Gerstenberg 2025.

Aaron Becker: Der letzte Hüter der Tiere

Was geschieht, wenn der Mensch versagt? Wenn auf die vielen Warnzeichen der Erde nicht geachtet wird und die Klimakatastrophe gnadenlos ihren Lauf nimmt? Welche Szenarien dann womöglich (nicht) eintreten können, davon zeugen verschiedene Dystopien in Buch- und Filmformat. Und eine solche Dystopie zeichnet Aaron Becker in seinem neuen Bilderbuch, das einmal mehr gänzlich ohne Worte auskommt. Oder fast ohne Worte, denn er stellt ein Zitat von Jane Goodall an den Beginn:

Nur wenn wir verstehen, können wir uns kümmern.
Nur wenn wir uns kümmern, werden wir helfen.
Nur wenn wir helfen, werden alle gerettet.


Und damit verweist er auf die Grundaussage, die sich auf den nächsten Seiten entfalten wird.

Der Wasserspiegel ist gestiegen, die Menschen haben die Welt, zumindest aber den Bildraum, verlassen. Zurück bleiben Tiere. So weit, so bekannt: diejenigen, die um die Bibelgeschichte wissen, können bereits zu Beginn die Arche Noah hineinlesen. All jene, die eine Leseintention abseits von Bibelsozialisation vertreten, erkennen vielleicht eher den Klimawandel. Sowohl in der einen als auch in der anderen Lesart eröffnen sich bildgewaltige Doppelseiten, auf denen neben den Tieren eine Figur auftritt. Ein Roboter: überlebensgroß, mit Windrädern auf dem Rücken (womöglich, um sich selbst mit Energie zu versorgen) und auf seiner Roboterbrust ist eine Taube samt Ölbaumzweig abgebildet. Ein Zeichen für den Frieden? Ein Zeichen – ganz der Arche Noah verpflichtet – von Landfindung? Die Lösung bleibt offen, wie so viel in diesem Bilderbuch, das von dem Vorfinden einer überfluteten, einst menschlich besiedelten Stadt erzählt, nachzeichnet, wie der Roboter die Tiere nach und nach in Schutz bringt und letztendlich ein Vehikel baut, mit dem selbst eine überflutete Welt bereist werden kann: ein Schiff. Und genau damit setzt eine grandiose Arche-Noah-Inszenierung ein. Darin finden sich all jene Elemente, die es braucht, um das kulturelle Wissen der alttestamentlichen Sintflut aufzurufen: Ein Schiff, zu rettende Tiere, die erfrischenderweise nicht notwendig nur zweit sein müssen und ein Regenbogen, der am Ende den Weg weist. Hier endet das Buch aber nicht, sondern stellt den Roboter samt Tieren auf die nächste Bewährungsprobe. Ein Schiffsunglück geschieht und ein weiterer Roboter – diesmal mit Pflanzenranke auf der Brust und mit Solarenergiezellen ausgestattet – ist von Nöten, um das rettende Land auf dem Luftweg zu erreichen.

Aber was ist die Rolle des Menschen in der Geschichte: Ist er für den steigenden Meeresspiegel verantwortlich? Gibt es ihn noch, nachdem die rettende Insel erreicht wurde? Auf diese Fragen bietet das Bilderbuch keine Antworten – muss es aber auch nicht. Vielmehr ist es Anlass innenzuhalten, um darüber nachzudenken, wie wir mit unserer Erde ganz im Sinne der Schöpfungsverantwortung umgehen und was bleibt, wenn der Lebensraum für den Menschen schwindet. Denn wenn es keine Worte mehr gibt, die es ohne den Menschen auch nicht braucht, bleiben Bilder, die Leerstellen genau dort eröffnen, wo man als Betrachter*in zurückbleibt. Zurückgeworfen auf die biblische Sintflut oder die Zukunft, die uns bevorsteht.
Alexandra Hofer
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Alexandra Hofer

 

 

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