Carlsen 2025
416 S.

Judith Mohr: Stadt der Magier und Diebe

Beißender Rauch stieg mir in die Nase. Mir wurde schlagartig übel. Der kräftige Mann mit der Lederschürze und den dicken, ledernen Handschuhen hatte das Brandeisen mit dem rot glühenden S schon in der Hand. Er blickte fragend zu meinem Käufer. Der tippte sich auf den Oberarm. Das war gnädig. Ich hatte in der Stadt schon reichlich Sklaven gesehen, die das Brandzeichen auf Stirn, Wange oder Hals getragen hatten.

Cor steigt mit der Schilderung seiner Geschichte an einem existenziellen Wendepunkt ein: Er wurde zum zweiten Mal beim Stehlen verhaftet und in der Stadt Parnass bedeutet das eine Sklavenauktion oder sofortige Hinrichtung am Galgen, wenn er nicht verkauft wird.
Dieses Modell der Abschreckung mit gleichzeitiger Verwaltungseinnahmequelle ist ein Zeugnis für die gesellschaftspolitische Situation an diesem Fantasyort.

Aber weder der Junge, noch sein “Herr” passen sich dieser Geisteshaltung an: Cor hat Glück im Unglück und wird von einem der mächtigen Magier der Stadt gekauft. In dessen Haus wird er sowohl von Meister Fossell als auch der schroffen, aber äußerst fürsorglichen Haushälterin vom ersten Moment an respektvoll als Teil der kleinen Hausgemeinschaft aufgenommen. Zum einen ist der Magier ein von Grund auf freundlicher Mensch, zum anderen benötigt er aber auch Cors Wissen über die Diebesgilden der Stadt. Denn er versucht, mysteriöse Diebstähle von Zauberzutaten mit anschließender Ermordung der Diebe aufzuklären. Cor fasst Vertrauen und unterstützt die Ermittlungen - erst zurückhaltend, dann mit vollem Einsatz. Nicht von ungefähr bedeutet das Lateinische ‘cor’, das den Namen der Figur bereitstellt, ‘Herz’.

Als sich herausstellt, dass der 15jährige Ich-Erzähler magische Begabung hat, wird er zum Schüler des Magiers. Ein wesentlicher Baustein phantastischer Texte ist auch in diesem Fall das Magiesystem, das die Welt zentral mitgestaltet. Im ersten Band von Judith Mohrs Serie findet man eine besondere Konzeption. Darüber hinaus lässt sich die Autorin offen, in späteren Bänden andere Ausprägungen vorzustellen, da mehrfach betont wird, dass Magie stark individuell geprägt ist. Cors Magie wirkt durch seine Stimme, sodass ein Teil seiner Ausbildung Gesangsunterricht bei einem Priester wird. Dass kirchliche Hymnen quasi zu seinen Zaubersprüchen werden, sorgen für eine interessante Kombination aus Humor und Bildungsdiskurs (Latein).

Die Tür war ein Kinderspiel. Weihnachtslieder waren ja so praktisch! “Macht hoch die Tür, die Tor macht weit”, mehr musste ich gar nicht singen. Lautlos sprang das Schloss auf.

Die Leichtigkeit, mit der Cor die neuen Inhalte aufsaugt, passt zu seiner Figur als anpassungsfähigen, klugen und street-smartem Protagonisten, erscheint aber phasenweise nicht ganz glaubwürdig. Auch die Charakterisierung des Antagonisten, der im Zuge seiner Entlarvung plötzlich eindimensional dargestellt wird, und Meister Fossels kantenlose, gütige Ziehvaterrolle sind nicht ganz rund. Gleichzeitig überzeugt die einfache Darstellung komplexer Vorgänge rund um Machthierarchien (etwa in der Diebesgilde) in diesem Roman. Die Extremsituation des Lebens als Straßenkindes wird thematisiert, erhält aber keine zentrale Position. Die Schilderung durch die Hauptfigur, die in einem Gespräch versucht, ihre Erfahrungen knapp und sachlich darzustellen, ist hierfür ein gut gewähltes Mittel.

In ihrem Erstling experimentiert Judith Mohr klar mit dem Aufbau phantastischer Welten, den sie von der literaturwissenschaftlichen Seite in ihrer Dissertation “Zwischen Mittelerde und Tintenwelt, zur Struktur Fantastischer Welten in der Fantasy” (2012) beleuchtet hat.

Die Stadt selbst wird durch verschiedene Milieus (etwa ein verrufenes Gasthaus versus bürgerliche Viertel) beschrieben. Auch die Raumdarstellung und das Bewegen durch den Raum, sind wesentliche Bausteine im Aufbau der Welt; so etwa das Bewegen der Diebe über die Dächer oder in finsteren Ecken kleiner Gässchen oder die Auflösung des Kriminalfalls im wortwörtlichen Untergrund. Dass Cor und seine Freundin und “Diebeskollegin” Ro am Ende von “Stadt der Magier und Diebe” Parnass verlassen müssen, lässt das Lesepublikum gespannt darauf warten, welche anderen Räume und Orte als nächstes erkundet werden.

 

Sonja Loidl

 

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