Kröte im Sommer 2026

kibitz 2026.
248 S.
Josephine Mark: Red
Eine Sirene heult ohrenbetäubend durch die Nacht, über mehrere Panels hinweg legt sich das dazugehörige Soundword über die Szenerie. Schnitt in einen Polizeiwagen. Drei Personen unterhalten sich und sind auf dem Weg zu einem Tatort, denn im tiefsten Schnee wurde eine unbekleidete Leiche gefunden (das winterliche Setting bietet in der Sommerkröte im brütenden Juli eine willkommene literarische Abkühlung!). Unvermittelt wirft der Auftakt des Comics Red seine Lesenden in die Geschichte hinein. Und mindestens genauso unvermittelt und stark erzeugt der Auftakt eine dichte Atmosphäre, bei der unmissverständlich klar ist, um welches Genre es sich hier handelt: In ihrem neuesten Comic erzählt Josephine Mark einen Krimi.
Josephine Mark ist Meisterin des Erzählens in Bild und Text, aber vor allem auch Meisterin darin, verschiedene Genres in Comicform umzusetzen und die Stärke des Mediums in Bild und Text auszuspielen. Nach Western (Murr), Road Movie (Trip mit Tropf) und Tiergeschichte (Der Bärbeiß) nun in einem gezeichneten Krimi. Dabei greift sie auf bewährte Mark’sche Verfahren zurück, die sie gewohnt stark umsetzt: Ein ungleiches Duo, das irgendwie ungewollt zusammengeworfen wird, ein niedliches, aber eben auch vielschichtiges Tier, das mehr ausmacht, als nur niedlich zu sein, dynamische Zeichnungen, ein hohes Erzähltempo und ein Witz, der punktgenau sitzt. Josephine Mark hat es also wieder getan: Sie hat einen lustigen, hintergründigen und brillanten Comic vorgelegt. Hier könnte die kürzeste Kröte des Monats in der Geschichte der Kröte des Monats damit nun enden.
Natürlich gibt es aber noch viel mehr zu sagen zu diesem besonderen Comic. Also Schnitt zurück zum Auftakt: Um wen es sich bei der Leiche handelt und was passiert ist, blättert der Verlauf der Handlung langsam auf. Dabei lernen wir ein skurriles Figurenpersonal in einem verschnarchten kleinen Ort kennen. Krimi- und mysterysozialisierte Lesende älteren Jahrgangs dürften sich bei der erzeugten Stimmung der Handlungswelt schnell an David Lynchs Klassiker Twin Peaks erinnert fühlen (die Polizeistation des Ortes ist sogar ein direktes bildliches Zitat aus der Serie). Aber auch ohne diesen medialen Hintergrund zu entschlüsseln, funktioniert die Konstruktion der Handlungswelt so gut, weil die Zeichnungen in der stimmungsvollen Farbigkeit eine unmittelbar wahrnehmbare Spannung erzeugen. Kontrastiert wird diese düstere Stimmung mit den verschrobenen Figuren, die in ihren Eigenheiten so gut in diesen Ort passen, aber eben auch lustige Momente erzeugen. Eine für den Krimi obligatorische zwielichtige Bar ist hier dann ein Nachtclub, in dem Show-Ponys auftreten. Auch dieser Raum hat für die Geschichte mehrfache Bedeutungsebenen und damit zeigt sich schon ein wichtiges Prinzip dieses Comics: Er richtet sich mit seinen Verweis- und Bezugspunkten, aber auch der Komik an ein altersdiverses Publikum. Lesende mit unterschiedlichen Erfahrungen dürften ganz verschieden andocken können. Während sich die hier schreibende Literaturwissenschaftlerin über die Bearbeitung des Krimi-Genres freut, gehen jüngere Lesende sicherlich bei der Hundefigur Friedwart Plüschmann mit.
Im Zentrum der Handlung steht neben diesem Hund die alte Frau Rosa, die allein in einer Hütte am Rande des Ortes lebt und gezeichnet von vielen Jahren der Einsamkeit eher zum mürrischen Typ Mensch geworden ist. Wir lernen sie kennen, als Friedwart Plüschmann auf der Flucht vor rabiaten Waschbären Schutz bei ihr sucht, den sie nur ungern gewährt. Zwischen beiden entwickelt sich eine unverhoffte Gemeinschaftlichkeit, auch wenn Rosa selbst so einem lieben Zeitgenossen wie Friedwart erst nichts abgewinnen kann.
Dass Friedwart und Rosa miteinander sprechen können, bleibt im Rahmen der Fiktion völlig unhinterfragt, prägt den Handlungsverlauf aber maßgeblich: Denn Friedwart hat eine besondere Spürnase und entdeckt neue Spuren im Mordfall. Gemeinsam begeben sie sich in ihre Ermittlungen, wobei jeder seine eigenen Stärken ausspielen kann und sie zu einem eingespielten Duo werden.
Mit der Fährtensuche schließt sich noch einmal der Kreis zum Beginn der Handlung und zum Beginn dieses Textes: Was hat es mit dieser mysteriösen Leiche auf sich? Dies soll natürlich hier im Rahmen der Besprechung nicht verraten sein. Nach und nach zeichnet sich aber ab, dass der Comic auf zwei Zeitebenen erzählt, ohne dass dies visuell oder schriftsprachlich plakativ markiert ist. Immer wieder wechselt das Geschehen mehrere Jahrzehnte zurück und wir lernen: Die Leiche wurde zu einer Zeit gefunden, in der Rosa noch eine junge Frau war. Dabei handelt es sich in der Gegenwart nun um einen sogenannten Cold Case, ein Fall, der nie aufgeklärt wurde. Gemeinsam mit Friedmann geht Rosa neuen Spuren nach. Geschickt verbinden sich so die beiden Zeitebenen, aber auch die ausgelegten erzählerischen Fäden zu einem packenden Krimi – auch mit unerwarteten Plot-Twists mit vielen schräg-lustigen Momenten. Denn aufgelockert wird die mitunter düstere Krimi-Stimmung immer wieder durch humorvolle und schlagfertige Dialoge, skurrile Momente und pointierte Situationskomik – etwa in einem Zirkus, dem Keller der Polizeistation oder in der Pony Bar.
Die bildliche Ebene fügt der Geschichte viele Details und Hinweise hinzu, die teilweise erst beim erneuten Lesen entschlüsselt werden können – mehrfaches Eintauchen lohnt sich hier besonders und belohnt literarische Spürnasen. Auch wenn dann die Auflösung des Falles schon bekannt ist, führt dies keineswegs zur Minderung des Lesevergnügens – vielmehr ergeben sich ganz neue Spuren. Das ist auch eine besondere Leistung von Red: Einen Krimi zu erzählen, der mit dem Wissen um die Auflösung noch packend und unterhaltsam ist, ziemlich brilliant.
Anna Stemmann
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