Aus d. Niederländ. v. Verena Kiefer.
rotfuchs 2024.
112 S.

Lotte Stegeman und Mark Janssen: Die Gefühle der Tiere

Worin liegt eigentlich der Unterschied zwischen Mensch und Tier? In der Sprachfähigkeit? In der Fähigkeit, über sich selbst zu reflektieren? In der Möglichkeit, Gefühle auszudrücken und zu erleben? Diese Frage beschäftigt seit Jahrhunderten nicht nur die Philosophie, sondern auch die Biologie, die bis heute wohl keine klare, allgemein gültige Antwort auf diese Frage zu geben weiß. Folgt man dem neuen Sachbilderbuch von Lotte Stegeman und Mark Janssen, lässt sich zumindest so viel feststellen: Die Emotionsfähigkeit ist es nicht, die die Differenz zwischen Mensch und Tier konstituiert – denn: Auch Tiere haben Gefühle. So handelt dieses Buch, wie der Untertitel schon verrät, von eifersüchtigen Affen, ängstlichen Hunden und pfiffigen Ratten.

Nach einem Vorwort der (überaus inspirierenden!) Jane Goodall geht es direkt in medias res: Wie lassen sich Emotionen bei Tieren messen? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Emotionen und Gefühlen? Und was versteht man unter dem schwierigen Begriff des „Anthropomorphismus“? In einfacher, aber dennoch nie banalisierender Sprache werden komplexe Sachverhalte erklärt und auch über die Probleme, menschliche Kategorien (wie eben jene der Emotion) auf Tiere zu projizieren, reflektiert. Man merkt schon in diesem Einleitungsteil: Hinter diesem Sachbuch steckt viel Recherche, kritische Reflexion und Fachwissen. Ein Blick ins Nachwort bestätigt dies: Die Autorin hat ausführliche Interviews mit Koryphäen der Verhaltensforschung, der Anthropologie und der Evolutionsbiologie geführt.

Über Eifersucht, Angst, Wut, Freude, Ekel, Trauer, Empathie, Schmerz und Liebe von und zwischen Tieren kann man in neun Kapiteln mehr erfahren, wobei jedes Kapitel einem eigenen Farbkonzept folgt. Zunächst wird dabei jeweils verständlich und anhand von Beispielen die jeweilige Emotion erklärt – so heißt es etwa über die Eifersucht, dass damit jenes Gefühl bezeichnet wird, das auftritt, wenn der Junge, in den du verliebt bist, mehr Interesse an deinem besten Freund hat oder wenn alle die Witze deiner Schwester immer lustiger finden als deine. Die Kapitel selbst zeichnen sich besonders durch ihren eingängigen, ansprechenden Erzählstil aus: Die Leser*innen werden direkt angesprochen, aber dabei nicht infantilisiert; die Sachinhalte anhand von Beispielen erzählerisch vermittelt. So liest sich der Text nicht wie eine nüchterne Aufzählung von Fakten, sondern vielmehr wie eine spannende Erzählung von Fallstudien, in denen die titelgebenden eifersüchtigen Affen, ängstlichen Hunde und pfiffigen Ratten die Protagonist*innen sind. Ein besonderes Highlight sind dabei Seite für Seite die fotorealistischen Illustrationen von Mark Janssen, der die Gefühle der Tiere zum Teil in ästhetischen Close-ups illustratorisch einzufangen weiß.


LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – Die Texte bereiten durchaus komplexe verhaltensbiologische Tatsachen sehr zugänglich und verständlich für Leser*innen ab dem höheren Grundschulalter auf. Einzelne erzählende Texte (etwa „Eine Schimpansengruppe und ihr berühmter Besucher“ können auch gut für die Lektüre herausgenommen werden. Die Gliederung nach einzelnen Gefühlen bietet sich an, um in Kleingruppen vertiefend dazu zu arbeiten: Je eine Gruppe beschäftigt sich mit Wut, Ekel und Empathie, anschließend werden einander die wichtigsten Ergebnisse präsentiert.

SPRECHEN – Die Frage, ob und inwiefern es legitim ist, menschliche Gefühle auf Tiere zu übertragen, ist eine zentrale des Buches, die immer wieder aufgegriffen wird. Aber auch das schwierige Thema der Legitimität von Tierversuchen, um Tiere zu erforschen, wird nicht ausgespart. Über diese komplexen Fragen kann in unterschiedlichen Kontexten, etwa in Religions- oder Ethikunterricht vertiefend weiterdiskutiert werden.

TUN – Die Autorin hat für ihre Recherchen mit einer großen Menge an Expert*innen gesprochen und unglaublich viel Material gesichtet. Einiges davon ist auf ihrer Homepage unter Ik voel ik voel... | Lotte Stegeman zugänglich und bietet sich für eine vertiefende Beschäftigung mit dem Thema des Buches an. Die Homepage ist zwar auf Niederländisch bzw. Englisch, insbesondere die Tiervideos funktionieren aber ganz ohne Sprache – der Ärger des Löwen oder der Witz eines Opossums, das sich tot stellt, sprechen für sich.

Julia Lückl

Mit einer Poetik der Fakten hat sich Julia Lückl auch in einem lesenswerten Skriptum der Reihe fokus beschäftigt, das es hier zu bestellen gibt: STUBE

 


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