Sarah Michaela Orlovský: Tomaten mögen keinen Regen

Wiener Dom-Verlag 2014.

Bei der Verleihung der Kranichsteiner Jugendliteratur-
Stipendien 2014
Die Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien werden seit 2010 jährlich im Rahmen der Leipziger Buchmesse vergeben. Sie sind gedacht für Autoren von Jugendbüchern, die bereits erste überzeugende Titel veröffentlicht haben. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, ein nächstes Buchprojekt unabhängig von den Anforderungen des Marktes und unter finanziell gesicherten Lebensumständen verwirklichen zu können. Im Jahr 2014 ging das Stipendium an Stefanie de Velasco für "Tigermilch" und die österreichische Autorin Sarah Michaela Orlovský für "Tomaten mögen keinen Regen", ein Buch, das auch der STUBE sehr am Herzen liegt:
"Das Haus „Betlehem“ ist ein besonderes Zuhause für besondere Kinder." So formuliert es die Redakteurin Ana, die eine „Behinderten-Story“ über ein Waisenheim schreiben möchte. Gaya, Bewohnerin des Heims, antwortet auf die Frage, wie „das so ist, in einem Waisenheim zu leben“ einfach: „Ein Waisenheim ist halt ein Waisenheim.“ Bereits mit diesen unterschiedlichen Beschreibungen des zentralen Handlungsortes lotet Sarah Michaela Orlovský in ihrem ersten Jugendroman den Begriff „Normalität“ neu aus: Für die einen ist ein Waisenheim für sogenannte behinderte Kinder etwas besonders, etwas, mit dem man „normalerweise“ nicht konfrontiert ist. Für die anderen ist diese Situation schlichte Lebensrealität – etwa für den jugendlichen Hovanes, den Ich-Erzähler, der ganz unmittelbar von seinen entschleunigten Sommerferien erzählt: von seiner Arbeit im Garten, den Schwestern und Kindern im Haus, seiner heimlichen Liebe zu einem Mädchen von draußen und schließlich von Anas Recherchen, die vieles aufwühlen… Als reflektierter Erzähler gewährt Hovanes Einblicke in seine jugendliche Gefühlswelt. Er trägt schwer am Bewusstsein „anders“ zu sein, sein Wunsch nach Selbstbestimmung ist im Waisenheim schwer zu verwirklichen. So liebevoll die Stimmung gezeichnet ist, so schwer ist das ständige Zusammensein mit jüngeren Kindern für einen adoleszenten Jungen bisweilen zu ertragen. „Das Haus gehört allen, der Garten gehört allen, wir essen und beten und atmen zusammen.“ Trotz dieses hermetischen Schauplatzes gelingt es der Autorin, Diversität zu transportieren und das Heim als komplexes Kollektiv zu gestalten. Dabei charakterisiert sie die Figuren ohne oberflächliche Zuschreibungen und verweigert sich einer eindeutigen Einordnung ihrer Behinderungen. Im Text bildet sich nicht nur das große Einfühlungsvermögen der Autorin ab, sondern auch ihr humanitäres Engagement und ihre Arbeit mit jungen Menschen in verschiedensten Kontexten. Die dramaturgische Konzeption des Romans steht der psychologischen Stimmigkeit dabei um nichts nach: Neben Hovanes Ich-Erzählung und der Innensicht Anas gibt es noch eine dritte Erzählinstanz, die erahnen lässt, dass Hovanes Konflikte mit anderen und letztlich sich selbst in einem gefährlichen Ereignis münden… Vom überraschenden Ende her, das alle Spannungsbögen löst, liest sich der Roman, vor allem aber Hovanes noch einmal anders. Und die im Kontext von Jugendliteratur oft bemühte Aussage, dass „Jugendlichen eine Stimme gegeben wird“ bekommt ganz neue Relevanz.
Christina Ulm
