leykam 2026.
112 S.

Michael Stavarič und Nele Brönner: Tierisch wilde Schlafmützen. Geschichten zum Träumen

„Schlafen?“, würde der Piepmatz entsetzt krakeelen. Ey what the peep, das geht doch gar nicht, wenn es gilt zu retten die Welt. Man könnte in dem Moment fast meinen, er wäre ein zum Vogel gewordener weißer Hai, der Piepmatz. Denn auch der weiße Hai schläft nicht. Weil er keine Schwimmblase hat, die seinen Auftrieb garantiert, muss er in Bewegung bleiben, um Sauerstoff zu bekommen. Er ist dabei hellwach und kann darüber nachdenken, warum ihm plötzlich Eisberge entgegentreiben, die es in seinem Lebensraum eigentlich gar nicht geben sollte. Schmilzt das Eis an den Polen etwas? Das wäre gar nicht gut!
Er könnte sich diesbezüglich mit dem Piepmatz zusammentun, denn ein „Gute Nacht, weißer Hai!“ hätte wohl ebenso den Charakter eines Oxymorons wie ein „Gute Nacht, Piepmatz!“  Stattdessen könnte es heißen: Der weiße Hai macht Meer aus Euch! Schließlich hat auch der Piepmatz Wald aus uns gemacht – Michael Stavarič hat dafür einst den Lese-Beweis beim >>> STUBE-Freitag angetreten und Stella Dreis >>> ein Jahr später über die Illustrierung dieses „Weltretterdings für Fortgeschrittene“ gesprochen. Hätte man eine STUBE-Card gehabt, hätte man sich die Gespräche auch als Video on demand ansehen können … (Dies ist eine Werbeeinschaltung. Bitte >>> hier klicken)

Zurück zu Tieren auf Speed. Selbst ihnen, also auch dem weißen Hai wird hier ein Gute Nacht! zugeworfen. Nicht überall geht danach – wie einst bei den Waltons – das Licht aus. Denn in Tierfamilien reicht der Schlafmodus vom sieben Monate anhaltenden Winterschlaf des Grizzlybären bis zum sich 600 Mal pro Nacht wiederholenden Sekundenschlaf des Zügelpinguins . Ausgesprochen wird das Gute Nacht! dennoch im Sinne von Kapitelüberschriften. Von wem? Nun: Eine Erzählinstanz bleibt hier im Hintergrund, sammelt und arrangiert die Informationen, lässt dabei aber die Tiere selbst zu Wort kommen. Es findet also ein gleichermaßen informativ wie kreativ angelegter Bummel durchs Tierreich statt, um den (fiktionalen) Selbstzeugnissen der schwimmenden, fliegenden, krabbelnden oder in der Sonne fläzenden Viechern zu lauschen. Sie allesamt haben einiges zu erzählen. Sie sprechen ihren Besucher / ihre Besucherin und damit die Leser*innen direkt an und plaudern angeregt-heiter aus dem Nähkästchen ihrer Schlafgewohnheiten. Natürlich nicht ohne sonstiges Wissen über sich selbst, ihren Lebensraum, ihre biologischen Besonderheiten und animalen Kuriositäten preiszugeben oder evolutionäre Einordnungen vorzunehmen.
Allesamt aber sind sie in die Sprach-Schule ihres Autors gegangen und wissen das Sachwissen mit fiktiven Exkursen und Wortspielen anzureichern: Glühwürmchen sind nachtaktive, wohlgemerkt männliche Leuchtkäfer, die aufgrund eines chemischen Stoffes ihr Licht verbreiten – auch und vor allem um mit den Weibchen zu kommunizieren, die evolutionär aufs Krabbeln zurückgeworfen sind. Pottwale wiederum hatten urgeschichtliche Vorgänger*innen, die sich an Land bewegt und die WALness erfunden haben. Man stelle sich vor, man hätte auf diese wunderbare Erfindung verzichten müssen, von der Nele Brönner zeigt, wie es geht: Der Wal / das Wal-Weibchen lungert im Liegenstuhl, vermeintlich am Beckenrand, der Drink und das Buch gerade unbeachtet neben sich, denn aus seinem Rachen tönt ein leises „CHRRR-BLU“. Dieserart lässt sich ganz wunderbar ruhen, weiß auch das Krokodil / die Kroko-Lady, das / die (30 Seiten weiter) in vielleicht eben jenem Becken treibt. Herrlich entspannt, Augen geschlossen, Wasserball und Schnorchel treiben besitzer*innenlos im Wasser. (Blut ist keines zu sehen, also: Entwarnung! Dieses Becken wurde nicht erst freigeräumt … Schließlich ist das Krokodil bekannt für seine guten Manieren.)

Nele Brönner nutzt übereinander gelegte Farbflächen und Schattierungen gleichermaßen wie buntes Papier, um ihre Tierfiguren schweben und schwimmen zu lassen, um einzutauchen in den geheimnisvollen dunkeltürkisen Okapi- Urwald oder jene flaschengrünen, ins Schwarz verlaufenden Unterwasserwelten, in denen See-Elefanten versinken (sie schlafen maximal zwei Stunden täglich) oder Pottwale im Schwebeschlaf treiben. Wie sehr sie diese Farbfamilie mag, hat sie bereits in „Aali muss los“ gezeigt (Huckepack 2025) – lies nach im >>> MINT-Buch des Monats Oktober 2025.
Oder aber sie wechselt illustratorisch in eine pink-gelb aufgeladene Welt der Bärtierchen, die eigentlich mikroskopisch klein sind, hier aber einen bonbonartigen Auftritt verdient haben, um ihre Überlebenskunst zu feiern. Denn wir Bärtierchen [überleben] nicht nur tiefste Temperaturen (die uns einschlafen lassen), sondern auch größte Hitze (die uns völlig austrocknet, aber dennoch einschlafen lässt) oder kosmische Strahlung.
Doch natürlich kann Nele Brönner Miniaturtierchen auch im Miniaturformat, das hat sie (gemeinsam mit Melanie Laibl) ausgiebig in der Ameisen-Welt von „Superglitzer“ (Luftschacht 2023) gezeigt. Auch hier sind es kleine und kleinste Wesen, die immer wieder auftauchen und ihre eigene Geschichte erzählen – wie jene von Fusselhäschen und Wollmäusen, die den Weg der Nachtsöckchen kreuzen.
Denn mittendrin in den jeweils zwei Doppelseiten umfassenden Kapiteln gönnt Michael Stavarič sich einen Exkurs ins Leben von scheinbar leblosen Dingen, die nachts dann doch ein Eigenleben entwickeln. Oder aber er nutzt die Katze / den Kater Leonardo, um menschliche Schlafgewohnheit mit einzubringen. Die Schriftstellerin Emily Brontë (ich sage nur: „Wuthering Heights“ – >>> Kinostart am Valentinstag) zum Beispiel litt an dermaßen starken Schlafstörungen, dass sie jeden Abend um ihren Esstisch herumlief, bis sie endlich müde genug war, um ins Bett zu gehen. Diese Sorgen hatte der Namensgeber des somnologisch begabten Katzentieres Leonardo nicht: Um sein Genie angemessen auszuleben, schlief Leonardo da Vinci ab einem gewissen Alter nur noch 1,5 Stunden, dafür aber alle vier Stunden 15 Minuten lang.
Nun, im Tierreich entspricht das in etwa den See-Elefanten: Unter Wasser schlafen sie maximal 2 Stunden täglich. Sind sie aber an Land, schlafen sie oft 10 Stunden am Stück. Ihre Schlafposition gleicht einer Schlafspirale, durch die sie sich Richtung Meeresboden sinken lassen. Die Körperlichkeit solcher Schlafsituationen ist nicht ungewöhnlich: Giraffen können auch im Stehen schlafen (oder müssen sich kompliziert zusammenfalten), Fledermäuse hängen im Schlaf kopfüber, Seeotter und Erdmännchen bevorzugen ein Schlaf-Kollektiv, Mauersegler schlafen im Fliegen und Rentiere können gelichzeitig fressen und schlafen. Das Krokodil (quasi der letzte lebende Drache) schläft eigentlich immer; schließlich kann es bis zu einem Jahr ohne Nahrung auskommen. Der Okapi hingegen beweist, dass es auch im Tierreich Insomnie gibt. Und Koboldmakis kommen vor lauter Bewegungsdrang gar nicht erst zum Schlafen. Sie sind prädestiniert für Nachtaktivität. Und ja, so schildert es das kleine Wesen mit den großen Augen:

Als Koboldmaki bin ich absolut prädestiniert dafür [nachaktiv zu sein]. Das Wort kennt ihr noch nicht? Das heißt eigentlich nur, dass man für etwas geeignet ist. Ist keine Hexerei. Etwas Wortschatz ist wichtig und notwendig im Leben!

Nicht nur an dieser Stelle frönt Michael Stavarič der Nützlichkeit unnützen Wissens. Und er hinterlegt jedes seiner Kapitel mit einem dramaturgischen Bogen, an dessen Ende dann ein Traum, ein Albtraum oder (doch keine) Gutenachtgeschichte steht. Dieserart kann Nele Brönner Frieda, die Giraffe mit dem Giraffenmuster-Pyjama, wie Major Tom durchs Weltall fliegen lassen und dem Grizzlybären kitzelige Tattoos verpassen. Dies alles in einem richtig schön ausgestatteten Buch mit Pappkartoneinband in Leinenoptik, Folienprägung am Cover und farbigen Seiten am Beginn von jedem Kapitel. Und dann doch einer Gute-Nacht-Geschichte am Ende, mit der klar wird: Alle diese Tier-Begegnungen zählen mehr als alle Sterne des Universums. Denn sie können vorgelesen und gemeinsam gelesen werden werden. Gute Nacht John Boy! Gute Nacht Michael! Gute Nacht Nele!

Erste Zusatzbemerkung der Rezensentin
Der Okapi erzählt: Einmal habe ich sogar geträumt, dass ich acht Stunden lang durchgeschlafen habe, oh my God! Ich bin schweißgebadet aufgewacht, was für ein absurder Albtraum.
Diese Albtraum-Erfahrung teile ich nicht.

Zweite Zusatzbemerkung der Rezensentin
Voltaire trank 30 bis 80 Tassen Kaffee am Tag und war damit einer der bekanntesten Kurzschläfer der Weltliteratur-Szene, erzählt Leonardo und sieht in Nele Brönners Version etwas kratzbürstig aus.
Sollte Voltaire schwarze Klamotten im Schrank haben, kann er jederzeit in der STUBE anfangen.

Heidi Lexe

 

Noch mehr Gute-Nacht-Bücher findet man im Website-Bereich der Themenlisten >>> hier  


Das Kröte-des-Monats-Logo können Sie hier für Werbezwecke in unterschiedlichen Formaten downloaden.
>>> jpg
>>> png
>>> gif

Alle Rezensionen der STUBE sind archiviert und >>> hier in der Rezensionsdatenbank des Österreichischen Bibliothekswerks – www.rezensionen.at – abrufbar.


>>> hier geht es zu den Kröten 2025.

Die gesammelten Kröten der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> Krötenarchiv