Aus d. Poln. v. Dorothea Traupe.
Gerstenberg 2022.
69 S.

Agata Loth-Ignaciuk und Bartlomiej Ignaciuk: Ins ewige Eis!

Der Nordpol befindet sich in der Arktis. Um ihn zu Fuß zu erreichen, muss man fast 1000 Kilometer über das Packeis laufen, das den Arktischen Ozean wie ein riesiger, brüchiger Eispanzer bedeckt. Durch eisige Kälte, oft mit starkem Wind und schlechter Sicht. Das ist kein einfacher, flacher Weg. Die Eisflächen sind in ständiger Bewegung und verändern sich unter dem Einfluss von Temperatur und Wind von Tag zu Tag – fast wie ein lebendiges Wesen.

Eindrücklich, unbeständig und erbarmungslos zeigt sich die arktische Natur aus menschlicher Sicht, wie hier in Agata Loth-Ignaciuks und Bartłomiej Ignaciuks Aufarbeitung der Expeditionen des polnischen Polarforschers Marek Kamiński. Sich extremen Wetterphänomenen und körperlichen Grenzerfahrungen zu stellen, unwirtliche Landschaften oder die höchsten Berge zu bezwingen sind Herausforderungen, die seit Jahrhunderten menschliche Fantasie und Kampfgeist beflügeln. Die Reise zu den Polkappen bildet dabei ein besonderes Faszinosum. Was Marek Kamiński in diesem Zusammenhang auszeichnet: Als einer der ersten Menschen schaffte er es 1995 ohne externe Hilfe, in einem Jahr beide Pole zu Fuß zu erreichen. „Ins ewige Eis!“ zeichnet dieses Unterfangen auf illustratorisch wie narrativ beeindruckende Art und Weise nach.

Das Sachbuch funktioniert erzählerisch auf zwei Ebenen. Im Zentrum steht selbstverständlich Marek Kamińskis Werdegang, der vom Jungen mit dem Traum, die Welt zu bereisen, bis zu seinen geglückten Polarexpeditionen wie eine mitreißende Abenteuergeschichte inszeniert wird. Unaufdringliche Textblöcke in zwei Spalten werden mit Illustrationen verknüpft, die Gelesenes abbilden und teilweise weitererzählen. Dabei ändert sich schon einmal das Format: So wechselt das Buch an besonders spannungsreichen Stellen in Darstellungsweisen des Comics oder besticht mit farbintensiven, ganzseitigen Bildern. Zu dieser biografischen Ebene kommt eine zweite, die informativ ganz grundsätzliches Wissen über die Pole, deren Fauna und Flora, die Organisation und Navigation von Polarexpeditionen oder die dabei wirkenden physikalischen Kräfte mitliefert. Zum Beispiel: Wer hätte gewusst, dass die Eisdrift Wandernde immer wieder unmerklich von ihrem Ziel entfernt und diese somit weit mehr Kilometer zurücklegen müssen, als auf den ersten Blick angenommen? Erst durch die Kombination aus persönlicher Geschichte und informativer Sachebene wird die unglaubliche Leistung deutlich, die solche Expeditionen dem menschlichen Körper abverlangen.

Was diesen Band aber besonders auszeichnet, sind die einnehmenden Illustrationen von Bartłomiej Ignaciuk. Der bildende Künstler und Regisseur arbeitet (wie schon im vorangegangenen Projekt „14 000 Meilen über das Meer“ zur Atlantik-Überquerung von Aleksander Doba in einem Kajak) mit der sogenannten Scratchboard-Technik – einer Form des Gravierens, bei der dunkle Farbe abgekratzt wird, was darunterliegende farbige Schichten freilegt. Die filigranen und in ihrem unregelmäßigen Strich trotzdem roh wirkenden Illustrationen inszenieren schonungslos die extremen Bedingungen, unter denen Kamiński seine Expeditionen durchgeführt hat und lassen dennoch die faszinierende Schönheit der Eislandschaften erahnen. Bewusst gewählt ist mit den Komplementärfarben Blaugrün und Rotorange auch die Farbgebung, die die entgegengesetzten Pole – und damit die beeindruckende Leistung des Forschers – mit in jedes Bild nimmt. Ein besonderer Lesegenuss, nicht nur für angehende Polarforscher*innen und Extremsportler*innen!

LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – Durch die direkte Ansprache der Leser*innen per Du und die erzählerisch spannend gestaltete Umsetzung lässt sich das Sachbuch nicht nur wunderbar selbst, sondern auch vorlesen. Die unterschiedlichen Text-Bild-Kombinationen und kurzen Comicpassagen regen dazu an, genau hinzuschauen und sich auf vielfältige Darstellungsweisen einzulassen.

SPRECHEN – Ausgangspunkte für eine Anschlusskommunikation finden sich zahlreich: Seien es die physikalischen Grundlagen, die erklärten biologischen Prozesse, die Funktionsweisen der technischen Geräte, die zum Einsatz kommen, oder die enorme psychische und körperliche Belastung, die Polarexpeditionen mit sich bringen. Und selbstverständlich kann auch auf die Arktis und Antarktis als Lebensräume und Ökosysteme eingegangen werden, was sich als Überleitung zum Sprechen über den Klimawandel anbietet.

TUN – Eben kurz einmal an die Polkappen zu reisen, wird sich für die meisten Leser*innen wahrscheinlich nicht machen lassen; trotzdem bietet sich in der Arbeit mit dem Buch auch einiges Praktisches an. So kann etwa überlegt werden: Welche Gegenstände würde jede*r Einzelne auf eine Expedition mitnehmen und wie schwer wären sie in Summe? Außerdem bietet sich an, das ARGOS-System auszuprobieren, einen aus Nullen und Einsen bestehenden Code, über den Marek Kamiński und sein Partner Wojtek Moskal mit der Basis Resolute Bay kommuniziert haben. Und wer sich künstlerisch betätigen möchte, kann es Bartłomiej Ignaciuk gleichtun: Mit Wachsmalkreiden oder Ähnlichem lässt sich die Scratchboard-Technik ganz einfach und unkompliziert zu Hause nachmachen.

 

Sarah Auer

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