Carlsen 2022.
Aus d. Amerikan. v. Katharina Diestelmeier.
592 S.

Kristin Cashore: Die Wahrhaftige

Bereit für ein wenig Zauberei?
Zauberei meint hier trotz Zugehörigkeit zur Fantasy ausnahmsweise „nur” das Eintreten von nicht für möglich Gehaltenem. Denn der 16-jährigen Hauptfigur Lovisa ist ein Ring in die Hände gefallen, der im Meer verloren gegangen ist. Von den Figuren als Magie Wahrgenommenes gibt es kaum in Cashores Werken: Die Beschenkten – Menschen, deren Augen zwei unterschiedliche Farben haben und die mit individuell völlig verschiedenen Gaben (etwa Kämpfen, Backen, Rechnen, Luft anhalten ect.) ausgestattet sind – und Tiere mit hypnotischen oder telepathischen Fähigkeiten sind als „Naturphänomen” selbstverständlich für die Figuren.

In „Die Wahrhaftige” dreht sich alles um gefährliche Wahrheiten hinter Rätseln und falschen Fährten. Verlieren und Finden sind Leitmotive des Textes: Ob es sich um Gegenstände, Antworten oder verschwundene bzw. gar entführte Menschen handelt.

Die ursprünglich als Trilogie aufgebaute Serie „Die Sieben Königreiche” wird mit „Die Wahrhaftige” chronologisch weitererzählt und die phantastische Welt erheblich erweitert: „Die Beschenkte” (Band 1) und „Die Königliche” (Band 3) spielen in den sieben Königreichen, wo es eben jene Beschenkten gibt und die Gabe von Bitterblues Vater, König Leck, zuerst große Gefahr darstellt und später das Thema kollektiver Schuld und Wiedergutmachung auf den Plan ruft. Erst gegen Ende von „Die Königliche”, das sich mit Bitterblues inneren und äußeren Wirren als junge Königin in der Nachfolge ihres Vaters dreht, wird das Königreich Dells jenseits der Gebirge entdeckt. Dort gibt es „Monster”: Jene farbige Tiere, die den Geist anderer verwirren können, um ihre Beute zu erlegen.

In „Die Wahrhaftige”, das einige Jahre später einsetzt, wurde der neuer Kontinent Tola entdeckt, wo man weder Beschenkte noch Monster kennt, aber telepathische Füchse heimisch sind und ein fortschrittlicher technologischer Stand herrscht. Die Einbandgestaltung mit Fuchs und Luftschiff greift diese Elemente bereits auf und zeigt auch an, dass erstmals die Tierwelt eine größere Rolle spielt; betont durch die personal erzählten Perspektiven eines Fuchses und von Silberkühe, delphinartige Wesen, die als Brücke zwischen Menschen und Tieren des Ozeans aufgebaut werden.  Die animalischen Protagonist*innen sorgen anfangs immer wieder für Humor und helfen später beim Zusammentragen von Puzzlesteinen zu den übergeordneten Rätseln des Romans.

Mit dem Rohstoff Zilfium werden Industrialisierung (die es in den anderen Reichen dieser Fantasywelt nicht zu geben scheint) und deren Risiken für die Umwelt angerissen. Füchse sind besorgt um die Geheimnisse ihrer Art – weil sie sich von Menschen eigentlich bedroht sehen. Silberkühe unterscheiden zwischen freundlichen und unfreundlichen Menschen (mit anderen Worten zwischen Umweltschützer*innen und allen anderen) und greifen aktiv in die Handlung ein, in der Hoffnung so eine Symbiose zwischen Mensch und Tier erreichen zu können. Dass Vertreter*innen beider Tierarten wesentlich zum Handlungsfortschritt beitragen, wird plausibel dargestellt und verleiht dem Text innerhalb von Cashores Werk Innovativität.

Im Zentrum stehen allerdings mehr die politischen und wirtschaftlichen Verwicklungen rund um Zilfium im Land Winterburg am Kontinent Tola, wo der Rohstoff bis dato nur abgebaut und exportiert, nicht aber verarbeitet werden durfte. Das Zwei-Parteien-System, in dem diese Debatte nun geführt wird, besteht aus einer Fraktion der Industriellen und einer der Gelehrten und erinnert an die USA. Politik zwischen Geldgier, Machtgier und Schutz von Bevölkerung, Fauna und Flora werden etwas plakativ eingebaut, aber gleichzeitig von den Protagonist*innen durchgehend reflektiert. Mehrere Handlungsstränge führen letztendlich zum widerrechtliche Experimentieren mit dem Rohstoff als Waffe zusammen.

Cashore weicht (auf den ersten Blick) von bisher in ihrem Werk  anzutreffenden Mutter- und Vaterbildern ab und durchbricht ein strukturelles Muster früherer Texte: In den ersten drei Teilen der Serie sind es kleine Beobachtungen, denen vorerst keine Bedeutung beigemessen wird, die aber zum Schneeball werden, der eine Lawine auslöst: Ein verschwundener Wasserspeier auf einer Schlossbrüstung in „Die Königliche” und eine Königin, von der das Gerücht umgeht, dass sie sich aus Trauer mit ihrem Kind einschließt und den König nicht in ihre Gemächer einlässt in „Die Beschenkte” rühren am Kern von Geheimnissen und üblen Machenschaften.
In „Die Wahrhaftige” ist das erste düstere Rätsel, dessen Lösung nichts Gutes verspricht bereits am Anfang klar identifiziert: Die mutmaßliche Ermordung von Bitterblues Gesandten, die etwas über Zilfium hätten berichten wollen. Das löst die diplomatische Reise der Königin nach Winterburg (der Originaltitel im Amerikanischen lautet „Winterkeep” nach dem Handlungsraum) aus. Während dieser fällt sie über Bord, was die meisten weiteren Ereignisse kausal bedingt.

Cashores Text ist aus mehreren Perspektiven erzählt, die zusammen ein ausgezeichnet gewebtes Netz spinnen: Spannung, Lösungen, falsche Fährten und neue Fragen wechseln einander ab, während man die Figuren mehr und mehr kennenlernt.

Die vorangegangenen Bände gelesen zu haben, gibt mehr Hintergrundwissen, ist aber keine Voraussetzung für die Lektüre, da die benötigen Informationen prägnant und fast unauffällig in die Erzählung eingeflochten sind.
Aber natürlich steigert es den Lesegenuss, wenn man Bitterblue, Hava und Giddon wiederbegegnet. Etwa die Entwicklung von Giddon vom mansplainenden Großkotz, zum exilierten Lord und deutlich reifer sowie sympathischer gewordenen Ratgeber der frisch gebackenen Königin Bitterblue, schließlich in „Die Wahrhaftige” zum Heimatlosen und unglücklich in die Königin Verliebten, ist nur einer der vielen Vorzüge beim kompletten Streifzug durch Cashores Serie.

Giddon, Bitterblue, Hava, Lovisa, ihre Mutter Ferla, ihr Vater Benni, der Fuchs Abenteuer, die Silberkühe und die Bürgin kommen zu Wort. Sie verfolgen zwar unterschiedliche Ziele, aber die Wahrheit macht alle sprichwörtlich oder wortwörtlich frei.

Sonja Loidl

 

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