Kröte im April 2026

luftschacht 2026.
120 S.
Michael Roher: Zu Fuß
Die Zeit ist umgestellt, die Tage werden wieder länger und für viele ist jetzt der ideale Zeitpunkt, die Winterlethargie abzustreifen und sich mit körperlicher Bewegung den Frühling und das Draußen (zurück) zu erobern. Nicht so aber Herr Mandelmus, der auf einer Vespa sitzend und samt Dackel Julius durch den Bildraum flitzt. Denn:
Herr Mandelmus geht nie zu Fuß.
Nicht zum Arzt, zur Bank, zur Rendezvous und auch nicht, wenn der Dackel Gassi muss … Selbst Hund Julius wird kurzerhand an eine Drohne geschnallt und via Fernbedienung ausgeführt. Jeder Schritt ist einer zu viel – so die Devise. Bis bildlich inszenierte Glückskekssprüche gepaart mit Beobachtungen vom Balkon Herrn Mandelmus zu einem Umdenken bewegen:
Schnell die Schuhe geschnürt, Den Nachbarn noch ein schneller Gruß und ab geht’s in die weite Welt. Denn ab und zu, da braucht es einen Perspektivenwechsel und aus Herr Mandelmus geht nie zu Fuß wird kurzerhand Herr Mandelmus geht heut zu Fuß. Damit eröffnet sich für den mit gelben Streifenhemd, Weste und Schiebermütze ausgestatteten Protagonisten eine neue Fülle an Eindrücken, die nur gehend erschlossen werden kann. Und erschlossen werden nicht nur Orte und Handlungsräume, sondern auch allerhand Figuren, die Herrn Mandelmus per pedes durch das Buch begleiten.
Und auch wenn sich das Fortbewegungsmittel ändert und Auto, Roller oder Vespa gegen das Gehen eingetauscht werden, bleibt vieles gleich und bestechend:
Was bleibt sind die immer und immer wiederkehrenden Reime, für die Michael Roher alle denkbaren Wörter mit dem Ablaut -us und lautlich ähnlich klingende Varianten davon gesammelt hat und in Paarreimen über zwei Doppelseiten zueinander finden lässt.
Ein Autostopper nach Toulouse steht so neben Vier Wasserratten mit Tattoos und Ein Taxi wartet bei den Gnus. So einfach, so genial erdenkt und erzeichnet sich Michael Roher eine Welt. Eine Welt, in der die Wortfülle mit den dargestellten Szenen, Lebensrealitäten und Figuren korrespondiert.
Was nämlich ob der aufkommenden Begeisterung des Spazierengehens ebenso bleibt, sind die zur Gänze abfallenden Illustrationen. Grasgrün, Zitronengelb, Petrol und Dunkelblau umfasst die Sonderfarbenpalette, die der Künstler für dieses lyrische Bilderbuch wählt. (Öl-)Kreiden sind das überwiegende Illustrationsmittel seiner Wahl und damit fügt er seinem ohnehin schon breiten Oeuvre eine zusätzliche Technik hinzu. Grobe Striche, feine Punkte und ein Übereinanderlegen von einzelnen Bildelementen ergeben Einzelcollagen, durch die sich Herr Mandelmus bewegt. Stets begleitet von illustratorischer Raffinesse für Strukturen und farblicher Akzentuierung sowie einem besonderen Gespür für Situationskomik, die eingezeichnet wird.
Zu Fuß ist natürlich nur eine Form der Fortbewegung. Auf der Bildebene ruft Michael Roher aber die unterschiedlichsten Fortbewegungsmittel ab, die Herr Mandelmus eben nicht (mehr) nutzt: Ob Kanu, Fahrrad, Schreibtruhe oder Einrad. Ob Cabrio, Lastenrad, Rollstuhl oder Kinderwagen. Ob schwimmend oder getragen-werdend. Strategien, um das Gehen zu vermeiden, gibt es viele. Wimmelige Bilder wechseln sich mit Einzelszenen ab, Aufrisse mit Detailansichten. So entsteht ein Kaleidoskop von Einzelfiguren, auf die Herr Mandelmus trifft. Die ihn durch die Stadt, den Zoo, den Circus Luna ohne Us und fast bis ans Meer begleiten. Die manchmal aber auch nur kurz seinen Weg kreuzen und an anderer Stelle wieder auftauchen, und so lustvoll mit Vor- und Zurückblättern gesucht werden können.
Herr Mandelmus aber bleibt beim Gehen, trotzt einem Regenguss, musiziert mit Kazoos und scheint immer begeisterter zu sein, was ihn auch größer Denken lässt:
Und plötzlich träumt Herr Mandelmus von einer Weltreise zu Fuß.
An die Strände Tuvalus, …
durch die Straßen Kathmandus, …
und weiter bis nach Santa Cruz.
Aber das ist vielleicht doch ein bisschen weit für den ersten Tag auf den eigenen Beinen. Und Herr Mandelmus samt Hund besinnen sich darauf, nach Hause zu gehen. So geht er heim und legt sich nieder … Was glaubst du? Geht er morgen wieder?
Alexandra Hofer
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