Aus d. Engl. v.Stefane Ochel.
Insel 2022.
64 S.

Graig Caudill und Carrie Shryock: Die verborgenen Zeichen der Natur.

Naturlieb zu sein und sich gerne im Grünen aufzuhalten sind Eigenschaften, die trotz (oder gerade wegen) der rasch voranschreitenden Technologisierung unseres Alltags viele Menschen teilen. Aber was ist die Natur dann eigentlich für uns? Eine schöne Kulisse, die wir wie ein Kunstmuseum voller faszinierender aber uns doch irgendwie fremder Ausstellungsstücke durchschreiten? Oder nur eine Erweiterung unseres eigenen Raums, in den sich hin und wieder überraschend ein Tier verirrt? Die Natur zu schätzen ist eine Sache, aber sie lesen und (zumindest in Ansätzen) verstehen zu können eine ganz andere. Genau diese Fähigkeit hat der US-amerikanische Autor und Podcaster Craig Caudill zu seinem Beruf gemacht. Normalerweise vermittelt er sein Wissen in Kursen draußen in der Natur Kentuckys, jetzt aber hat er gemeinsam mit der Illustratorin Carrie Shyrock ein Buch zu ebendiesem Thema produziert; es soll den Leser*innen helfen, aufmerksamer durch die Tier- und Pflanzenwelt zu gehen. Die Prämisse dabei lautet: Naturkundlerinnen und Naturkundler können heute auf viele Geräte zurückgreifen, aber die wichtigsten Instrumente haben sie immer dabei – ihre Sinne.

Die ersten Seiten sind darum eine Art Einführung: Worauf müssen wir achten, wenn wir draußen unterwegs sind und die titelgebenden verborgenen Zeichen der Natur deuten möchten? Sehen, Tasten, Riechen und Hören bekommen hier ganz dezidiert Werkzeugcharakter zugesprochen – und dann geht die Reise los. Lokal beschränkt sich das Sachbilderbuch nicht auf die Herkunft seiner Macher*innen, sondern nimmt seine Leser*innen auf eine Reise um den Globus mit. Mit jeder Doppelseite wird ein anderer Ort bereist, vom Stadtrand Mumbais nach einem Regenschauer (Was sagt uns eigentlich die Anzahl der Pfützen über die Himmelsrichtungen?) über einen englischen Garten in der Morgendämmerung (Und wie verändert sich das morgendliche Vogelgezwitscher mit den Jahreszeiten?) bis ins abgelegene Northern Territory Australiens, das die idealen Bedingungen zur Beobachtung des Nachthimmels bietet.

Die Illustrationen setzen farbenfroh die Fauna und Flora der jeweiligen Orte in Szene, die meisten gegebenen Tipps sind hingegen ortsunabhängig – aber selbstverständlich je nach Wetter und Jahreszeit – anwendbar. Als Begleiter*innen sind den Leser*innen zwei Kinder zur Seite gestellt, die bildlich in die Tat umsetzen, was in den Texten nur beschrieben wird. Schön ist in diesem Zusammenhang auch, dass das Sachbuch zwar zahlreiche Hinweise und Handlungsanleitungen gibt, auf zu umfangreiche Textblöcke aber verzichtet. Die Informationen sind in kleineren Textfeldern auf den Illustrationen jeweils dort zu sehen, wo sie relevant sind. Das ermöglicht auch jungen und vielleicht noch ungeübteren Leser*innen, das Buch für sich zu nutzen.

LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – Die kurzen, prägnanten Textpassagen sind leicht zu verdauen und bieten außerdem die Möglichkeit zur bewussten Auslassung: Informationen müssen durch die thematische Doppelung mit den jeweiligen Illustrationsausschnitten nämlich nicht erst aus einem langen Fließtext herausgefiltert werden. Wer etwa an der Orientierung in der Natur interessiert ist, sucht die mit einer kleinen Windrose markierten Seiten; wer sich hingegen für das Leben bestimmter Tiere begeistert, wird sich auf diese fokussieren.

SPRECHEN – Gesprächsanlässe liefert dieses Sachbuch allerhand, und zwar für drinnen und draußen. Die verschiedenen Regionen laden etwa zum Vergleich mit dem eigenen Lebensraum ein, Tier- und Pflanzenarten zum gemeinsamen Recherchieren; auch in Hinsicht auf aktuelle Themen wie die Klimakrise oder Artenschutz. Und bei manchen Begriffen oder Konzepten kann es nicht schaden, sie noch einmal gemeinsam durchzudenken – hierbei kann das im Anhang beigefügte Glossar helfen.

TUN – Zwar macht das Lesen große Freude, das ganze Buch ist aber im Grunde eine einzige Handlungsaufforderung. Mit neuem Wissen ausgestattet wird gerade darauf abgezielt, die Leser*innen für ihre Umgebung zu sensibilisieren und zum aktiven Ausprobieren in der Natur zu ermutigen. Und für alle, die auf den Geschmack gekommen sind, gibt es im Anhang noch weiterführende Bücher und Websites zur Vertiefung.

Sarah Auer