Höhepunkte auf der Leseinsel Fantasy

Aus dem Engl. v. Claudia Feldmann. Loewe 2014. Hörbuch bei Silberfisch 2014. Gelesen von Rainer Strecker.
cbt 2014.
Dicht gedrängt zwischen Fans von Markus Heitz, Kai Meyer und diversen Vampirreihen-Autor*innen haben auch wir uns am Messesamstag auf der Leseinsel Fantasy breit gemacht und dort zwei wahren Schätzen gelauscht: Rainer Strecker und Nina Blazon lasen sich abermals in unser Herz. Mit folgenden Büchern aus diesem Frühling:
Eoin Colfer: WARP. Der Quantenzauberer. Gelesen von Rainer Strecker.
Als eine „klassische Kinoheldin“ wird die jugendliche Chevie – Agent Savano – im Text bezeichnet: „Beste ihrer Spezialeinheit. Hervorragende Testergebnisse trotz ihres jungen Alters. Probleme mit Autoritätspersonen, und so weiter, und so fort.“ Damit schreibt sich Eoin Colfer in eine lange Tradition des Actionkinos ein und bedient sich dementsprechend unverhohlen und äußerst charmant an den Versatzstücken des Genres: Er inszeniert mit diesem ersten Band einer Reihe eine spannende Verfolgungsjagd in alter Manier, verortet oder besser verzeitlicht diese aber äußerst originell: Als in Ungnade gefallene Agentin muss Chevie am Londoner Bedford Square eine mysteriöse Kapsel bewachen, die „mit ihrem Retrodesign und der verblichenen Metalliclackierung an ein verstaubtes Ausstellungstück in einem Science-Fiction-Museum“ erinnert. Als diese Kapsel wider jede Erwartung in Betrieb geht, hat es Chevie plötzlich mit dem jungen Riley aus dem viktorianischen London zu tun und erfährt von WARP (Witness Anonymous Relocation Programme), dem anonymen Zeugenschutzprogramm des FBI, das Zeug*innen in die Vergangenheit schickt.
Ein paar widrige Zufälle später und die beiden Jugendlichen werden nicht nur vom FBI verfolgt, sondern auch von einem Mann namens Garrick, der bei seiner Reise in die Gegenwart mit dem Hintergrundwissen von Felix Smart, Sohn des Quantenphysikers Charles Smart, Pate der Zeitreisen, verschmolzen wurde: „Wenn sich im Quantensprung eine spontane Energieverschiebung ereignete, könnte dies eine spektakuläre Wirkung auf die Zeitreisenden haben und – zumindest theoretisch – ein Wesen erschaffen, das über all die Kräfte und Fähigkeiten verfügte, die die Evolution dem Menschen bisher noch nicht verliehen hatte. […] Die Welt könnte Superhelden erleben. Oder Superschurken.“ Eoin Colfer hält sich bei dessen Charakterisierung nicht mit psychologischen Nuancierungen auf und unterstreicht das Attribut „böse“ durch die Tatsache, dass Garrick sogar Jack the Ripper auf dem Gewissen hat und nun den verbliebenen Timekey zur Zeitreise von Chevie und Riley stehlen will …
Mit enormer Lässigkeit, abgebrühtem Sprachjargon und geschmeidigen Actioninszenierungen erzählt Eoin Colfer (und liest Rainer Strecker!) von der atemlosen Jagd durch die Zeiten und nutzt dabei diverse Verweise auf die Populärkultur der Gegenwart, aber auch der Vergangenheit. Die entsprechende Verquickung dieser beiden wird besonders dann zum Unterhaltungsgarant, als Chevie und Riley in der Vergangenheit plötzlich auf so kuriose Dinge wie die Sinfonie „Another Brick in Yonder Wall“, mit dem verrückten Lautenspieler Pinkus Floyd oder dem Bühnenstück „The Batman of Gotham City“ stoßen. Wer da noch so seine Fäden in beiden Zeiten zieht und warum die jeweiligen Begegnungen aller Protagonist*innen alles andere als zufällig sind, werden die Folgebände hoffentlich verraten.
Christina Ulm
Gut besucht auf der Leseinsel: Nina Blazon.
Nina Blazon: Der dunkle Kuss der Sterne.
In einem Werkstattgespräch hat Nina Blazon einmal verraten, sie schreibe im Genre der Fantasy ebenso gern wie im Genre des historischen Romans, dies aber meist abwechselnd, um die ganz unterschiedlichen Arbeitsanforderungen variieren zu können: Steht hier ihre überbordende Kreativität im Vordergrund, ist es dort die umfassende Hintergrundrecherche. Fast scheint es, als hätte sie in ihrem neuen Roman beides zum Besten verbunden. In „Der dunkle Kuss der Sterne“ etabliert Nina Blazon ein orientalisch anmutendes Setting, das Assoziationen zu Wüstenstädten wie Marrakesch oder Abu Dhabi zulässt und den alten Orient mit modernen Lebenswelten verbindet. Protagonistin Canda lebt als Privilegierte in den Türmen einer solchen Stadt und hat den festen Boden noch nicht berührt – gleichsam eine Metapher für ihre Entfremdung zu den Belangen der Menschen niederer Kasten. Als in der Nacht vor ihrer lang arrangierten Hochzeit ihr Verlobter Tian und mit ihm Candas „Glanz“, eine ihrer Gaben, plötzlich verschwindet, sieht sie sich bald auf einer Suche quer durch die Wüsten vor den Toren der Stadt. An ihrer Seite der scheinbare Sklave Amad, der mit seiner rauen und geheimnisvollen Art ganz in der Tradition all jener „Wüstlinge“ aus der Populärkultur steht, die nach und nach erweichen und zum Objekt der Sehnsucht werden … Im bedacht gewählten Kontrast der beiden Figuren werden abermals – ein Leitmotiv in Nina Blazons Werk – die kulturellen Unterschiede jener Welt deutlich: Die gebildete, begabte Canda kommt aus der Welt der Zahlen, der Orientierung, des Gelernten – Amad hingegen setzt auf seine eigene Erfahrung, seine Bodenständigkeit, seinen Pragmatismus. In ihnen spiegeln sich das Glaubens- und Mythensystem der Wüstenbewohner*innen umso deutlicher; Träume, Dämonen, Vorfahren, Wüstenwind, Oasen, und Fischerstädte werden zu Wegmarken ihrer spannenden Reise … Zahlreiche Plottwists, faszinierende Figuren und nicht zuletzt die atmosphärische Dichte und der Tiefgang, mit der diese fremden, fiktiven Kulturen literarisiert werden zeichnen den Roman aus.
Christina Ulm
