Aus d. Engl. v. Richard Rosenstein.
Freies Geistesleben 2020. € 16,00.

Jean E. Pendziwol / Nathalie Dion: In einem Kirschbaum fand ich Hoffnung
„Ich kann die Sonne in meinem Schatten sehen“, sagt das dunkelhaarige Mädchen, dem die Lesenden folgen, am frühen Morgen als es im ersten Licht des Tages seine Arme und Beine streckt, um mit den Schatten zu spielen.

Dieser erste Satz des Bilderbuchs In einem Kirschbaum fand ich Hoffnung leitet bereits das Thema ein: es geht um den Umgang mit den Ungewissheiten, die das Leben ausmachen. Und es geht um das Erleben der Gleichzeitigkeit und des Wechselspiels von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit.

Im kindlichen Spiel erfährt das Kind die Abhängigkeiten zwischen Licht und Schatten sowie die symbolische Bedeutung dieses ungleichen Paars, dass das Leben immer wieder beeinflusst. Das Mädchen macht sich die Welt zu eigen, indem es die Ereignisse in der Natur mit dem Dasein des Menschen verbindet. Die Beschreibungen der Vorgänge in der Natur zeigen, dass nicht nur das Leben zwei Seiten hat, sondern auch die Beziehung zwischen Natur und Mensch – das poetische Erleben des Kindes verdeutlicht, dass wir einerseits von der Natur lernen können und sie andererseits unser Innenleben, unsere Wünsche und Hoffnungen widerspiegeln kann.
Die Protagonistin lernt die Seiten, die die Prozesse in der Natur und das Leben gleichermaßen mit sich bringen, kennen und mit ihnen umzugehen: Sie berichtet vom Wind als sanften Geschichtenerzähler, der sich in einen angsteinflößenden Sturm verwandeln kann und dessen Unheimlichkeit durch das Geschichtenerzählen vertrieben werden kann. Sie wertschätzt die Einzigartigkeit der Schneeflocken und sinniert darüber, wie eine einzelne Schneeflocke auch im Sturm noch nach Hoffnung schmecken kann.

Beim Lesen wird deutlich, dass die Poesie der Natur, die das Kind so klar erfasst, das Leben mit all seinen Licht- und Schattenmomenten, so wie den Menschen mit seinen Fähigkeiten, Träumen und Hoffnungen beschreibt. So, wie Licht und Schatten zusammengehören, so braucht auch der Frühling den Herbst, um den Kirschbaum erblühen zu lassen.


Marina Gennari

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