STUBE-Freitag 10. Oktober 2025
Zu Gast: Lilly Axster

An diesem STUBE-Freitag im Oktober ist alles ein bisschen größer: Nicht nur als Ort der längst vertraute Stefanisaal, der mehr Sitzplätze bietet als der Seminarraum im zweiten Stock, sondern auch die Zusammensetzung des Publikums, findet der Abend doch gemeinsam mit den >>> Literarischen Kursen und deren Kick-off-Veranstaltung zum neuen Fernkurs >>> frauenLESEN und dem >>> Katholischen Bildungswerk statt.


Zu Gast ist Lilly Axster, in deren Schaffen Theater, Literatur und Präventionsarbeit authentisch und künstlerisch herausragend verflochten sind. Für ihre Romane und Bilderbücher wurde sie in den letzten zwanzig Jahren ganze sieben Mal mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, zuletzt 2024 für „Ich sag hallo und dann nichts“. Als Autorin und Regisseurin prägte sie das Theater der Jugend Wien unter Reinhard Urbach mit und gründete gemeinsam mit Corinne Eckenstein das Theater Foxfire und den Dschungel Wien.
She walks into a room
and you know
she’s uncommonly rare
Vielleicht ist es die Nähe zum Theater oder die vor der Tür stehende Frankfurter Buchmesse, die Erinnerungen an den Song „One (Singular Sensation)“ aus dem Musicalhit „A Chorus Line“ hervorruft, an Castings, denen nicht nur Schauspieler*innen ausgesetzt sind, sondern auch Autor*innen, die für ihre Texte eine Verlagsheimat suchen.
verry unique
peripatetic, poetic and chic

Im wahrlich peripatetischen Werkstattgespräch mit Heidi Lexe kommt auch dies zur Sprache, nämlich die wirtschaftliche Seite der Buchbranche, die das Verlegen anspruchsvoller Bücher und thematischer Nischen zum finanziellen Risiko werden lässt. Einige ihrer Bücher sind demzufolge vergriffen und nur bei Lilly Axster persönlich zu bekommen. In erster Linie geht es aber um Lilly Axsters Texte, die von gesellschaftspolitischen Themen, von Ausgrenzung und (Selbst-)Findung handeln. Queeres Erzählen folgt bei ihr keinem Trend, sondern ist in der eigenen Biographie und ihrer Arbeit im Verein >>> Selbstlaut verankert.
Anhand von „Ich sage hallo und dann nichts“ fragt Heidi Lexe nach der Äußerlichkeit von Figuren, die hier durch eingeschriebene Hinweise, vor allem aber durch das Cover deutlich wird, und wie weit Jugend heute nur mehr fragmentarisch erzählbar ist. Es geht um zwei Figuren, deren Anziehung aus ihrer Gegensätzlichkeit entsteht. Während Jay mit ihrer Selbstdefinition nicht klar kommt, sich immer irgendwie dazwischen fühlt und deshalb beschließt, nichts mehr sein zu wollen, ist Leo viele, eine Figur mit vielen Stimmen oder einer „dissoziativen Identitätsstruktur“. Lilly Axster erzählt von ihrer Arbeitsweise des automatischen Schreibens, dass sie Figuren eher hört als sieht und es bevorzugt, wenn Charaktere sich ihre Namen selbst geben.
Am Beispiel von „ein bisschen wie du / A Little Like you“ erzählt Lilly Axster über ihre langjährige Zusammenarbeit mit der Schweizer Illustratorin Christine Aebi. Ursprünglich als Anziehbuch geplant, wurde daraus eine Hommage an Mom Chioma, ein Erinnerungsbuch an eine verstorbene Freundin, in dem Stoffe und Kleidungsstücke einen Erinnerungsprozess anstoßen und begleiten. Der englische Text ist keine direkte Übersetzung, er erzählt dieselbe Geschichte, aber an unterschiedlichen Stellen im Buch, womit sich die Diversität von Figuren auch sprachlich und erzählerisch abbildet und verdeutlicht, dass Bilderbücher nicht immer altersspezifisch adressiert sein müssen. Einen sprachlichen Schritt weiter geht sie in „Atalanta Läuferin“, wo sie für unbegleitete Minderjährige in einem Migrant*innen-Aufnahmezentrum eine kraftvolle Kunstsprache entwirft, die nicht „Falsch-Deutsch“ nachahmt, sondern auf sprachlicher Ebene Selbstermächtigung demonstriert.
Mit „DAS machen“, einem „Projekt zur Sexualerziehung der Klasse 4c“, wie es im Untertitel heißt, schließt sich der Kreis zu Lilly Axsters Arbeit bei Selbstlaut, wo sie vor allem mit der Verdachtsbegleitung von Erwachsenen zutun hat. Die Anzeichen für sexualisierte Gewalt an Kindern sind bei Leo in „Ich sage hallo und dann nichts“ auserzählt, die Schwierigkeit, darüber zu sprechen, in „Die Stadt war nie wach“. „DAS machen“ ist ein Aufklärungsbuch, das Fragen und Gefühle aufwirft, anstatt alles zu erklären. Auf sprachlicher Ebene geschieht dies mit viel Empathie und Humor, in der Illustration, der mit dieser Thematik enge Grenzen gesetzt sind, mit künstlerisch beredter Darstellung.
Peripatetisch geht nicht nur Lilly Axster immer wieder aus dem Bild des >>> Video on demand, sondern auch die ganze STUBE-Freitags-Gesellschaft hinauf in den Clubraum, um den Abend gewohnt gesellig ausklingen zu lassen.
Ein Bericht von Alexandra Holmes

