Gerstenberg 2026.
120 S.

Stepha Quitterer/Lina Seybold/Linda Wolfsgruber: Steine! Ganz schön genial

So variantenreich und kreativ sich der aktuelle Sachbuchmarkt darstellen mag, gibt es dennoch gewisse Konventionen, wie ein Sachbuch meist aufgebaut ist: In einer Einführung wird das Thema erläutert und aufgefächert, in den folgenden Kapiteln einzelne Aspekte daraus vertieft oder unterschiedliche Facetten herausgearbeitet. Manchmal gibt es dann noch einen Ausblick in die Zukunft, meist ein Glossar. All diese Konventionen werden in diesem Kindersachbuch, das seinem Untertitel alle Ehre macht, außer Acht gelassen – das Rufzeichen im Titel könnte durchaus auch als Hinweis gelesen werden, dass hier alles etwas anders ist. Denn ohne jegliche Einführung gehen die beiden Autorinnen nach einem Inhaltsverzeichnis gleich in medias res, nämlich einer Vorstellung von nicht weniger als 30 Steinen. So ungewöhnlich für ein Sachbuch ist auch der Ton, in dem diese jeweils mehrere Seiten umfassenden Beschreibungen, eigentlich fast Porträts, gestaltet sind:

Schmacht. Er wär so gern dabei. Bei den Coolen. Den Echten. Den einzig wahren Tachyliten! Diesen ultraschicken, schwarz-grünen Vulkangläsern, die – wie Obsidian oder Bims auch – aus extrem schnell abkühlender Lava entstehen. (S. 64)

So heißt es etwa über den Pseudotachylit, der abwertend so heißt, obwohl er durchaus ein echtes Glas ist ordnungsgemäß wie alle Gläser entstanden, nämlich durch das schnelle Erkalten einer flüssigen Schmelze. Nur war diese Schmelze eben keine Vulkanlava. Der Pseudotachylit entsteht nämlich – festhalten! – bei Erdbeben. (S. 64). Bei der Plauderhaftigkeit und Lockerheit der Erzählstimme wird den Lesenden also durchaus auch die Fähigkeit abverlangt, komplexeren geologischen Sachverhalten zu folgen. Die allerdings hier nicht wie sonst oft im Sachbuch mithilfe von Zeitleisten oder Info-Grafiken visualisiert werden. Die Bebilderung übernahm hier vielmehr eine der großen Meisterinnen der Illustration, Linda Wolfsgruber. Ihr breites Oeuvre ist nicht unbedingt für Sachbücher bekannt, sondern umfasst so unterschiedliche Textsorten wie Märchen, biblische Stoffe und Erzählungen. Ihr Interesse und ihre Begabung auch für Natur-Themen bewies sie zuletzt mit „Die kleine Waldfibel“, 2020 bei Kunstanstifter erschienen (über die Arbeit daran erzählte sie damals in einem durch die Corona-Maßnahmen nur als Video zur Verfügung gestellten Werkstattgespräch mit der STUBE). Ihre Hand schulte sie bei regelmäßigen Besuchen im Naturhistorischen Museum in Wien, dessen Mineralogisch-Petrographische Sammlung rund 168.000 inventarisierte Objekte umfasst – eine kleine Auswahl davon ist auf Vor- und Nachsatzpapier des Buches abgebildet, eindrucksvoll sowohl in der Genauigkeit der Darstellung als auch in seiner künstlerischen Wirkung. In den Illustrationen zu den jeweiligen Steinen geht sie ganz unterschiedliche Wege: Der Kugelgranit zum Beispiel, der wie die Mozartkugel in Schichten aufgebaut ist, wird in Querschnitten dargestellt, jede der abgebildeten Scheiben hat eine völlig andere Struktur und erinnert dabei fast an Röntgen- oder MRT-Bilder. Zum Diamanten hingegen stellt sie in feinem, filigranem Strich ein Diadem und einen Ring dar. Auch die Platzierung der Bilder auf den Doppelseiten ist sehr variantenreich, von vignettenhaften Details bis zu großflächigen Bildern im Hintergrund, auf die der Text gestellt ist.

Im Entstehungsprozess des Buches traf offenbar die kreative Energie von drei Künstlerinnen aufeinander, deren berufliche Wurzeln sehr unterschiedlich sind: Stepha Quitterer arbeitete lange als Theaterregisseurin, hat aber auch Politikwissenschaft studiert; Lina Seybold ist Geologin, ist aber auch mit ihren beiden Bands schon durch Europa getourt; Linda Wolfsgruber ist ausgebildete Schriftsetzerin und Graphikerin, mittlerweile auch als Autorin tätig und einer der produktivsten und vielfach ausgezeichneten Illustratorinnen der gegenwärtigen Kinder- und Jugendliteratur. Bei aller Verspieltheit bleiben Text und Bild immer nah an ihrem Gegenstand, verlieren sich nie in der Selbstbespiegelung, sondern wecken vielmehr die Lust an dem, worum es im Sachbuch letztlich immer geht:

„Wissenschaft ist nämlich nicht nur Wissen. Sondern vor allem: Nicht-Wissen. Fragen stellen. Und Forschen.“

LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – In ihrem launigen Plauderton sind die Texte, sowohl jeder für sich als auch als gesamtes Buch, gut zugängliche und unterhaltsame Lektüre für Kinder und Jugendliche ab dem höheren Volksschulalter. Komplexere Wörter und Fachbegriffe benötigen eventuell die Unterstützung von begleitenden Erwachsenen oder eigenständiges Nachschlagen oder weiterrecherchieren.

SPRECHEN – Wie oft in gut gemachten Sachbüchern ist es hier wohl in erster Linie das Moment des Staunens, das sich als Gesprächsanlass anbietet. Was, es gibt Gletscher in der Wüste? Iiiih, manche Steine sind aus Kacke – und eine Zeit lang wurden diese sogar gerne an einer Kette um den Hals getragen! Der Feuerstein ist unvorstellbare 145 Millionen Jahre alt!

TUN – Naheliegend ist es natürlich, ins nächstgelegene Museum zu gehen, das Steine zu seiner Sammlung zählt (im Buch finden sich dazu einige Empfehlungen). Aber auch im eigenen Umfeld kann man sich auf die Suche nach Steinen machen – hat jemand einen Bernsteinschmuck zu Hause? Wo wäre die nächstgelegene Tropfsteinhöhle zu finden? Steht in der Aula der Schule vielleicht eine Marmorbüste?

Kathrin Wexberg
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