Aus dem Niederländ. v. Ruth Löbner.
Jacoby & Stuart 2025.

Anne Frank: Füller-Kinder. Erzählungen und Ereignisse aus dem Hinterhaus

Ein rotweißkariertes Buch, eigentlich als Poesiealbum gedacht, als Geschenk zum 13. Geburtstag – das Tagebuch der Anne Frank verkörpert, auch in seiner ganz konkreten Materialität, wie kaum ein anderes Werk das literarische Erinnern an die NS-Zeit. Während die UNESCO es zum Weltkulturerbe erklärte, stellten Holocaust-Leugner seine Authentizität immer wieder in Frage und es gibt mittlerweile mehrere forensische Gutachten, die unter anderem das Alter des Papiers belegen. Ein ebenso symbolträchtiger wie umstrittener Gegenstand also - so ist es auch durchaus passend, dass in einer der jüngeren medialen Auseinandersetzungen mit Anne Frank, Ari Folmans Animationsfilm „Wo ist Anne Frank?“ (Belgien u.a. 2021), zu dem auch eine Graphic Novel erschienen ist (Fischer 2022), das Buch selbst eine zentrale Rolle spielt: Die Handlung setzt ein, als bei einem Unwetter die Vitrine zerbricht, in der das Original-Tagebuch im Anne Frank-Haus in Amsterdam ausgestellt wird. Aus den Seiten entsteigt Kitty, jenes fiktive Gegenüber, an das Anne ihre Einträge adressierte, und macht sich auf die Suche nach ihrer Freundin Anne. Ari Folman, selbst in einer Familie von Holocaust-Überlebenden aufgewachsen, arbeitete 8 Jahre an diesem Film und überlegte sich sehr genau, wie welche Aspekte des Tagebuches angemessen für ein junges Publikum heute in das Medium Animationsfilm übertragen werden können (nachzulesen unter Q&A with Director Ari Folman - Where is Anne Frank).

„A Small Light” hingegen, (in der deutschen Fassung: „Ein Funken Hoffnung – Anne Franks Helferin“) eine 2023 veröffentlichte Mini-Serie, fokussiert auf Miep Gies, jene der Helferinnen, die nach der Verhaftung der Versteckten das Tagebuch in ihrer Schreibtischschublade aufbewahrte und es Otto Frank übergab, als ihm in einem Brief der Tod seiner beiden Töchter definitiv bestätigt wurde. Aus österreichischer Sicht ein bemerkenswerter Schlenker der Geschichte: Miep Gies war gebürtige Wienerin, ebenso wie Karl Silberbauer, jener SS-Mann, der im August 1944 Anne Frank und die anderen Untergetauchten verhaftete. In einem Video erzählt sie selbst sehr eindrücklich von jenem Moment, in dem sie Otto Frank das Vermächtnis seiner Tochter übergab: Miep Gies and Anne Frank's legacy | Anne Frank House

In dieser kurzen Sequenz wird auch auf der Bildebene deutlich, was sonst wenig bekannt ist: Zurück blieb nicht nur das Tagebuch im engeren Sinn, sondern zahlreiche weitere Bücher und Blätter. Noch weniger bekannt ist: neben dem eigentlichen Tagebuch, das sie ja ganz bewusst für eine mögliche Veröffentlichung als Zeitdokument nach dem Kriegsende überarbeitete, verfasste Anne im Versteck zahlreiche weitere kürzere Texte: „Ich habe vor ein paar Wochen angefangen, mal eine Erzählung zu schreiben, etwas, das vollkommen erfunden ist, und das hat mir so eine Freude bereitet, dass meine Füller-Kinder sich stapeln.“, notierte sie am 7. August 1943. Anlässlich ihres 95. Geburtstags im Juni 2024 initiierte das Anne Frank Haus in Amsterdam, das ihr Erbe verwaltet und weiterträgt, ein Buchprojekt, das nun in deutscher Übersetzung bei Jacoby & Stuart in aufwändiger Buchgestaltung erschienen ist: 46 Illustrator*innen wurden eingeladen, einige dieser Texte zu illustrieren. Die stilistische, formale und thematische Bandbreite ist groß: Erzählt werden alltägliche Begebenheiten aus dem Hinterhaus, aber auch Erinnerungen an die Zeit vor dem Versteck, Erzählungen, Essays und Fragmente eines Romanprojektes mit dem Titel „Cadys Leben“, an dem sie arbeitete. Was an diesen Texten „vollkommen erfunden ist“, was zumindest lose an eigenen Erfahrungen und Erinnerungen anknüpft, kann aus naheliegenden Gründen nicht mehr eruiert werden – und ist auch letztlich unerheblich: Lesenswert sind die Texte einer zweifellos begabten jungen Autorin in ihrer Scharfzüngigkeit und Pointiertheit, ihrem jugendlichen Überschwang, aber auch ihrer gekonnten literarischen Gestaltung auf jeden Fall, auch wenn natürlich manche Formulierungen heute ungewohnt sind.

Der Unterschiedlichkeit der Texte entsprechen die Stile und Techniken, in denen die Künstler*innen, darunter bekannte Namen wie Floor Rieder, Axel Scheffler und Britta Teckentrup, sich ihnen annähern. Einige der Darstellungen porträtieren die Autorin selbst – auf mitunter recht unkonventionelle Weise: Thé Tjong-Khing stellt sie, passend zu einer Fantasiegeschichte, in der sich das erzählende Ich in Hollywood als Filmstar ausprobieren kann, als fröhliches Pin-up-Girl dar. Andere hingegen bleiben ganz im Bebildern der Gedanken. So stellt etwa Oliver Jeffers zu „Geben!“, einem appellativen Text rund um Fragen von Betteln, Gerechtigkeit und Solidarität, eine blassblaue Figur in den Weißraum einer ganzen Buchseite, gehüllt in ein graues Cape, mit betrübtem Gesicht auffordernd die Hand ausgestreckt. (Diese und weitere der Illustrationen sind übrigens als hochwertige Drucke unter Kunstplakate - Füller-Kinder - Anne Frank Haus erhältlich.) Am Innenfutter des Umhangs aber funkelt das Weltall hervor und verweist damit auf jene Sätze, mit denen der Text endet: „Es gibt genug Platz, Reichtum, Geld und Schönheit in der Welt. Gott hat für alle genug erschaffen! Lasst uns denn alle anfangen, es gerecht zu verteilen!“ Wie er auf diese Bildidee kam, erklärt Jeffers in einem kurzen Text: Selbst aufgewachsen in Nordirland, einer von politischer Spaltung und Gewalt geprägten Gesellschaft, ließ er sich vom sogenannten Overview-Effekt inspirieren, jenem Phänomen, dass Astronauten, die vom Weltraum aus die Erde sehen, erkennen, wie alles in einer Art Supersystem miteinander verbunden ist. Dieser Idee der Verbundenheit entspricht auch die überlegte Art, in der dieses Buch zusammengestellt wurde: Denn außer dem ihnen ureigenen Ausdrucksmittel der Bilder wurden die Künstler*innen zusätzlich eingeladen, mit Worten einige persönliche Gedanken zu formulieren. Manche beziehen sich dabei konkret auf das Schicksal von Anne Frank, andere hingegen sinnieren mehr über ihren eigenen, sowohl künstlerischen als auch biografischen, Werdegang. Komplettiert wird diese Fülle durch Biografien aller am Buch Beteiligten und einer genauen editorischen Nachbemerkung, die einen Überblick über die Manuskripte gibt.

Kathrin Wexberg

David Polonsky und Ari Folman haben das Tagebuch der Anne Frank als Graphic Diary adaptiert – dieses und weitere empfehlenswerte Bücher rund um die Themen Shoah und Widerstand finden sich ein einer umfangreichen Themenliste, die anlässlich des Erinnerungsjahres 2025 überarbeitet und erweitert wurde: STUBE


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