Kröte im Oktober 2026

Fischer Sauerländer 2026.
208 S.
Anke Bär: Du Tier, ich Mensch? Was uns trennt und was wir teilen.
Mowgli, der im Dschungel von Wölfen aufgezogen wird und sich irgendwann die Frage stellen muss, ob er nun zu den Tieren oder zu den Menschen gehört. Paddington, ein kleiner Bär auf einem großen Bahnhof mit einem Schild um den Hals – inspiriert von den Kindertransporten im Zweiten Weltkrieg. Bambi, ein junges Reh, das die Bedrohung durch die menschliche Jagd aus nächster Nähe miterleben muss. Die Kinder- und Jugendliteratur ist voll von Texten, die das spannungsvolle Verhältnis zwischen Mensch und Tier verhandeln, oft literarisiert in packenden Geschichten, die jede Menge Identifikationspotential anbieten. Anke Bär hingegen widmet sich diesem Thema in Form eines philosophischen Essays, für den sie bereits während der Arbeit daran mit einem Projektstipendium ihrer Heimatstadt Bremen ausgezeichnet wurde. Ausgangspunkt, so formuliert sie es auf ihrer >>> Website, war eine vage „Sehnsucht nach einer Feier des Lebendigen“. Über einen vier Jahre andauernden Prozess, im letzten Jahr in enger Abstimmung mit dem Buchgestalter und Typographen Nico Francioli, entstand dabei ein Buch, das in besonderer Weise Text und Bild, wissenschaftliche Fakten und offene Fragen, klare Positionierungen mit Einladungen zu selbst weiterdenken verbindet. Eine solche Fülle braucht natürlich Struktur, die durch ein bewährtes Ordnungselement hergestellt wird: Das Alphabet. Eingestiegen wird mit: „A wie Anke, Atome, Aufzählung und Alle Tiere“. Hier formuliert die Autorin und Illustratorin ihre Lust am Fragen, ihre Faszination für Menschen, die forschen und dabei neue Fragen entdecken.
Ich schreibe dieses Buch auch aus dem Wunsch heraus, die Augen offenzuhalten. Genau hinzusehen. Auch dann, wenn es unbequem wird. Es gibt vieles, was sich nicht ändern lässt. Zum Beispiel, dass Löwen Antilopen jagen, Kuckucksküken andere Jungvögel aus dem Nest stoßen oder Katzen ihr tödliches Spiel mit Mäusen spielen. Die Natur kennt kein Richtig oder Falsch, wie wir Menschen es definieren. Aber unser Denken, unsere Vorstellungen sind veränderbar. Und damit auch unser Handeln.
Allein die beiden einführenden Seiten werden von einer Vielzahl an illustratorischen, aber auch (typo-)graphischen Elementen begleitet, die Witz ebenso beinhalten wie Raffinesse: Die Überschrift „A wie Anke“ ist nämlich mit einem handschriftlich in kugelschreiberblau gekritzelten Sternchen versehen, mit einem Hinweis auf der gegenüberliegenden Seite: Der Esel nennt sich immer zuerst. Auf dieser Seite wiederum weist ein fast skizzenhaft angedeuteter Menschenaffe den Weg ins Buch; am Seitenrand ist der Kiemenfußkrebs, der als älteste noch existierende Art gilt, recht detailreich abgebildet, an der Überschrift trottet ein Ameisenbär vorbei. Und das sind längst noch nicht alle Bilder und Querverweise auf dieser Doppelseite, die sich teilweise erst beim wiederholten Lesen und Anschauen erschließen.
Bis man auf Seite 192 bei „Z wie Zukunft“ gelandet ist, wird der menschliche Blick auf Tiere in all seiner Widersprüchlichkeit ausgelotet: Der Begriff meint in vielen Sprachen „Seelenwesen“ und dennoch bleiben diese Wesen uns fremd, können uns ihre Sicht auf unsere Überlegungen nicht mitteilen: Kein Orang-Utan hat diesen Text gegengelesen. Mit Mäusen teilen wir 90 Prozent unserer DNA, selbst mit dem Nacktmull sind wir fast genetische Zwillinge – was bedeutet es, oder könnte es in Zukunft bedeuten, dass mit der Genschere CRISPR/Cas von Menschen entwickelte Technik DNA verändern kann? Warum haben wir Empathie mit Wesen wie Eisbären und Pandas, aber nicht mit Schaben und Ratten? Sind Fakten tatsächlich gleichbedeutend mit Wahrheit? Oder gilt es zu fragen, wer diese Tatsache ermittelt hat und was er für betroffene Tiere bedeutet? Wo versuchen wir, tierische Fähigkeiten für menschliche Technik nutzbar zu machen und nachzubauen?
Dass die Fülle all dieser Informationen nie zu viel wird, liegt nicht zuletzt daran, dass Anke Bär den moralischen Zeigefinger, den normativen Impetus, der ja bei manchen der Themen durchaus naheliegend wäre, konsequent vermeidet. Sie versteht es vielmehr, die Fülle ihres beruflichen Werdegangs, ihrer sehr vielseitigen Tätigkeit (ihre Ausbildungen reichen von ästhetischer Praxis bis Museumspädagogik, ihre künstlerischen Äußerungen von Installationen über musikalische Lesungen bis hin zur Slam-Tusche-Performance) für ihre Überlegungen nutzbar zu machen. Es geht um zoologische „Fakten“ (siehe oben) ebenso wie um kulturgeschichtliche Aspekte, um das große gesellschaftliche Ganze ebenso wie um ganz individuelle Handlungen.
Der Vielfalt der thematischen Zugänge entsprechen auch die visuellen Elemente: eindrucksvolle Tuschebilder, die mensch sich gerne als Gemälde gerahmt an die Wand hängen würde, sind darunter ebenso wie mit Kugelschreiber fein schraffierte Darstellungen von technischen Geräten. Die Ausgestaltung der Seiten ist dabei unglaublich ausgeklügelt und stets genau darauf ausgerichtet, den komplexen Inhalt nicht nur zu bebildern oder auszudeuten, sondern vielmehr zu vertiefen: Ein Text über den Urzeitfisch ist in weißer Schrift auf schwarze Seiten gesetzt, auf denen wiederum mit feinem weißen Strich gezeigte Unterwasserwesen ihrer Wege schwimmen (oder schweben). Ein Maßband am Seitenrand begleitet den Abschnitt über „Rekorde“, der „Tod“ hat einen tiefschwarzen Farbakzent ebenso wie einen leuchtend gelben, die „Wildnis“ wird von grün durchzogen. Der Verlag empfiehlt das Buch für Menschen von 12 bis 122 Jahren – verständlich angesichts des komplexen Inhalts, an der Detailverliebtheit der Seiten und den hinreißend schönen Bildelementen werden aber auch jüngere Betrachter*innen ihre Freude haben. Abgerundet wird das Buch durch per QR-Code einfach zugängliche Verweise auf Organisationen und Museen, ein Personenregister und Büchern zum Weiterlesen. Ein letzter QR-Code führt schließlich zu einem aufschlussreichen Making-of, in dem die Autorin selbst eine sehr treffende Gattungszuordnung für ihr Buch findet: es ist kein zoologisches Kompendium, sondern ein „essayistisches Geflecht“. Sich in einem Geflecht als Leser*in, als Betrachter*in zu orientieren, ist natürlich nicht immer einfach – aber in diesem Fall enorm lohnend.
Kathrin Wexberg
Auch rund um den Stephansplatz geht es dieser Tage viel um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier: bei den >>> Literarischen Kursen startet demnächst der neue Fernkurs naturLesen, alle Informationen finden Sie >>> hier
Im Dom Museum Wien läuft ab 2. Oktober die neue Ausstellung mit dem Titel >>> tierisch menschlich
Das Kröte-des-Monats-Logo können Sie hier für Werbezwecke in unterschiedlichen Formaten downloaden.
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