Hanser 2022.
112 S.


Ole und Hans Könnecke: Hört sich gut an! 50 Instrumente und wie sie klingen

Vorbemerkung 1: Zur Wechselbeziehung zwischen Musik und Literatur
Literatur (bzw. Bücher als deren Medium) und Musik sind eigentlich ein Widerspruch in sich, sind doch am Papier visuelle Zeichen (ob Schrift oder Bild) abgebildet und nichts zum Hören. Dennoch sind natürlich zahlreiche Verschränkungen möglich, zu denen sich das STUBE-Team schon sehr umfassend Gedanken gemacht hat.

Unter dem Titel >>> „Seiten aufschlagen. Saiten anschlagen“ etwa hat Heidi Lexe in einem Beitrag für das Jahrbuch der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung herausgearbeitet, welche Erzählstrategien jugendliterarische Texte nutzen, die popmusikalische Einschreibungen anwenden, um auditive Effekte strukturierend oder ausdeutend in die Textgestaltung zu integrieren.

Vor fast genau einem Jahr drehte sich die Fernkurstagung in Siegburg drei Tage lang unter dem Titel >>> „Vom Hören erzählen“ um Aspekte des Auditiven in der Kinder- und Jugendliteratur, von akustischen Phänomen im Bilderbuch über Musikerbiographien im Comic bis hin zum vorhin schon angesprochenen jugendliterarischen Soundtrack, der nicht nur in Form von Musikverweisen, sondern auch als T-Shirt (einer Rockband natürlich) konkretisiert wird.

Eindrucksvoll eröffnet wurde diese Tagung mit einem Vortrag von Peter Rinnerthaler, der eigens dafür Soundscapes, also Klanglandschaften, von der STUBE-Homebase Wien und dem Tagungsort Siegburg bei Bonn aufgenommen hatte und damit eindrucksvoll verdeutlichte, wie sich unterschiedliche konkrete Orte unterschiedlich anhören.

Im Wintersemester 2019/2020, dem letzten Semester vor der Pandemie und jahrelangem Online Lehren und Studieren, widmete sich die >>> Ringvorlesung zur Kinder- und Jugendliteratur am Institut für Germanistik der Universität Wien, unter reger Beteiligung des STUBE-Teams, ebenfalls Fragen von Hören und Lautlichkeit: In Vorlesungseinheiten über Medialität und Materialität von Daten(über)trägern, den acoustic turn bis hin zur Einschreibung von Rap-Texten und Poetry in die Jugendliteratur wurde dabei deutlich, dass Literatur und Musik mittlerweile (oder schon länger) eng verwoben sind.

Wie diese Verwobenheit konkret ausschaut, hat sich allerdings (außer dem textlichen Verweis auf Musik) in den letzten Jahren stark verändert: War es früher üblich, etwa Musik-Sachbüchern eine CD beizulegen, wird heute eher auf QR-Codes als Verknüpfung zu Plattformen, auf denen die Tonspur oder das Lied dann konkret gehört werden kann, zurückgegriffen (ob während oder nach der Lektüre des Buches, bleibt den Leser*innen überlassen).

Vorbemerkung 2: Zum Sachbuch
Im Bereich des Sachbuchs findet sich aktuell eine bemerkenswerte Vielfalt an Erzähl- und Gestaltungsformen. Dabei wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Wissenschaft für ein junges Publikum aufbereitet, wie die jüngst veröffentlichten Nominierungen der Longlist zum Junior-Wissensbuch zeigen (https://www.wissenschaftsbuch.at/).

Von der Evolution über den Krieg bis hin zu den Krokodilen sind dabei ganz unterschiedlichen Themen vertreten. Das Sachbuch ist einerseits ganz am Puls der Zeit und beschäftigt sich mit aktuellen Zeitphänomenen (so sind seit Beginn der Pandemie zahlreiche Sachbücher zur Viren und Bakterien erschienen), aber auch historische Aspekte kommen nicht zu kurz (seit kurzem liegt ein Kinder-Sachbuch zur Medizingeschichte vor).

Schluss mit Vorbemerkungen: das Buch
Der Paratext Buchcover sendet hier zunächst ganz eindeutige Signale:  In Übertitel (Hört sich gut an!) und Untertitel (50 Instrumente und wie sie klingen) wird konkret auf das Thema Musik verwiesen, ein QR-Code deutet an, dass es auch ergänzende Musikstücke gibt. Ein solides Musik-Sachbuch also, wir lernen etwas über Instrumente und wie sie klingen.
Doch schon beim ersten Satz wird deutlich, dass dieses Buch (beziehungsweise seine Gestalter, Illustrator und Autor Ole Könnecke und Komponist Hans Könnecke) sich nicht so ernst nehmen:

50 Instrumente – wir hätten natürlich genauso gut 40 nehmen können, oder 60, oder 600; an Instrumenten herrscht kein Mangel. Aber 50 ist eine schöne Zahl, und die bekanntesten Instrumente haben wir dabei, und dann noch ein paar mehr.
Da wundert es dann auch kaum mehr, dass in einem P. S. zur Einleitung nachgereicht wird, dass es eigentlich 52 sind. Na, macht nichts.

In der Reihenfolge des „Auftretens“ beziehungsweise der Beschreibung wird nicht auf die gängige Gruppierung in Holzblasinstrumente, Blechblasinstrumente etc. zurückgegriffen, sondern eher unsystematisch vorgegangen (eher ungewöhnlich für ein Sachbuch, wo es oft eben darum geht, wissenschaftliche Typologien wiederzugeben).

Auf jeder Doppelseite wird nun ein Instrument vorgestellt, mit einer großflächigen Illustration, die je ein Tier beim Spielen des Instruments zeigt, und einigen wenigen Textzeilen. Worauf in diesen eingegangen wird, ist allerdings sehr unterschiedlich. Da gibt es manchmal sehr spezifische musikgeschichtliche Informationen, wenn es etwa heißt:

Wollten Komponisten aus der Zeit der Romantik eine sehnsuchtsvolle Waldstimmung in ihrer Musik erzeugen (und das wollten sie oft), war das Horn das Instrument ihrer Wahl.
Dann wiederum nimmt der Text bzw. seine erklärende Erzählstimme sich selbst nicht so richtig ernst, wenn über die Tonerzeugung beim Theremin lakonisch formuliert wird:
Irgendwie (genau haben wir es nicht verstanden, aber es hat etwas mit Elektromagnetik zu tun) erzeugt das Instrument einen Ton.

Auch die Ebene, welches Instrument wie schwierig zu erlernen ist, wird mit entsprechender Nonchalance und Einbeziehung der Lesenden thematisiert:

(Zum Lesen dieses Textes hast du vielleicht dreißig Sekunden gebraucht. In dieser Zeit hättest du eigentlich auch lernen können, das Kazoo zu spielen.)

Ole Könnecke ist erwiesenermaßen ein Meister darin, Tiere bei menschlichen Aktivitäten zu zeigen und dabei eine besondere Form von Komik entstehen zu lassen, das hat er bereits in Bilderbüchern wie „Sport ist herrlich“ (Hanser 2017) unter Beweis gestellt. Besondere Effekte entstehen hier aber auch dadurch, welches Tier beim Spielen welches Instrumentes abgebildet wird: Denn wenn das Schnabeltier beherzt ins Didgeridoo bläst, ist das natürlich geographisch naheliegend, könnte aber anatomisch/physikalisch durchaus schwierig, um nicht zu sagen, unmöglich sein. Auch die entsprechenden Accessoires und Outfits der tierischen Musiker*innen sind großartig: Während der entrückt auf die, der oder das Triangel schlagende Löwe in einen eleganten Dirigenten-Frack gekleidet ist, sind der Konzertina spielende Otter oder der ins Saxophon blasende Fisch unbekleidet. Welches Tier Klavier spielt, konnte im Rahmen der Recherchen für diese Rezension nicht definitiv geklärt werden, es ist jedenfalls ebenfalls unbekleidet – und hat wie alle anderen Figuren einen hinreißend beglückten Gesichtsausdruck, der dazu animiert, sich das anzuhören. Was eben tatsächlich konkret und sofort möglich ist: Auf jeder Seite führt ein QR-Code zu einem Musikstück mit dem abgebildeten Instrument, das Hans Könnecke für dieses Buch komponiert und mit solistischen Instrumentalist*innen aufgenommen hat. Auch hier wird der wohltuend humorvolle, unprätentiöse Zugang weitergeführt beziehungsweise musikalisch umgesetzt: Wenn im Text drohend darauf hingewiesen wird, dass auf einer Orgel niemals alltägliche Musik gespielt werden darf (Niemals, hörst du?) wird im Musikstück gerockt, was das Zeug hält.  

Hört sich gut an.

Kathrin Wexberg

Ob Sachbuch, Bilderbuch oder Jugendroman: Töne, Klänge und Soundtracks spielen immer wieder eine wichtige Rolle. Eine annotierte Auswahl findet sich in der Themenliste >>> Musik.


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