Aus d. Niederländ. v. Sylke Hachmeister.
Carlsen 2024.
272 Seiten

Edward van de Vendel, Ionica Smeets und Floore de Goede:  Mathe fürs Leben. Oder wie lange brauche ich zu Fuß zum Mond?

Die Sommerferien sind da und damit eine Zeit, in der Mathe nicht nur gebüffelt werden muss, sondern auch lustvoll an mathematischen Aufgaben gerätselt werden kann. Ein ideales Buch dafür ist das kürzlich erschienene literarische Sachbuch „Mathe fürs Leben“.

Eines dabei vorweg: die Rezensentin dieser Zeilen versteht überhaupt nichts von Mathematik und hätte früher im Sommer niemals lustvoll freiwillig an mathematischen Aufgaben gerätselt. Es war das Schulfach, bei dem sich trotz geduldigem Lehrer und Nachhilfelehrerin sowie bemühter bester Freundin (die mittlerweile selbst engagierte Mathematik-Lehrerin ist) kein wirklicher Lernerfolg einstellen wollte. Gerade deshalb ist es aber ein gutes Zeichen, dass ich diese Rezension schreibe. Es geht diesmal nämlich um ein Buch, das mir Mathematik-Fragen definitiv nachvollziehbar machte und dessen Konzept mich am Ball bleiben ließ. Damit habe ich tatsächlich nicht gerechnet.

Die Rahmengeschichte des Buches ist so angelegt: in einer niederländischen Grundschule ist eine Klasse mit dem Mathematikbuch nicht zufrieden. Elend lange Multiplikationstabellen sind darin, viel Textwüste und wenig Lebensbezug. Zwei engagierte Lehrer*innen tragen den Schüler*innen daher auf, sich jeweils eine mathematische Frage aus ihrem Alltag auszudenken, die infolge im Unterricht behandelt wird. Wie lange brauche ich zu Fuß zum Mond? Wie viel Wasser verbraucht man beim Duschen und beim Pinkeln? Wie kann ich immer gewinnen? Von recht easy bis kompliziert, von einfachen Rechenaufgaben bis zu statistischen Exempeln ist alles dabei und wird nun lustvoll und anschaulich gelöst.

Gut gelöst sind nicht nur die Rechenaufgaben, sondern auch die formale Umsetzung des Buches, das in Zusammenarbeit von Autor Edward van de Vendel, der Mathematikerin und Wissenschaftsvermittlerin Ionica Smeets sowie der Comic-Zeichnerin Floor de Goede entstand. Jedes Kind bekommt ein literarisches Kapitel mit einer einführenden Geschichte, in der von der Genese der Mathematikfrage erzählt wird, die Rechenwege sind anschließend im lockerem Comic-Format gestaltet. So können Literaturhungrige sicher abgeholt werden; umgekehrt werden diejenigen, die eher Mathematikinteressiert sind und sonst weniger lesen, auch in einen literarischen Text hineinbegleitet. Illustriert wurde divers und zeitgemäß, womit auch der realistischen Zusammensetzung einer gegenwärtigen Klassengemeinschaft Rechnung getragen wurde (no pun intended!).

 

LESEN – SPRECHEN – TUN


LESEN – Die einzelnen Kapitel sind in sich abgeschlossen und gut portioniert. Es ist naheliegend, diese auch gemeinsam zu lesen und sich vorzulesen. Gleichzeitig ist der Text so vermittelnd angelegt, dass es keine erwachsene Begleitperson bei der Lektüre braucht.

SPRECHEN – Das Stellen und Entwickeln von Fragen ist der zentrale Motor des Buches. Aber auch die Reflexion und der Dialog sind wichtige Erzählstrategien darin. In Infokästchen wird beispielsweise erklärt, was der Unterschied zwischen Rechnen und Mathematik ist. Jedes Kapitel schließt zudem mit einer Seite, die mit „Später“ betitelt wird und die als Erweiterung oder Kommentar zum vorher besagten fungiert. Dort wird etwa die männliche Dominanz in der Mathematik hinterfragt oder das Ergebnis mit sozialwissenschaftlichen Positionen und kulturellen Praxen reflektiert. Denn: auch wenn Speiseeis laut der Mathe-Berechnung überall gleich kalt ist, ist es amerikanisches Eis ungefähr 7 Grad kälter als italienisches. Besonders an diesen Stellen bietet es sich an, das Gelesene miteinander zu diskutieren.

TUN – Zwei Dinge sollten Leser*innen von „Mathe fürs Leben“ tun: erstens, die mathematischen Beispiele selbst durchspielen (den Trick mit den Losen ausprobieren, M&Ms herumschieben etc.) sowie die Arbeitsblätter im Buch lösen. Zweitens: das eigene Mathematikbuch und den Matheunterricht kritisch durchforsten und nachsehen, wo das Konzept der Lebensnähe schon umgesetzt wurde und wo noch Nachholbedarf besteht.

Jana Sommeregger

Nicht dezidiert um Mathematik, aber um Zahlen in all ihren Formen geht es in einer dazu passenden >>> Themenliste.

 

 


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