Aus d. Niederländ. v. Verena Kiefer..
Gerstenberg 2021.
€ 26, 90.

Jan Paul Schutten und Floor Rieder: Das Weltall

Wie ist das Universum entstanden? Was ist dunkle Materie? Vielleicht sind das 2 Fragen, die du nie hattest und auf die du nie eine Antwort wolltest, wie Jan Paul Schutten es in seinem Sachbilderbuch rund um das Weltall formuliert. Aufgegriffen werden sie trotzdem – und viel mehr als nur diese beiden, denn in dieser Einführung in die Physik des Weltalls geht es um nichts weniger als die großen Fragen des Universums: Gibt es eine Schöpfungsinstanz, die das Weltall erschaffen hat? Wird das Universum irgendwann enden? Und auch, wenn es nicht auf alle Fragen endgültige Antworten gibt – denn, wenn ich die Antworten wüsste, würdest du mich auf einer tropischen Insel finden. In einer Hängematte, Cocktails schlürfend, […], weil ich die schwierigsten Fragen auf Erden beantwortet hätte –, ist man nach der Lektüre dieses Sachbuches definitiv schlauer als vorher.

523 Fakten werden dem Vorwort zufolge in diesem Sachbuch vermittelt. Da könnte man leicht den Überblick verlieren, wäre da nicht die Erzählinstanz, die die Leser*innen gekonnt durch die Geschichte des Universums und die Prinzipien der Quantenphysik manövriert: Ich zähle jetzt rückwärts und los geht`s: 3 … 2 … 1 … 0 … Blitz. In dieser inszenierten Erzählsituation geht es weiter durch die fünf Kapitel des Sachbuchs: Neben Wissenswertem zum Thema Zeitreisen und dem Aufbau des Universums führt die Lesereise zu Albert Einstein (samt einer tatsächlich verständlichen Erklärung seiner berühmten Formel E=MC2) und der Quantenmechanik. Im letzten Kapitel wird es dann etwas philosophischer, wenn die Frage gestellt wird: Wer hat unser Universum gemacht?

Diskutiert werden all diese Themen aus einer physikalischen Perspektive. Wer Physik als das langweiligste oder gefürchtetste Fach der eigenen Schulkarriere erlebt oder in Erinnerung hat, sollte dieses Buch allerdings trotzdem nicht von vorne herein abschreiben, denn vermittelt wird nicht einfach trockenes Faktenwissen: Kuriose Details führen an die Themen heran – wer wüsste schon, dass wir am 14. September 2015 alle ein wenig in die Länge geschrumpft und in die Breite gegangen sind, wenn er*sie nicht in diesem Sachbuch geschmökert hätte? (Für alle Neugierigen: Vor 1,3 Milliarden Jahren sind zwei Gravitationsfelder zusammengestoßen, wobei Gravitationswellen entstanden sind, die in den letzten 1,3 Milliarden Jahren auf die Erde gereist sind und alles und jede*n um 0, 000 000 000 000 000 000 001 Meter schrumpfen ließen.)

Die Wissensvermittlung beschränkt sich allerdings nicht auf den Text von Jan Paul Schutten: In wunderschönen Illustrationen gelingt es Floor Rieder nicht nur die im Text erläuterten physikalischen Konzepte und Theorien zu veranschaulichen und auf eine verständliche Ebene herunterzubrechen, sondern darüber hinaus mit viel Bildwitz und einigen Comicelementen die bloße Wissensvermittlung ästhetisch aufzupeppen. Auf einzelnen Doppelseiten wird in den Illustrationen mit Wimmelcharakter beispielsweise der makroskopische Aufbau des Universums dargestellt oder das Standardmodell der Quanten als belebtes Wohnhaus inszeniert. Besonders hervorzuheben ist dabei die stimmige Farbgestaltung mit den drei Schmuckfarben Orange, Gold und Graublau. Übernommen wird diese Farbtrias auch in die Schriftgestaltung des Sachbuches, das über ein Doppelseitenprinzip funktioniert: Auf jeweils einer Doppelseite wird ein Thema behandelt, das kreativ betitelt ist und auf das in einem kurzen vorangestellten Opener neugierig gemacht wird. Danach erfolgt in Bild und Text die Erläuterung der jeweiligen Fragestellung. Dieses Doppelseitenkonzept zieht sich durch das gesamte Sachbuch und bildet damit einerseits einen gestalterischen roten Faden, andererseits erhält das Buch durch die einzelnen voneinander mehr oder weniger unabhängigen Beiträge auch Lexikon-Charakter, der zum Schmökern und Wissen-Anhäufen einlädt.
Fazit: Eine grandiose Einführung in die mikroskopischen und makroskopischen Geheimnisse des Universums.

LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – Die themenspezifisch gestalteten Doppelseiten können wie in einem Lexikon auch getrennt voneinander gelesen werden, gerne auch nach dem Prinzip „Zufall“: Einfach irgendwo aufschlagen und hineinschmökern.

SPRECHEN – Neben einer Vielzahl an physikalischen Themen, über die gemeinsam nachgegrübelt werden kann, sind es auch philosophische Fragestellungen, die zum lauten Nachdenken anregen: Gibt es eine Schöpfungsinstanz? Was bedeutet Unendlichkeit? Nicht zuletzt ist die reflexive Auseinandersetzung mit den Inhalten auch im Buch selbst angelegt – beispielsweise, wenn im Nachwort die Wichtigkeit des Zweifelns und Hinterfragens von bereits bestehendem Wissen betont wird. In den einzelnen Kapiteln gibt es hierfür die Kategorie „Kurz mal innehalten“, die in kleinen Textblöcken auf einigen Doppelseiten zu finden ist. In diesen Bereichen finden sich Gesprächsanstöße für Wissensreflexion, Gedankenexkurse und weiterführende Fragestellungen, die gemeinsam diskutiert werden können.

TUN – In Text und Bild findet man Experimentieranleitungen, die die physikalischen Prinzipien, die in diesem Sachbuch behandelt werden, wortwörtlich greifbar machen. Von einer Bauanleitung für einen Elektromagneten bis zu Experimenten mit 1-Euro-Münzen ist für jede*n etwas dabei.

Julia Lückl

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