Tyrolia 2024.
24 S.

 

Elisabeth Steinkellner und Michael Roher: Heupferdchen hüpf!

Sachbücher über naturwissenschaftliche oder technische Themen wie Artenvielfalt, Klimawandel oder Eisenbahnen: das sind wohl die ersten Assoziationen zum Thema MINT-Bücher. Und wenig überraschend kommt auch ein Großteil jener Bücher, die das STUBE-Team bislang zum MINT-Buch des Monats gekürt hat, aus diesem Bereich. Dabei haben wir bei den ersten Überlegungen zu diesem Buchtipp (das erste MINT-Buch ging im Oktober 2019 online) von unserem Projektpartner Reinhard Ehgartner gelernt: Eigentlich ist jedes Buch ein MINT-Buch. Denn in jedem Buch herrschen die Gesetze der Schwerkraft (wenn es sich nicht gerade um einen phantastischen Roman handelt…), nutzen Figuren technische Geräte, manchmal wird sogar gerechnet (wie in „Schön wie die acht“, >>> MINT-Buch April 2021) oder eine Riesenpflanze wird zum Ausgangspunkt einer jugendliterarischen Dystopie („Bloom“, >>> MINT-Buch im Mai 2020). So wird in diesem Monat ein Buch vorgestellt, das nicht auf den ersten Blick ein MINT-Buch zu sein scheint – und sich außerdem an die wichtige Zielgruppe der allerjüngsten Leser*innen wendet, in denen ja auch von klein auf das Interesse an MINT-Themen geweckt werden soll.

Das kleine und das große Heupferd
hüpfen aus dem Haus,
müssen dies und das besorgen
für den Abendschmaus.

Dass ein Thema aus dem Alltag von Kindern und Eltern anhand von anthropomorphisierten Figuren behandelt wird, ist nichts Neues – die Kinderbuchregale im populären Sektor wimmeln nur so von emotionalen Kängurus, wütenden Koalas und achtsamen Bären. Es spricht für die Kreativität des kongenialen Duos Elisabeth Steinkellner und Michael Roher, dass sie sich mit dem Heupferd ein weniger gängiges und vor allem weniger kuscheliges Tier auswählen, das zumal auf Text- und auf Bildebene geschlechtsneutral gestaltet ist. Auch die Outfits der beiden in verschiedenen Grünschattierungen dargestellten Figuren ist höchst originell: Beide tragen oben schick gemusterte Pullover mit praktischen vier Öffnungen für die Arme, unten nichts (schließlich sind es ja Insekten). Auf der zweiten Doppelseite klingt das Thema an: Das Kleine entdeckt etwas, das seine Aufmerksamkeit auf sich zieht, das Große (in welcher Beziehung die beiden zueinander stehen, bleibt letztlich auch offen; naheliegend sind natürlich Kind und Elternteil, es könnte aber genauso gut Babysitter*in, Großelternteil oder Freund*in sein) drängt zum Weitergehen. Von einem Ausverhandeln oder Dialog kann dabei keine Rede sein: Das Große spricht, das Kleine macht in aller Ruhe sein Ding (ein Phänomen, das vielen Menschen aus dem Alltag mit Kindern hinlänglich bekannt sein dürfte).

Michael Roher arbeitet hier einmal mehr mit Stilmitteln, die man aus seinem bisherigen Oeuvre nicht in dieser Form kennt: Bildhintergründe werden in knalliges Pink oder leuchtendes Gelb getaucht. Die Bildkomposition fokussiert ganz auf die beiden Figuren und die Erlebnisse des Kleinen, zusätzliche Bilddetails werden nur sehr sparsam eingesetzt, hier zwei angedeutete Häuser im Hintergrund, dort ein Blatt, auf dem das Kleine dringend balancieren muss. Entstanden sind diese Illustrationen durch eine digitale Collage unterschiedlicher Strukturen, von gewalzten Farbflächen bis hin zu mit Gouachefarbe gespritzten Sprenkeln. Eine kluge Kombination analogen und digitalen Arbeitens, die jungen wie älteren Betrachter*innen eindrücklich vor Augen führt, dass Pappbilderbuch und Illustrationskunst auf hohem Niveau kein Gegensatz sein müssen.

Das große Heupferd begegnet den Aktivitäten, die die beiden am Fortkommen hindern, zunächst sehr geduldig mit verschiedenen Strategien, die wohl den meisten Erwachsenen bekannt vorkommen (auch wenn sie das vielleicht nicht zugeben würden): Informationen auf der Sachebene („Wenn wir jetzt nicht weiterhüpfen, kommen wir zu spät!“), bereits etwas eindringlicher formulierte Bitten auf der Gefühlsebene („Kleines, bitte sei so lieb, und komm endlich weiter!“) bis hin zur angebotenen Bestechung („Pferdchen, wenn du schneller machst, gibt´s auch was zum Naschen!“). Doch beim Sprung in die Pfütze, der in einer hinreißenden sequenziellen Bildfolge umgesetzt ist, ist es dann mit der Geduld langsam vorbei. Wie gut, dass sich gerade in diesem etwas brenzligen Moment (Kleines happy in der Lacke, Großes sichtlich entnervt) zwei erwachsene Gesprächspartner*innen nähern und für Ablenkung sorgen. Was für eine überraschende Schlusspointe sorgt…


LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – die von Elisabeth Steinkellner wunderbar gereimten Verse eignen sich bestens zum Vorlesen. Bemerkenswert am Text ist, dass die Passagen in direkter Rede ausschließlich dem großen Heupferd zugeschrieben sind, das Kleine ist (bis auf den allerletzten Satz des Buches) viel zu beschäftigt, um sich auf ein Gespräch einzulassen. Wie bereits angesprochen ändern sich diese Sprechtexte des Großen in Stimmung und Dringlichkeit – das bietet sich natürlich für eine dramatisch überspitzte Darbietung dieser Passagen an.

SPRECHEN – Heupferdchen sind wie gesagt eine originelle Wahl als Protagonist*innen eines Pappbilderbuchs. Die dazu einlädt, sich mit dieser Spezies im Sinne eines MINT-Buches auch zoologisch genauer zu beschäftigen: Zu welcher Gattung, Unterfamilie, Überfamilie und Unterordnung gehören die beiden? Was unterscheidet sie von anderen Formen der Heuschrecke? Wie produzieren sie eigentlich ihre charakteristischen Gesänge (Stichwort Stridulation)? Wozu dient der durchaus bedrohlich wirkende Säbel am Hinterleib des Weibchens? Wer sich für Insekten interessiert, findet einige weitere Exemplare davon auf den Buchseiten, die verschiedenen Tätigkeiten nachgehen. Auch hier kann nach je nach Alter und Interesse weiter recherchiert werden, um welche Tiere es sich hier handelt und was diese besonders macht.

TUN – das Thema Artenschutz ist mittlerweile im pädagogischen Alltag sehr populär geworden und es gibt bereits eine Vielzahl an wunderbar umsetzbaren Ideen wie Insektenhotels oder bienenfreundlichen Pflanzen. Das grüne Heupferd zählt erfreulicherweise nicht zu den bedrohten Arten, viele seiner Kolleg*innen aus dem Insektenreich hingegen können ganz konkrete Unterstützung gut brauchen.
Das unterschiedliche Tempo, in dem großes und kleines Heupferd ihren gemeinsamen Weg zurücklegen, bietet sich auch für eine Auseinandersetzung mit dem Thema Zeit an. Wie lang dauert der Weg vom Kindergarten heim, wenn wir ihn ohne Unterbrechung im höchstmöglichen Gehtempo zurücklegen? Wie lange, wenn wir überall dort ganz in Ruhe stehenbleiben, wo uns etwas interessiert?

Von den MINT-bezogenen Gesprächs- und Aktivitätsanreizen abgesehen erzählt das Buch ganz ohne moralischen Zeigefinger unterhaltsam vom Miteinander von Kindern und Erwachsenen und erinnert nicht zuletzt daran, bei allem Alltagsstress die kleinen schönen Momente bewusst wahrzunehmen, zu erleben und natürlich zu genießen. Denn das darf und kann ein MINT-Buch natürlich auch!

Kathrin Wexberg

Keine Heupferdchen, aber um ganz andere Insekten dreht sich eine Buchliste zum Thema Bienen. Vom Sachbuch über das Bilderbuch bis hin zu Jugendroman findet man >>> hier Titel, bei denen Bienen (und andere gestreifte Insekten) die Hauptakteur*innen sind.

 


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