MINT-Buch im April 2022

Aus d. Niederländ. v. Verena Kiefer.
Gerstenberg 2022.
80 S.
: Wunderwelt Wald
Wälder sind eine Oase friedlicher Stille. Oder nicht …? Das Sachbuch "Wunderwelt Wald" nimmt uns als Leser*innen mit auf eine Reise abseits wohlpräparierter Trampelpfade und des idyllischen Lustwandelns, denn die wirklich spannenden Entdeckungen warten meistens nicht an der Oberfläche, sondern in Dickicht und Unterholz. Ein Wald ist eben mehr als seine Bäume. Schon die typografische Positionierung des Titels auf dem Einband – organisch ins Bild gefügt, teils verborgen hinter vorragenden Tieren und Pflanzen – verrät, dass es hier ums Hineingehen, Suchen und Finden geht, um die Geheimnisse und ganz alltäglichen Wunder des Waldlebens.Autor Jan Paul Schutten und Illustratorin Medy Oberendorff (für "Die wunderbare Welt der Insekten" auch als Kröte des Monats im Juli 2019 prämiert) nehmen ganz unterschiedliche Aspekte des Walds als Lebens- und Erlebnisraum in den Blick – von der grundlegenden Frage nach der Entstehung von Wäldern über ein Kennenlernen einzelner ihrer Bewohner*innen bis hin zum Waldleben in Nacht und Winter. Und für die Menschen unter uns: Auch Überlebensstrategien und spielerische oder kreative Aktivitäten im Wald finden hier ihren Platz. Die Leser*innen sollen zum forschenden Waldspaziergang eingeladen werden, und so spricht die Erzählinstanz sie gleich ganz persönlich als „Du“ an. Siehst du die kleine Biene da auf der Waldhyazinthe? So werden wir nicht nur mit ebenso faszinierenden wie wichtigen Informationen gefüttert, wir werden vielmehr an die Hand genommen und durchs zuerst undurchdringbar scheinende Dickicht geführt.
In die prächtige, geradezu überbordende Flora und Fauna lädt zu Beginn jedes Kapitels ein doppelseitiges Wimmelbild in Schwarzweiß-Tönen ein. Die darauf zu entdeckende Artenvielfalt und der liebevolle Detailreichtum der Zeichnungen sind bemerkenswert; zum Glück wird am Ende des Buchs aufgelöst, welche Tiere, Pflanzen und Pilze es auf den jeweiligen Illustrationen zu entdecken gibt. Über die stummen (wenngleich sehr belebten) Wimmelbilder legt sich auf der Folgeseite dann ein Textfeld, in dem ebenso gehaltvoll wie unterhaltsam an das Thema des Kapitels herangeführt wird. Und als Farbtupfer und ständige Begleiter*innen wandern kleine Marienkäfer und Wanzen über den Weißraum der Textseiten. Ein Schritt weiter ins Analytische wird anschließend noch gegangen: Die dritte Doppelseite jedes Abschnitts greift Kuriositäten und spannende Fakten heraus und nimmt sie unter die Lupe. Wie auf einem gut beleuchteten Untersuchungstisch zurechtgelegt werden fotorealistische, teils an mikroskopische Nahaufnahmen angelehnte Zeichnungen von Vögeln, Säugetieren, Insekten, Pflanzen und Pilzen über die Seiten verteilt und mit aufschlussreichen Texten angereichert.
In "Wunderwelt Wald" nehmen Jan Paul Schutten und Medy Oberendorff ihre Leser*innen mit in eine faszinierende Welt, die weit komplexer, kleinteiliger und spannender ist, als die meisten Gelegenheits-Spaziergänger*innen unter uns vielleicht glauben mögen. Jedes Kapitel stellt kunstvoll aber auch informativ und witzig einen anderen Aspekt des Walds ins Zentrum und so eröffnet sich im Sachbuch ein ästhetischer Erkundungsraum, der zum Staunen und Weiterdenken anregt.
LESEN – SPRECHEN – TUN
LESEN – Die ansprechende optische Aufmachung und die zugängliche Erzählweise laden autonome Leser*innen ab der Sekundarstufe 1 zum selbstständigen Erkunden des Sachbuchs ein, machen aber auch ein gemeinsames Entdecken schon im Volksschulalter möglich. Ein kollektiver Leseprozess einzelner Kapitel – besonders der längeren Fließtextpassagen – lässt sich zudem für die Sachtextlektüre im Deutschunterricht gut nutzen und über das Buch Analyse- sowie Schreibkriterien erarbeiten.
SPRECHEN – Der Lebensraum Wald wird von Jan Paul Schutten und Medy Oberendorff in unterschiedlichsten Zusammenhängen dargestellt, die zu Hause aber etwa auch im schulischen Kontext (sei es im Biologie- oder im Deutschunterricht) wunderbar zur Anschlusskommunikation genutzt werden können. Wie funktioniert beispielsweise die Kommunikation unter Pflanzen und Tieren in ihrem Lebensraum? Warum sind Wälder so wichtig für Luftqualität und Klima? Und wie könnte – aus der Sicht zivilisatorisch verwöhnter Menschenskinder – ein Überleben im Wald gelingen?
TUN – Die sachliterarische Erkundungstour durch Textblöcke, Suchbilder und mikroskopische Nahaufnahmen im Wald beheimateter Lebensformen ermuntern zum Rausgehen und Weiterforschen. Mit geschärftem Blick und neuem Wissen ausgestattet lässt sich gleich viel mehr entdecken – und vielleicht auch sammeln, ob in Form von Fotos, Fundstücken oder sogar eines eigenen Herbariums. Im letzten Kapitel, Der Erlebniswald, werden außerdem noch weitere Anregungen von der Spuren- und Duftsuche bis zum Bastelwerk gegeben.
Sarah Auer
In welchen Texten der Wald in all seinen unterschiedlichen Formen außerdem wichtig ist, kann in einer >>> Themenliste zum Wald nachgelesen werden.
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