Aus dem Emg. v. Susanne Just.
Arctis 2022.
384 S.

Deb Caletti: Wie ein Herzschlag auf Asphalt

Wo läuft sie hin? Keine Ahnung.
Warum läuft sie? Na ja, manchmal zerbricht man einfach.

Annabelle läuft. Sie läuft sogar ausgesprochen weit. Doch wo läuft sie hin? Einmal quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika; genauer gesagt von der West- zur Ostküste, bis sie in Washington D.C. ankommen wird. Während das Wohin für die Lesenden recht schnell klar wird, bleibt die Antwort auf das Warum sehr lange im Dunkeln. Klar ist nur, dass es mit ihm, dem Stehler, wie ihn Annabelle nur nennt, zusammenhängt. Und dass sie sich selbst die Schuld an etwas gibt, von dem wir über eine lange Zeit ebensowenig erfahren, wie über Kate. Jene Freundin, deren Stimme während des Laufens wie aus dem Off spricht, ihr zuspricht, sie unterstützt.

Personal erzählt eröffnet Deb Caletti Kilometer um Kilometer, den Annabelle näher an ihr Ziel kommt, das zerrüttete Innere der Protagonistin: Das Laufen wirkt dabei – unabhängig von den körperlichen Strapazen, die sich gezwungenermaßen auf einer derart langen Strecke ergeben – für die Figur wie eine Therapie; ihre Schritte wie ein Takt, an dem sich ihre Gedanken festhalten können. Die Monotonie eröffnet aber auch Raum, um nachzudenken, zu erinnern, Revue passieren zu lassen. Im gleichen Tempo wie jene Erinnerungen hochkommen, erfahren die Lesenden bruchstückhaft, was sich in der Vergangenheit abgespielt hat: Von der Beziehung zu Will und dem Zerbrechen ebendieser; von der besonderen Freundschaft zu Kate und der und der Annäherung an den Stehler, genauso wie der späteren Ablehnung seiner Zuneigung Annäherung wie Ablehnung der Zuneigung des Stehlers. Und von dem Grund, warum all diese Beziehungen ein jähes Endes fanden.

Begleitet wird sie dabei von ihrem Großvater mit italienischen Wurzeln in seinem alten Wohnwagen, der schon immer ein Faible für Roadtrips hatte; der an alte, aber keineswegs konservative Werte glaubt und der ihr wie ein Fels in der Brandung loyal zur Seite steht, während sie sich immer wieder in und zwischen den Läufen verliert.

Trotz des emotionalen Beistandes durch den Großvater und andere Familienmitglieder schwingt eine Frage immer mit: Jene nach der Schuld. Die Frage, ob sie daran schuld ist, dass Kate und Will nicht mehr leben? Ob sie den Stehler dazu animiert hat, zur Waffe zu greifen, mit der Intention, sie, Annabelle, und Will zu töten?

Über den Verlauf der Geschichte entfalten sich verschiedene Themen und Dimensionen, die unterschiedliche persönliche und gesellschaftspolitische Themen ansprechen. Auch wenn klar der Appell gegen die Waffengewalt in den USA USA herauszulesen ist, nimmt die Schuldfrage beinahe noch mehr Raum ein. Erst die Unterstützung, die Annabelle zunächst von ihrer Familie und später dann von ganz vielen Menschen in den USA in Form von Spenden und Willkommenswünschen in unterschiedlichen Städten bekommt, hilft ihr die Frage nach der Schuld ein Stück weit abzulegen. Am Ende ihrer Reise in Washington D.C. kann sie endlich darüber sprechen, was in jener Nacht geschehen ist und was der Stehler getan hat. Und somit wird bis zur letzten Seite dem Warum in abwechslungsreichem Ton nachgespürt, bis am Ende eine jugendliche Figur steht, die ihre Ängste und die Trauer ein Stück weit überwinden kann, um vorsichtig in Richtung Hoffnung zu blicken – auch wenn sie eigentlich zerbrochen ist. Und das liegt nicht zuletzt an all den Menschen, die sie während ihrer Reise und ihres Heilungsprozesses getroffen hat.

Alexandra Hofer

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