MINT-Buch im Februar 2026

Tyrolia 2025.
48 S.
Melanie Laibl/Raffaela Schöbitz: Ganz schön schleimig. (Fast) alles über Schnodder, Schlatz und Sabber.
Knochen. Steine. Zahlen. Die Themen, mit denen sich MINT-bezogene Sachbücher so beschäftigen, sind meist eher handfest und massiv – auch in einem ganz materiellen Sinn. Das ist in Melanie Laibls neuestem Werk deutlich anders, denn sie beschäftigt sich mit etwas, das nicht fest ist. Aber auch nicht flüssig: „viskoelastisch“ lautet der Fachbegriff für die Beschaffenheit des Schleims, um den es hier geht. Etwaige innere Widerstände gegen die Beschäftigung mit diesem Thema (zu denen sich die Rezensentin hier offen bekennen möchte) fängt die Autorin charmant ab, indem sie den Einstieg nicht über die potenziell ekelerregenden Aspekte des Schleims gestaltet, sondern vielmehr über die Sprache: Am Vorsatzpapier werden in neongrüne Blubberlacken ganz schön schleimige Sprichwörter und Redensarten gesetzt, derer es überraschend viele gibt: Von Gift und Galle spucken bis zum Einschleimen. Fortsetzung findet diese Vielfalt dann natürlich auf dem Nachsatzpapier, wo mit schleimigen Schimpfwörtern abgeschlossen wird. Hier zeigt sich, was Melanie Laibl als Sachbuchautorin in besonderer Weise auszeichnet: Ihre Bücher sind von umfangreicher, fundierter Recherche unterfüttert, ergänzt durch das Wissen von Expert*innen (fachliche Beratung erfolgte durch Mitarbeiter*innen des Naturhistorischen Museums Wien), was sich auch an der präzisen, wissenschaftlich korrekten Sprache abzeichnet. Gleichzeitig bleibt sie dabei aber immer auch Literatin mit großer Lust an der Sprache – so sind in die kompakt mit Informationstexten befüllten Doppelseiten oft auch Textsorten wie Witze, Dialoge oder sogar Songtexte eingebaut, die das Thema auf eine kreative Art weiterführen. Ähnliches gilt für die Illustrationen von Raffaela Schöbitz: So akribisch und detailliert Dinge wie Chlorella oder Pilzlamellen abgebildet werden, so lustvoll werden Bildideen wie ein verkleideter Pilzfan oder Untote am Rande einer Moorwiese inszeniert. Effektvoller Blickfang bleibt dabei stets das Neongrün, das klug mit verschiedensten Pastellschattierungen kombiniert wird.
Orientierung in der schwabbeligen Welt des Schleims bringt ein Glibberverzeichnis, das sehr strukturiert vorgeht: Nachdem in „Ohne Schleim kein Sein“ die grundlegenden Aspekte erörtert werden, geht es dann um verschiedene Umgebungen, in denen Schleim zu finden ist: im Wasser, auf der Wiese, im Wald sowie in der Welt des Menschen. Es ist sehr faszinierend, welche unterschiedlichen Funktionen dabei herausgearbeitet werden: So ermöglicht zum Beispiel die Schleimschicht über den Schuppen Fischen nicht nur ein schnelleres Gleiten durch das Wasser, sondern ist gleichzeitig ein Schutz vor Bakterien und Pilzen. Auch auf der Trockenwiese findet sich Schleimiges, etwa die Blaualge Nostoc oder das Wehrsekret des Wiedehopfs, mit dem er Fressfeinde vom Nest fernhält. Auf verletzten Bäumen kann sich ein Schleimfluss bilden, und Echte Schleimpilze wabern herum. In der Welt der Menschen schließlich geht es nicht nur um die naheliegenden körperlichen Aspekte von Spucke bis Augensand, sondern auch um populärkulturelle Dinge wie Filme oder kulturgeschichtliche Beiträge (schließlich gibt es sogar eine Künstlergruppe mit dem Namen Gelatin).
Abschließend werden unter dem Titel „Weiterschleimen“ Spuren in die (mögliche) Zukunft gelegt, in einem Glitschregister werden alle verwendeten Fachbegriffe noch einmal übersichtlich zusammengestellt. Es lohnt sich also, den anfänglichen ekelbedingten Widerstand zu überwinden und sich in die Welt des Schleims zu begeben. Denn: „Er ist überall.“
LESEN – SPRECHEN – TUN
LESEN – Melanie Laibl versteht es, auch komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge zugänglich aufzubereiten, dadurch sind die in übersichtliche Abschnitte aufgeteilten Texte für Kinder ab dem höheren Volksschulalter gut selber lesbar. Besonders vergnüglich wird die Lektüre durch die Fülle an Formulierungen und Wortwitzen rund um das Thema und seine Eigenheiten.
SPRECHEN – „Würgen oder nicht würgen?“ Der naheliegendste Gesprächsanlass ist natürlich der Aspekt des Ekels, den man sich (angeblich) auch abgewöhnen kann. Aber auch viele andere der angesprochenen Details bieten sich an, um darüber ins Gespräch zu kommen und miteinander zu staunen.
TUN – Das Buch bietet als konkret umsetzbare Idee ein Mix-Rezept für eine nicht-newtonsche Flüssigkeit an. Darüber hinaus sind vor allem die kreativen Sprachspiele und Gedankenexperimente sehr anregend, um sie selbst weiterzuspinnen: So könnte etwa die Speisekarte von „Blobbys Schleimstüberl“ um weitere Köstlichkeiten ergänzt werden, das modderige Gemauschel zweier Untote fortgesetzt werden oder die Rezeptur für zauberhaften Hustensaft um weitere schleimige Zutaten erweitert.
Kathrin Wexberg
Beide Künstler*innen haben bereits in der STUBE in Werkstattgesprächen über ihre Arbeit berichtet: Eindrücke aus dem Gespräch mit Raffaela Schöbitz gibt es >>> hier nachzulesen, über ihre Recherchen für Sachbücher hat Melanie Laibl >>> hier Auskunft gegeben.
Die gesammelten MINT-Bücher der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> MINT-Archiv
