Tulipan 2026.
208 S.

Nikola Huppertz: Tage mit B.

„Zugegeben, ich denke oft an Käfer, Coleoptera, an die Ordnung im Allgemeinen und ihre vielen Unterordnungen, die so verschieden wie gleich sind, allesamt mit ihren gekerbten Körpern im Chitinpanzer, den Abschnitten ihrer Beinchen bis hin zu den Klauen, mit ihren Fühlern und Mundwerkzeugen, die trotz der Feinheit so gut zupacken können.“

Im Kontext von MINT in der Kinder- und Jugendliteratur werden Käfer, ihre im Zitat angesprochenen anatomischen Eigenheiten und besonderen Fähigkeiten oft in Sachbüchern dargestellt; im Kontext der erzählenden Literatur hingegen werden sie immer wieder als Metapher eingesetzt (erinnert sei hier nur an Franz Kafkas berühmte Erzählung „Die Verwandlung“). Nikola Huppertz, eine Autorin, die ihre Gabe, naturwissenschaftliche Aspekte in erzählende Texte einfließen zu lassen, bereits 2021 in einem >>> MINT-Buch unter Beweis gestellt hat, verbindet in ihrem neuen Jugendroman das eine mit dem anderen. So sind etwa die Abschnitte des Buches mit den Begriffen Panzer, Fühler, Klauen und Flügel betitelt …

Simon, der 13-jährige Ich-Erzähler, aus dessen Mund das Eingangszitat stammt, erforscht Käfer mit Begeisterung und Akribie. Ein durchaus ungewöhnliches und etwas aus der Zeit gefallenes Faible für einen Jugendlichen – das natürlich auch mehr über seine Persönlichkeit aussagt als jeder innere Monolog. Am Ende der Ferien ist wie immer ein Urlaub mit dem Vater und seiner jüngeren Schwester Käptn (eigentlich Emilia) geplant, während die Mutter in der gemeinsamen Firma die Stellung hält, dafür ist im (fiktiven) Dorf Klein-Hilke an der Elbe eine Ferienwohnung gemietet. Vor der Ankunft wird jedoch noch ein zusätzliches Urlaubs-Mitglied am (real existierenden) Provinzbahnhof Bleckede abgeholt: B., vormals Bernadette, 15 Jahre alt und das Patenkind des Vaters. Offenbar kommen die Eltern mit der schwierigen Jugendlichen nicht zurecht, und so hat der Vater, seine Rolle ernst nehmend, angeboten, sie in den Urlaub mitzunehmen.

B. wird zunächst über ihr Aussehen (zerknitterter Mantel, Doc Martens, old-fashioned Segeltuch-Reisetasche) beschrieben, doch spätestens in der Ferienwohnung wird klar, dass auch ihr Verhalten ungewöhnlich ist: Statt ein Bett zu beziehen, schlägt sie ihr Lager in einer Nische mit einem mitgebrachten Schlafsack auf. Auch die Lektüre, die sie mitgebracht hat, ist unkonventionell und keine leichte Kost: sie beschäftigt sich mit Themen wie Tentai-Buddhismus und der Mystik Meister Eckharts. Die Relevanz dieser komplexen Gedanken für ihr Leben notiert sie in einem gelben Heft, in Form von Gedanken und Skizzen, die in den Erzähltext eingebaut sind.

Simon ist von B. gleichermaßen irritiert wie fasziniert: die Klarheit, mit der sie kompromisslos ihrer Wege geht, schon vor Tagesanbruch allein in die nahegelegene Elbtalaue schwimmen geht, kaum etwas isst, machen einen gemeinsamen Urlaub im herkömmlichen Sinn sowieso unmöglich. Als der Vater wegen einer beruflichen Krise zurück muss, wird entschieden, die kleine Schwester in der Obhut der herzlichen Vermieterfamilie mit gleichaltrigem Kind zurückzulassen, Simon und B bleiben quasi weitgehend auf sich allein gestellt. In dieser besonderen Atmosphäre kommen die beiden einander näher – und er beginnt ein Stück weit zu erahnen, wie es in ihrer Seele tatsächlich aussieht. Nachdem beinahe ein Unglück geschieht, findet die Sommerendreise und die gemeinsame Zeit ein jähes Ende. Doch mit der Gewissheit, dass darin für beide auch eine Rettung lag.

LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – mit seiner besonderen Atmosphäre, aber auch der Vielzahl an Themen, die dabei angesprochen werden, bietet sich der Roman als Lektüre für Jugendliche ab etwa 14 Jahren an.

SPRECHEN – B. hadert wie viele Jugendliche mit der Welt, mit der Gesellschaft, wie sie ist. Auf diese existenzielle Verzweiflung findet sie als eine mögliche Antwort eine radikale Verweigerung dessen, was von ihr erwartet wird; sie sucht aber auch nach Antworten in den philosophischen Gedanken anderer. Das bietet Anknüpfungspunkte und Gesprächsanlässe, wie die jugendlichen Leser*innen mit ähnlichen Herausforderungen umgehen oder gerne umgehen würden.

TUN – „Tage mit B.“ ist ein philosophischer, ruhiger Roman, der nicht im engeren Sinn zum Tun anregt – dafür viel mehr zum Lesen und Weiterdenken: die Fülle an Büchern und Überlegungen, mit denen sich B beschäftigt, macht neugierig, sich ebenfalls in diese Materie zu vertiefen. Ob es auch eine Zielgruppe gibt, die sich von Simons „entomologischer Neigung“ anstecken lässt und sich genauer mit Insekten beschäftigt, sei dahingestellt.

Kathrin Wexberg

 


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