Stefanie Harjes (Ill.) und Christine Knödler (Hrsg.): Warum ist Rosa kein Wind? Gedichte und Geschichten vom Leben, Lieben und Fliegen

Christine Knödler und Stefanie Harjes erzählen von ihrer Arbeit am Buch.
Was für ein Messebeginn: Im 1903 eröffneten Café Maitre treffen sich Stefanie Harjes und Christine Knödler zu morgendlicher Stunde mit Leser*innen zum Buch-Frühstück auf Einladung des Ravensburger Verlages. Und welcher Rahmen würde sich besser eigen als ein Jugendstil-Café, um Gedichte & Geschichten vom Lieben und Fliegen zu präsentieren? Es braucht kein Geburtstag sein, um sich gerne auf die Bildwelten von Stefanie Harjes einzulassen, die in Originalen und Kopien den Rahmen der Buchpräsentation bilden. „Lass Dich fallen“ heißt es in der lyrischen „Anleitung zu guten Leben“. Aber gerne:
„Warum ist Rosa kein Wind?“, fragt die präsentierte Anthologie in ihrem Titel. Denn aus der Werkstatt überm Wind stammen jene künstlerischen Annäherungen an Texte, die sich ganz un-rosa präsentieren, sich aber dennoch als eine der jungen weiblichen Leserschaft zugeschriebene Sammlung verstehen. Die schon am Vorsatzpapier variantenreich skizzierten Weiblichkeitsbilder werden in variantenreichen Beispielen aus Literaturgeschichte und -gegenwart aufgegriffen und in den Kontext der Identitätssuche ebenso gestellt, wie als Frage des So-Seins in seiner emotionale Breite begriffen. Implizit dem Wandel der Jahreszeiten folgend, dem Erblühen und Vergehen, werden Texte zueinander gestellt, die das Ich und die Welt in spannungsvolle Beziehung bringen. Von Sappho bis Else Lasker-Schüler, von Jacques Prévert bis Peter Handke reicht der lyrische Kanon, ergänzt durch Prosa von Beate Teresa Hanika oder Marlene Röder.
Den Textzeilen von Hilde Domin folgend wird die Welt hochgeworfen und Stefanie Harjes lässt den Wind ihrer künstlerischen Vielfalt hindurchfahren: Blumenmädchen stürzen sich hinein in diese Welt, in der Raben einander küssen und Liebende die Gleise ihrer Neuerfindung einfach durch sich hindurchrasen lassen. Nur skizzenhaft wiegt ein Frauenkörper sich „Im Weingarten“, während die „Hosentaschenvenus“ farblich und körperlich drall ihrer Muschel entsteigt. Mit großen Augen starrt das Teufelsmädchen bei ihrem „Bittgedanken“ in die Welt, während sich die Vogelfrau im wilden Grün des Pinselstriches tarnt. Mythologische Ikonografie, wie der aufgerissene Rachen einer Unterwelt paaren sich mit zarten Kind-Bildern, Frauenkörper werden als Papier- oder Schaufensterpuppen ebenso erprobt wie als Statuen oder Models, deren wildes rotes Haar sich als Wellen über Bildseiten ergießt. Der Wind verpuppt diese Figuren ebenso wie er sie befreit und als Engel durch die Welt schaukeln lässt.
„Was vom engel übrig blieb“, frühmorgens, sind Abdrücke auf der Seele ebenso wie die Erinnerung an eine Sommerschule für Kinderbuchillustration, in der eine ganze Schar solcher Engelfiguren zu Jan Skácels Gedicht aus Feder und Pinsel von Stefanie Harjes flossen. Sie haben nun Eingang in diese Anthologie gefunden und schlagen den Bogen zu jenem frühen Morgen in Leipzig, an dem zwei Frauen aus Hamburg und München gemeinsam mit zwei Frauen aus Ravensburg zwei Frauen aus Wien glücklich zu machen wussten. „Erst habe ich es mit Liebe / Versucht.“ Es hat geklappt.
Heidi Lexe
Ein Porträt von Stefanie Harjes finden Sie auf der Homepage des Verlages
