Religiöses Buch im Mai 2026

Tyrolia 2026.
128 S.
Anna Maria Praßler: Der Platz in dir
Bekräftigung, Vollendung der Taufe, Salbung, Initiationsritus zu einem selbstverantworteten, erwachsenen Glauben – die Firmung, eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche, ist mit vielen Bedeutungsebenen aufgeladen. Und erfolgt meistens in einer Lebensphase der Jugend, in der sich ganz viele Fragen rund um die eigene Identität, die eigene Rolle in der Gesellschaft, aber auch dem jeweils eigenen Umfeld stellen. So ist es eigentlich naheliegend, die Firmung beziehungsweise die Vorbereitung darauf zum Thema eines Jugendromans zu machen – auch wenn das Buch in seiner Aufmachung eher an ein jüngeres Lesepublikum adressiert zu sein scheint. Ausgangspunkt der Handlung: Eine Firmgruppe unternimmt eine Abschlussfahrt zum Tiroler Wallfahrtsort Absam, wo seit 1797 ein Marienbild, nach anfänglicher kirchlicher Skepsis mittlerweile als ein Bild anerkannt, das nicht von Menschenhand gemacht wurde („acheiropoieton") (pfarreabsam.at/at/wallfahrt/wallfahrtsgeschichte.php), verehrt wird. Die Gruppenleiterin hat irgendwie übersehen, dass für Luisa, seit einem Autounfall im Rollstuhl, eine Fußwallfahrt nicht unbedingt geeignet ist – der fürsorgliche Vater, seines Zeichens Reli-Lehrer, weiß Abhilfe: Man kann ja die Gelegenheit für einen Familienurlaub nützen und dabei das Kind unterstützen. Das dreizehnjährige Mädchen muss also neben dem „normalen“ jugendlichen Ablösungsprozess ihren Eltern zeigen, dass sie auch mit ihrer Behinderung selbstbestimmt und autonom leben will und tut das auf sehr resolute Weise: „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert.“
Gleichzeitig steigt der gleichaltrige Jona aus Berlin mit einer Jugendgruppe aus seiner polnischen Gemeinde in einen Reisebus, um an einer Internationalen Jugendbegegnung teilzunehmen – eines der Ziele: Absam. Ein Ort, der für ihn eine besondere Bedeutung hat, weil seine Mutter dort war, damals, als sie überzeugt war, sie könnte den Krebs besiegen.
Zu den Perspektiven dieser beiden jugendlichen Hauptfiguren (die in den Illustrationen jedoch sehr kindlich wirken), die einander natürlich in Absam nicht nur begegnen, sondern ein Stück ihrer Lebensherausforderungen miteinander meistern, stellt die Autorin drei weitere, erwachsene, Figuren: Die Italienerin Alessia, eine junge Frau, die Jonas‘ Jugendgruppe begleitet. Samir, der nach seiner Flucht aus Syrien in einem Tiroler Altenheim arbeitet, und in seiner Freizeit gerne zeichnet. Und schließlich Hedi, eine alte Frau, die in diesem Altenheim von Samir betreut wird und vor vielen Jahren in der Wallfahrtskirche von Absam ihre große Liebe Schorsch geheiratet hat. Ihr Talent, Lebensgeschichten in ihrer Vielfalt und Brüchigkeit zu erzählen, hat Anna Maria Praßler 2025 mit ihrem Buch „Keine Party ist auch keine Lösung“ bewiesen, das in der Kategorie Kinderbuch für den >>> Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert wurde. Auch wenn manche der Wendungen im Text durchaus vorhersehbar sind (während sich Luisa und Jona anfreunden, werden Alessia und Samir von der Liebe auf den ersten Blick ereilt), gelingt es ihr, diese so unterschiedlichen Figuren mit ihren individuellen Biographien schlüssig zueinander zu führen. In seiner Vielschichtigkeit bietet sich der Roman auch für eine konkrete Umsetzung in Kontexten wie Firmvorbereitung, pfarrliche Jugendgruppe oder auch Religionsunterricht an, dafür stellt der Verlag umfangreiche >>> Vermittlungsideen zur Verfügung.
So ur-katholisch der Tiroler Wallfahrtsort mit seiner traditionellen Volksfrömmigkeit ist, so unaufdringlich baut die Autorin in ihre Geschichte auch andere religiöse Traditionen ein: Als Luisa mit ihren Eltern den Pfarrer Martin besucht, steht dort auf einem Plakat das Wort „Namaste“ auf Sanskrit, ein Verweis auf den Hinduismus. Samir hingegen ist Moslem, und es ist eine der stärksten Szenen des Buches, als ihn das Gnadenbild, das er zusammen mit Hedi besucht, tief bewegt: Nicht wegen Maria, deren Verehrung als Mutter eines Propheten für ihn nicht nachvollziehbar ist. Sondern weil ihn die Art, wie sie ihr Kopftuch trägt, an den Hijab seiner Schwester Zaynab erinnert, von der er auf der Flucht getrennt wurde, und über deren Schicksal er nichts weiß. Trauer um unwiederbringlich Verlorenes, eine neue Liebe, ein Schritt mehr in ein selbstbestimmtes Leben – mit unterschiedlichen Erfahrungen und Gefühlen verlassen die fünf Figuren diesen besonderen Ort wieder. Und sind doch, jede auf ihre Art, verwandelt durch diese Begegnung, mit dem Gnadenbild, miteinander, aber auch mit sich selbst: „Aufs Neue schaut Luisa zum Gnadenbild und hat das Gefühl, ihr Selfie verschmilzt mit dem Bild.“
Kathrin Wexberg
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