Phantastik-Tipp der STUBE

Arktis 2026.
432 S.
A. B. Poranek: Verrat der Schwäne
Sie sollte noch oft erzählt werden, die Geschichte vom weißen und vom schwarzen Schwan, doch sie würde falsch erzählt werden. Der Anfang ist derselbe: ein schönes Mädchen, blass wie der Mond, in dunkler Nacht am Seeufer. Und ein Zauberer, der im Schatten lauert, bösartig und gerissen mit den gelben Augen einer Eule und von Magie überzogenen Fingerspitzen.
Odile wird gemeinsam mit ihrem Bruder im Armenviertel vom Zauberer Regnault, dem Direktor des königlichen Theaters, unter seine Fittiche genommen.
Während Damien sich von ihm abwendet, verschreibt sich Odile vollkommen dem Ziel ihres ‚Vaters’, für eine größere Mission Schmuckstücke mit einem Rest von Magie zu stehlen. Als einen zentralen Schritt lockt sie Marie d’Odette d’ Auvigny an den See zwischen dem Palast und dem königlichen Theater, damit Regnault ihre Gestalt stehlen und auf Odile übertragen kann. Als Doppelgängerin der Favoritin des Prinzen soll sie Zugriff auf die Königskrone, die Couronne du Rois, erhalten. Dieser letzte mächtige magische Gegenstand des Königreichs hat – in den Händen eines Zauberers – das Potenzial, alles zu verändern.
Der Transfer glückt, Odile macht sich auf ins Schloss und Marie bleibt in Gestalt eines Schwans zurück. Aber auch wenn sich die Ich-Erzählerin in ihrer gemeinsamen Kindheit von Marie verraten fühlt, ist sie auch fasziniert von ihr. Auf der Suche nach Antworten und weil sie feststellen muss, dass auch ihre Handlungen damals für Marie massive Konsequenzen hatten, wirkt das Mädchen ihren ersten schwachen Zauber, um Marie nachts ihre Menschengestalt zurückzugeben.
In ihrer Rolle als Verlobte des Dauphins freundet sich Odile auch mit diesem an und beginnt zu erkennen, dass die Welt nicht so schwarz und weiß ist, wie Regnault sie glauben lassen möchte. Dennoch bleibt das Ziel, die Krone zu stehlen, aufrecht. Denn nur mit ihrer Hilfe kann ein Zauberer die Magie zurückholen: Das Königreich wurde von Morgane, einer der drei als Göttinnen verehrten Magierinnen, die Tod, Leben und Wandel verkörpern, verflucht: Es soll keine Schönheit mehr erfahren. So ist der Schnee grau, die Sonne düster und die Natur gerade soweit noch lebendig, dass menschliches Überleben möglich ist.
Als der König grausam ermordet und Odiles Bruder bezichtigt wird, erhalten diese Rätsel den Vorrang vor ihrer Mission und Odile sieht sich gefangen zwischen den Anweisungen ihres herrischen Ziehvaters, ihrer Sympathie für den Prinzen und ihren immer stärker werdenden Gefühlen für Marie, mit der sie ihre Geheimnisse zu teilen beginnt.
Der Roman zeichnet sich durch die zahlreichen Rätselstränge aus, die geschickt miteinander verknüpft werden: Wer hat den König getötet? Was hat es mit der „Medizin” auf sich, die die Königin Witwe dem Prinzen gibt? Hat Regnault eine geheime Agenda? Diverse falsche Fährten werden ausgelegt und Odile zieht Schlüsse, die durchaus von denen der Leser*innen abweichen können, die mit Hilfe zahlreicher erzählerischer Brotkrumen die Möglichkeit haben, vor ihr zu erkennen, wie alles zusammenpasst.
Als Leitmotiv durchzieht die Farbe Gold im Kontrast zur verdorrten Natur den Text. Das spiegelt sich in den goldenen Haaren Maries, der Königskrone und der Goldfarbe des Blutes von Magiebegabten, die sie als einfaches Erkennungsmerkmal verwundbar für Ächtung gemacht hat.
Interessant ist auch die Struktur des Textes, der seine Kapitel als ‚Szenen’ in einem Stück präsentiert. Die Dominanz französischer Begriffe wie Dauphin und Couronne ebenso wie Namen und Ortsnamen (Lac des Cygnes, Théâtre du Roi) unterstreicht als Nicken in Richtung des klassischen Tanzes den intermedialen Bezug zu Schwanensee. Neben der eindeutigen Referenz der Namen der beiden Protagonistinnen werden auch Handlungsorte (Schwanensee, Schlosspark und Festsaal) entlehnt, aber durch eine Kapelle und das Theater erweitert. Jenes ist stark symbolisch aufgeladen durch das Spiel mit Identität und Maskierungen, die sich nicht nur auf Odile und Marie d’Odette beschränken.
„Verrat der Schwäne“ ist ein vielschichtig gestalteter erster Teil einer Serie, dessen Ende einen Abschluss zentraler Stränge bietet und dabei trotzdem offenlässt, in welche (mediale) Richtung es weiter gehen wird. Das kann im zweiten Teil, der dieser Tage erscheint, nachgelesen werden.
Sonja Loidl
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