Armut als Thema der KJL
Susann Opel-Götz: Außerirdisch ist woanders
Jona, der schon immer von der Existenz Außerirdischer überzeugt war, wird endlich bestätigt, als Henri in sein Leben tritt. Seine neue Freundschaft mit dem vermeintlichen Alien und ihr gemeinsames Geheimnis seiner extraterrestrischen Identität stellen Jona aber bald auf eine harte Probe, in der er Mut und Solidarität beweisen muss. Susann Opel-Götz erzählt mit Wortwitz und viel Fingerspitzengefühl eine Geschichte übers Brückenbauen zwischen fremden Welten, wobei es gar nicht so viel Unterschied macht, ob es sich dabei um eine galaktische oder eine sehr irdische, soziale Fremdheit handelt. Jonas Kopfkino, seine Kurzfass-Schwäche, Studien über menschliche Gewohnheiten und Kalenderweisheiten werden dabei zu den wichtigsten Stilmitteln.
Oetinger 2012.
315 S.
Christian Duda / Julia Friese: Schnipselgestrüpp
Mutter sagt nichts. Vater schweigt. Der Fernsehapparat plappert. Jeden Tag findet der namenlose Bub seine Eltern in diesem lethargischen Zustand vor. Wir haben keinen Geldscheißer, sagt der Vater, die Kleidung des Buben kommt vom Amt und die Wohnung ist nur spärlich möbliert. Obwohl der Bub von Armut unmittelbar betroffen ist, resigniert er nicht. Er, den die Psychologie ein resilientes Kind nennt, nützt die wenigen Möglichkeiten und gestaltet sich aus Zeitungsschnipseln seine Welt. Wie in Sendaks "Wo die wilden Kerle wohnen" verwandelt er sein Zimmer allmählich in einen Urwald und sich selbst in ein Insekt. Kraft seiner Phantasie holt er sich die Welt, die seine Eltern schon lange ausgesperrt haben, in seinen Alltag. Der Text und die collagierten, steigend grün getönten Illustrationen machen die Leere der Eltern und den Willen des Kindes zur Partizipation deutlich.
Beltz&Gelberg 2013.
44 S.
Andy Mulligan: Trash
In der philippinischen Stadt Manila leben tausende Menschen auf und von Müllbergen. Diese Elendsviertel sind Schauplatz des unkonventionellen Romans, der entgegen einer ersten Vermutung dort keine tragische Milieustudie ansiedelt, sondern einen spannenden Krimi, der erst nach und nach seine Sozialkritik preisgibt: Raphael, Gardo und Ratte bezeichnen sich selbst als Mülljungen; sie stöbern jeden Tag barfuß in dem, was andere wegwerfen. Eines Tages machen sie jedoch einen besonderen Fund: einen mysteriösen Code. Reihum protokollieren die Jungen schlagfertig die ausgelösten Ereignisse: Die Polizei, die ihnen auf den Fersen ist, ein korrupter Vizepräsident und dessen gestohlene 6 Millionen Dollar Bargeld, die gefunden werden wollen …
Aus dem Engl. v. Uwe-Michael Gutzschhahn.
rororo 2011.
256 S.

Michael Roher: Zu verschenken
Familie Josef lebt in einem Hausrad und repariert weggeworfene Sachen, die dann in der Stadt verschenkt werden. Dort sind die Menschen misstrauisch und flüstern sich zu, dass die Dinge wohl gestohlen sind und man Diebe hier nicht haben will! Doch ein kleines Mädchen mit ihrem liebsten Kuscheltier setzt ein regelrechtes Fest des Schenkens in Gang … Wimmelbuchartige Szenen beim großen Tauschen, comichafte Panelsequenzierung für das Tuscheln der Stadtbewohner*innen und reduzierte Bildcollagen bei der freiwilligen Entkleidung des Bürgermeisters bringen Seite für Seite neue Gestaltungsformen in das rot-blau-weiß gehaltene Geschehen. Das Bilderbuch und dessen paradigmatischer, titelgebender Aufruf lassen viel Deutungsfreiraum: Fahrender Kitsch, hedonistische Lebensweise oder/und Konsumkritik?
Picus 2011.
32 S.
Mette Eike Neerlin: Pferd, Pferd, Tiger, Tiger
Zimtröllchen statt einem Jausenbrot mit in die Schule zu bekommen, mag an einem Tag lustig und unkonventionell sein. Wenn man aber fünf Tage hintereinander nur Zimtröllchen mitbekommt, weil leider kein Brot im Haus ist, ist das nicht mehr lustig. Die Ich-Erzählerin Honey kämpft mit der prekären ökonomischen und sozialen Situation ihrer Familie genau so wie mit ihrer körperlichen Deformation. Und bleibt dem Leben gegenüber dennoch immer positiv gestimmt. Lakonisch und situativ reiht sie kurze Passagen aneinander – scheinbar ohne ihrem Erzählen eine Richtung zu geben. So wie sie in bestimmten Situationen unvermeidlich das Falsche tut, wechselt sie zwischen Handlungsorten und skurrilen Begegnungen. Bald jedoch wird klar, dass Honey selbst das verbindende Moment des Erzählten ist – dass sie es ist, die durch ihre Beobachtungsgabe aus den einzelnen Szenen ein schlüssiges Ganzes formt und dafür sorgt, dass sich die Lebenslinien ganz unterschiedlicher Menschen nicht zu verfilzten Knäueln verdichten.
Ill. v. Felicitas Horstschäfer
Aus dem Dän. v. Friederike Buchinger
Dressler 2017.
160 S.
Renate Welsh: Dr. Chickensoup
In Julias sozialem Gefüge gibt es viele Berührungspunkte mit sozialer Not: Die Mutter, die ihren Job verliert und damit noch weniger Geld hat, die Oma, die sich anstrengend einmischt oder Leyla, die erst Deutsch lernen muss. Julia nimmt sich ihrer an und die daraus resultierende Sprachreflexion zwingt sie dazu, die Wörter "ganz genau anzuschauen, wie man's sonst nie tut" und anderen zu zeigen, dass Österreich nicht immer so reich ist. Armut wird hier gelöst von Überzeichnung einerseits, andererseits von reiner Materialität. Denn Julias Umfeld macht deutlich, dass "jeder sein Binkerl zu tragen hat" – und der Roman, dass dieses leichter wird, wenn man es (wie Hühnersuppe) teilt.
Ill. v. Friederike Grünstich.
Residenz 2011.
128 S.

Kirsten Boie: Ein mittelschönes Leben
Dieses Buch, das durch eine Zusammenarbeit mit dem Hamburger Straßenmagazin "Hinz&Kunz" entstanden ist, erzählt aus kindlicher Perspektive die Geschichte eines Obdachlosen, bevor er auf der Straße lebte. Es wird gezeigt, dass er ein ganz normales Leben geführt hat und durch widrige Umstände wie Arbeitslosigkeit, Probleme in der Familie etc. in diese Situation geraten ist – ein Szenario also, das quasi jedem Menschen widerfahren könnte. Im Anhang werden Fragen von Kindern wie zum Beispiel: "Woher bekommen Sie ihr Essen?", "Wovor haben Sie Angst?" beantwortet; sowohl Ansichten von Obdachlosen selbst als auch offizielle Informationen werden zusammengeführt. Ein wertvolles Buch, um sich dem Thema Armut anzunähern, das gleichzeitig das Problemfeld der Obdachlosigkeit mit der grundsätzlichen Notwendigkeit des respektvollen Umgangs mit allen Menschen verbindet.
Ill. v. Jutta Bauer.
Carlsen 2011.
32 S.
Bonus Track
Slumdog Millionaire
Den großen Traum bei einem Fernsehformat wie der "Millionenshow" zu gewinnen, haben viele – dem indischen Straßenjungen Jamal geht es in erster Linie jedoch nicht um das große Geld, sondern darum, mit seinem Auftritt seine Liebe wiederzufinden. Die Geschichte dieses besonderen Tages, an dem Jamal tatsächlich 20 Millionen indische Rupien gewinnen wird, wurde mit 8 Oscars ausgezeichnet und erzählt von viel mehr als nur der Flucht aus der Armut: Ist es Glück, dass Jamal so viele Fragen beantworten kann, ist er ein Betrüger – wie viele glauben –, ein Genie oder ist es schlicht Schicksal? Rückblenden auf Jamals bisheriges hartes Leben beantworten diese Fragen und fügen sich zu einem lebensbejahenden Film, der seine positive Grundstimmung auch aus Elementen aus Bollywoodfilmen bezieht.
Film v. Danny Boyle.
Drehbuch v. Simon Beaufoy.
120 min.
Vereinigtes Königreich 2008. [DVD]
Louis Jensen: 33 Cent um ein Leben zu retten
Stehlen ist nicht schwer. Doch stehlen ist verboten. 33 Cent am Tag kostet es, um einem hungernden Kind in den Krisengebieten Afrikas das Leben zu retten.
Aber welche Mittel dürfen angewandt werden, um zu helfen? In "33 Cent um ein Leben zu retten" wird sowohl die Frage nach dem Kontrast einer westlichen Wohlstandsgesellschaft und den entindividualisierten sterbenden Kindern Afrikas, die im Fernsehen gezeigt werden, gestellt, als auch die Verzweiflung über die Gleichgültigkeit dieser westlichen Gesellschaft thematisiert.
Gelesen werden kann dieses Buch weniger als Aktionsanlass, als vielmehr als Provokation des Diskurses, über Entwicklungszusammenhänge und der daraus resultierenden Frage: Welche Handlungsmöglichkeiten hat ein*e einzelne*r? Und wie kann diese*r einzelne dazu beitragen, dass politische Verantwortung übernommen wird? Denn mit einer Grundhaltung rechnet das erzählende Ich wortwörtlich ab: Ich alleine kann nichts ausrichten.
Aus dem Dän. v. Sigrid Engeler.
Hanser 2013.
160 S.
dtv 2015.
208 S.
Viele dieser Bücher waren Teil der Empfehlungslisten des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises. Mehr darüber zu erfahren, was unter moderner religiöse Kinder- und Jugendliteratur zu verstehen ist, macht das Modul Religiöse Kinder- und Jugendliteratur in der STUBE-Schriftenreihe fokus möglich.

