Errungenschaften fokussiert, wenn der Bau der Pyramiden vor Tausenden von Jahren ins Bild gesetzt wird oder ein Schiff vor hundert Jahren seinen Weg durch das weite Meer findet.
Der Mensch – so könnte man sagen – schreibt sich in die Landschaft ein, prägt sie, gestaltet sie. Die Künstlerin zeigt dies auf eine überaus unaufdringliche, fast sanfte Art und Weise, wenn das menschengemachte Schiff im linken Bildrand ganz klein in die Weite des Ozeans gesetzt wird oder sich auf einer weiten Landschaft eine Straße nur andeutet, nur vermutet werden kann. Im Text heißt es dazu lakonisch: Vor zehn Jahren sah die Landschaft noch anders aus. Mit dem nächsten Umblättern finden die ersten städtischen Details Einzug in die Bildsprache des Textes: Nur die Dächer werden collagiert und auf den unteren Rand in die Doppelseite integriert.

Die Rede war auch bereits von einer Bewegung vom Fernen zum Nahen. Diese gestaltet Johanna Schaible über eine Bewegung der Blick-Perspektive: Je weiter wir in der Zeit nach vorne blättern, desto näher kommen wir auch dem Dargestellten. Die weite Perspektive auf die Landschaften auf den ersten Doppelseiten konzentriert sich immer mehr, fokussiert, zoomt immer näher an die Orte der Handlung heran – so wie auch die Seiten immer kleiner werden und damit das Geschehen konzentrieren. Und so landen wir in einem Park, in dem letzten Monat noch der Herbst zu sehen war, hangeln uns weiter über den Karneval letzte Woche, das Gewitter gestern, den Sonnenuntergang vor einer Stunde bis in das Zentrum des kindlichen Lebens – das Kinderzimmer: Vor einer Minute wurde das Licht gelöscht. Damit schweift der Blick nicht mehr über eine fremde, weite, unberührte Landschaft, sondern zeigt uns einen Raum des Intimen: Nur ein kleiner Lichtstrahl fällt durch die angelehnte Tür des Kinderzimmers. Schemenhaft kann man die Details in diesem Zimmer betrachten – den Schreibtisch, das Regal, ein Bild von einem Saurier an der Wand, das schlafende Kind.

Vom Fernen, Großen und Weiten, vom Gestern sind wir damit einem hermetischen Raum im Jetzt angekommen. Und so heißt es auf der nächsten Seite: Jetzt! Wünsch dir was! und in der Illustration ist der Nachthimmel zu bestaunen, über den eine Sternschnuppe ikonisch ihre Bahn zieht. Die besondere Seitenarchitektur dieses Buches – das zunehmend kleiner werdende Bildformat – erzeugt dabei einen ganz besonderen Effekt, der sich auf den vorherigen Seiten bereits angedeutet hat: Da die Seiten mit jedem Umblättern kleiner geworden sind, ragen nun, da wir in der Mitte des Buches – in der erzählten Gegenwart – angekommen sind, die Bildränder der vorangegangenen und der nachfolgenden Doppelseiten fächerartig über diese kleine, schmale Sternschnuppenseite hinaus. Vergangenheit und Zukunft bilden damit bildlich einen beeindruckenden Rahmen für den gegenwärtigen Augenblick. Der Moment erscheint immer eingebettet in ein Davor und ein Danach, die sich hier in den bunten Seitenrändern fächerartig andeuten.
Damit erreicht die Erzählsymphonie ihr grande finale. Davon ausgehend wird nun in fragend-vorsichtig-tastendem Ton in die Zukunft erzählt und ein unbestimmtes Du adressiert: Wann stehst du morgen auf?, heißt es dort, während die Illustration den Blick in ein morgendlich helles Kinderzimmer gewährt. Wo wirst du morgen Nachmittag sein? Was machts du morgen Abend? Was bringt das Wochenende?

Dabei spiegeln sich der erste Teil des Bilderbuches – die Vergangenheit – und der zweite Teil des Buches – die Zukunft – auf vielerlei Ebenen: Mit jedem Umblättern nimmt das Seitenformat wieder zu. Auch der Blick weitet sich zunehmend, zoomt wieder heraus, nimmt nicht mehr einzelne hermetische Räume in den Blick, sondern zeigt einen Marktplatz, einen winterlichen Park, eine Stadt.

Dabei wird jede einzelne Doppelseiten aus der zweiten Hälfte des Bilderbuches – dem Zukünftigen – inhaltlich und gestalterisch mit einer Doppelseite aus der ersten Hälfte des Buches – dem Vergangenen – gematcht, sodass in gewisser Weise ein Spiegelphänomen entsteht. Jene Doppelseiten, die dieselbe Seitengröße haben, sind dabei farblich und thematisch aufeinander abgestimmt: Aus dem herbstlichen Park vor einem Monat wird das winterliche Parkambiente in einem Monat; aus der Schifffahrt vor hundert Jahren wird der Raum über den Wolken, den ein Flugzeug durchkämmt. Dabei werden die Spuren, die der Mensch in der Landschaft hinterlässt, im Vergleich dieser Bildpaare besonders deutlich: Aus der unberührten Landschaft vor zehn Jahren wird in zehn Jahren eine großstätische Schachtelstadt in grau-matten Farben, die aus einzelnen Vierecken collagiert ist und den ganzen Erzählraum zu füllen weiß. Wo wohnst du in zehn Jahren?

Aber nicht nur bildsprachlich deutet sich eine zeitliche und thematische Bewegung an: auch der Text zeigt eine Entwicklung. Zunächst sind es in der ersten Hälfte des Buches noch Aussagen über die erdgeschichtlichen Entwicklungen – die Dinosaurier, das Nomadentum, den Bau der Pyramiden von Gizeh –, aber je näher wir uns der erzählten Gegenwart in der Mitte des Buches nähern, desto konkreter werden diese Aussagen und berühren immer mehr die (kindlich-)alltägliche Lebenswelt: Gestern gab es ein Gewitter. Vor einer Stunde ist die Sonne untergegangen. Hatten wir es in diesem ersten Teil noch mit Aussagen zu tun, so erzählt der Text über das Zukünftige im Modus der Frage: Wo wirst du morgen Nachmittag sein? Zunächst sind diese Fragen sehr konkret auf die kindliche Lebenswelt bezogen – Was machts du morgen Abend? Was bringt das Wochenende? Aber je weiter wir in die Zukunft blättern, desto philosophischer und reflektierender werden die Fragen: Was wird dich für immer beeindrucken? Wirst du eines Tages Kinder haben? Woran wirst du dich erinnern, wenn du alt bist? Die zuerst sehr konkreten werden dabei zunehmend ungenauer und spiegeln dieses Moment des Unbestimmten, das mit dem Zukünftigen immer schon verbunden ist, auf poetische Art und Weise wider.

Am Ende steht – wie ganz zu Beginn – eine dunkel gestaltete Landschaft, in die nur einzelne Farbakzente gesetzt sind. Zu Beginn des Bilderbuches war es die dynamisch schäumende Lava – ein Naturphänomen, das, wie es im Text hieß, das Land formte. Nun ist es das Lichtermeer der Großstadt, das die Natur formt. Lakonisch steht am Ende eine Frage, die die Offenheit alles Folgenden suggeriert: Was wünscht du dir für die Zukunft? Denn es scheint klar: Es war einmal und wird noch lange sein

Julia Lückl

"Es war einmal und wird noch lange sein" ist eines jener Bücher, die Einzug in die Seitenweise Kinderliteratur 2021 gefunden haben. Rund 120 Neuerscheinungen des Jahres 2021 wurden vom STUBE-Team ausgesucht, umfangreich annotiert und charmant präsentiert.
Weitere Informationen finden Sie >>> hier.