Klett Kinderbuch 2026.
80 S.

Gerda Raidt: Klassenbuch. Wer gewinnt im Spiel des Lebens?

Das Spiel des Lebens, das die Autorin und Illustratorin ebenso doppeldeutig wie den Titel „Klassenbuch“ in den Untertitel setzt, ist wohl für viele Kinder der 1980er und 1990er Jahre eine prägende Erinnerung: der Spielablauf empfindet ein Erwachsenenleben vom Schulabschluss bis zum Ruhestand nach, mit einem klaren Ziel: möglichst viel Geld anzuhäufen. Mit welchen Mitteln auch immer. Und ist dabei ein reines Glücksspiel … Diesem Thema, also der Tatsache, wie sehr „Erfolg“ weniger ein Ergebnis individueller Leistungen, sondern vielmehr gesellschaftlicher Ungerechtigkeits-Strukturen ist, widmet sich Gerda Raidt in diesem klugen Sachbuch für Kinder ab etwa acht Jahren. So komplex das Thema ist, so schlüssig geht sie vor: Schritt für Schritt wird aufgedröselt, wie sich ein Leben entwickelt oder entwickeln kann  – und wie durch unterschiedliche Faktoren gesellschaftliche Zugehörigkeit definiert wird. Jemand mit schicken, spitzen Lederschuhen wird anders eingeordnet als jemand mit ausgetretenen, kaputten Schuhen. Einer Sophia wird anders begegnet als einer Ketavan oder einer Sori. Und diese feinen Unterschiede spürt man, auch wenn man sie gar nicht so genau benennen kann:

Es scheint dann unsichtbare Grenzen zu geben. Geheime Regeln, die man nicht versteht. Man hat so das Gefühl, man macht was falsch.

In den Illustrationen werden zwei konkrete Beispiele für solche Situationen gezeigt: eine Lehrerin bemerkt missbilligend, dass ein Schüler schon wieder so viel Ungesundes in der Brotdose mitbekommen hat. Ein Mädchen sitzt an einem elegant für mehrere Gänge gedeckten Tisch und wirkt etwas ratlos, was sie mit all den verschiedenen Gabeln und Messern anfangen soll.

Auch der titelgebende Begriff der Klasse wird ganz konkret mit seiner Herkunft aus dem Zugswesen erläutert – inklusive einer möglichen Erklärung, warum er heute eher vermieden wird:

Nur im Zug gibt es noch Klassen, aber sonst sagt man jetzt lieber Schichten. Das klingt weniger hart. Wer es jetzt noch unbequem hat, hat sich einfach nicht genug angestrengt. Sagt man.

Ganz am Ende des Buches verweist die Autorin auf die Überlegungen des französischen Soziologen und Sozialphilosophen Pierre Bourdieu, die er in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ herausgearbeitet und die sie hier aufbereitet hat. Davor allerdings wird der inhaltliche Bogen noch abgerundet mit Ideen, was jeder und jede konkret gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit, also letztlich gegen Klassismus, tun kann.

Warum nun dieses Buch ausgerechnet in der Kategorie „Religiöses Buch des Monats“ empfohlen wird? In Text und Bild kommt Religion, weder in einem engeren noch in einem weiteren Sinn, vor, die Autorin hat ihre Überlegungen definitiv nicht vor einem religiösen Hintergrund angestellt. Der Anspruch jedoch, gesellschaftliche Unterschiede zu überwinden, für mehr soziale Gerechtigkeit zu kämpfen, trifft sich dennoch mit jenen der Soziallehre der Katholischen Kirche, die eine lange Tradition hat. Und auf die sich auch Papst Leo XIV. in seiner jüngst veröffentlichten ersten Enzyklika, die vor allem mit Blick auf ihre Haltung zur KI rezipiert wird, ausführlich bezogen hat:
Der Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ hilft zu erkennen, dass Ungerechtigkeit nicht nur aus falschen Entscheidungen einzelner Menschen entsteht, sondern auch aus Strukturen, Mechanismen sowie wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten, die fast automatisch Ungleichheit hervorbringen. (Enzyklika von Papst Leo XIV. „Magnifica Humanitas“ (15. Mai 2026, Abschnitt 79)

Kathrin Wexberg

Ein Aspekt, der hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit wesentlich erscheint, ist das Gegenüber von Arm und Reich; eine annotierte Liste, die Armut in der Kinder- und Jugendliteratur zum Thema hat, findet sich >>> hier

 

Die gesammelten Religiösen Bücher des Monats finden Sie im
>>> Archiv