Phantastik-Tipp der STUBE

Aus .d. Engl. v. Sara Riffel
arsedition 2025.
384 S.
Ann Sei Lin: Rebel Skies
“Schildkröten sind nicht besonders furchteinflößend - es sei denn, man lehnt sich aus dem Fenster und schaut in das zerfurchte Gesicht eines Reptils, das so groß ist, wie ein Berg. [...] Die Schildkröte bestand aus Papier.”(5)
Im Fantasy-Kaiserreich Mikoshima leben zwei Bevölkerungsgruppen unter der Herrschaft des Kaisers: Menschen in Städten am Boden und Sorabito in Himmelsstädten, ebenfalls Menschen mit nur leichten physischen Veränderungen nach Generationen in luftigen Höhen, (etwa einen Hang zu mehr Körpergröße).
Alte Papier-Magie gefährdet beide, was bereits der Beginn des Textes mit der Erinnerung einer der Figuren an den zerstörerischen Angriff auf seine Heimatstadt klar hervorhebt.
Himura ist nun erwachsen und ein begabter Gestalter, Ausübender jener Magie, die Papier manipulieren kann. Origami-Geschöpfe, wie die genannte Schildkröte und sein (kleiner) Fuchs, der wie ein Familiar immer an seiner Seite ist, sind Shikigami. Ein Großteil des Wissens über diese magisch erschaffenen Wesen ist verloren gegangen und der größte Wunsch des Mannes ist es, Zugang zur Bibliothek der Prinzessin zu erlangen, wo das meiste übrig gebliebene Wissen versammelt ist.
Auch Kurara möchte die Prinzessin treffen und trainiert ihre Kräfte unter der Anleitung von Himura. Ein Shikigami-Angriff auf hat sie und ihren Freund Haru in Lebensgefahr gebracht und ihrer beider Flucht endet mit der Zerstörung seines Körpers und der völlig unerwarteten Erkenntnis, dass er ein menschliches Shikigami war, vermutlich das letzte und eines der ältesten Geschöpfe. Harus papierenes Herzstück, das einzige, was noch von ihm übrig ist, trägt sie ständig bei sich. Kurara möchte mit Hilfe der Prinzessin, die bekannt ist für ihre Experimente mit Papiermagie, einen neuen Körper zu geben.
Ein Leitmotiv, besonders im zweiten Band der Trilogie, ist, das Hinterfragen und Ergründen der Verbindung zwischen Shikigami und (menschlichem) Meister, die absolute Abhängigkeit bedeutet: Der Verlust der Bezugsperson lässt die Wesen verrückt und erst dadurch zu einer Gefahr werden. Künstliche Körper und die Bindung an Anweisungen einer menschlichen Figur erinnern neben aktuellen Diskussionen über KI vor allem an intelligente, Menschen nachempfundene Maschinen, die üblicher Weise in der Science Fiction zu Hause sind. Dieselben Diskurse um Willensfreiheit und Identitätsfragen künstlicher Wesen werden hier im Rahmen einer Fantasywelt aufgeworfen und von unterschiedlichen Seiten beleuchtet.
Neben Himuras Suche nach Wissen und Kuraras Suche nach Möglichkeiten der Unabhängigkeit von Skigami und verlorenen Teilen ihrer Biographie, folgt eine dritte Handlungsschiene Kazeno Rei, den Anführer einer Terrorzelle mit dem Ziel der Unabhängigkeit der Sorabito. U.a. ein Familienband zu einer Wegbegleiterin Kuraras verknüpft die Ebenen effizient.
Standardbausteine wie verlorenes Wissen, Revolution und das “Outen” einer handelnden Figur als zugehörig zur Gruppe der künstlichen Wesen, obwohl er/sie sich für einen Menschen gehalten hat, finden Eingang in den Text. Daneben greift die Autorin allerdings zu einigen überraschenden Wendungen. Ihre klug und detailreich gebaute Welt mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, politischen Intrigen und großen magischen Geheimnissen überzeugt in ihrer Gesamtheit und wird stetig erweitert. Ein wesentlicher Aspekt dabei sind die anschaulichen Beschreibungen der Schauplätze, wie Luftschiffe, Himmelstädte und Katakomben. Eine zweite Säule sind die (personal dargestellten) Figurenperspektiven, deren Pool im zweiten Band weiter ausgebaut wird. Ihre Diversität bezüglich Moralvorstellungen, sozialer Rolle und Position zueinander macht einen Teil des Reizes der Lektüre aus.
Sonja Loidl
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