MINT-Buch im Dezember 2025

Aus dem Engl. v. Cornelia Panzacchi.
Magellan 2025.
88 S.
Jules Howard und Chervelle Fryer: Bones. Knochen und Skelette in der Tierwelt
Der 22. Dezember 1895 war der Tag, an dem eine mutige Frau und ein erfindungsreicher Mann die medizinische Diagnostik für immer veränderten: Bertha Röntgen setzte ihre Hand für eine halbe Stunde jenen X-Strahlen aus, die ihr Mann, der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen, erfunden hatte. 130 Jahre später erscheint nun ein Sachbuch, das sich in seiner Ästhetik ganz der Machart dieser Bilder verpflichtet – die übrigens im Englischen immer noch „x-ray-images“ genannt werden, während im deutschen Sprachgebrauch der Name des Erfinders übernommen wurde.
Auf der ersten Doppelseite setzt die Illustratorin Chervelle Fryer die weißen Knochen, um die es im Folgenden gehen wird, sehr effektvoll auf schwarzen Untergrund, während Jules Howard, ein Wissenschaftsjournalist und Sachbuchautor vor allem zu zoologischen Themen, die Wichtigkeit des Themas auf den Punkt bringt:
Die Erfolgsgeschichte der Tiere unseres Planeten ist im Grunde eine Geschichte der Skelette.
Schon hier werden spannende Fakten vermittelt, etwa die Tatsache, dass neugeborene Menschenkinder noch mehr als 300 Knochen haben, im Erwachsenenalter aber nur mehr 206: Im Lauf des Wachstums verbinden sich einige Knochen miteinander. Mit Blick auf die Tierwelt, um die es im Buch im Wesentlichen geht, wird herausgearbeitet, wie raffiniert sich Skelette an die jeweilige Lebensform anpassen: So sind bei Vögeln die Handgelenksknochen verwachsen und das Brustbein gebogen, um den Flugmuskeln genügend Halt zu bieten.
Nach einem einleitenden Kapitel ist die Fülle des folgenden nicht nach unterschiedlichen Tiergattungen gegliedert, sondern nach Funktionen der Knochen: Denn Beißen, graben, greifen, aber auch Gewicht tragen, laufen und schwimmen wären nicht möglich ohne Knochen. Dann wird jeweils an drei bis vier Spezies, vom Pottwal bis zum Gürtelmull, auf je einer Doppelseite im Detail gezeigt, wie das bei diesem Tier funktioniert. Dabei wird eine gemalte realistische Abbildung des Tieres jeweils einer Art „Röntgenbild“ gegenübergestellt, auf der tatsächlich jeder Knochen erkennbar ist. Mit überraschenden Details: der Gürtelmull z. B. hat als Vertreter der Nebengelenktiere an den Wirbeln zusätzliche Fortsätze, die dem unteren Rücken und dem Becken mehr Halt geben – daher kann er sich besser durch Erde und Sand graben. Die effiziente Grabe-Technik des Großen Kaninchen-Nasenbeutlers hingegen ist seinen kurzen Unterarmknochen, vervollständigt durch stabile Krallen an den Vorderpfoten, geschuldet.
Im Text, der in recht kleiner Typographie auf den großformatigen Seiten platziert ist, werden die Leser*innen als Du angesprochen und dabei auch auf die Unterschiede zwischen Mensch und Tier hingewiesen:
Wenn du die Seiten dieses Buchs umblätterst, tust du etwas, das die meisten Tiere nicht können. Ein kompliziertes System aus 27 Hand- und Fingerknochen ermöglicht es dir, das Papier behutsam zu greifen und zu bewegen. Nur Menschen, Affen und Menschenaffen (Primaten) sind dazu in der Lage.
Thematisiert wird auch, was wir trotz aller Forschung noch nicht über Knochen wissen: Die Tatsache, dass der Große Panda weniger Wirbel als andere Bärenarten hat, könnte ihm helfen, länger aufrecht zu sitzen.
Besonders eindrücklich sind jene Verweise, die weit in die Evolution zurückreichen und damit zeigen, wie unglaublich komplex die Entwicklung jeder einzelnen Spezies verlaufen sein muss: Obwohl sich der Blauwal so optimal an den Lebensraum Meer angepasst hat, weist sein Skelett noch zahlreiche Erinnerungen an die an Land lebenden Vorfahren auf.
LESEN – SPRECHEN – TUN
LESEN – die Texte vermitteln eine Fülle an Informationen auf sehr kompakte Weise und brauchen daher eine gewisse Lesekompetenz oder entsprechende Begleitung durch Erwachsene.
SPRECHEN – es ist wohl das Moment des Staunens, das die Gespräche über die Inhalte dieses Buches bestimmen wird: Wusstest du, dass Elefanten keine Schlüsselbeine haben? Der Schwanz des Brüllaffen kann sein ganzes Körpergewicht tragen!
TUN – Die detaillierte Erklärung von einzelnen Bewegungsabläufen und der Rolle der einzelnen Knochen macht Lust, dazu selbst Dinge auszuprobieren: wo spüre ich die 27 Hand- und Fingerknochen, wenn ich eine Buchseite umblättere? Gibt es ein Röntgenbild von einem meiner Knochen und was ist darauf zu sehen? Steht irgendwo in der Schule ein Skelett, an dem wir die 206 Knochen eines Erwachsenen abzählen können?
Kathrin Wexberg
„Bones“ ist eines von fünf besonderen Sachbüchern, die es auf die Shortlist des Wissenschaftsbuch des Jahres geschafft haben. Das Siegerbuch wird nun durch ein Publikumsvoting ermittelt, bis 8. Jänner 2026 kann hier abgestimmt werden:
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Die gesammelten MINT-Bücher der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> MINT-Archiv
