Religiöses Buch im März 2026

Fischer SAUERLÄNDER 2026.
48 S.
Anja Tuckermann und Annabelle von Sperber: Damals in der Rosenstraße. Als Frauen und Kinder sich gegen die Nazi-Diktatur stellten
Dass Kinder- und Jugendliteratur einen maßgeblichen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten kann, wurde an dieser Stelle und in unterschiedlichen Arbeitsbereichen der STUBE (z. B. das >>> Projekt 8. Mai) schon öfter thematisiert. Dass es aber immer noch neue Aspekte gibt, die vielleicht weniger bekannt sind, zeigt sich immer wieder. Im aktuellen Religiösen Buch des Monats wird ein ganz konkreter Moment der Widerstandsbewegung im zweiten Weltkrieg aufgegriffen:Berlin-Mitte. In der Nähe des Alexanderplatzes, wo sich heute täglich tausende Menschen tummeln, war der Schauplatz einer der größten Protestaktionen in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Verwaltungsbehörde der Jüdischen Kultusvereinigung hatte ihren Sitz in der Rosenstraße 2-4. Jene Adresse und damit jenes Haus, in das im Februar 1943 Juden und Jüdinnen, die bis dato in „gemischten“ Familien lebten, gesperrt wurden, um sie im Folgenden zu verschleppen. Angehörige fanden am gleichen Tag die Adresse heraus und hunderte Frauen und ihre Kinder protestieren fortan friedlich vor dem Haus für die Freilassung der Inhaftierten – und hatten am Ende damit sogar Erfolg.
Diesen Umstand wählte das Künstlerinnen-Duo für ihr Sachbilderbuch, in dem die fiktive Geschichte der Familie Gumpel rund um die Kinder Doris und Helmut, aber auch ihres inhaftierten Vaters erzählt und zugleich eine historische Einordnung und Erläuterung getätigt wird. Im Satz wird das durch unterschiedliche Schriftfarben deutlich: in schwarz gehalten werden jene Passagen, die die Geschichte rund um die Familie erzählen, während historische Einordnungen in weiß gesetzt werden. Höchst informativ, aber keineswegs überfordernd erzählt Tuckermann einen Teil der Geschichte literarisch aus und verbindet dabei das Einzelschicksal einer Familie mit einem kollektiven Einschnitt. Die Autorin schafft eine Zusammenschau der Lebensrealität von jüdischen Menschen in Berlin zwischen 1941 und 1943, geht auf die Ideologie der Nationalsozialist*innen ein und verwebt historischen und erzählenden Teil ineinander.
Annabell von Sperber kleidet die Protestaktion in eine gedeckte gehaltene, ausdrucksstarke Bildwelt, die durch kräftiges Gelb und Rot als Signalfarben gebrochen wird. Gelb steht für das Judentum gleichermaßen wie für die enorme Kraft der Gemeinschaft, die durch den Protest über Tage hinweg entsteht. Rot hingegen wird einmal mehr als Farbe der Nationalsozialist*innen eingesetzt und wirkt dort besonders stark, wo der Ein- und Übergriff auf jüdisches Leben stattfindet.
Illustratorische Feinfühligkeit trifft auf historische Genauigkeit und derart entsteht ein (Sach-)Bilderbuch, das betroffen macht, informiert und sensibilisiert. Und einmal mehr für die Sichtbarmachung und zugleich als Sinnbild dafür steht, dass das Prinzip der kritischen Masse Dinge verändern kann, was sich in der Freilassung der Inhaftierten – wenn auch nicht bei allen mit Happy End – zeigt.
Alexandra Hofer
Andere Bücher, die die Zeit des Nationalsozialismus thematisieren, finden sich in einer Buchliste zum Thema >>> Shoah und Widerstand
Die gesammelten Religiösen Bücher des Monats finden Sie im
>>> Archiv
