Vorwort v. Bee Wilson.
Aus dem Amerikan. v. Ebi Naumann.
Gabriel 2020. € 20,60.

Gregg Segal: Über den Tellerrand.
Was Kinder hier und anderswo essen

Über 50 Kinder aus der ganzen Welt erzählen in diesem Buch von ihren Essgewohnheiten. Dies geschieht jedoch nicht in Form von protokollierten Interviews oder eigens verfassten Texten aus der Ich-Perspektive. Um in die Speisepläne unterschiedlicher Länder und Kulturen einzutauchen, hat der US-Fotograf und Journalist Gregg Segal einen besonderen Zugang gefunden: Für seine bereits 2018 für den „Spiegel“ angefertigte Fotoserie „Daily Meal“ ist er durch Asien, Afrika, Europa, Nord- und Südamerika gereist und hat junge Mädchen und Buben inmitten jener Lebensmittel abgelichtet, die sie über den Zeitraum von einer Woche zu sich nehmen. In seinem Buch „Über den Tellerrand“ widmet er sich nun auf jeweils einer Doppelseite einem Kind bzw. Geschwisterpaar, das/die er auf dem Boden liegend aus der Vogelperspektive fotografiert. Rundherum werden die von ihnen dokumentierten und von eigenen Köchen und Foodstylisten reproduzierten Gerichte, Snacks, Süßigkeiten und Getränke arrangiert, sodass ein wimmelartiges Suchbild entsteht, das zum genauen Beobachten and Analysieren einlädt: Sind das wirklich Nudeln, die der elfjährige Meissa aus einem Vorort von Dakar (Senegal) in sein Sandwich füllt? Was isst die neunjährige Kawakanih vom Stamm der Yawalpiti aus dem brasilianischen Regenwald? Und welche Naschereien, die wir auch hierzulande kennen, verzehrt die elfjährige Razan aus Ajman (Vereinigte Arabische Emirate)? Die zwischen Fast Food und selbst zubereiteten Speisen, Softdrinks und frischen Heißgetränken positionierten Kinder bildet Segal mal vor farbintensiven, kunstvoll verarbeiteten Tüchern, mal vor schlichtem, einfärbigem Hintergrund ab. In jedem Fall entstehen beeindruckende Bilder, die nicht nur als Fotografien schön anzusehen sind. Als Zeugnisse aus kindlichen Lebenswelten verschiedenster Kulturen laden sie vor allem zum Eintauchen in die kulinarische Vielfalt rund um den Globus ein und regen an, gemeinsam über Ernährungsweisen nachzudenken.
Eine erste Einstiegshilfe dafür bietet der einleitende Text auf der linken Buchseite, der das abfallende, rechts platzierte Foto ergänzt: Er erzählt nicht nur von den Lieblingsspeisen und -getränken der jeweiligen Kinder, sondern gibt auch Aufschluss über ihre kulturellen, sozialen und ökonomischen Hintergründe und berichtet von ihren Alltagsabläufen, Leidenschaften und Träumen. In der Lektüre kann der Blick beispielsweise auf die unterschiedlichen Formen gesunder Ernährung und Fast Food gelegt werden, die auch im Vor- und Nachwort im Vordergrund stehen. Gleichzeitig können aber auch die Unterschiede in den täglich verspeisten Mahlzeiten von Amelia, Agata und Paolo – die alle aus Italien stammen – oder auch das penibel geschnippelte und verpackte Essen von Marek aus New Haven (USA) – dessen Vater als „Meal Prepper“ vorgekochte Mahlzeiten ausliefert –ins Zentrum der Betrachtung rücken. In jedem Fall lohnt es sich, sich gemeinsam ausreichend Zeit zu nehmen, um in wiederholten Lektüreprozessen jeweils unterschiedliche Aspekte der Bilder (und Texte) genauer unter die Lupe zu nehmen.


LESEN – SPRECHEN – TUN

LESEN – Gelesen werden in diesem Buch vor allem die beeindruckenden Bilder, die bei jeder Betrachtung neue spannende Details offenbaren. Der Text muss nicht zwangsläufig herangezogen werden, enthält aber stets aufschlussreiche Informationen über die abgebildeten Kinder und Speisen.

SPRECHEN – Bild und Text regen auf verschiedenen Ebenen an, gemeinsam über die Essensgewohnheiten von Kindern mit unterschiedlichen nationalen und sozialen Hintergründen nachzudenken und Vergleiche zwischen den Kulturen anzustellen. Besonders spannend scheint in diesem Kontext, dass sich Kinder aus ärmlicheren Verhältnissen oft gesünder zu ernähren scheinen als jene aus wohlhabenden Familien. Natürlich können in einem weiteren Schritt auch die eigenen Ernährungsweisen reflektiert werden. Vielseitige Anknüpfungspunkte wie u. a. die Verpackung von Lebensmitteln oder die Globalisierung von Fast Food liefern das Vorwort der Ernährungswissenschaftlerin Bee Wilson und das Nachwort des Autors. 

TUN – Das Buch bietet an, sich auf unterschiedliche Weise von Gregg Segals Studien inspirieren zu lassen, sich anhand der Lektüre Gedanken über die eigenen Ernährungsgewohnheiten zu machen und diese auf einem (oder mehreren) Foto(s) abzubilden. Während sich ein Nachkochen von allen Gerichten, die ein Kind innerhalb einer Woche zu sich nimmt, für die meisten wahrscheinlich zu aufwendig ist, können das jeweilige Frühstück, Mittag- oder Abendessen über mehrere Tage hinweg im Sinne eines Fototagebuchs dokumentiert werden. In einem Klassen- oder Gruppenverband können auch mehrere Kinder mit ihren unterschiedlichen (Lieblings-)Jausenvarianten abgelichtet und mit Texten der einzelnen Kinder ergänzt werden.


Claudia Sackl

 


Fotos: Gregg Segal

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