Jenny Valentine: Zwei Seiten eines Augenblicks.
Aus d. Engl. v. Klaus Fritz.
dtv Reihe Hanser 2025.

Magisches Denken – oder mehr?

„Das Leben ändert sich schnell. Das Leben ändert sich in einem Augenblick.“ So leitete die US-amerikanische Autorin Joan Didion ihr vor ziemlich genau 20 Jahren, im Herbst 2005 erschienenes Buch, „Das Jahr des magischen Denkens“ ein, in dem sie ihre eigenen Erfahrungen im ersten Jahr nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes in einen größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang stellt. Um am Ende dieses Jahres das erste Mal auf ein Jahr zurückzuschauen, in dem sie keinen Tag davon mit dem Verstorbenen verbracht hat. Die preisgekrönte britische Autorin Jenny Valentine verweist in ihrem neuesten Jugendroman mehrfach subtil auf dieses Buch und stellt damit gleichermaßen ihre Figuren wie ihr eigenes Schreiben in eine Tradition einer solchen literarischen Auseinandersetzung mit dem Tod, die weit mehr ist als Lebenshilfe oder Trostbuch. Elk (kurz für Elena), die 16-jährige Ich-Erzählerin, beginnt ihr Schildern von Rückblenden und (scheinbaren) Momentaufnahmen auf einem Friedhof – im Dialog mit ihrer besten Freundin Mab: „netzgardinendünn“, ein Schleier ihrer selbst, der Körper voller Verletzungen. Denn auf einer Party gab es einen schlimmen Streit zwischen den beiden, weil Elk Mabs Bruder Frances geküsst hat, einen Heimweg im Dunkeln, ein Auto, das nicht mehr bremsen konnte. Mab ist also offenbar eine Art Untote, ein Geist, eines jener Wesen, das aus welchen Gründen auch immer nach dem Moment des Sterbens den Schritt ins Jenseits noch nicht vollziehen konnte. Nun begleitet sie also Elk auf deren alltäglichen Wegen: den wöchentlichen Besuch bei ihrer Therapeutin, zu der sie seit dem Tod ihrer Großmutter geht, ihre Beobachtungen des Verhaltens ihrer Eltern, das seltsam erratisch wirkt. Diese Gegenwart wird immer wieder raffiniert überblendet mit Erinnerungen: das Kennenlernen der beiden Mädchen vor vielen Jahren, die seitdem unzertrennlich waren, die Rolle der jeweiligen Brüder für ihre Freundschaft (einer davon deutlich jünger, einer deutlich älter), aber auch der folgenschwere Unfall und das Begräbnis: „Es war still im Gottesdienst, alles hat seine genaue Ordnung, damit du nicht auseinanderfallen kannst, draußen jedoch brüllt die Welt, als hätte sie Hunger, aber ich weiß gar nicht, auf was.“ In ebenso poetischer wie präziser Sprache entsteht ein Erzählgeflecht, das die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen Augenblick, das davor und danach des Todes, ebenso relativiert und reflektiert. Und die Lesenden nach der Lektüre ebenso sprachlos wie beeindruckt zurücklässt.

Kathrin Wexberg

 

 

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