cbj 2023.
782 S.

Christopher Paolini: Murtagh. Eine dunkle Bedrohung

Wappne dich mit so vielen Zähnen und Klauen wie nötig (754) scheint ein ausgezeichneter Vorschlag für Fantasywelten.

20 Jahre nach dem Start des „Eragon”-Zyklus wandelt man wieder durch Alagaësia, besucht Gil'ead und erinnert sich daran, welche Magie das Wort Brisingr wirkt. 
„Murtagh” ist der 5. Band, der den abgeschlossenen 4-Bände-Zyklus chronologisch weitererzählt. Der Ausgangspunkt knüpft an eine witzige Erwähnung im Kurzgeschichteband „Die Gabel, die Hexe und der Wurm. Geschichten aus Alagaësia” (2019) an, wonach Murtagh eine Gabel verzaubern muss, um seinem Gegner nicht unbewaffnet in einem Kampf gegenüber zu stehen.

Alagaësia ist (im Eragon-Zyklus) eine Fantasywelt, die vom letzten Drachenreiter*innen regiert wird. Dieser hat vor vielen Jahren den eigenen Orden der Drachenreiter *innen verraten und ausgelöscht. Die Drachen aus den drei verbliebenen Eier schlüpfen im Lauf der Serie und erlauben erstmals eine realistische Ausgangslage für eine Revolution. Die Handlung von „Murtagh” setzt etwa ein Jahr nach „Das Erbe der Macht” (Bd. 4) ein: Die Anführerin der Revolutionsbewegung „die Varden”, Nasuada, ist nun Königin in der Nachfolge des besiegten antagonistischen Königs Galbatorix; Titelheld Eragon hat Alagaësia verlassen, um sich der Aufzucht der nächsten Drachengeneration in erreichbarer, aber weiter Ferne zu widmen. Durch seine traumatisierende Vergangenheit als die unfreiwillige rechte Hand von Galbatorix (gebunden durch einen magischen Eid) ist Murtagh in einer schwierigen Lage, v.a. da wenige wissen, dass er für den Sieg über den Tyrannen mitverantwortlich war.

Murtagh geht als personaler Erzähler und Titelfigur gemeinsam mit seinem Drachen Dorn einem Mysterium nach. Letztendlich wird dabei ein neuer Gegner enthüllt, der – so scheint es – eigentlich immer schon da war, den wir aber auch als Leser*innen aus den vorherigen Bänden nicht kennen. Das gut funktionierende Konzept eines klassischen Stationenabenteuers als Fortsetzung einer Serie negiert nicht die Handlung der ersten vier Bände, sondern öffnet einen neuen Handlungsbogen. Murtaghs (Anti-)Heldenreise steht im Kontrast zu Eragons und hat am vorläufigen Endpunkt eine sehr gute Basis für weitere Fortsetzungen. Laut Nachwort von Christopher Paolini darf man damit rechnen, dass zwischen „Murtagh” und Band 6 des Eragon-Zyklus keine weiteren 12 Jahre vergehen werden.

Der Protagonist sieht sich – zu recht – als Figur, die von Kindheit an schlechte Karten hatte. Der Roman expliziert Vergangenes dabei schrittweise v.a. in Reflexionen der Figur, Träumen und Erinnerungen. Die immer wieder durchscheinende Eifersucht Murtaghs auf seinen Halbbruder Eragon ist einer der Faktoren, die den Zynismus der Figur prägen. Durch Murtaghs Vergleichen und Ausloten der Gefühle gegenüber dem Bruder ist die vormalige Hauptfigur in absentia trotzdem präsent.

Paolini hat zuvor mehrperspektivisch gearbeitet und präsentiert nun mit „Murtagh” eine konsequent monoperspektivische Erzählhaltung. Darüber hinaus bekommt Murtagh erstmals eine Stimme, wodurch Lücken, die sich in den Vorgängerbänden auftaten, gefüllt werden. Außerdem kann das Lesepublikum durch die Perspektive nur gemeinsam mit den Protagonisten darüber spekulieren, was anderswo und in anderen Figuren vor sich geht, was in dieser Serie eine neue Erzählstrategie darstellt. Es passt auch hervorragend zum Charakter, der sich von der Gesellschaft zurückgewiesen fühlt.

Einsam kann man ihn hingegen durch die Verpartnerung mit Drachen Dorn nicht bezeichnen: Hierin sticht Paolinis Text aus Werken der Fantasy mit Drachenreiter*innen heraus: Dorn ist für Murtagh geschlüpft als dieser bereits Gefangener von Galbatorix war. Massive Misshandlungen, die den Treueschwur beider erzwungen haben, haben die Figuren sowohl individuell als auch hinsichtlich ihrer Beziehung geprägt. Die Tragik des klaustrophobischen Drachen und die Folgen der Erfahrungen der beiden generell gehen nicht in actiongeladener Handlung unter, sondern verleihen vielmehr den ganz besonderen Reiz der Beziehung zwischen Mensch und Drache. Nasuadas Frage an Murtagh „Das könnt ihr?” „Das kann ich und das habe ich getan.” (754) veranschaulicht das Prinzip des „Kenne dich selbst”, das im Zentrum der Entwicklung beider Figuren steht.

Dies wird u.a. durch „wahre Namen” veranschaulicht, denn in der Alten Sprache, die den Elfen und der Magie zugeschrieben wird, kann nicht gelogen werden und wird Kontrolle über alle Dinge erlangt: Zeichen und Bezeichnetes sind in dieser Sprache noch eines. Bedenkt man, dass der Eragon-Zyklus vor zwei Jahrzehnten seinen Ausgang genommen hat, ist der Umgang mit fiktionalen Sprachen und deren Gestaltung in dieser Serie als innovativ zu bewerten.

Paolini ist weiterhin dem Stil klassischer Fantasy mit ausführlichen, stimmungsvollen Beschreibungen treu. Hinsichtlich der materiellen Gestaltung schließt der fünfte Band an den Zyklus an, da die Darstellung von Drache Dorn am Einband identisch mit seiner Abbildung auf dem Cover von „Der Auftrag des Ältesten” (Bd. 2) ist.
Dass eine Liebesgeschichte in 90 Prozent des Textes lediglich in Form gelegentlicher Erinnerung und Sehnsucht präsent ist, ist sehr erfrischend in diesem Genre, wobei auch Reflexion darüber, wie man sich der Geliebten wieder nähern könnte, nicht fehlen darf.

Kenntnisse über Alagaesia und die Vorgeschichte werden in „Murtagh” implizit vorausgesetzt. Das Buch funktioniert daher weniger als Spin-Off, sondern als Fortsetzung, die die Fantasywelt und ihre Figuren ausweitet. Mit dem Roman wird ein spannendes Serienkonzept vorgelegt und eine zwischen Plot- und Figurenentwicklung ausgewogene Erzählung mit Spannung in klassischem Fantasy-Stil präsentiert.

Sonja Loidl

 

Die gesammelten Phantastik-Tipps der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> Phantastik-Archiv