MINT-Buch im September 2022

Mit Bildern v. Jon Klassen.
Aus d. Amerikan. v. Uwe-Michael Gutzschhahn
cbj 2020 / 2021.
144 / 176 S.
Amy Timberlake: Dachs und Stinktier / Dachs und Stinktier suchen einen Schatz
In der Stadt Norddrill lebt Dachs ein beschauliches, zurückgezogenes Leben und geht im Backsteinhäuschen seiner Tante Lula wichtiger Steinforschung nach. Nach dem Studium haben sich junge Steinforscher*innen wie er eben erst einmal zu beweisen, und das heißt: lesen, forschen, klopfen, sammeln, ordnen, polieren, schreiben, publizieren. Für Freundschaft bleibt da nicht viel Zeit. Und auch nicht fürs Briefelesen, sonst wäre Dachs nämlich nicht ganz so überrascht, als plötzlich Stinktier vor seiner Tür steht und sich als neuer Mitbewohner vorstellt. Das routinierte Leben im Reihenhaus (inklusive des Steinezimmers mit seiner äußerst wertvoll bestückten Ruhmeswand der Steine) wird durch die neue Wohnkonstellation völlig auf den Kopf gestellt – was durchaus nicht nur sein Schlechtes hat. Man denke etwa an Rührei mit gegrillter Pfefferoni, Erdbeer-Zimt-Muffins zum Frühstück oder Nächte voller Geschichten im neu eingerichteten Mondzimmer.
In beiden bisher erschienenen Bänden dieser Reihe für Leser*innen ab sechs Jahren erzählt die US-amerikanische Autorin Amy Timberlake mit viel Witz und feinem Gespür für die charakterlichen Nuancen ihrer Figuren von einer ungleichen Freundschaft, die bereitwillig auch Fehler und Eitelkeiten verzeiht. Die Illustrationen und Kapitel-Vignetten von Jon Klassen fangen (besonders im gekonnten Spiel mit Licht und Schatten) die emotionale Verfasstheit und Schrulligkeit der Charaktere ganz hervorragend ein – in Sepia und Schwarzweiß gehalten mit einem ansprechenden Retro-Charme. Und ganz nebenbei macht es beim Lesen auch Freude, die Partikularinteressen von Hühnern, Dachs und Stinktier zu erforschen: Geologisch interessierte Leser*innen werden schon am Vorsatzpapier hängenbleiben, das von Quartz, Opal, Granat und anderen Mineralien und Steinen geschmückt wird. Andere wiederum mögen sich eher an der Vielfalt unterschiedlicher Hühner erfreuen, die (physikalisch interessiert wie sie sind) mit ihren Quantensprüngen die Romane aufmischen. Ob Orpington, Jersey Giant oder Bantam; in Norddrill geht es, so Stinktier, kosmopohühnisch zu. Ausgesprochen clever kombiniert die Reihe um Dachs und Stinktier die kuriosen Erlebnisse ihrer Figuren mit wissenschaftlichen Fun Facts und Spezialwissen. Oder, wie Dachs es formuliert: Abenteuer und Wissenschaft ergeben nun mal die besten Geschichten.
LESEN – SPRECHEN – TUN
LESEN – Junge Leser*innen werden mit diesen sprachlich wie inhaltlich erfrischend einfallsreichen Romanen alleine genauso viel Freude haben wie in Vorlesesituationen. Trotz einfachem Satzbau sind die Texte witzig und raffiniert geschrieben, Kursivierungen, Versalien und zahlreich eingesetzte Onomatopoeia machen das Erzählte auch visuell und klanglich greifbar.
SPRECHEN – Die Steine und Mineralien sind wunderbar anschaulich beschrieben und laden zu eigenen geologischen Nachforschungen ein. In keinem Fall kann es dabei schaden, jemanden zum Nachfragen (oder ein passendes Nachschlagewerk) zur Seite zu haben – es ist eben doch mehr als verlockend, sich die vielen Steine, Mineralien und nicht zuletzt Hühner auch bildlich anzuschauen. Mit der Geschichte um den Fund eines Dinosauriereis werden im Band „Dachs und Stinktier suchen einen Schatz“ außerdem noch ganz andere Diskurse hereingenommen: Wenn eine Kultur (oder die Hühner) etwas seit Generationen bewacht und ihm historischen Wert zurechnet, hat dann eine andere Kultur (oder vielleicht ein Fischmarder) das Recht, sich daran zu bereichern?
TUN – Die vielen geologischen Schätze regen natürlich auch dazu an, eine eigene Sammelleidenschaft zu entwickeln oder sich zumindest einmal darin zu versuchen. Gefundenes (gemeinsam) zu kategorisieren und eine geeignete Aufbewahrungsmethode zu finden, kann auf jeden Fall eine kurzweilige Anknüpfung an Dachs und Stinktier sein. Und wer sich für Geologie nicht begeistern kann, folgt Dachs’ Forschervorbild vielleicht in anderer Richtung – wie wäre es etwa mit einem eigenen Herbarium? Außerdem: Dem Forschen müssen selbstverständlich Expeditionen vorangehen, für die die Bücher überaus appetitliche Proviantvorschläge machen.
Sarah Auer
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