Beltz&Gelberg 2021.
€ 17,95.

Patricia Thoma: Unsere Zukunft träumen


Können Kleider sprechen und fühlen?

Die Frage mag ein wenig abwegig klingen. Und dennoch führt sie mitten hinein in unseren Lebensstil und Lebensstandard. Denn natürlich repräsentiert Kleidung unseren sozialen Status; verweist aber auch auf unseren Charakter, unsere Vorlieben und kulturellen Verortungen. Wer zu einem Vortrag über Harry Potter ein „Always“ T-Shirt trägt zeigt sichtbar an, auf welche Weise er*sie sich mit dem (oder den Figuren des) Potterverse verbunden fühlt. Woher aber kommt dieses T-Shirt? Welche Wege globaler Produktion und Distribution hat es hinter sich? Daran schließen sich nicht nur Aspekte des globalen Marktes und den damit verbundenen Arbeitsbedingungen der Kleiderindustrie an, sondern auch Ressourcenfragen.
Die Ausgangsfrage könnte aber auch zur Utopie ganz neuer Innovationsideen führen:

Kannst Du dir vorstellen, dass deine Kleidung noch viel mehr über dich erzählen könnte, zum Beispiel, wie du dich gerade fühlst? Wenn sich dein T-Shirt dann rot verfärben würde, wüssten alle, dass du stinksauer bist und in Ruhe gelassen werden willst. Was so verrückt klingt, hat Jasna Rok bereits in die Realität umgesetzt: Ihre Kleidung ist über Sensoren mit dem Gehirn verbunden und passt sich farblich den Gefühlen an. (S. 20)

Warum nicht. Jasna Rok ist belgische Designerin und verbindet in ihrer Kollektion Fashion on Brainwaves Textilien mit High-Tech und wird dabei von der Technologieforma Fujitsu unterstützt (S. 64).

Es sind Erfindungen und Ideen wie diese, die die Künstlerin und Museumspädagogin Patricia Thomas aufgreift und in einen weit ausschlagenden Bogen unterschiedlicher Zukunftsvisionen eingliedert. Es geht dabei um die Möglichkeiten, uns selbst und unsere Welt in die Zukunft zu denken. Die Welt wird global in den Blick genommen; die einzelnen
Entwürfe und Erfindungen aber, die vorgestellt werden, sind regional entstanden – und zeigen ausschnitthaft unterschiedliche Denkrichtungen an. Zusammengehalten werden sie durch einen philosophischen Überbau, der sich in der Struktur des Buches gleichermaßen wie den Illustrationen spiegelt.
Auf das Gedankenspiel, das in den unterschiedlichen, sachorientierten Passagen inszeniert wird, verweist bereits das Cover: Eine kindliche oder jugendliche Figur spielt liegend mit einem über ihr*ihm hängenden Mobile. Erst auf den zweiten Blick ist dieses Mobile als Qualle zu erkennen, an der menschliche Figuren wie an einem Karussell hängen. In Gang gesetzt wird damit eine Verknüpfung der unterschiedlichen MINT-Bereiche, um jene Zukunftsfragen anzustoßen, die gleich zu Beginn expliziert werden:

Was wollen wir essen?
Was wollen wir anziehen?
Wie wollen wir wohnen?
Wie wollen wir uns fortbewegen?
Wie wollen wir unsere Energie erzeugen?
Was wollen wir wissen?

Was wollen wir spielen?

Zu diesen Fragen werden Überlegungen aufgefächert, in die verstreute Erfindungen und Entwürfe eingearbeitet sind. Sie wirken zum Teil skurril und führen auch in Sackgassen. Verweisen aber dennoch auf die Möglichkeiten und vor allem Notwendigkeiten, vor dem Hintergrund von Klimakrise und knapper werdenden Ressourcen neue Wege in der Nahrungsmittelproduktion, Energiegewinnung, Fortbewegung, Architektur oder Ökonomie zu gehen. Da treffen kuriose Formen des Urban Gardening auf recycelte Mode aus Müll oder ein Projekt des Pariser Nordbahnhofs: Hier wird über elektromagnetische Bodenplatten, über die Menschen laufen, Energie erzeugt, die wiederum für die Bahnhofsbeleuchtung genutzt wird.
Der erzählende Sachtext selbst greift Fragen und Überlegungen auf, führt hierhin und dahin und bildet/erzeugt Denkschleifen. Die erwähnten Einfälle und Innovationen sind mit Fußnoten markiert und verweisen auf das Ende des Buches, wo knappe Hardfacts zu den konkreten Projekten gegeben werden.
Das textliche Utopieren wird in den Illustrationen aufgegriffen, durch die der Charakter eines künstlerischen Sachbilderbuches grundgelegt wird. Patricia Thomas arbeitet auf Transparentpapier und legt unterschiedliche (Farb-)Schichten in Bleistift und Aquarell übereinander. Der dieserart entstehende, durch-scheinende Charakter der Bilder lässt eine Welt hinter der Welt vermuten – so, als würde eine Zuversicht vermittelnde Folie über die Abgründe realer Entwicklungen gelegt. Die kindlichen und jugendlichen Figuren, auf die der illustratorische Fokus gerichtet ist, werden damit zu Hoffnungsträger*innen. An ihnen ist es, die Gedankenspiele und Ideen aufzugreifen und (ethische) Haltungen gleichermaßen wie Handlungskompetenzen herauszubilden.

Das besondere Faszinosum der Illustrationen liegt in ihrer eigenwilligen Dynamik: Patricia Thomas zoomt, tritt zurück, variiert, stellt Figuren in den Raum, sodass unterschiedlichste Beziehungs-Varianten zwischen den Figuren und den vorgestellten Projekten entstehen. Basierend auf Fotomaterial werden diese in den öffentlichen Raum eingeschriebenen, Entwürfe und Ideen illustratorisch nachgestellt und zu einer Art Handlungsraum für die multikulturell verorteten kindlichen/jugendlichen Figuren.
Die Figuren selbst bleiben in Weiß- und Grautönen gehalten. Durch Patricia Thomas aufwändigen künstlerischen Stil, der zeichnerische und malerische Elemente kombiniert, erhalten sie etwas Konkret-Unkonkretes und werden damit zu Rollenbildern des Denkens, des erdachten Handelns, des Handelns. Über ihre unterschiedliche Herkunft hinweg werden sie durch ein gemeinsames illustratorisches Detail als miteinander verbunden charakterisiert: Die roten Bäckchen früherer Kinderbuchillustrationen werden dafür künstlerisch verfremdet und markieren die Vielfalt an Möglichkeiten, aus kindlicher Perspektive auf eine Welt der Zukunft zu blicken – und/oder in einer utopierten Zukunftswelt zu agieren.

Denn letztlich lenken die gestellten Fragen über das Moment des Spiels und Rollenspiels den Blick auf Eigenpositionierungen und zukünftige Formen der Wissensaneignung. Auch ausgehend von künstlicher Intelligenz und Ökonomie ist dabei stets der*die Einzelne in diese Überlegungen involviert; dennoch wird am Ende deutlich, dass das Ich stets Teil einer globalen Welt ist – die Herausforderungen dieser diversen Welt aber immer auf den Einzelnen*die Einzelne zurückwirken.

LESEN – SPRECHEN – TUN


LESEN – Die Hybridform des Sachbilderbuches zeigt sich darin, dass eine Erzählstimme eingeführt wird, die die Leser*innen direkt anspricht, Überlegungen anstellt, Fragen aufwirft und Antwortmöglichkeiten aufzeigt. Damit wird auch der Verweischarakter der einzelne Ideen und Projekte deutlich. 

SPRECHEN – In seiner Grundhaltung zielt das Buch nicht auf konkrete Handlungsanweisungen oder konkrete Aktionsvorschläge ab. Vielmehr bildet es die Grundlage, um mit Kindern oder Jugendlichen eine philosophischen Zugang zu Fragen der Zukunft zu geben – und diese an konkrete Innovationen zu binden.
Für höhere Altersstufen können diese Überlegungen in die Frage nach der Zukunfts- und Trendforschung münden. Was ist darunter zu verstehen und in welche Teilbereiche kann diese Disziplin aufgefächert werden? Dazu kann die Website des >>> zukunftsInstituts als Ideengeberin dienen.
Dieserart zeigt sich (ausgehend von der Verlagsangabe ab 10 Jahren) auch das breitere, mögliche Spektrum an Altersstufen an, die mit dem Buch / ausgehend vom Buch angesprochen werden können.

TUN – Die Grundlagen dazu bilden die Hardfacts der Fußnoten. Die Informationen können Ausgangspunkt eigener Recherchen sein. Das bietet einerseits Kindern und Jugendlichen selbst die Möglichkeit, eines dieser Projekte umfassender zu recherchieren und zu präsentieren. Andererseits ist es in der Vermittlung möglich, Querverbindungen herzustellen – zu innovativen  Ideen und Projekten im eigenen Umfeld. 

Heidi Lexe

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