Aus dem Amerik. v. Katarina Ganslandt.
Fischer Sauerländer 2010. € 16,50.


Tahereh Mafi: Wie du mich siehst
Kurz nach den Anschlägen am 11. September auf die Twin-Towers in New York ziehen Shirin und ihre Familie um. Schon wieder. Eine neue Schule ist nichts besonderes mehr für die 16-jährige Protagonistin, die kaum mehr zählen kann, wie vielen schulischen Institutionen sie schon besucht hat.
Sie ist es gewohnt, schräg beäugt zu werden, weil sie Hischab trägt.
Mittlerweile fragte mich niemand mehr, warum ich Kopftuch trug. Die Leute bildeten sich ein, die Antwort zu kennen, obwohl die meisten komplett daneben lagen. Ich trug es nicht, weil ich eine Nonne sein wollte, sondern weil ich mich damit geborgen fühlte – weniger verwundbar.
Durch ihre Protagonistin rekurriert die Autorin im Text immer wieder auf den 11. September 2001 und wie sich der Anschlag auf muslimische, insbesondere weibliche Menschen auswirkt und wie Vorurteile geschürt und Meinungen gebildet werden. Aladin, Windelkopf, Terroristin. Beschimpfungen, denen nicht nur Shirin, sondern auch die Autorin selbst, die Autobiographisches in den Text einfließen lässt, ausgesetzt sind/war. Gleichzeitig wird die Hackordnung im Mikrokosmos Schule umrissen und verdeutlicht, wovon das Denken von Jugendlichen oder Menschen ganz allgemein gelenkt wird.
Anfeindungen, komische, z.T. abwertende Blicke sind Shirin bestens bekannt. Neu ist aber, dass sich ein Parade-US-Amerikaner (gutaussehend, Basketballstar, Liebling der ganzen Schule) für sie interessiert. Und sie für ihn. Aus Selbstschutz für sich, aber auch ihre aufkeimende Beziehung verschließt sie sich. Hält ihn auf Abstand.
Spannend ist dabei, dass Shirin selbst so denkt, wie sie es ihren Mitmenschen unterstellt. Sie selbst glaubt die Antwort zu kennen, wie sie von außen gesehen wird: das komische Mädchen mit dem Kopftuch. Wie sie, nur bedingt wegen ihres Kopftuches, nach außen tatsächlich wirkt, wird ihr durch die Mitglieder der neu gegründeten Breakdance-Gruppe ihres Bruders und einigen Freunden aufgezeigt. Der Panzer und die Verschlossenheit, die sie sich zu ihrem eigenen Schutz aneignet, erzeugen ein abweisendes und angsteinflößendes Bild.
Das Spiel zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung zeigt sich einerseits in der Entwicklung von Shirin, die allmählich das Schutzschild abzulegen scheint und andererseits an der Reaktion der Schule, als Ozean und sie ihre Beziehung – nachdem sie sich ihm gegenüber öffnet und die Gefühl zulässt – öffentlich machen. Ein regelrechter Shitstorm prasselt auf sie nieder, inklusive Fotos von Shirin ohne Kopftuch, die in der Highschool viral gehen. Die aufkeimende Beziehung nimmt ein vehementes, tränenreiches Ende. Vorerst. Auf der Beliebtheitsskala rutscht Shirin ans unterste Ende. Wäre da nicht die anstehende Talentshow, an der sie mit ihrer Breakdance-Gruppe teilnimmt…
Der sich nur auf den ersten Blick als Liebesroman präsentierende Texte entpuppt sich als ein Abbild der Gesellschaft, in der nicht nur Selbstzweifel und -vorwürfe und die Frage nach dem eigenen Stellenwert in der (Highschool-)Gesellschaft eine Rolle spielen, sondern auch Fremdenfeindlichkeit und die Frage, wodurch diese zustande kommt.

Eine Auseinandersetzung mit dem Islam, die ganz ohne IS und Gewalt auskommt. Vielmehr verdeutlicht dieser Roman, wie sehr das kulturell bedingte Schwarz-Weiß-Denken verankert ist. Es dominieren keine religiösen Regeln, festgelegte Gebetszeiten oder die Stellung von Frauen oder Mädchen, sondern die Gefühlswelt einer Jugendlichen, die versucht ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.


Alexandra Hofer

 

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