Phantastik-Tipp der STUBE

Planet! 2026.
256 S.
Tim Probert und Julia Gehring: Lightfall. Das verlorene Licht
Es kommt durch das dichte Blattwerk der Baumkronen gekrochen, zuerst nur blass, dann zunehmend intensiver, bis es sich wie eine allumfassende Decke über die Betrachtenden am Waldboden gelegt hat, bis es in ihren Augen goldene Explosionen auslöst und sie die brennenden Gesichter abwenden müssen. Da ist es, das Licht.Für Bea ein gewohnter Anblick, dieses Licht, das durch die Bäume gefiltert den Boden sprenkelt. Dass es damit aber auch einmal – und womöglich bald – vorbei sein könnte, ahnt sie zu Beginn ihrer Reise noch nicht. Aber der Reihe nach: Bea, Adoptivenkelin des Eber-Zauberers, eines weisen alten Medizin- und Trankherstellers, lebt mit dem magisch begabten Großvater gemeinsam am Planeten Irpa in einem steinernen Häuschen im Wald.
Sie bewahren dort eine ewige, lichtbringende Flamme, die das Gleichgewicht auf dem Planeten, der keine eigene Sonne hat, bewahrt, und führen zwischen Tränken und wissenschaftlichen Thesen ein ruhiges Dasein. Bei einem ihrer Ausflüge in den herbstlichen Wald trifft Bea auf Cad, einen Galdurier, der auf der Suche nach anderen seiner Herkunft ist, wobei er sich Hilfe vom Eber-Zauberer erhofft. Als sie aber nach Hause zurückkehren, ist Beas Großvater verschwunden; zurückgelassen hat er lediglich eine verwirrende Botschaft. Was nun beginnt, ist von waschechten Fantasy-Fans schnell erahnt: Bea bricht auf, um den Großvater zu finden, und startet so ihre Quest ins Unbekannte. An ihrer Seite der ungleiche Cad, mehr als ein lustiger Sidekick im bunten Figurensammelsurium, das Tim Probert in „Lightfall“ auf die Seiten zaubert. Einen Freund hat Bea in ihm gefunden und ihr Band verfestigt sich mit jedem Abenteuer, das die beiden auf ihrer Suche nach dem Zauberer-Ebner durchleben müssen. Am Ende sind es die Freundschaft und der Zusammenhalt, die den Mut, weiterzumachen, erst ermöglichen. Denn während das Dunkel in Form düsterer und bedrohlicher Gestalten nach und nach in Irpa eindringt und das Licht zu verschlucken beginnt, sind Bea und Cad gefordert, die Flammen vor der Dunkelheit zu bewahren. Zum Schluss, so viel darf verraten sein, steht nicht die lichtdurchflutete Lösung aller Probleme samt leichtgängigen Happy End, sondern bleibt ein schneidender Cliffhanger, der das Warten auf den zweiten Teil der Graphic Novel-Trilogie zur Geduldsprobe macht.
Dass hier das altbekannte Rezept der Held*innenreise neu aufgelegt wird, tut der Erzählung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Gern folgt man Bea und Cad durch einen magischen Planeten, der zwar mit bekannten Versatzstücken fantastischer Held*innenepen arbeitet, gleichzeitig aber in seiner Illustrationsvielfalt ideenreich und unterhaltsam ist. Warm und weich sind die Farben des Planeten, solange hier noch das Licht vorherrscht, grotesk, liebenswert und innovativ seine Bewohner*innen in Tim Proberts zugänglichem Illustrationsstil. Erzählt wird in filmischer Breite, mit überlegt gesetzten Close-Ups und Tempowechseln, mit Perspektivführung und aus dem Weitwinkel – immer aber so, dass uns Lesenden die Landschaft samt ihrer Bewohner*innen in bunter Vielzahl eröffnet wird. So entsteht ein Abenteuer, das sich beinahe mehr nach Film als nach Graphic Novel anfühlt, das atemlos und ruhend zugleich erzählt und das vielversprechend zur Trilogie anwachsen wird. Leser*innen aller Altersklassen eröffnet „Lightfall“ den Eintritt in eine Erzählung, die grafisch und inhaltlich kongenial zu einer großen, fantastischen Unterhaltung wird.
Teil II erscheint im Juli 2026.
Iris Gassenbauer
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