Urachhaus 2021.
€ 16, 90.

Jihyun Kim: Sommer

Den Ausgangspunkt ihrer Geschichte stellt die koreanische Künstlerin Jihyun Kim bereits auf dem Vorsatzpapier dar: ein durch und durch urbanes Setting, wann und wo genau, bleibt offen. Die erste Doppelseite zoomt in eines der dargestellten Häuser hinein: ein kleiner Bub und sein Hund im Kinderzimmer sind jeweils in ihr Spiel vertieft, die Eltern im Nebenzimmer wirken hingegen geschäftig. Die nächsten Seiten zeigen, warum: Mit dem Auto geht es hinaus aus der Stadt, über Landstraßen in einen Wald zu einem kleinen Häuschen, in dem ein älteres Paar, wohl die Großeltern, schon wartet. Der Blick des Kindes fällt sehnsüchtig durchs Fenster, wo der Wald und damit das Abenteuer beginnt. Die Perspektiven, die die Künstlerin in ihrer ausschließlich auf der Bildebene erzählten Geschichte einnimmt, erinnern stark an filmisches Erzählen: Der kindliche Protagonist wird manchmal in Close-ups, fokussiert auf sein Staunen über all das, was ihm bei seiner autonomen Naturerfahrung begegnet, dann wieder in Totalen dargestellt, wodurch die Natur, die er erkundet, noch eindrucksvoller wirkt. Die Stimmung und die Farbgebung ändern sich subtil, als er mitten im Wald einen Teich entdeckt. Mit dem beherzten Sprung ins Wasser werden die zarten grünen Akzente, mit denen die sonst fast in Graustufen gearbeiteten Illustrationen getönt sind, durch ein verwaschenes Blau ersetzt. War die Stimmung im Wald durch Ehrfurcht und Ernsthaftigkeit geprägt, ist die Entdeckungsreise unter Wasser verspielt und lustvoll, die Wasserpflanzen und Fische sind detailreich dargestellt. Im Gegensatz dazu sind die nächsten Bilder sehr reduziert: Eine ganze Doppelseite folgt dem Blick des Kindes, das beim Ausruhen auf einem Steg in die Sommersonne schaut.

Im Nachwort schreibt die Künstlerin, dass sie in diesem Silent Book eigene Kindheitserfahrungen und das Berührt-sein durch die Begegnungen mit der Natur verarbeitet hat, ein “Bewusstsein für das Leben” formuliert sie es. Dieses Bewusstsein für das Leben kann natürlich auch als spirituelle Erfahrung gedeutet werden: das Staunen über die Schöpfung als universelle Erfahrung, die für jedes Kind zu jeder Zeit eine wesentliche ist. Und die dort in besonderer Weise geschehen kann, wo Kinder autonom und in ihrem eigenen Tempo diese Schöpfung erkunden können – in diesem Sinne zeigt das Nachsatzpapier als rahmenden Abschluss der Narration den nächtlichen Wald am Ufer des Teiches. 


Kathrin Wexberg

 

Die gesammelten Religiösen Bücher des Monats finden Sie im
>>> Archiv