Jenny Jägerfeld: Der Schmerz, die Zukunft, meine Irrtümer und ich

Aus dem Schwed. v. Birgitta Kicherer. Hanser 2014.

Jenny Jägerfeld im Gespräch mit Ulrich Störiko-Blume vom Hanser Verlag
Eng war es am Samstag im Nordischen Forum auf der Buchmesse. Die Massen kämpften um die Plätze. Zugegeben - vielleicht lag das auch daran, dass Håkan Nesser eine Stunde später im Forum lesen sollte, doch für uns war bereits Jenny Jägerfeld der Star. Im Gespräch mit Ulrich Störiko-Blume stand die Autorin auf Schwedisch und Deutsch Rede und Antwort zu ihrem ersten Roman:
Dass sich im Falle eines Unfalls die Sekunden zu dehnen scheinen und viele Gedanken im Zeitlupentempo vorüberziehen, haben schon viele selbst erfahren. Wie es sich anfühlt, die oberste Spitze des Daumens bis zum Knochen abzusägen wohl nur wenige. Jenny Jägerfeld macht beides schmerzvoll erfahrbar und steigt in ihren Roman mit der Beschreibung der wenigen Momenten ein, in denen Maja im Kunstunterricht eben jenes Unglück wiederfährt.
„Här ligger jag och blöder“ – „Hier liege ich und blute“, so der schwedische Originaltitel, der die narrative Zeitdehnung gut zu fassen weiß. Es sind nur wenige Sekunden, die Jenny Jägerfeld zur erzählerischen Breite dehnt und es sind nur wenige Tage, die diesem Ereignis folgen und in denen doch ein ganzes Familienleben aufgedröselt wird. Der körperliche Schmerz wird zum Erzählanlass für die jugendliche Ich-Erzählerin Maja, die normalerweise bei ihrem alleinerziehender Vater lebt – einem „halbprominenten Musikjournalist“ – und wie immer ein Wochenende bei ihrer Mutter verbringen will. Bloß: Ihre Mutter ist nicht da.
Wie die fehlende Daumenkuppel wird die verlassene Wohnung zur metaphorischen Leerstelle – zum Phantomschmerz – die Maja mit Bruchstücken der erinnerten Vergangenheit füllt und das komplexe und prekäre Mutter-Tochter-Gefüge reflektiert: Wann soll ich dich umarmen und wie genau und wie oft, hat Majas Mutter sie einmal gefragt. Darin ist das Changieren zwischen Vernachlässigung und einem bloßen Fehlen von Empathie prägnant subsummiert. Das Bild, das Maja von ihrer dennoch geliebten Mutter hat, ist bezeichnend: „Mama ein paar Meter weiter weg, in einem identischen Liegestuhl, lesend. Immer lesend. Bücher über Psychologie. Immer. Den Nacken gekrümmt, den Kopf nach unten gebeugt wie ein Flamingo.“
Die Beschreibung des physischen Schmerzes, der im Text immer wieder als Echo nachhallt, ist sprachlich eindringlich gelöst und steht motivisch auch für den psychischen Schmerz und überhaupt für das jugendliche Gefühl, das Jenny Jägerfeld hier so wunderbar in Prosa zu fassen weiß: Rau und unverklärt, gleichzeitig romantisch sehnt sich Maja letztlich sehr nach Liebe – nicht nur von ihrer Mutter. In all ihrer tatsächlichen, nicht aufgesetzten Coolness fächert sich die Figur in ein Mädchen auf, das gleichsam souverän und zutiefst verunsichert ist. Das nicht stilisiert wird, sondern jenseits von Außenseiterklischees an Form und Sympathie gewinnt. Bei ihrer Suche nach der verschwundenen Mutter werden die gegenwärtigen Ereignisse zur Initialzündung, um längst überfällige Aufarbeitungsarbeit ihres Lebens zu leisten. Die gesetzte narrative Klammer des Beginns wird am Ende mit einer konkreten Diagnose der mütterlichen Seltsamkeit geschlossen (die an dieser Stelle nicht verraten werden soll, diesen Fauxpas leistet sich leider schon der Klappentext): „Und dabei dachte ich immer, all das wäre Mama. Und dann war es nur ein Syndrom. Eine Diagnose.“ Ein ebenso einschneidender Moment wie die Verletzung der Hand – und doch so viel tiefgreifender.
Christina Ulm
