MINT-Buch im Oktober 2026

Aus dem Franz. v. Nicola T. Stuart.
Jacoby & Stuart 2026.
64 S.
Olivier Charpentier: Wofür Tiere ihren Schwanz brauchen
Am 4. Oktober ist Welttierschutztag: der kirchliche Gedenktag des Heiligen Franz von Assisi, Schutzpatron der Tiere und der Umwelt, wird zum Anlass genommen, um auf Fragen rund um das Wohl von Tieren aufmerksam zu machen. In entsprechenden Kampagnensujets wird dabei meist auf große, sympathische Tieraugen oder kuscheliges Fell gesetzt. Dabei gibt es auch ganz andere, höchst faszinierende Körperteile, die Tiere von Menschen unterscheiden. Der französische Künstler Olivier Charpentier widmet sich in seinem Sachbilderbuch einem davon und stellt seinen Ausführungen ein quer über die erste Doppelseite in den Weißraum gesetztes Zitat des französischen Gelehrten und Enzyklopädisten Antoine Furetière (er lebte im 17. Jahrhundert) voran:
Ein jedes soll seinen Schwanz behalten.
Der Kontext dieses schlichten Satzes wird nicht weiter behandelt, es wird vielmehr gleich einstiegen in die zoologischen Grundlagen: Schwänze stellen eine Verlängerung der Wirbelsäule dar und haben eine bemerkenswerte Vielfalt an Formen und Funktionen. Allerlei kaudale Fakten (das ist der wissenschaftliche Fachbegriff für „zum Schwanz gehörig“) werden im Folgenden auf je einer Doppelseite mit einem gleichbleibenden Konzept aufbereitet: Auf der linken Seite ist auf weißem Hintergrund ein kurzer, auch für jüngere Leser*innen gut zugänglicher erklärender Text über die Schwanzfunktion eines konkreten Tieres abgedruckt, auf der rechten das Tier in einer ganzseitigen Illustration abgebildet: Wobei es eigentlich nicht Illustrationen, sondern genauer genommen Porträts sind. In seiner Bildästhetik und Farbgebung orientiert sich Charpentier an älteren naturkundlichen Darstellungen, mit zurückgenommenen Schattierungen und zahlreichen Details. Man meint fast, jedes einzelne Härchen der Felle zu erkennen. Seine Sujets wählt er hingegen mehr im Stil von modernen Tier-Dokumentationen, die das Verhalten im natürlichen Habitat darstellen: Der Wolf etwa klemmt gerade als Zeichen der Unterwerfung den Schwanz zwischen die Hinterbeine, bedrohlich schleichen andere Mitglieder seines Rudels um ihn herum. Das Känguru setzt seinen Schwanz im Kampf mit einem anderen Männchen als Stütze ein, das Stinktier reckt warnend den Schwanz in die Höhe, um bald eine übelriechende, ölige Flüssigkeit zu versprühen. Die ihm allerdings nichts gegen seinen gefährlichsten Feind helfen wird, von dem der Text berichtet: Autos töten die meisten Stinktiere. So werden bekannte und überraschende, ekelige und faszinierende Funktionen von Schwänzen erklärt und dabei nebenbei der Wortschatz erweitert: „Unterwerfungsdefäkation“ meint jenes Phänomen, dass Nilpferde dem dominanten Männchen ihren Respekt zeigen, indem sie ihr Hinterteil präsentieren und es mit ihrem Schwanz mit Kot bespritzen. Bis schließlich nach 23 wunderbaren Tierporträts mit der Nahaufnahme eines etwa fünf Wochen alten menschlichen Embryos der Bogen zurück geschlagen wird zu jenem Wesen, das manchmal meint, über andere Lebewesen bestimmen zu können. Und doch durch das Überbleibsel eines Schwanzes daran erinnert wird, dass es letztlich nur eine von vielen Wirbeltierarten ist …
LESEN – SPRECHEN – TUN
LESEN – die Texte von Olivier Charpentier, von Verlegerin Nicola T. Stuart gewohnt souverän ins Deutsche übertragen, sind für ein Sachbuch relativ kurz gehalten, weder in Info-Kästen gesetzt noch sonst wie aufbereitet, sondern dem klassischen Stil der Bilder entsprechend ganz schlicht in den Weißraum der Seite gesetzt. Das macht sie auch für jüngere Leser*innen (der Verlag empfiehlt das Buch ab sechs Jahren) gut verständlich.
SPRECHEN – einmal mehr wird in den durch das Buch möglicherweise angeregten Gesprächen, ob im familiären oder didaktischen Kontext, das Moment des Staunens zentral sein: welche der dargestellten Funktionen finde ich besonders überraschend, beeindruckend, grauslich …
TUN – Manche der dargestellten Verhaltensweisen spiegeln den „Gemütszustand“ oder die Verfassung des Tieres wider. Hier kann kreativ ausprobiert werden, wie wir Menschen das durch unseren Körper ausdrücken würden. Die faszinierenden zoologischen Fakten, die in den Texten kurz angeschnitten werden, können genauer recherchiert werden. Und die klug gewählten Bildkompositionen können als Anregung genommen werden, in einem ähnlichen Stil Tierdarstellungen zu malen.
Kathrin Wexberg
Die gesammelten MINT-Bücher der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> MINT-Archiv
