Gesprayte Kunst
Zu Gast: Irmgard Kramer und PEKS
An diesem letzten STUBE-Freitag des zu Ende gehenden Jahres 2018 hatte die STUBE für ihre treue und mitunter von weit her angereiste Fangemeinde ein besonderes Weihnachtsgeschenk zu bieten:
Sie entführte in die Welt der gesprayten Kunst, in die Subkultur des Graffiti und geleitete Gäste und Publikum auf einen erlebnisreichen Streifzug durch ein spannendes Buch und durch Wien, wo „17 Erkenntnisse über Leander Blum“ angesiedelt ist.
Gewohnt sachlich und sachkundig näherte sich das STUBE-Team der Materie an: Peter Rinnerthaler entwarf zunächst ein Graffiti-ABC, in dem er fachspezifischen Begriffen Ordnung schaffend nachspürte. Beginnend beim Adbusting, das vorhandenen Schriftzügen durch das Beifügen von Buchstaben neue, oft satirische Bedeutung verleiht, über die Aerosol-Dosen (Cans) mit ihren verschiedenen Sprühaufsätzen und –düsen (Caps) bis hin zum Etching, bei dem auf Fensterscheiben oder anderen Oberflächen geätzt wird, arbeitete er sich weiter zum First Outline (dem ersten Entwurf der Konturen noch ohne Farbfüllung) und dem Masterpiece (dem aufwändig vollendeten Piece), um schließlich beim Taggen (logoartigen Namenszüge, mit denen fast hündisch Reviermarkierungen vorgenommen werden) und Zinken (das in der Gauner-zeichen-sprache Auskunft über die Chancen bei vielversprechenden Objekten gibt) anzukommen.
Claudia Sackl widmete sich dem Thema aus kunsthistorischer Sicht. Der Begriff Graffiti gehe auf die Scraffito-Technik zurück, bei der mehrere Stuck- und Farbschichten aufgetragen und durch Abschaben wieder freigelegt wurden. Das Bemalen nicht nur von Wänden, sondern von urbanem Lebensraum generell, sei aber als eine der ältesten Kommunikationsformen zu verstehen, ob es sich nun um Höhlenmalerei oder Inschriften früher Hochkulturen handelte, um das erste überlieferte Graffiti TAKI183 aus New York 1971 oder um den aktuellen Diskurs einer zwar weit dokumentierten, aber wegen ständiger Übermalungen sehr kurzlebigen Kunst am Rande der Legalität. So haben wir auch erfahren, dass ein besprühter Zug einerseits unter Sprayern als Meisterleistung gelten kann, andererseits aber massive und sehr kostspielige Sachbeschädigung darstellt, weil er durch das Verdecken sicherheitsrelevanter Aufschriften nicht fahren darf, komplett neu lackiert werden muss und auch neue Fenster braucht.
Heidi Lexe spürte schließlich zielsicher Graffiti in der Kinder- und Jugendliteratur auf, die insgesamt nicht sehr oft, dann aber unter drei verschiedenen Aspekten anzutreffen ist: In Aaron Frischs und Roberto Innocentis moderner Rotkäppchen Version „Das Mädchen in rot“ hat Graffiti eine rein motivische Funktion durch die Kennzeichnung der Stadt in ihren verschiedenen Umgebungen zwischen heruntergekommener Wohngegend und belebtem Einkaufszentrum. In der jüngsten Verfilmung von „Emil und die Detektive“ bedeutet Graffiti nur einen Coolness-Faktor der Figuren, die als „beste Sprayerinnen der Stadt“ tituliert werden, was ähnlich absurd anmutet wie die Szene, in der die Bande im Dauerlauf präsentiert wird und jeder sein Skaterboard (ebenfalls Coolness Faktor!) im Arm trägt anstatt damit zu fahren. In Anthony McCartens „Superhero“ ist Graffiti schließlich ein Mittel zur Selbstentäußerung des Protagonisten, der als Ausdruck seiner Wut und seines inneren Kampfes gegen eine tödliche Krankheit sprayt.
Nach der Pause las Irmgard Kramer zwei Passagen aus „17 Erkenntnisse über Leander Blum“ aus den beiden im Buch sich abwechselnden Perspektiven der Hauptfiguren Leander und Lila, die auch zwei Tonalitäten im Erzählen ergeben. Den einzelnen Kapiteln sind Gemälde vorangestellt, die sich am Ende mosaikartig zu einem Ganzen fügen.
Während des folgenden von Heidi Lexe und Claudia Sackl geführten und auch diesmal wieder als Video-on-demand verfügbaren Werkstattgesprächs bemalte Irmgard Kramers Neffe Fabian, der unter dem Namen PEKS Streetart zu seinem Beruf gemacht hat, die Wand des STUBE-Seminarraums. Er war es auch, der ihr die Wiener Streetart- und Graffiti- Szene eröffnete, in die der Roman deutlich eingeschrieben ist mit allen lokalen Charakteristika, die sie, aus Vorarlberg kommend, auf geführten Stadtspaziergängen erforschte.
Es ist Irmgard Kramer sehr zu wünschen, dass ihr Roman zum Bestseller wird, natürlich inklusive Verfilmung, und dass sich auf seinen Spuren begeisterte Leser*innen durch die Stadt führen lassen. Bis dahin begnügt sie sich zur Freude der Besucher*innen mit dem Taggen ihrer Bücher inklusive freundlicher persönlicher Widmungen.

Ein Bericht von Alexandra Holmes
Das STUBE Team verabschiedet sich mit den besten Wünschen für ein frohes Fest und einen guten Rutsch in die Weihnachtspause und freut sich auf ein Wiedersehen im Neuen Jahr, wenn es in den Wilden Westen geht.
Der Besuch des STUBE-Freitags ist im Angebot der STUBE-Card enthalten, die >>>hier bestellt werden kann.



