STUBE-Freitag am 20. März 2026: Tsukahara
Zu Gast: Susan Kreller

Mit ebenso kraftvollem wie anmutigem Anlauf springt die STUBE ins Sommersemester, das unter dem Motto „literarische Turnübungen“ steht. Weder in die Komplexität eines Tsukahara noch in die Frage, wer auf diesen Titel gekommen ist, wollen wir uns vertiefen, sondern uns lieber dem vielfältigen Schaffen von Autorin, Journalistin und Literaturwissenschaftlerin Susan Kreller zuwenden.
Sechs Jahre ist es her, dass sie in der STUBE zu Gast war, auch damals fand der STUBE-Freitag in Kooperation mit den Literarischen Kursen statt, und auch diesmal hat sie wieder einen Jugendroman und einen für erwachsene Leser*innen im Gepäck.
Im Werkstattgespräch, das Heidi Lexe mit Susan Kreller führt, geht es um „Das Herz von Kamp-Cornell“ und um „Salzruh“. Beide Werke verbindet ein Hang zur Schauerliteratur, düstere Stimmung, beängstigende Geheimnisse und ein hermetisches Setting, in dem die Figuren eingesperrt zu sein scheinen. Es wäre aber nicht Susan Kreller, wären nicht auch diese Texte von wortmächtiger Sprache, Innigkeit und Humor gekennzeichnet, was die vielen Lacher bei den Lesestellen bestätigen.
„Das Herz von Kamp-Cornell“ beginnt mit einem Brief, dessen verkehrt aufgeklebte Briefmarke wie ein Totenkopf aussieht, obwohl sie nur eine Kornelkirsche abbildet. Dieser Brief veranlasst vier Schwestern und ihre fünf halbwüchsigen Kinder zur Übersiedlung nach Kamp-Cornell in ihr Elternhaus, wo sie ein altes Trauma erstarren lässt, während die Kinder einem großen Verbrechen auf die Spur kommen, an dem der Großvater und das halbe Dorf beteiligt sind.
Heidi Lexe lenkt zunächst die Aufmerksamkeit auf die selten gewordene auktoriale Erzählperspektive, die bestimmend für die Tonalität des Textes ist. Susan Kreller erzählt von der selbst gestellten Aufgabe, eine Stimme vorkommen zu lassen, die in der Geschichte nichts zu sagen hat, die außerhalb der Handlung steht und gerade deshalb einen Blick von oben hat, der wie im Film jedes Detail ausleuchten kann. Diese Möglichkeiten hat man nur im auktorialen Erzählen. Die Herausforderung besteht darin, diesen Kamerablick in Sprache zu übersetzen und auszubalancieren, wann welche Information preisgegeben werden darf.
Fein ausbalanciert sind auch die Figuren, die fast alle bereits im ersten Kapitel vorgestellt und fein charakterisiert werden, vom stillen Edin, der alles zweimal sagen muss, weil er so leise spricht, über die „beiden Drillinge“ Gabriella und Penelope, zwischen denen immer die von der verstorbenen Schwester hinterlassene Lücke sichtbar bleibt, und Johnny, der weiße Gegenstände siebenmal berühren muss, um das große Unglück zu verhindern, bis hin zu Lu, die ihre Einsamkeit zu übertönen versucht. Susan Kreller erzählt von imaginären Castings mit zum Teil schon verstorbenen Schauspieler*innen, die ihr die Figurenarbeit erleichtern, und von ihrem Notizbuch, in dem sie z. B. interessante Namen sammelt. Einem Schreibprozess geht meistens das Durchblättern des Notizbuchs voraus.
Literarische Bezüge spielen ebenfalls eine große Rolle. Während in „Das Herz von Kamp-Cornell“ z. B. der Name des Hundes eine Verneigung vor „Anna Karenina“ und das weiße Pferd eine versteckte Anspielung auf Kaspar Hauser darstellen, sind in „Salzruh“ Einschreibungen von Klassikern wie „Frankenstein“ oder „Dracula“ auffindbar. Auch in „Salzruh“ geht es um eine Topografie, in der Menschen vermeintlich eingesperrt sind, äußerlich und innerlich. Die Gäste einer heruntergekommenen Pension sind zum Drinnenbleiben vergattert und müssen sich mit der Frage nach Bleiben oder Gehen, Aufbegehren oder sich Fügen auseinandersetzen. Der Satz, dass man zwar frei wäre, zu gehen, aber nicht wieder kommen dürfe, stellt einen DDR-Bezug her, der seit „Elektrische Fische“ in Susan Krellers Schaffen nach und nach Einzug hält. Das Erörtern von Machtverhältnissen und was sie in Menschen anrichten, ist wohl recherchiert in die Fiktion eingearbeitet. Susan Krellers große Kunst besteht darin, dass das bei ihr immer auch zum Lachen ist.
Ein begeistertes Publikum hat sowohl das Buffet als auch den Büchertisch – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge – gestürmt. Das Video on demand ist ab dem 24. März 2026 >>> hier
für >>> STUBE-Card-Abonnent*innen abrufbar.
Ein Bericht von Alexandra Holmes

