Von Hacht Verlag 2026.
48 S.

Nikolaus Heidelbach: Simone

An Wasserwesen mangelt es in den Bilderbüchern von Nikolaus Heidelbach nicht. Mit Schrecken erinnert man sich an jenes untote Wesen, das sich die horrorbegabte Celeste in eine der nicht ganz so gruselig wie gedacht ausfallende Gute-Nacht-Geschichten ihres Bruders hineindenkt: Als Hybrid aus gestrandetem Alien, Fisch und Frauenkörper schwebt es in „Gutenachtgeschichten für Celeste“ (>>> Kröte des Monats im November 2024 ) unter der Wasseroberfläche, während über ihm eine Schwimmerin krault. Und verkörpert damit prototypisch jene (seelischen) Untiefen, von denen Nikolaus Heidelbachs Bilder so oft erzählen.
Und dann sind da natürlich Neunaugen, Hofdugongs, Tinenprinzen, Todesquallen und Vielgestaltiges mehr, das sich farbintensiv in die Geschichten jener Mutter drängt, die alles über das Meer weiß, sich aber dennoch stets vom Wasser fernhält. Bis ihr Sohn, eine Wasserratte par excellence, in „Wenn ich groß bin, werde ich Seehund“ unabsichtlich dafür sorgt, dass diese Mutter in ihr ureigenes Element zurückkehren kann. Denn auch sie ist eine Hybridfigur – ein Seehundweibchen, die an Land ihr Fell ablegen und zum Menschen werden kann. Ein Selkie. Ist auch Simone ein solches Hybridwesen?
Wenn ja, dann kein mythisches. Sondern eines, das den unendlichen Möglichkeiten der Intermodalität entspringt, von denen Bilderbücher leben. Simones Affinität zum Wasser zeigt ihr erstes Auftauchen – das eigentlich ein Abtauchen ist: Hinein ins Leben von Wally. Die ihrerseits gerade unter Wasser schwebt. Denn Wallys Mutter geht mit ihrem Kind zum Babyschwimmen, weil [Wally] ein bisschen schwächlich war. Plötzlich aber – „Hallooo?!“ – mischt sich eine kräftige Dame ins Mutter-Kind-Szenario. „Sie haben ja gar kein Baby, das geht gar nicht“, mahnt die Kursleiterin. Who cares?

Dieses Intro wird als bildlose Textseite inszeniert. Die kräftige Dame könnte also in jeder nur erdenklichen Gestalt auf Wally und Mama zu-tauchen – sie tut es mit dem Umblättern aber als Flusspferd. Als kräftiges und in der Folge kräftigendes Wesen. Denn mit diesem Eintauchen wird Simone in Wallys Leben eingeschrieben. Auf verbaler Ebene als Babysitterin. Auf kontrapunktischer Bildebene als Hippopotamus und damit als eines der massigsten und biss-stärksten Landbewohner*innen mit naturgeschichtlicher Affinität zum Nil. Untertags dümpeln Flusspferde gerne im Wasser, in der Dämmerung begeben sie sich dann zu ihren Weideplätzen an Land. So wie Simone das auch hier tut: Sie verlässt das Schwimmbecken und nimmt Teil an Wallys Kinderalltag an Land.
Sie wird zu Wallys ständiger Begleiterin, zur gleichermaßen liebevollen wie fülligen Präsenz in Wallys Leben – sie wird zu einer Allegorie der Resilienz. Sie und Wally bleiben dabei für sich. Keine Mama, keine anderen Kinder kommen mehr ins Bild, sobald Simone für Wally sorgt, rund um die Uhr.
Aus dem Wasser des Schwimmbades bringt Simone das Blau mit – dort war es ein intensives, dunkles Türkis, das nun zur Farbe des Sofas wird, auf dem Simone am Rücken liegt, die Schnur im Maul, mit der sie Wallys Babywiege schaukelt. Blau sind auch Simones Augen, Türkis lackiert ihre gewaltigen Fingernägel, die den Babykörper in der Folge überraschend zart umschließen. Denn so füllig Simone auch wirkt, so leichtfüßig wird sie ins Bild gesetzt. Nikolaus Heidelbach folgt seiner Vorliebe für surrealistische Szenarien und inszeniert Simone wie selbstverständlich als Lebensabschnittspartnerin von Wally: Man schlürft per Strohhalm aus derselben Schüssel, man flitzt mit und ohne Roller bergab, man wirft die Mikadostäbchen in die Luft. Jedes der ganzseitigen Bilder gibt Antwort auf die Frage: Was machen Wally und Simone? Und wie einst bleiben die Räume dabei geometrisch aufgebaut, folgen geraden Linien und Horizonten, vor deren Hintergrund sich Wally und Simone stets als runde Einheit abzeichnen. Das Blau und Türkis zieht sich als deren gemeinsame Farbe durch – sei es im weiß gepunkteten blauen Kleid von Wally, sei es im kosmetischen Styling von Simone, sei es im Himmelblau des Hintergrundes, wenn Wally und Simone selbstversunken Kindheit per se durchleben. Selten war ein Miteinander zweier so unterschiedlicher Figuren liebevoller dargestellt; selten haben Haarspangen und Ohrpiercing so gut miteinander korrespondiert wie hier. Und liest man die kräftige Dame im Sinne einer Differenzkategorie, dann wurde selten so innig über Age und ein Miteinander der Generationen erzählt, wie hier.
Dieser Lesart lässt sich durchaus folgen, wenn ein Hauch von Maurice Sendak ins Spiel kommt und ein wild rumpus einsetzt – nicht als kathartisches Toben (oder nur am Rande), sondern als große Ausfahrt, als Übergangsritual zwischen der Kindheit und dem Beginn von etwas Neuem: dem Ernst des Lebens, Schule genannt. Wally und Simone zögern diesen Neuanfang noch ein wenig hinaus und starten ein Abenteuer in der Welt von Simone:

„Wenn man in einem Fluss schwimmt, sieht die ganze Welt anders aus. Also: Augen auf!“

Noch bevor Wally in ihr eigenes Leben aufbricht, lädt Simone sie ein, ihrem Fluss des Lebens zu folgen. Das Jausenbrot in der Hand navigiert Wally nun also auf Simones Rücken sitzend im Abend- (oder Morgen-)Rot hinaus in die Welt. Wurden bisher die Lebenssituationen einer Kindheit zu Hause durchgespielt, sind es nun metaphorisch aufgeladene Reisemotive, für die Nikolaus Heidelbach ganz neue Perspektiven wählt: Aus der Luft und unter Wasser blickt er auf Schiffe und Fische, spielt mit den Dimensionen von Kind, Tier und Landschaft, lässt Wally und Simone senkrecht einen Wasserfall hinuntersausen und befreit von aller Schwerkraft im Wasser tänzeln. Oder auch mal ausruhen. An Land. Jede für sich. Es sind zum Teil wunderbar entleerte Bildwelten (und Landschaften), wenn die beiden tagelang niemandem begegnen und Nikolaus Heidelbach den Text dabei illustratorisch auf unnachahmliche Art unterläuft: Im Bild nämlich sieht man noch die kreisförmigen Wellen nahe eines Stegs, von dem aus gerade jemand ins Wasser gesprungen zu sein scheint …

Letztlich gelangen die beiden ans Ende der (gemeinsam eroberten) Welt, ans Flussdelta. Bevor man sich trennt, schlägt das Flusspferd aber noch einen U-Turn im Wasser: „Wenn du meine Leute kennen lernen willst, dann können wir hier abbiegen“, sagte Simone. In diesem Moment wechselt Nikolaus Heidelbach auf langgezogene, doppelseitige Bilder und lässt die beiden durch die Mäander des Wasserlaufes auf eine Flusspferd-Herde zuschwimmen. Mit dem Umblättern blickt Wally (gemeinsam mit den Betrachter*innen) in penibel aufgereihte Flusspferd-Gesichter – eine Familien-Aufstellung der etwas anderen Art, die in der Bildkomposition nur noch getoppt wird vom üppigen (vegetarischen) Festessen, das mandala-artig als Rund aus Obst, Gemüse, Bananenblättern und Flusspferdköpfen spiegelbildlich über die Doppelseite ausgebreitet wird. Denn mit der zurückgelegten Entfernung im erzählten Raum scheint auch der Erzählraum nicht mehr groß genug zu sein für all die massigen Körper, die unterzubringen sind. Die arrangiert und umeinander gelegt werden müssen, wenn Walzer getanzt wird. (Ja, Walzer. Ist so üblich bei kräftigen Damen …) Und mitten drin Wally. Die sich oben, unten, dazwischen wohlfühlt; insbesondere als die Feierlichkeiten in ein Schlammbad münden.

Was ein echter Übergangsritus sein möchte, bedarf am Ende aber doch der letzten Passage, die zurückführt – und die auch Wally neu im eigenen Leben verortet:

Langsam erhoben sich die Flusspferde, schlurften zum Wasser und tauchten unter. Am anderen Ufer stiegen sie sauber und glänzend heraus und verschwanden im Gebüsch.

Wally und Simone sind wieder unter sich – ent-schlammt und umgeben von ihrem ganz eigenen, dunklen Türkis des Wassers. In dem sie noch ein wenig plantschen und kleine Fontänen spucken, bis Simone Wally zurückbringt – hinein ins Morgen- (oder Abend-)Rot und perspektivisch hinaus aus dem Bilderbuch. Die Trennung der beiden steht an – als Abschied von der Kindheit, von der Zeit der magischen Vorstellungskraft, von phantastischen Freund*innen oder Babysitter*innen, die man nun nicht mehr braucht. Die aber wieder auftauchen werden. Oder auch nicht. Denn nicht alles aus der Kindheit wird erinnert – und ist dennoch in die eigene Biografie eingeschrieben. Doch auch Wally ist in die Biografie von Simone eingeschrieben – wer auch immer diese kräftige Dame war und wohin auch immer sie nun entschwindet. Ganz ohne Regenschirm.

Heidi Lexe

 

 


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