Kröte im Mai 2026

Aus d. Niederländ. v. Eva Schweikart.
Thienemann 2026.
464
S.
Annet Schaap: Eliza und der Ruf der Schwäne
„Ein Verstand braucht Bücher wie das Schwert den Schleifstein." Wie das martialische Sprachbild des Schwertes vermuten lässt, ist das kein Zitat aus einer aktuellen Leseförderungs-Broschüre, sondern von einer literarischen Figur selbst: Tyrion Lannister nämlich, angeblich die liebste Figur des Autors George R. R. Martin in seinem „Game of Thrones“-Erzähluniversum, das wahrlich nicht arm ist an schillernden Figuren. So hat er ihm so viele scharfzüngige Zitate in den Mund gelegt, dass diese ein ganzes Spin-off-Büchlein füllen: „Witz und Weisheiten des Tyrion Lannister.“ Im Kontext des hier präsentierten Kinderbuches allerdings ist er nicht wegen seines Intellekts relevant beziehungsweise bietet sich als Vergleichsfolie an, sondern aufgrund seiner tragischen Position in der Geschwisterfolge: Er ist der Jüngste von mehreren Geschwistern, und seine Mutter ist bei seiner Geburt ums Leben gekommen. Ein Umstand, den ihm sowohl der Vater als auch die Schwester sein Leben lang übelnehmen. So ergeht es auch Krekel (das niederländische Wort für Grille oder Zikade), der im niederländischen Original (2025) auch die titelgebende Figur ist.
Während Tyrion jedoch von seinem Vater zwar mit Verachtung behandelt, aber doch immerhin wahrgenommen wird, ignoriert Krekels Vater die Existenz seines jüngsten Sohnes weitgehend – und ist damit nicht allein: Am seltsamsten aber war, dass kein Mensch an das neugeborene Kind zu denken schien. Niemand fragte nach ihm, niemand erwähnte es. Als würde es gar nicht existieren. Aber es existierte. (S. 147). So liegt es an Eliza, das einzige Mädchen in der Familie, den Kleinen unter ihre Fittiche zu nehmen und mit allem zu versorgen, was ein Kind braucht. Dennoch tut Krekel sich nicht leicht im Leben: Während es bei Tyrion die körperliche Eigenheit seiner Kleinwüchsigkeit ist, die ihn zusätzlich an den Rand der Gesellschaft stellt, stottert Krekel und kann sich daher nur schwer verständlich machen.
Den familiären Hintergrund der beiden Geschwister erfahren die Leser*innen jedoch erst in Teil drei des üppigen Buches, denn Annet Schaap versteht es auf besonders raffinierte Weise, Zeitebenen ineinander zu verschachteln und Informationen erst stückchenweise preiszugeben. Ihren Ausgang nimmt die Geschichte nämlich in einem Hafen, wo Eliza mit ihren letzten paar Münzen einen Tätowierer aufsucht, um sich, selbst als Bub verkleidet, fünf Bubennamen tätowieren zu lassen. Das dringende Bedürfnis, diese für alle Zeiten zu verewigen, hat einen schrecklichen Grund: Es sind die Namen ihrer fünf Brüder, die angeblich bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen sind. So behaupten es zumindest der Vater und die Stiefmutter, aber Eliza ist überzeugt davon, dass das nicht die Wahrheit ist. Und die Leser*innen auch: nicht zuletzt, weil einer der als Peritext vorangestellten Textauszüge ein Stück aus Hans Christian Andersens Kunstmärchen „Die wilden Schwäne“ ist. Ein, wie ja bei Andersen nicht selten, relativ drastisches Märchen, das es in anderen Traditionen in Varianten gibt: Die Brüder Grimm erzählen von in Raben verwandelten Brüdern, bei William Butler Yeats sind es Gänse. Für die Erlösung bzw. Rückverwandlung jedenfalls müssen Opfer gebracht werden: aus Brennesseln gewebte Hemden etwa.
Der Punkt ist also trotz der Verflochtenheit der Zeitebenen relativ schnell klar: Die Stiefmutter mit dem trügerisch harmlosen Namen Täubchen besitzt die Fähigkeit, Menschen in Vögel zu verwandeln, so wurden aus den Brüdern Schwäne. Eliza und Krekel obliegt es, sie (vermutlich auf den weißen Klippen) zu finden und zu erlösen. Obwohl das so klar ist, wird eine enorme Erzählspannung aufgebaut, nicht zuletzt durch dramatische (und durchaus kuriose) Wendungen: denn vom Hafen aus werden die Kinder vom Sheriff zurück in das „Graue Haus“ des Vaters gebracht, wo die Hochzeit ansteht. Der Sheriff jedoch wird von der Stiefmutter in ein Huhn verwandelt, den Kindern gelingt mithilfe des Gärtners die Flucht. Um zu den weißen Klippen zu kommen, braucht es jedoch eine Mitfahrgelegenheit auf einem Schiff. Und die Überfahrt ist höchst gefährlich … Angetreten wird diese Reise wird von einer sehr diversen Truppe, die neben dem Schiffer und dem Hühner-Sheriff auch zwei Hundewelpen sowie eine Lehrerin beinhaltet. Die sich, wie einst Odysseus und Schiffsreisende in anderen mythologischen Traditionen, nicht nur Seekrankheit und Vitaminmangel, sondern auch Unwettern und magischen Wesen stellen müssen.
Annet Schaap war vor ihrem literarischen Debut „Emilia und der Junge aus dem Meer“ 2017 als Illustratorin tätig (ihr Erstling war 1988 ein Buch von Christine Nöstlinger, „Jokel, Julia und Jericho“) und bebildert auch diesen Roman selbst. In üppigen Doppelseiten, die die einzelnen Teile eröffnen, gestaltet sie damit ebenso wie in zarten Vignetten ihre Erzählwelt aus, die in einem zeitlos-märchenhaften Setting angesiedelt ist. Ein weiteres Mal ist es eine komplex konstruierte Variation eines Andersen-Märchens, die von Eva Schweikart bedacht und stimmig ins Deutsche übersetzt wurde. Tragik und Komik, Märchen und gesellschaftliche Realität, vom Leben gezeichnete kindliche und erwachsene Figuren finden auf ebenso kluge Weise zueinander wie Erzähltext und Illustrationen. Am Ende steht hier nicht die Bestrafung der Bösen, sondern die erlösende wie befreiende Kraft von Geschwisterliebe. Denn auch Tyrion Lannister konnte schließlich in einem zentralen Moment nur durch die Hilfe seines Bruders fliehen …
Kathrin Wexberg
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