Phantastik-Tipp der STUBE

arsEdition 2026.
352 S.
Mela Nagel: Die Welt der Buchmagie. Die Bestimmung der Bibliothek
Erwachsene verlieren ihre Fantasie. Einkaufsliste. Wohnungssuche. Abendessen. Kochen. Kein Platz mehr für Fantasie - weder im Kopf noch im Herzen.
Ada und Henry zweckentfremden in den Sommerferien die Gänge der Oxforder Bodleian Library bei Schlechtwetter für Lauftraining und werden von der strengen Bibliotheksdirektorin gesehen. Die (von den Eltern abgesegnete) verhängte Strafe ist, in der Bibliothek auszuhelfen. Eine wirkliche Buße ist das aber weder für die Ich-Erzählerin Ada noch ihren Freund, denn beide lieben Bücher. Zwischen Staubwischen und Bestandskontrollen finden die beiden 12-Jährigen schließlich ein Abenteuer in Form eines Buches, in einem versteckten Platz hinter einer Buchreihe, von dem sie sich gerufen fühlen. Sie folgen dem Ruf und finden sich in der phantastischen Welt Panlibris wieder.
Das Konzept ist klassisch: Eine andere Welt, aus der sich die Fantasie unserer speist; ein Buch als Schlüssel zum Übertritt dorthin; eine magische und unendliche Bibliothek; magische Wesen, die sich dem Erhalt und der Pflege von Geschichten widmen und Menschen, die in der phantastischen Ebene gebraucht und daher dorthin gerufen werden. „Die Welt der Buchmagie” zeigt eindrücklich, dass aus 26 Buchstaben und Grundbausteinen einer Gattung unerschöpflich Unterschiedliches geschaffen werden kann: Nicht (nur) auf die Zutaten, sondern auf deren Mischung und Verarbeitung kommt es an.
Ada und Henry sind phantastische Figuren, die man gern beim Entdecken der phantastischen Welt Panlibris begleitet. Ihr zentraler Gegner ist das Absinken von Fantasie und Kreativität, das sehr bald beide Welten bedroht.
Der Ausgangsort Oxford ist (am Anfang) stark präsent und verleiht der Erzählung einen eigenen Charme. Auch vereinzeltes literatur- und buchwissenschaftliches Vokabular und die aufgerufenen Metaphern sorgen für ein stimmiges und stimmungsvolles Ganzes; etwa ist das Wort für das Ausübungen von Buchmagie editieren; es wird eine Wortschmiede besucht und als erste Handlung als frisch ernannte Buchwächter*innen suchen die beiden Protagonist*innen ihre Herzbücher.
Als Basis für Magie dient fortan das Herausholen von Worten aus diesem Buch mit dem Finger und anschließendes Platzieren, z.B. „öffnen" wird herausgegriffen und (gemeinsam mit einem Zauberwort) auf eine Tür gelegt. Das ist lesbar als wortwörtlicher Fingerzeig in Richtung der Bedeutung von Materialität im Zusammenhang mit Literatur.
Die Erzählung ist in ihrer Gesamtheit durchwirkt von Bibliophilie, was natürlich nur dadurch funktioniert, dass die Hauptfiguren von vornherein eine ausgeprägte Freude am Lesen haben.
Dieser erste Band der neuen Serie lässt sich Zeit, was sich in den unterschiedlichen ‚Zeitzonen” der phantastischen und der real-fiktionalen Welt spiegelt. Die Welt und einige ihrer Bewohner*innen werden schrittweise vorgestellt; ein magischer Sport darf nicht fehlen, genauso wenig wie magisches Material für Buchmagie, das mit dem wohlklingenden Namen Anzutil aus der Feder von Tolkien stammen könnte.
In diesem Punkt überzeugt der Text durch intermediale Anspielungen, weitgehend ohne Nennung der Bezugstexte und -medien. Je erfahrener in den unendlichen Weiten der Phantastik, umso mehr wird man Parallelen und Wiedererkennungsmomente finden. Gleichzeitig werden auch reale Bücher aufgerufen. In dieser Kombination kann man eine Spiegelung der unendlichen Bibliothek sehen, die im Zentrum der Serie steht.
Nur Kinder können Buchwächter*innen werden und damit die Fantasie stärken, Bücher behüten und entsprechende Portale nutzen. Aber als Erwachsene*r kann man sich damit trösten, zu hören, dass man die grundsätzliche Gesinnung nicht verliert und auch in höherem Alter große kreative Leistungen vollbringen kann, wenn man das Zeug dazu hätte, nach Panlibris gerufen zu werden.
Sonja Loidl
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