Patti Rokus: Die Weihnachtsgeschichte. Stuttgart: Gabriel 2019.

Neben all dem weihnachtlichen Kitsch, den man auf den allgegenwärtigen Weihnachtsmärkten und in so manch anderer Weihnachtsgeschichte begegnet, wirkt dieses Bilderbuch besonders ruhig. Bereits das Vorsatzpapier mutet in einem sanften Braunton sehr unaufgeregt an. Ähnlich entschleunigt, aber keinesfalls langweilig geht es auch weiter. Stein für Stein baut die US-amerikanische Künstlerin Patti Rokus die wohl- bekannte Weihnachtsgeschichte nach und verleiht ihr durch die in Szene gesetzten Naturmaterialien eine andere, weniger bekannte Herangehensweise. Eine Technik, die vielleicht aus „Ramas Flucht“ von Margriet Ruurs und Nizar Ali Badr schon bekannt ist. Auch dort werden kunstvolle Anordnungen komponiert, in deren Zentrum der Stein steht, um die Flucht aus Syrien zu bebildern.

„Dies ist die Geschichte von Jesu Geburt“, heißt es auf der ersten Seite. Auf der gegenüberliegenden zeigen eine Hand voll Steine ein biblisch sehr stark konnotiertes Bild: Ein Hirte – erkennbar am Hirtenstock am Boden – sieht empor zu einem Stern. 
Dieses Bilderbuch kommt mit wenig Text aus: die durchgängig schwarzen Doppelseiten werden vor allem durch die unterschiedlichen Steinarrangements dominiert, die gekonnt belichtet in Szene gesetzt werden und die wichtigsten Stationen der Weihnachtsgeschichte abbilden. Überladen sind die Seiten dabei nie. Dadurch entsteht viel schwarzer Raum, in dem die Bilder umso stärker wirken können und der viel Platz für eigene Gedanken rund um die Verkündung und die Geburt Jesu lässt.  Während zu Beginn noch einzelne Szenen dargestellt und zumeist eine Hand voll Steine ins rechte Licht gerückt werden, vermehren sich diese sukzessiv bis zum Ende hin, wenn der Stall, in dem das Jesuskind geboren wurde, mit all den Figuren von Maria und Joseph bis hin zum kleinsten Schaf arrangiert wird. „Die Weihnachtsgeschichte“ ist nach „He is risen“, das nicht ins Deutsche übersetzt wurde, das zweite Bilderbuch der Künstlerin, die auf ihrer Website in einem Video genau zeigt, wie sie die Steine anordnet und in einem Stop-Motion-Video in Bewegung versetzt: https://rockstellstories.com/

In diesem Bilderbuch zeigt sich, dass weniger oft mehr ist und eine Weihnachtsgeschichte auch ganz ohne Kitsch und Gefunkel auskommen und für sich stehen kann. All jene Leser*innen, denen der verknappte Text im Bilderbuch zu reduziert ist, haben im Anhang die Möglichkeit die Weihnachtsgeschichte des Lukas- und Matthäus-Evangeliums nachzulesen.

Alexandra Hofer 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Antonie Schneider und Pei-Yu Chang: Wem gehört der Schnee? Zürich: NordSüd 2019.

Der Schnee hat in unseren Breitengraden schon eine faszinierende Wirkung, wenn er das erste Mal im Jahr vom Himmel fällt und sich leise über Städte, Felder und Wälder legt. Auch in Jerusalem schneit es, nicht oft, aber doch und dann sind die Menschen wie verzaubert: egal ob es sich dabei klein oder groß handelt. 
In „Wem gehört der Schnee?“ wird gekonnt die Ringparabel, die vor allem durch Gotthold
Ephraim Lessings Drama „Nathan der Weise“ und vielleicht auch durch Mirjam Presslers Adaption für Jugendliche „Nathan und seine Kinder“ bekannt ist, für die Jüngsten adaptiert. Nachdem sich zunächst das Kamel gewundert hat, dass es schneit, berichtet der Text vom wandelnden Erscheinungsbild Jerusalems: Die Kirchtürme bekommen weiße Spitzen. Der Felsendom eine weiße Mütze und die Klagemauer eine weiße Decke. Inmitten der Stadt begegnen sich drei Kinder, die den großen monotheistischen Religionen angehören.
Geschwisterlich wollen sie den Schnee zunächst aufteilen, was aufgrund der physikalischen Beschaffenheit des Schnees schlecht geht, da dieser schmilzt. Lauthals streiten und diskutieren sie darüber, welcher ihrer Götter denn den kostbaren Schnee erschaffen hat.
Allein können sie sich nicht einigen und beschließen, sich einen höheren Rat einzuholen: Samir fragt beim Imam nach, das christliche Mädchen Mira erkundigt sich bei ihrem Priester, während sich Rafi an den obersten jüdischen Gelehrten, den Rabbi wendet. Die Frage ist leicht: Wer hat den Schnee erschaffen? Die Antwort weniger. 
Die drei gelehrten Männer antworten alle mit einem klaren Gottesbezug: >>Der Schnee hat ein Geheimnis<<, sagt der Rabbi. Der Imam sagt: >>Ein Geheimnis wie Gott! Er ist da, er lässt sich nicht festhalten.<< >>Wenn man versucht, das Geheimnis zu beweisen, verliert man es<<, sagt der Priester. Diese Antworten sind für die Kinder auf den ersten Blick wenig zufriedenstellend und sie kehren traurig Nachhause zurück. Doch das Wunder des Schnees ist unergründlich; kurz darauf beginn es erneut zu schneien und die Kinder erkennen den Sinn hinter dem Gesagten. 
Die Botschaft der Toleranz sowie dem Miteinander von Christentum, Judentum und Islam nimmt dabei ebenso Raum ein, wie die Frage nach dem Wunder Gottes. Durch das besondere Setting in Jerusalem und der Verknüpfung mit der Tatsache, dass es dort kaum bis nie schneit, liegt ein Bilderbuch vor, dass sich gut in die Tradition der Ringparabel einschreibt. Dabei birgt die Auseinandersetzung unterschiedliche Zugänge hinsichtlich des Wunders: im Sinne dessen, dass Gott/Allah/Jahwe den Schnee geschaffen hat, aber auch dass Schnee in Jerusalem ähnliche wundersame Kraft hat wie die Gegenwart Gottes an sich. Illustratorisch arbeitet dieses Bilderbuch mit Collagen und dem Erscheinungsbild der Stadt
Jerusalem. Durch unterschiedliche Symbolgebung an den Hausmauern sowie den Umgebungen der geistlichen Begleiter kommt auch bildlich die interreligiöse Komponente ein Stück weit zu tragen. 

Alexandra Hofer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alyssa Hollingsworth: 1x Pech und 11x Glück. Illustriert von Cornelia Haas. Aus dem Amerikanischen von Ann Lecker. Bindlach: Loewe 2019.

Die Quaste, die meine Großmutter aus weißen und blauen Fäden mit roten Perlen gewebt hat, schwingt hin und her, als ich die Rubab auf meinem Schoß arrangiere.      Ich atme langsam und tief ein.
Wenn ich ganz still und reglos innehalte, fallen mir immer Lieder ein. […] Lieder, die große Entfernungen zurücklegen und durch meine Hände spielen, als wären sie gar nicht von mir. […] Die Außenwelt wird immer kleiner, bis nur noch ich und die Rubab übrig sind. (S. 11)

Die Rubab, ein afghanisches Saiteninstrument, ist der einzige Gegenstand, der die Flucht aus
Afghanistan nach Boston überlebt hat. Dabei ist sie nicht nur ein Stück Zuhause und
Erinnerung, sondern zugleich auch Zukunft, ist sie doch die einzige Möglichkeit für Samis Großvater etwas Geld zu verdienen, wenn er die Menschen in einer U-Bahnstation mit seiner Musik erfreut. Als dieses für Sami und seinen Großvater so kostbare Instrument gestohlen wird, setzt der 12-jährige Protagonist alle Hebel in Bewegung, um sie wieder zu bekommen und damit der immer düster werdenden Stimmung des Großvaters entgegen zu wirken. Sami lebt mit seinem Großvater, den er liebevoll Baba nennt allein; dass er den Rest seiner Familie bei einem Anschlag verloren hat, erschließt sich für die Leser*innen erst im Verlauf des Texts.

Nachdem er sie in einem Musikgeschäft für 700 Dollar wiederfindet, gilt es einen ausgeklügelten und eher ungewöhnlichen Plan zu erstellen, um das Geld schnellstmöglich zu beschaffen. Die Deadline ist dabei das Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadan. Mithilfe von Tauschgeschäften versuchen Sami und sein neu gewonnener Fußballfreund Dan Dinge mit wertvolleren Gegenständen zu ertauschen: Ausgangspunkt ist dabei ein Manchester-United-Schlüsselanhänger, den Sami von seinem Großvater auf der Flucht geschenkt bekommen hat. Schlüsselanhänger gegen vermeintlich kaputten iPod, iPod gegen Figurinen, Figurinen gegen Bargeld sind nur drei der insgesamt elf Tauschgeschäfte, die der Protagonist abschließt. Für die Lesenden führt die Autorin vor jedem Kapitel ein Tauschtagebuch an, dass durch eine andere Schriftart vom Fließtext abgehoben ist. In diesem wird nicht nur penibel genau festgehalten wird, welche Tauschmöglichkeiten Sami plant und bereits abgeschlossen hat, sondern auch den Countdown bis zur Deadline sowie das Haben und Soll der $ 700 auflistet.

In diesem Text steht nicht – wie so oft – die Fluchtgeschichte des Jungen im Vordergrund. Vielmehr erzählt Alyssa Hollingsworth in ihrem Debütroman von einem Kind, das sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden muss. Dabei gilt es nicht nur die neue Sprache zu erlernen, in der Schule mitzukommen, sondern vor allem auch die Erinnerungen und die Bilder der Vergangenheit zu bewältigen. Der Text erzählt aber auch von Freundschaften, die sich durch das Ausüben einer gemeinsamen Sportart entwickeln und darüber hinaus von einer gelungenen Integration.

Durch zahlreiche innere Monologe werden die Herausforderungen, mit denen Sami konfrontiert ist, nachvollziehbar. Dabei kommen auch kulturelle Unterschiede zwischen Afghanistan und dem Westen zur Sprache: Es überrascht mich nicht, dass in Amerika sowohl
Mädchen als auch Jungs Fußball spielen, doch es erfüllt mich immer noch mit Unbehagen und Verlegenheit, dass man von mir erwartet, mit Mädchen zu spielen – es ist so ein Gefühl, wie wenn ich eine Treppenstufe verpasst hätte. (S. 66.)

Neben der Besonderheit, dass in diesem interkulturellen Roman eine Flucht und deren Folgen thematisiert werden, ohne sie zum zentralen Thema des Plots zu machen und stattdessen Freundschaft ins Zentrum zu rücken, überzeugt der Text vor allem auch durch die Darstellung eines friedlichen Islams und erhält dadurch ganz unaufgeregt eine aufklärerische Komponente: So etwa wenn der Protagonist seinen neuen Mitschüler*innen erklärt, was für ihn der Ramadan bedeutet.

Alexandra Hofer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Linde Hagerup: Ein Bruder zu viel. Aus dem Norweg. v. Gabriele Haefs. Mit Bildern von Felicitas Horstschäfer. Gerstenberg 2019.

Ist die junge deutsche Kapitänin Carola Rackete, die im Juni 2019 Flüchtlinge aus Seenot rettete und gegen den Willen der italienischen Behörden ans Ufer Lampedusas brachte, eine „Heldin“ oder eine „Verbrecherin“? Diese Frage wurde in Medien und Politik heftig und teilweise sehr gehässig diskutiert. Und sie macht deutlich, dass ethisch richtiges Handeln nicht immer (oder vielleicht sogar niemals…) mit einem objektiven Maßstab gemessen werden kann. Mit diesem Umstand sind auch Kinder tagtäglich konfrontiert – und manchmal geht es dabei nicht nur um alltägliche, kleine Entscheidungen, sondern um ganz existenzielle Themen. Das erlebt die neunjährige Sara, die aus IchPerspektive in lyrischer Prosa diesen schmalen norwegischen Kinderroman erzählt. Das Leben in ihrer vierköpfigen Familie mit Mama, Papa und der etwas älteren Schwester Emilie funktioniert sehr harmonisch und ist voller liebevoller Rituale:

Mama und Papa arbeiten viel.
Manchmal sind sie gestresst.
Dann lächeln sie und sagen, dass sie eigentlich guter Laune sind und es ihnen nur gerade ein bisschen zu viel wird. Und dass das doch nicht so schlimm sei.
Und dann kriegen wir jede einen Kuss.“


Doch dann stirbt plötzlich die beste Freundin der Mutter, eine Alleinerzieherin, und die Familie nimmt wie unter den Erwachsenen vereinbart ihren kleinen Sohn Steinar, den Sara noch nie leiden konnte, auf. Sara kann mit dieser massiven Veränderung im Familiensystem gar nicht umgehen, zumal auf den Buben in seiner Trauer sehr viel Rücksicht genommen und familiäre Spielregeln außer Kraft gesetzt werden. Im Grunde ihres Herzens weiß sie natürlich, dass ethisch richtiges Handeln bedeuten würde, Steinar so liebevoll, wie sie es immer erlebt hat, zu behandeln – konkret fühlt sie sich dazu aber nicht in der Lage, zu übermächtig sind Ärger und Wut über diese ohne ihr Einverständnis getroffene Entscheidung.  Als sie zufällig ein Gespräch der Eltern belauscht, in der diese überlegen, ob die Situation wohl leichter wäre, wenn sie ein Bub wäre, fasst sie kurzerhand einen Plan, wie ihn nur Kinderköpfe haben können: Sie nimmt eine neue Identität an.

Von jetzt an würde ich Alfred sein.
Nur Alfred.
Der beste große Bruder auf der Welt.“

Als Alfred gelingt es ihr, was sie als Sara nicht geschafft hat: Mit dem ungeliebten kleinen Störenfried geduldig und einfühlsam umzugehen. Die Familie, von Felicitas Horstschäfer in expressiven Illustrationen in gelb und blau dargestellt, reagiert auf diesen Rollenwechsel natürlich zuerst irritiert, weiß aber dennoch die darin liegende positive Veränderung wahrzunehmen. Bis schließlich mit vereinten Kräften, und sehr viel unkitschig geschilderter Liebe, das familiäre Gleichgewicht neu ins Lot gebracht wird und damit auch Sara wieder ihren Platz findet.

Kathrin Wexberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Steve Tasane: Junge ohne Namen. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Frankfurt am Main: Fischer 2019.

Heute ist der Schlamm trocken und verkrustet und weht in meine Augen. Heute habe ich Geburtstag. Ich glaube, ich habe heute Geburtstag.

Mit diesen Worten setzt der Text bereits am Cover ein - Vorsatzpapier sowie Schmutztitel werden dabei ebenso übersprungen. Der Titel bildet damit gleichzeitig die Überschrift des ersten Kapitels. Es handelt sich hierbei um keine
Fluchtgeschichte, sondern um den Alltag in einem Flüchtlingslager: Aber ich werde nicht die Geschichte meines früheren Lebens erzählen. Ich werde die Geschichte meines jetzigen Lebens erzählen, hier im Lager, angefangen mit dem heutigen Tag.
Meinem zehnten Geburtstag. Meine Geschichte geht so … (S. 3-4)  

Aus der Ich-Perspektive von I, einem 10-jährigen unbegleiteten Minderjährigen, werden einige Wochen in jenem Auffanglager geschildert. Auf der Flucht selbst hat er sowohl seine Familie, als auch seine Papiere, sein sogenanntes Lebensbuch verloren. Dieser Umstand, den er mit vielen anderen Kindern im neuen “Zuhause” teilt, führt dazu, dass jene papierlosen Mädchen und Jungen auf den ersten Buchstaben ihren Vornamens reduziert werden: keine Papiere - keine Namen. Gemeinsam mit V, O, L und E versucht er das Leben zu meistern. Unterstützung bekommen sie von C , dem Sohn von Charity, einer Helferin, die mit einem Bus für einen sicheren Ort für Kinder und Frauen sorgt. C solidarisiert sich mit der verkürzten Form seines Namens mit den Kindern. Die Wahl der Anfangsbuchstaben scheint dabei nicht willkürlich zu sein, so könnte bei näherer Betrachtung doch I C (see) LOVE daraus gebildet werden. Diese anonymen Buchstaben werden in die einzelnen Kapitelüberschriften aufgegriffen und zu zumeist negativ konnotierten Überthemen für den nachstehenden Textteile: Ich, Verlust, Essen, Chaos, Ortlos sowie  Leben.  Die teils naive, teils nüchterne Erzählstimme berichtet auf einer kindlichen Wahrnehmungsebene über den Zeitvertreib vor Ort, der vor allem auch durch die Suche nach Essen und dem Erfinden von Spielen geprägt ist. 

Der Text ist weder zeitlich, noch topographisch klar verortet. Im Nachwort schreibt der Autor, dass er seine eigene Erfahrungen als Sohn eines Flüchtlings mit Elementen von Einzelschicksalen heutiger junger Flüchtlingskinder verknüpft. Dadurch liegt ein zeitloser Text vor, der nichts beschönigt und wie es scheint einen sehr ehrlichen Weg wählt, wie sich das Leben von unbegleiteten Minderjährigen in einem der zahllosen Flüchtlingslagern gestalten könnte. Dabei wird etwa die erbärmliche Wohnsituation von Menschen geschildert, das Problem mit dem entstehenden Müll, fehlenden sanitären Einrichtungen und die Gewalt der Wachmänner thematisiert und unverblümt aufgezeigt, wie mithilfe von Tränengas und Bulldozern das Lager geräumt und die Flüchtlinge umgesiedelt werden sollen. 

Am Ende bleibt dennoch ein Funke Hoffnung; die Kinder verlassen gemeinsam mit Charity das bereits dem Erdboden gleichgemachte Lager und begeben sich miteinander auf die Suche nach einem neuen Zuhause.  

Alexandra Hofer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regina Schwarz/Stefanie Harjes: Wen du brauchst. Tulipan 2019.

In einer westlichen Wohlstands- und Konsumgesellschaft gibt es Vieles, was man braucht beziehungsweise zu brauchen meint, vom stylishen Kinderwagen zum Preis eines Kleinwagens bis zum neuesten Smartphone. Gleichzeitig machen Trends wie Marie Kondos „Magic Cleaning Methode“ auch bewusst, wie groß die Sehnsucht ist, in all diesem Überfluss zu entrümpeln, Dinge loszuwerden und sich auf das Wesentliche zu reduzieren. Das Wesentliche, das meint in einer christlichen Sicht auf die Welt nicht etwas, das man braucht, sondern vielmehr jemand, den man braucht – heißt es doch schon bei Genesis 2,18: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. “ 

Dem Wesen eines solchen jemands ging die Lyrikerin Regina Schwarz in ihrem kurzen Gedicht „Wen du brauchst“ nach, das 1986 erstmals in Hans-Joachim Gelbergs bekannter Anthologie „Überall und neben dir“ veröffentlicht wurde. Im Laufe der Jahre fand der Text nach Auskunft der Autorin Platz in so unterschiedlichen Medien wie Schulbüchern und Anthologien, Glückwunschkarten zur Geburt oder zur Hochzeit. Nun bringt ihn der Tulipan Verlag in einem Geschenkbuch im besten Sinne des Wortes, illustriert von niemand geringerem als Stefanie Harjes. Zu jedem Gedanken des Gedichtes, die im Buch in unterschiedlichen Schriftfarben gesetzt sind, findet sie mit ihren feingliedrigen Figuren, die in viel Weißraum gesetzt sind, eine bildliche Entsprechung, die oft überrascht: Denn wer sagt, dass Fest-auf-dem-Boden-Stehen nicht auch bedeuten kann, auf unnachahmlich anmutige Weise auf einem Seil zu balancieren? Im perfekten Gleichgewicht mit einem, der sich in dieser symbiotischen Bewegung so sicher fühlt, dass er sogar die Augen schließt? Im Vergleich zu den anderen Arbeiten der Künstlerin wird hier relativ zurückhaltend gestempelt und collagiert, dafür umso ausgiebiger gezeichnet, was den Figuren eine besondere Zartheit verleiht. 
Brüllen und Leise sein, Lachen und Weinen – all diese Gegensätze des Lebens entwickeln eine besondere Qualität, wenn sie nicht allein, sondern mit jemandem gelebt werden. Diese nicht neue, aber doch immer wieder zentrale Erkenntnis wird in Text und Bild mit Witz und Leichtigkeit dargestellt, und so eignet sich das edel gestaltete Büchlein ganz wunderbar als Geschenk für all die Feierlichkeiten, die im Monat Mai oft stattfinden. 

Kathrin Wexberg


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Éric Puybaret: Gebete. Thienemann/Gabriel 2019.

Beten ist ein ganz zentrales Element christlicher Glaubenspraxis, ob im Alltag oder im Gottesdienst. Beten mit Kindern kann einerseits heißen, in eigenen Worten ins Gespräch mit Gott zu kommen, andererseits aber auch ein Kennenlernen zentraler Gebetstexte bedeuten. Das geschieht in diesem Buch eines renommierten französischen Künstlers auf sehr außergewöhnliche Weise: Denn die einzelnen Gebete werden nicht in Form eines handlichen Gebetsbüchleins oder einer üppigen Anthologie präsentiert, sondern als großformatiges Bilderbuch. Jeder Text wird dabei auf die jeweils linke Seite in viel Weißraum gesetzt, begleitet von einem großformatigen Bild auf der rechten Seite. Begonnen wird mit den wichtigen Gebeten der christlichen Kirchen wie Vater unser, Magnificat und
Gloria, vertreten sind aber auch wichtige Psalmen wie jener vom guten Hirten sowie Texte, die
Personen wie Franz von Assisi oder Ignatius von Loyola zugeschrieben werden. Die editorische
Genauigkeit des Buchprojektes, das in der deutschen Übersetzung von verschiedenen
Ordensgemeinschaften unterstützt wurde, zeigt sich auch darin, dass am Ende genau ausgewiesen wird, welche Textfassungen aus welcher Bibelübersetzung verwendet wurden (eine Vorgangsweise, die leider selten zu finden ist). Die Sujets, die Éric Puybaret für seine Bilder wählt, sind manchmal recht naheliegend – und dann auch durchaus an der Grenze zum Kitsch, wenn etwa eine sehr liebliche Maria mit Jesuskind dargestellt wird. Sehr eindrucksvoll werden sie hingegen, wenn sie über eine reine Abbildung hinausgehen und die Grundstimmung des Gebetes durch einen visuellen Kontrapunkt vertiefen. So ist etwa zum „Gebet an den Heiligen Geist“ des Augustinus eine Frau zu sehen, die von einem Balkon aus auf die Hochhaus-Silhouetten einer modernen Großstadt blickt. Das Bild wird dominiert von den unterschiedlichen Blau- und Grüntönen des Himmels – erst wer ganz genau hinschaut, entdeckt die winzige weiße Taube, die exakt auf der Augenhöhe der Frauenfigur im Flug innehält, als wären die beiden in ein Gespräch vertieft. Mit viel Atmosphäre, oft fast surrealistisch anmutenden Szenarien und faszinierenden Farbverläufen laden diese Bilder ein, den Gebeten nachzusinnieren, nachzuspüren und sie zu meditieren – Kinder gleichermaßen wie Erwachsene. 
 
Kathrin Wexberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Peter Sís: Robinson. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Gerstenberg 2019.

Peter Sís‘ neues, autobiografisch inspiriertes Bilderbuch bewegt sich zwischen zwei intertextuellen Referenzen, deren zentrale Motivik parallel geführt und in die eigene fiktionale Erzählung transponiert wird. Einerseits wird schon im Paratext der Bezug zu Daniel Defoe’s Klassiker der Weltliteratur von 1719 sichtbar, andererseits verweist die Erzählung auch implizit auf Maurice Sendaks amerikanischen Bilderbuchklassiker von 1963:

Bei dem spannungsvoll erwarteten schulischen Kostümfest verkleidet sich der kindliche Ich-Erzähler Peter als die literarische Hauptfigur seiner Lieblingsgeschichte, aber seine Klassenkameraden machen sich lustig über seine Kostümierung als Robinson Crusoe. Verzweifelt läuft Peter weg und zieht sich in den Schutzraum seines Kinderzimmerzimmers zurück. Die absolute Draufsicht auf das abgeschlossene Zimmer unterstreicht dabei sein Gefühl der Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins – überhaupt setzt Peter Sís visuelle Perspektiven hier auf sehr expressive, bedeutungsvolle Weise ein. In einem (fieberhaften?) Traum weiten sich daraufhin jedoch – ähnlich wie in „Wo die wilden Kerle wohnen“ – die Wände von Peters Kinderzimmer und morphen zu einer Wasserlandschaft, in der Peter mit seinem Boot auf einer Insel strandet. 

Die Insel als Ort der Outlaws, Piraten und Schiffbrüchigen (bei Daniel Defoe) einerseits und als Ort des Unterbewussten und der Wildnis (bei Maurice Sendak) andererseits, verdichtet sich in Peter Sís‘ Bilderbuch zu einem (imaginären) Ort, an dem sich der zurückgewiesene Peter als (vorübergehender) Außenseiter seinen inneren Konflikten stellen kann und sich selbst im elternfernen Raum erproben kann. Gemeinsam mit dem Motiv der Bootsreise, die über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg führt (bei Sendak heißt es: „Tag und Nacht und wochenlang und fast ein ganzes Jahr bis zu dem Ort wo die wilden Kerle wohnen“ – und bei Sís: Ich schwebe davon. Ganze Stunden vergehen, vielleicht sogar Tage, bis ich auf einer einsamen Insel strande.“), inszeniert Sís in seiner kinderliterarischen Robinsonade eine Neuverhandlung von kindlicher Identität, die nur in dem Zwischenraum von Realität und Imagination, von literarischen Metatexten und der eigenen fiktionalen Geschichte stattfinden kann – und stattfinden muss, nachdem Peter auf sich selbst zurückgeworfen wurde und sein Selbstbild neu befragen muss. 

Wie Max flüchtet sich Peter in eine Seelenlandschaft, wo er seiner Vorstellungskraft freien Lauf lassen kann. In einen Schwebezustand zwischen Wachen und Schlafen, in dem es ihm möglich ist, kindliche Autonomie und Selbstermächtigung zu erfahren. Robinsons Konflikt zwischen Natur und
Kultur, zwischen Individuum und Gesellschaft wird dabei auf die unterschiedlichen kindlichen Bewusstseins- und Selbstwahrnehmungsebenen übertragen, was sich in expressiven,
atmosphärischen Illustrationen wiederspiegelt. Während Peters Alltagserfahrungen in realistischen Zeichnungen mit klaren Tuschekonturen gezeigt werden, stellt Sís Peters Traumreise mithilfe farbintensiver Wasserfarben dar, deren verschwommene Flächen ineinander übergehen. In Anlehnung an expressionistische Farbgebung und Strichführung verleiht der Bilderbuchkünstler so kindlichen Ängsten und Sehnsüchten auf beeindruckende Weise Ausdruck. Und wenn Peter schließlich, wie Max und Robinson, nach seiner Selbstbewährung wieder in sein Zuhause zurückkehrt, ist sein Selbstbewusstsein gestärkt und auch sein Selbstbild transformiert. 

Claudia Sackl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rose Lagercrantz: Glücklich ist, wer Dunne kriegt. Ill. v. Eva Eriksson. Aus dem Schwed. v. Angelika Kutsch. Moritz 2018. 

Die Suche nach dem Glück ist etwas, das Menschen seit jeher umtreibt, und von dem in Texten ganz unterschiedlicher Art, vom Märchen bis zum Lebenshilfe-Ratgeber, erzählt wird. Unter dem Titel „Das Glück in diesem Leben“ erschienen Auszüge aus Predigten und Veröffentlichungen, in denen selbst Papst Franziskus Anstöße zum Glück gibt: Er verweist darin auf Aspekte wie das Glück in Beziehungen, aber auch die Frage nach dem Leid. Von Glück und Leid erzählt auch die schwedische
Autorin Rose Lagercrantz im mittlerweile sechsten Band über Dunne: Ein ganz besonderes kleines Mädchen, das die kleinen und großen Glücksmomente des Lebens mit besonderer Intensität auszukosten weiß. In dieser neuen Geschichte steht sie wieder einmal vor einer herausfordernden Situation: Der Vater ist so traurig, dass er alleine zu seiner Familie nach Italien reist, um über sein Leben nachzudenken. Dunne soll also die Winterferien bei ihren Großeltern verbringen, während doch ihre allerbeste Freundin Ella-Frida, die leider mittlerweile im fernen Norköpping lebt, genau in dieser Woche Geburtstag hat! Doch Dunne wäre nicht Dunne, wenn ihr nicht eine Lösung für dieses Problem einfiele (wovon sie, nicht ganz glaubwürdig, die Großeltern auch sofort überzeugt). Doch die Reise, die sie unternimmt, bringt nicht das ersehnte Wiedersehen mit Ella-Frida, dafür aber eine ungeplante Begegnung mit einer anderen Person, die eine wichtige Rolle in Dunnes Kleinfamilie hatte (und wesentlich mit der Traurigkeit des Vaters zu tun hat). Unprätentiös und einfühlsam erzählt Lagercrantz ein Abenteuer mitten aus dem kindlichen Alltag heraus und versteht es dabei, familiäre Verstrickungen anzudeuten, ohne ins Detail zu gehen. Die Intensität von Dunnes Gefühlsleben weiß Illustratorin Eva Eriksson mit entzückenden Illustrationen umzusetzen, die mit wenigen Strichen Glück und Unglück in all seiner Tragweite zeigen. In dieser gelungenen Kombination machen die beiden ein weiteres gelungenes Lektüreangebot an Kinder im frühen Lesealter, die ja allzu oft mit austauschbaren Allerwelts-Themen in wenig ansprechender Aufmachung abgespeist werden. „Glück kommt, Glück geht…“, das muss Dunne schmerzlich erfahren. Und doch steht am Ende des schmalen Kinderromans eine unerwartete Geste, die die Aussicht auf ein neues Glück verheißt – schließlich hat Gott „den Menschen für ein Leben im Glück erschaffen“, wie auch Papst Franziskus formuliert hat.

Kathrin Wexberg


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nikola Huppertz / Tobias Krejtschi: Meine Mutter, die Fee. München: Tulipan 2018.

Irgendetwas stimmt nicht mit Fridis Mutter. Stundenlang starrt sie in die Leere, morgens kommt sie nicht aus dem Bett und auch ihre Querflötenmusik wird immer melancholischer. Die anderen sagen, ihre Mutter sei „verrückt“, aber Fridi wehrt sich gegen diese Zuschreibung. Als sie dann aber nicht einmal mehr Musikschüler*innen mehr empfängt, wird Fridi richtig wütend. Erst als der Vater erklärt, dass ihre Mutter eine Fee, ein Wesen der Dunkelheit in der Welt der Menschen sei, erkennt Fridi in den seltenen Momenten, in denen ihre Mutter lächelt, deren feengleiche Schönheit. Nun aber müssen Feen von Zeit zu Zeit in ihr Feenreich zurück. Schon nach zehn Tagen vermisst Fridi ihre Mutter unheimlich. Aber sie weiß, sie wird zurückkommen, denn: „eine Fee (gehört) für immer zu den Menschen (…), denen sie sich zu erkennen gibt.“ 

Es ist ein berührendes Zugeständnis an die Perspektive einer kindlich-magischen Weltsicht, der sich Nikola Huppertz und Tobias Krejtschi mit dieser feinfühligen Metapher der Fee verschreiben. Sie lassen der Mutter feine, zarte Feenflügel wachsen, die ihrer sichtbaren körperlichen, sowie auch ihrer dahintersteckenden geistigen Zerbrechlichkeit Ausdruck verleihen. Die Feingliedrigkeit von Text und Bild erhält durch die vielschichtig eingeflochtenen intermedialen Verweise aus Literatur- und Kunstgeschichte eine zusätzliche Tiefendimension. In den Tagen, in denen sich die Mutter zurückzieht und sich so sonderbar verhält, dass Fridi schon fast selbst glaubt, was die anderen über ihre Mutter sagen, sind es Gespräche über Bilder oder vorgelesene Gedichte, die zwischen Mutter und Tochter eine zarte Verbindung entstehen lassen. Es scheint fast wie immer, wenn die Mutter Fridi Bilder zeigt, die ihr besonders gut gefallen, oder ihr Gedichte vorliest, vom Rauschen der Erde und dem Wort der Quellen. Wenn Tobias Krejtschi Arnold Böcklins „Die Toteninsel“, Edvard Munchs „Melancholie“ und Caspar David Friedrichs „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ in seine
Illustrationen integriert, verdichten sich die Motive des Textes in den vielschichtigen Bedeutungsebenen der Gemälde. Und so wie die Nacht, in der Traum und Wirklichkeit verschwimmen, in Eduard Mörikes Gedicht „Um Mitternacht“ den ewigen, unaufhaltsamen Fluss der Zeit vergessen will und die geheimen Vorkommnisse der Welt, wie in Josef von Eichendorffs Text „Der Abend“, sicht- und hörbar macht, scheint auch die Mutter diesem „Rauschen der Erde“ zuzuhören, das sonst niemand zu hören meint. 

Ohne Wörter wie „Depression“ oder „Therapie“ jemals auszusprechen, lässt dieses kunstvolle Bilderbuch Raum für Dialog und individuelle Erfahrungen. Anstatt die Mutter zu diagnostizieren spürt es durch seine verflochtenen Bild- und Textreferenzen den leisen Resonanzen in der (kindlichen und erwachsenen) Wahrnehmung nach. 

Claudia Sackl