STUBE-Freitag am 15. Juni 2018
In den (Bücher-)Bergen
Neuvorstellungen des Frühjahrs 2018 und Buchpräsentation: Unter Wölfen. Käthe Recheis. Literatur und Politik.
„Pflück dir ein Edelweiß“ (unter Naturschutz!!), war gestern. Am finalen STUBE-Freitag dieses sensationell produktiven Arbeitsjahres führte eine erprobte und hoch motivierte STUBE-Viererseilschaft zur Königsdisziplin des Alpinismus: die Hochtour erfordert Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, Wissen, Können und (zum Schutz vor Steinschlag) Tempo. - Check!
Claudia Sackl leitete den Anstieg ein: auf schmalem Lektürepfad stöberte sie sprachwissenschaftliche Spitzfindigkeiten auf, wie die Begrifflichkeiten der hybriden Gestalten in „Smon Smon“ (Sonja Danowski) oder das dadaistisch anmutende Gewirr pädagogisch fragwürdiger Anweisungen in „Kaugummi verklebt den Magen“ (Christina Röckl). Wie sehr der Blickwinkel das Bild bestimmt, machte sie anhand von „Alle sehen eine Katze“ (Brendan Wenzel) deutlich.
Peter Rinnerthaler ließ Igel und Wildkatze, die österreichischen und deutschen Tiere des Jahres, links liegen, begab sich stattdessen in die Vogelperspektive und demonstrierte facettenreiche Weitblicke beim Sachbuchthema Vogel. Die „Große Vogelschau“ (Bibi Dumon Tak) mauserte sich dabei zum Vorbild in Sachen Integration: Ausgehend von historischen Kupferstichen werden holländische Vögel präsentiert, selbst wenn diese als Zugvögel eigentlich nur auf der Durchreise sind und auch von anderen Regionen für sich beansprucht werden (wie z.B. der Storch, der ja bekanntlich ein Burgenländer ist).
Die jugendliterarischen Gipfelstürmerinnen dieser Saison von Tamara Bach, Anna Woltz, Lauren Wolk und Sarah Crossan analysierte Peter Rinnerthaler auf so verschiedenen Vergleichsebenen wie Plotstruktur, Topographie und Erzähl- bzw. Sprachform.
Kathrin Wexberg erschloss zunächst mit „Quendel“ (Caroline Ronnefeld) und den „Wortwächtern“ (Akram El-Bahay) neues Terrain im Bereich der Fantastik. Beide Werke verweisen auf die Weltliteratur: einerseits durch (leider nicht ausgewiesene) Zitate, andererseits durch sogenannte „steinerne Bibliothekare“, in denen unschwer Dichter*innen vergangener Epochen erkennbar sind.
Um eine feministische Abwehr patriarchaler Verfügungsansprüche auf den weiblichen Bauch, der nur rund sein darf, wenn ein Baby drin ist, ging es in Kathrin Wexbergs zweitem Teil. „Babybauch und Windelwunder“ (Sarah Michaela Orlovsky) lässt da noch das liebliche Familienidyll durchblicken, doch bei „Dumplin’. Go big or go home“ (Julie Murphy) und den „Königinnen der Würstchen“ (Clémentine Beauvais) schreiben sich die Protagonistinnen „Fat Acceptance“ auf die Fahnen und entwickeln eine humorvolle Anti-Mobbing-Strategie.
Heidi Lexe führte schließlich mit filmischen Adaptionen sicher ins Tal zurück, allen voran „Indianerland“ (D, 2017), das schon bei der STUBE-Tagung mit seiner gelungenen Übertragung des Romans durch filmästhetische Mittel faszinierte. Dass Jugendbuchverfilmungen ganz im Trend liegen, belegte sie unter anderem durch „Wunder“ (USA, 2017), „Du neben mir“ (USA, 2017) und „Coco“ (USA, 2017). Zu guter Letzt wurde auch noch das dunkle Buchtal der Graphic Novel „Endzeit“ (Olivia Vieweg) mitsamt Ökokrise und Zombie-Apokalypse wohlbehalten durchschritten.
Die Seile konnten nun eingerollt, die Steigeisen abgelegt werden, und da sich der Yeti nicht hatte blicken lassen, war noch ausreichend Mut vorhanden, sich nach der Kaffeepause unter Wölfe zu begeben ...
Literaturliste:
Wolfgang Hermann: Die Tiere und die Wörter. Ill. v. Katharina Sieg. Nilpferd 2018.
Sonja Danowski: Smon Smon. NordSüd 2018.
Christina Röckl: Kaugummi verklebt den Magen* Ein nicht ganz so wahres Buch von Christina Röckl. Kunstanstifter 2018.
Brendan Wenzel: Alle sehen eine Katze. NordSüd 2018.
Virginie Aladjidi: Steinbock, Adler, Edelweiß. Die Welt der Berge. Ill. v. Emanuelle Tchoukriel. Gerstenberg 2018.
Frédéric Clément: Verführungskünstler. Wie Tiere zueinanderfinden. Aus dem Franz. v. Sarah Pasquay. Knesebeck 2018.
Florence Guiraud: Wie siehst du denn aus? Kurioses aus der Tierwelt. Knesebeck 2018.
Britta Teckentrup: Die Feder. Aus dem Engl. v. Kathrin Köller. Prestel 2018.
Bibi Dumon Tak: Grosse Vogelschau. Von Luftakrobaten, Überfliegern und Krachmachern. Aus dem Niederländ. v. Meike Blatnik. Gerstenberg 2018
J.K. Rowling: Newt Scamander: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Ill. v. Olivia Lomenech Gill. Aus dem Engl. v. Klaus Fritz. Carlsen 2017.
Akram El-Bahay: Wortwächter. Ueberreuter 2018.
Caroline Ronnefeldt: Quendel. Ueberreuter 2018.
7 Minuten nach Mitternacht (OT A monster calls). Ein Film von Juan Antonio Bayona. Drehbuch Patrick Ness. 104 Minuten. USA/Spanien/Großbritannien 2016.
Es war einmal Indianerland. Ein Film von İlker Çatak. Drehbuch Nils Mohl/Max Reinhold. 97 Minuten. Deutschland 2017.
Wunder. (OT Wonder). Ein Film von Stephen Chbosky. 114 Minuten. USA 2017.
Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie. Ein Film von Ry Ruso-Young. Drehbuch Maria Maggenti. 99 Minuten. USA 2017.
Du neben mir. (OT Everything, Everything). Ein Film von Stella Meghie. Drehbuch J. Mills Goodloe.
96 Minuten. USA 2017.
Paddington 2. (OT Paddington 2). Ein Film von Paul King. 103 Minuten. GB/Frankreich 2017.
Coco. (OT Coco). Ein Film von Lee Unkrich. Drehbuch Adrian Molina. 105 Minuten. USA 2017.
Olivia Vieweg: Endzeit. Carlsen 2018
Irmgard Kramer: 17 Erkenntnisse über Leander Blum. Loewe 2018.
Karen M. McManus: One of us is lying. Aus dem Amerik. v. Anja Galić. cbj 2018.
Sarah Michaela Orlovský/Birgit Antoni: Babybauch und Windelwunder. Tyrolia 2018.
Julie Murphy: Dumplin´. Go big or go home. Aus dem Amerikan. v. Kattrin Stier. FJB 2018.
Clémentine Beauvais: Die Königinnen der Würstchen. Aus dem Franz. von Annette v. Weppen. Carlsen 2017.
Pénélope Bagieu: Unerschrocken 2. Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen. Aus dem Franz. v. Claudia
Sandberg und Heike Drescher. Reprodukt 2018.
Ingeborg Gleichauf: Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir. Dtv/Reihe Hanser 2018 [EA 2007]
Sarah Crossan und Brian Conaghan: Nicu & Jess. Aus dem Engl. v. Cordula Setsman. Mixtvision 2018.
Lauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer. Aus dem Amerik. v. Birgitt Kollmann. dtv 2018.
Tamara Bach: Mausmeer. Carlsen 2018.
Anna Woltz: Für immer Alaska. Aus dem Niederl. v. Andrea Kluitmann. Carlsen 2018.
Nic Stone: Dear Martin. Roman. Aus dem Engl. v. Karsten Singelmann. Rowohl 2018.
Alex Wheatle: Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton. Roman. Aus dem Engl. v. Conny Lösch. Kunstmann 2018.
Nicola Edwards: Total verrückte Wörter. Eine Sammlung unübersetzbarer Wörter aus der ganzen Welt. Ill. v. Luisa Uribe. Aus dem Engl. v. Beatrix Rohrbacher. 360 Grad 2018. Piotr
Piotr Karski: Berge! Aus dem Poln. v. Thomas Weiler. Moritz 2017.
Buchpräsentation:
Unter Wölfen. Käthe Recheis. Literatur und Politik.
Annette Fischer, Jelena Davidovic und Barbara Recheis. (v.l.n.r)
„Unter Wölfen“ war der Titel einer Ausstellung im Linzer StifterHaus, die dem Wechselspiel von Literatur und Politik im Leben und Werk von Käthe Recheis nachging. Der Tagungsband zum höchst ertragreichen >>>Symposium wurde nun im Rahmen dieses STUBE-Freitags präsentiert.
Laudatorin Tina Reiter sowie Kerstin Gittinger und Sonja Loidl (Hgg.)
Tina Reiter (Tyrolia Verlag) hielt die Laudatio auf das Buch und hob hervor, dass Käthe Recheis eine der ersten war, die in ihren Texten Mitschuld und Verantwortung thematisierte, wobei sie nie Handlungsanleitungen gab, sondern ihre Leser*innen ermächtigte, zu einer eigenen Haltung zu gelangen.
Barbara Recheis, Sängerin und Nichte der Autorin, gestaltete gemeinsam mit den Musikerinnen Annette Fischer und Jelena Davidovic sowie den Herausgeberinnen des Bandes Kerstin Gittinger und Sonja Loidl eine musikalische Performancemit Liedern und Textausschnitten aus „Lena“, „Das Schattennetz“, „Der weiße Wolf“ und „London 13. Juli“.
Auch wenn an dem Abend die Zahl vier immer wieder prominent in Erscheinung trat, spielte am Eröffnungstag der Fußball-WM die Viererkette beim anschließenden Käthe Recheis Gedenk-Achterl nicht die geringste Rolle.
Ein Bericht von Alexandra Holmes.
Der Besuch des STUBE-Freitags, darunter fallen selbstverständlich auch Buchpräsentationen, sind im Angebot der STUBE-Card enthalten, die >>>hier bestellt werden kann.











