Gerstenberg 2022.
32 S.

Mehrdad Zaeri und Werner Holzwarth: Der Winter des Eichhörnchens

Am Anfang passt das ganze Universum in eine Nussschale. Oder zumindest das Eichhörnchen und seine Welt. Und in gewisser Weise sind es auch die Nüsse, die das ganze Universum des Eichhörnchenkindes ausmachen: Im Herbst gesammelt und mit Bedacht versteckt, helfen sie im Winter über die langen dunklen und kalten Stunden.

Am Anfang bedeutet jede versteckte Nuss auch ein stärkendes Frühstück, eine feine Jause oder ein wohliges Abendessen. Irgendwann aber wird das Finden schwieriger – wo sind sie denn hingekommen, diese elenden Nüsse? Schließlich werden es mit den Wintern, die kommen und gehen, immer weniger Nüsschen, die im hungrigen Magen landen. Dafür aber kommt es vor, dass beim Suchen vergessen wird, was denn genau gesucht wird. Aber ist das so schlimm? Nein. Ein bisschen traurig? Mitunter. Voll wärmender Melancholie? Definitiv.

Es ist eine Geschichte über das Altwerden, die der in Isfahan geborene Mehrdad Zaeri und Werner Holzwarth, Autor des Buches vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte, in bittersüßen Bildern und knapper Sprache erzählen. Es ist ein Altwerden, das ohne menschliche Perspektivierung auskommt, ohne kindlicher Enkelerfahrungen, die bemerken, dass die Großeltern vergesslicher werden und auch ohne den Abgleich anderer Waldbewohnenden, die das Vergessen beobachten könnten. In einen reduzierten Naturraum gesetzt, ist das Eichhörnchen in seinem Tun alleine – alles konzentriert sich auf sein eifriges und unermüdliches Streben, zu sammeln, zu vergraben und zu finden. Aber gerade dieser intensive Fokus auf das Eichhörnchen macht das Erzählte umso eindringlicher. Nichts lenkt ab von der Bedeutung der Aufgabe, die die einzige zu sein scheint; den Kreislauf der Jahreszeiten mit Säen und Ernten auszufüllen.

Nun nimmt die Erzählung nicht, wie in Jean de La Fontaines Fabel von der musizierenden Grille und der vorsorgenden Ameise jene, wenn auch gültige, so strapazierte Wendung, dass allein emsige Arbeit die spätere reiche Entlohnung der Ernte mit sich brächte. Denn das Eichhörnchen sammelt und sammelt – oder sät und sät – und erntet dann doch nicht. Aber setzt sich die Erzählung somit über jeden religiösen Gerechtigkeitssinn hinweg? Ist es nicht schiere Ungerechtigkeit, dass die Winter durchhungert werden müssen? Ja und nein, denn die Erzählung findet sich nicht mit einseitigem Unbill ab. Ganz so alleine ist das Eichhörnchen nämlich doch nicht: Der Haselstrauch und die großen Bäume haben auch ein Wörtchen mitzureden im Kreislauf des Kommen und Gehens. Während der Strauch noch spottet: »Findet wohl seine Nüsse nicht mehr«, merkt der Baum die Bedeutung des Vergessens als existentialistische Basisarbeit an: »Wenn es alle fressen würde, die es vergraben hat, würde es uns nicht geben.«
Der Trost, den diese Worte dem Eichhörnchen geben, setzt es über die Wut der eigenen Vergesslichkeit hinweg und bettet es als wichtigen Bestandteil in den Kreis des Weiterbestehens. Von nun an freute sich das Eichhörnchen über jede Nuss, die es wiederfand. Und über jede, die es vergeblich suchte.

So wird das Säen dann doch belohnt: im Wissen, dem Großen zuträglich zu sein. Im Wissen – wenn auch nicht ganz freiwillig – altruistisch zu Handeln und somit für neues Entstehen, Leben und Wachsen zu sorgen.

In seiner Bildsprache ist „Der Winter des Eichhörnchens“ ebenso konsequent wie durchkomponiert. Das Orange des Eichhörnchenfells kontrastiert mit den Blautönen der Winterlandschaft, die das warmgoldene Herbstlicht ablöst und wird mehr und mehr zum Fremdkörper, der die lange Winternacht besprenkelt. Als Junges nussgroß und farblich fast verschwindend im allgemeinen Warm der Herbstfarben, ist das Tier im Schnee eine wütend aufzüngelnde Flamme, die zwar Schuhe und Flaschen ausgräbt, aber keine Nüsse. Hat es sich resigniert im entlaubten Baum niedergelassen, spiegelt es dabei ein längst vertrocknetes Blatt am Ende des Astes. Mit der langen Nacht und den Anmerkungen des großen Baumes kommt aber auch Licht in die Bilder der Doppelseiten: Der Mond geht auf und fabriziert lange Schatten am schneeweißen Untergrund. So findet sich wohl eines der eindringlichsten textlosen Bilder des Buches in der Doppelseite, die den Worten des Baumes folgt: Am linken Bildrand sitzt das Eichhörnchen im Schnee, dessen Horizontlinie die Mitte markiert. Rechts oben steht der Mond als blasse Lichtquelle und gibt dem Tier einen sanften Schlagschatten. Zum ersten Mal, so scheint es, ist es kein getriebenes Wesen, kein suchendes und kein sammelndes. In sich ruhend begreift es seine Rolle im eigenen Nussschalenuniversum.

Der Sinneswandel, der Trost des Beitragens und vielleicht auch der noch größere Trost darüber, in gewissermaßen in den Bäumen fortzubestehen, wenn das eigene Wirken vorbei ist, lässt den kleinen orangenen Körper durch die Bildfolge der letzten Seiten springen. Das Eichhörnchen tut einen gewaltigen Satz – so gewaltig, dass währenddessen eine ganze Jahreszeit heraufdämmert. Mit der aufgehenden Sonne und dem absteigenden Mond legt sich das Licht frühlingshaft über den noch starren Wald.


Von nun an freute sich das Eichhörnchen über jede Nuss, die es wiederfand. Und über jede, die es vergeblich suchte.
Denn plötzlich hatte alles wieder einen Sinn.   
Fehlt das Eichhörnchen im letzten Bild, so steht am Ende der Wald im Mittelpunkt – eine Erinnerung an sein Wirken und an sein Vergessen.
In einem älteren Interview auf die warme Melancholie der Atmosphäre seiner Bilder angesprochen, denkt Mehrdad Zaeri an Erlebnisse im Iran seiner Kindheit zurück: Ich kann mich erinnern, als Kind hab ich manchmal Feste erlebt, bei denen sich mein Vater und andere Väter getroffen haben, und dann haben sie melancholische Musik gehört und geweint. Und am Ende des Abends sagten sie: Das war ein toller Abend, das müssen wir wiederholen. (https://www.deutschlandfunk.de/illustrator-mehrdad-zaeri-ich-will-mein-leben-lang-bilder-100.html)

So fühlt sich das Lesen und Betrachten von „Der Winter des Eichhörnchens“ wohl ein wenig an, wie ein iranisches Fest, zu dessen später Stunde die Gäste zusammensitzen und weinen. Nach der letzten Seite schlägt man das Buch wieder von vorne auf, sieht dort das orangerote Eichhörnchenkind im Universum seiner Nussschale sitzen, und denkt sich: Das müssen wir wiederholen

Iris Gassenbauer

 

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