Mareike Krügel: Inseltage mit Rosa.
Mit Bildern von Anna Schilling.
Beltz & Gelberg 2025.

Gebrochene Idylle

Großmütter fungieren in der Kinderliteratur meist als Sympathieträgerinnen – in der österreichischen Kinderliteratur allen voran natürlich Mira Lobes „Omama im Apfelbaum“, die zunächst als Ersatz für eine Leerstelle im Leben des kindlichen Protagonisten fungiert, um dann schließlich von einer echten Bezugsperson abgelöst zu werden. Das ist in diesem Kinderroman zunächst anders: Lila (eigentlich Linnea), die Ich-Erzählerin, ist gar nicht begeistert, mit ihrer etwas schrulligen Großmutter Mu ein Wochenende auf einer abgelegenen Schäreninsel zu verbringen, weil der Vater eine Konferenz im Norden des Landes besucht. Sie kennen einander auch kaum, denn die Mutter des Vaters ist vor Jahren nach Finnland gezogen. Und überhaupt ist gar nichts mehr schön, seit Lilas Freundin Rosa nicht mehr da ist. Doch in der Einsamkeit der Insel steht sie in bewährter Weise für ihre Rollenspiele zur Verfügung: Wilde Kinder im Wald, Tierretterinnen und Meerjungfrauen sind die beiden Mädchen, die Anna Schilling in ihrem zarten Strich sehr gegensätzlich inszeniert. So verläuft das Wochenende beschaulich, bis ein Sturm losbricht: damit kann niemand kommen, um die beiden wie geplant am Sonntag abzuholen. Dem Großmutter-Enkelin-Duo bleibt nichts anderes übrig, als doch näher zusammen zu rücken, dazu gesellt sich eine verletzte Möwe, mit der sie ihre schnell weniger werdenden Vorräte teilen. In dieser Extremsituation, in der es wenig zu tun gibt, gibt, bleibt die Kraft der Kreativität: Mu, eine Figur, die von der widerständigen Biographie von Tove Jansson inspiriert wurde, dichtet bei jeder Gelegenheit, Lila hat irgendwann die Idee, die leere Wand der schlichten Hütte zu bemalen. In der Intensität dieser geteilten Erfahrungen wird nach und nach offengelegt, was mit Rosa passiert ist. So wird auch klar, warum Lila nach ihrem Tod irgendwann keinen Sinn mehr darin gesehen hat, mit anderen Menschen zu sprechen. Der Umgang mit dem Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen wird in der (Kinder-)literatur nicht selten erzählt, Mareike Krügel tut dies ebenso unaufgeregt wie einfühlsam, mit einem genauen Blick auf ihre Kammerspiel-artige Figurenkonstellation, in die Rosa sozusagen als dritte Hauptfigur eingeschrieben ist. Mit dem Abklingen des Sturmes und der Rückkehr in den Alltag steht auch Lilas Entscheidung, wieder ins Leben und in die Kommunikation mit anderen einzusteigen – begleitet von poetischen Formulierungen: „Und ich dachte, dass Kunst auch dafür gut war: einander von sich zu erzählen.“

Kathrin Wexberg

 

 

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