Hg. v. Stefanie Schweizer.
Beltz&Gelberg 2022.
70. S.


Josef Guggenmos: Es flüstert und rauscht. Naturgedichte für Kinder

Schaut man genau,
dann ist viel los –
dann ist das Kleine
schön und groß.

Bereits vor dem Inhaltsverzeichnis, das zwölf Gedichte von Josef Guggenmos zeigt, wird einem Vorwort gleich in lyrischer Form darauf fokussiert, um was es in diesem Gedichtband gehen wird: um das genaue Hinschauen. Aber nicht irgendwo, sondern auf und in die Natur. Denn genau diese steht in all ihren Formen und Farben in dem von Stefanie Schweizer herausgegebenen und von Arne Rautenberg im Nachwort kommentierten Band im Bilderbuchformat im Zentrum.

So vielfältig wie die Natur im Jahreskreis präsentieren sich die Gedichte, die je von anderen Künstler*innen grafisch in Szene gesetzt wurden. Jeder grafischen Umsetzung wird das Guggenmoser’sche Gedicht auf der linke Doppelseitenhälfte in Maschinendruck gesetzt vorangestellt, bevor zwölf Illustrator*innen ihrer Kreativität freien Lauf lassen und der Text als Bildelement Einzug in die Gesamtkomposition der Illustrationen findet: „Die Tulpe“ wird so beispielsweise von Pia Valvär schlafend als Blumenzwiebel inszeniert, die von ihrem Leben über der Oberfläche träumt, während sich „Unterm Rasen“ die verschiedenen Käfer von Max Fiedler in an Comicpanels erinnernden U-Bahnszenarien durchs Erdreich wühlen.
Phantastisch anmutende Szenarien wechseln sich so mit anatomisch korrekten Abbildungen von allerhand Getier ab; knallbunte Doppelseitengestaltungen mit gedeckten Farben. Zwischen unterschiedlichen Comicstilen, die ein Gedicht erzählen wandert er, der Rotfuchs, / über das nächtliche Feld und

Die Bienen summten, die Hummeln brummten,
die Eidechsen kamen fröhlich gelaufen,
der Igel kroch aus dem Reisighaufen.

Aber nicht nur allerhand Wesen aus Flora und Fauna werden hier zu Protagonist*innen und entsteigen den Gedichten, die für sich schon eine Fülle an lyrischen Formen darstellen. Sondern auch Wetterphänomene werden zu Hauptakteur*innen, denen – entkoppelt von ihrer naturwissenschaftlichen Entstehung – ein Zauber oder eine enorme Kraft innewohnen kann, wenn etwa „Das Gewitter“ entfesselt wird:

Da fuhr ein Blitz
mit helllichtem Schein,
zickzack
blitzschnell
in einen Alleebaum hinein.
Und ein Donner schmetterte hinterdrein,
als würden dreißig Drachen
auf Kommando lachen,
um die Welt zu erschrecken.

Nicht nur die grafische Ausgestaltung räumt Platz zum Weiterdenken ein, sondern auch die frei- und vorangestellten Gedichte selbst eröffnen Raum und animieren dazu, genau hinzusehen, hinzuhorchen und zu spüren, was sich rund um einen in der Natur tut. Der Band in seiner Gesamtheit oder jedes einzelne Gedicht für sich lädt dazu ein, Inne zu halten, dem Außen mehr Beachtung zu schenken und die kleinen Dinge (neu) zu entdecken.

In seiner Fülle an unterschiedlichen Farben, Stiften, Stilen und Zugängen entsteht so ein illustratorisches Potpourri, dass den feinen Ton der Gedichte von Josef Guggenmos gemeinsam hat und so durch einen übergeordneten Bogen viele der Facetten aufzeigt, die die Natur(Lyrik) zu bieten hat. Und während sich ja erstere im Winter nur deutlich reduzierter Form zeigt, steht die Lyrik in üppigen Bänden wie diesem ganzjährig in all ihrer Pracht zur Verfügung.

Alexandra Hofer

 

Die gesammelten Lyrik-Tipps der letzten Monate finden Sie im >>> Lyrikarchiv