Baobab 2021.
€ 19, 10.

Matías Acosta: Die Sommergäste. Las visitas de verano

Diese Geschichte ereignete sich an einem Ort,
Esta historia sucedió en un lugar /
an dem ein Mann ganz für sich alleine lebte.
donde vivía un hombre solitario.

Gleich einem Echo tönen in Matías Acostas Bilderbuch die mehrsprachigen Textzeilen auf und zwischen den Doppelseiten nach. Vor dem Hintergrund eines in einer einsamen, kahlen Landschaft stehenden Hauses entfalten die auf dem Blau-Weiß des Himmels in Rot und Braun abgedruckten spanisch- und deutschsprachigen Worte eine Geschichte über einen zunächst unwillkommenen Besuch, der sich – unverdrossen und unbeeindruckt von den Protesten des Protagonisten – Einlass in das Leben des Einsiedlers verschafft und dieses von Grund auf transformiert.

„Die Sommergäste // Las visitas del verano“ ist das erste Bilderbuch des uruguayischen Illustrators, das auch in deutschsprachiger Übersetzung erhältlich ist, und das erste, für das der gelernte (Animations-)Filmemacher sowohl für Bild als auch für Text verantwortlich zeichnet. In wenigen, behutsam gewählten Worten und poetischen Bildern erzählt er darin eine Parabel über Freundschaft und über den (Kreis-)Lauf der Zeit.

Bereits die ersten Seiten eröffnen jenes Panorama, das uns (fast) über das gesamte Bilderbuch begleitet: Ein Haus mit der dazugehörigen Scheune steht in einer kargen Ebene; die verblassten Silhouetten einer weit entfernten Bergkette sind im Hintergrund gerade noch zu erkennen und bilden jenen am unteren Bildrand verlaufenden Horizont, der den Blick der Leser*innen von links nach rechts lenkt. Gleich einem Film schwenken die Lesenden mit dem Umblättern durch das Bild, fokussieren auf das Haus, blicken in die Schatten der Scheune und zoomen wie mit einer Kamera wieder heraus. Das immergleiche und zunächst starr wirkende Setting, an dem sich das Vergehen der Zeit nur durch die an der Färbung des Himmels und dem Niederschlag erkennbaren Jahreszeiten abzeichnet, wird so auf gekonnte Weise lebendig gemacht und lädt ein, in die Geschichte eintauchen.

Dieses Kompositionsprinzip funktioniert auch deshalb so gut, da es vorwiegend die Bilder sind, die den mehrstimmig widerhallenden Text, der in seiner Offenheit vieles unbestimmt lässt, spezifizieren: Schon auf der ersten Doppelseite entpuppen sich jene Eindringlinge, die im Text nur als „Gäste“ bezeichnet werden und die den Alltag des ebensowenig näher beschriebenen, namenlosen Mannes umkrempeln, als weiße Gänse, deren stetes und lautstarkes ¡ÄN-ONG! die vermeintliche Ruhe – man könnte diese auch als triste Langeweile oder starre Gewohnheiten lesen – des Protagonisten stört. Stimmiger Weise ist es genau an dieser Stelle, an der das Buch für einen Moment mit seiner konsequenten Doppelseitengestaltung bricht: Während die abfallenden, von blassen Grau- und Blautönen dominierten Bilder der ruralen Landschaft sonst stets die gesamte Doppelseite ausfüllen, werden die verzweifelten Versuche des Mannes, die Gänse durch Gegen-Lärm, Verscheuchen oder Erschrecken loszuwerden, in pluriszenischen Bildabfolgen auf entleertem weißem Hintergrund platziert. Dass diese Bemühungen scheitern müssen, scheint von Beginn an nahegelegt.

Wie die ungebetenen Gäste trotz aller Widrigkeiten das Herz des Griesgrams erobern, erzählen die darauffolgenden Doppelseiten, denen immer auch eine melancholische Stimmung innewohnt, ohne jeglichen Kitsch. Konsequent scheint es daher nur, dass die neu gewonnen Freund*innen schließlich wieder abziehen müssen. Der stete Kreislauf der (Jahres-)Zeiten legt jedoch nahe, dass die Figuren auf ein baldiges Wiedersehen hoffen dürfen. Dass die deutschsprachige Übersetzung aus der Feder von Jochen Weber zusammen mit Matías Acostas Originaltext auf der Doppelseite platziert wird, lässt die besondere Polyphonie dieses Bilderbuchs – gemeinsam mit dessen vielschichtigen Bedeutungsebenen – über die Seiten hinaus weiterklingen.


Claudia Sackl


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