Lyrik-Tipp der STUBE

Jacoby & Stuart 2026.
32 S.
Eva Rottmann: Max und Murat
Aus „Max und Moritz“ wird bei Eva Rottmann und Jokin Michelena „Max und Murat“. Angelehnt ist der Titel aber nicht nur an den Kinderbuchklassiker von Wilhelm Busch, sondern auch an eine 2018 veröffentlichte Studie der Uni Mannheim, die unter dem Titel „Max vs. Murat – Effekte des Migrationshintergrunds bei der Diktatbeurteilung“ bekannt wurde. Bei der Studie wurde deutlich, dass obwohl bei Diktaten die gleiche Fehlerzahl von den Lehramtsstudierenden erkannt wurde, die Bewertungen deutlich schlechter ausfielen, wenn ein Migrationshintergrund des Kindes angenommen wurde. Dazu aber später mehr.
Nicht nur durch den alliterativen Titel werden die Lesenden an den Klassiker von Busch erinnert, auch die Covergestaltung in zitronengelb und mit verschnörkeltem Zierrat um die Rot-Schwarze Schrift knüpft an diese Assoziation an. Im Text bedient sich Rottmann ganz konkret am Klassiker, so beginnt auch Max und Murat mit der bekannten Strophe:
Ach, was muss man oft von bösen
Kindern hören oder lesen,
Wie zum Beispiel hier von diesen,
Welche Max und Murat hießen.
Aber wehe, wehe, wehe,
wenn ich an das Ende sehe!
[…]
Über das gesamte Buch hinweg greift Rottmann in Text und Form auf diese Intertextualität zurück und spielt mit dem direkten Vergleich mit dieser urdeutschen Geschichte der beiden pausbäckigen Lausbuben. Das raffinierte dabei ist, dass die moralische Dichotomie, also Max und Moritz böse, alle anderen gut, hier im Grunde umgedreht wird. Zwar erlauben sich die beiden auch bei Rottmann mehrmals einige Regelverstöße, aber der eigentliche Fokus liegt auf den Reaktionen der Erwachsenen. Schnell wird klar, dass die Konsequenzen für Max und Murat unterschiedliche sind und eben nicht beide gleichermaßen am Ende zu Mehl gemahlen werden. So wird bei ihrem ersten Streich, bei dem sie sich vorm Rundenlaufen beim Fußballtraining drücken wollen, nur Murat vom Training ausgeschlossen und ihm sogar noch vorgeworfen wird, Max zum Drücken angestiftet zu haben.
So zieht sich die Geschichte, immer im Paarreim geschrieben über sieben Streiche fort und baut sich langsam ihrer Intensität auf.
Die titelgebende Studie wird dann im Dritten Streich ganz konkret eingearbeitet, denn als Murat, für Max, der sich in Mathe schwertut, den Test gleich mitschreibt, bekommt dieser die bessere Note, obwohl beide Bögen von Murat identisch ausgefüllt wurden. Diese Diskrepanz in den Reaktionen verstärkt sich über die Streiche hinweg immer mehr und lässt den Lesenden auch selbst mit dem starken Gefühl zurück: „He, das ist aber nicht fair!“. So wird klar, die vermeintlich Bösen der Geschichte sind nicht die Buben, sondern die Erwachsenen, deren Handeln auf rassistischen und stereotypen Vorstellungen beruht.
Jede Strophe wird, ganz wie bei Busch, durch eine kleine Zeichnung ergänzt, hier in Wasserfarbenoptik und Fineliner. In ihrem „gekritzelten“ Stil erinnern die Illustrationen von Jokin Michelena an Zeichnungen, die jemand beiläufig in sein Heft gekritzelt haben könnte, und fügen sich dadurch passend in die Geschichte ein, die sie mit zusätzlichen Details und Emotionen stimmig ergänzen.
Murat landet im Siebten Streich schließlich vor Gericht, schildert dort dann aber seine Sicht und tut dies mit einem Gedicht. Mit ebenjenem, das die Lesenden gerade in ihren Händen halten. Ohne es einmal auszusprechen, wird in diesem Buch dem wichtigen Thema Alltagsrassismus eine klare Form gegeben, die Lesende omnipräsent und übermächtig spüren. Selbst der Schluss lässt frustriert zurück.
Und die Moral von der Geschichte? Die lässt Rottmann die Lesenden selber schreiben und lässt dafür extra noch einige Zeilen auf der letzten Seite frei.
Magdalena Ferdigg
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