Thema: Theologisieren und Philosophieren mit Kindern
Alles hat seine Zeit ...

Heinz Janisch/Michael Roher: Das Buch der Anfänge
„Kinder sind Meister*innen der Anfänge.“ So hat es der vielfach preisgekrönte Autor Heinz Janisch einmal in einem Werkstattgespräch formuliert. Denn als Kind gilt es, ständig Neues zu entdecken, ob konkrete Dinge wie Radfahren oder Lesen oder auch das Erproben von Denk- und Glaubensräumen. 33 ganz unterschiedliche Anfänge sind in diesem besonderen Bilderbuch versammelt, die zum Weiterdenken und Weitererzählen, zum Philosophieren und Theologisieren einladen. Heinz Janisch hat diese Anfänge ersonnen, die auf Doppelseiten von Schul- oder Notizheften, in geschwungenen oder krakeligen Buchstaben in Tinte oder Kreide gesetzt sind. Mit dem Umblättern tritt man ein – in die Welt der Fantasie. Wird diese Bild-Welt den eigenen Gedanken, Ideen und Vorstellungen entsprechen? Oder wird sie in ganz andere, neue, überraschende, irritierende, beglückende, verwegene Richtungen lenken? In rhythmischer Abfolge mit den Anfangssätzen erschafft Michael Roher illustratorisch kunstvolle Denk-Möglichkeiten. Er arbeitet mit Papier und Plexiglasplatten, mit Druck- und Collagetechniken und reagiert damit auf das Miteinander durchlässiger Wahrnehmungsebenen und konkreter Emotionen.
Tyrolia 2025.
72 S.
Julie Morstad: Zeit ist eine Blume
Es gibt eine Zeit … heißt es schon im Buch Kohelet. Poetisch und variantenreich wird hier mithilfe von pinken Farbakzenten dem vielfältigen Wesen der Zeit nachgegangen. Die Wanduhr, der Uhrzeiger, der Kuckuck werden zunächst als innere Bilder aufgerufen, die der Inbegriff von Zeit sind. Bald darauf wird mit diesen gängigen Bildern aber gebrochen: Zeit ist ein Samen. Die kanadische Künstlerin schafft es mit wenig, teils gereimtem Text, unterschiedliche (Handlungs-)Räume zu eröffnen, in denen Zeit von Bedeutung ist. Sei es das Spinnennetz, das gesponnen werden muss, oder der Schmetterling, der vor der Zeit eine Raupe war. Aber auch weniger konkret sichtbar werdende Transformationen finden Einzug. Durch die zahlreichen eingeschriebenen Metaphern eröffnet sich eine philosophische wie theologische Dimension, die dazu einlädt, innezuhalten und einen Moment nachzuspüren. Bei all dieser Fülle verliert das Bilderbuch aber niemals seine Leichtigkeit, wechselt zwischen übertragenem Sinn und konkreter Benennung und ermöglicht in seiner Gesamtheit eine mehrfache Lesart, die zu einer Gedankenreise gleichermaßen einlädt wie zum Sinnieren, was denn Zeit für einen ganz persönlich bedeuten kann.
Aus dem Engl. v. Kathrin Bögelsack.
Bohem 2023.
56 S.
Britta Teckentrup: Die Schaukel
Die Schaukel war schon immer da. Ein ganz alltäglicher Ort wird zum Symbol für Werden und Vergehen, für das Dauerhafte und zugleich aber auch für die stete Bewegung, die das Leben mit sich bringt. Anhand dieser einen Schaukel, die über dem Meer thront, versinnbildlicht Britta Teckentrup in dem für sie markanten Stil unterschiedliche Stadien des Lebens. Auf cremefarbenen Seiten inszeniert sie einen Gegenstand, der durch äußere Einflüsse in Bewegung gebracht wird: Seien es Kinder, die darauf herumturnen oder der Wind, der durch die Ketten fährt und sie damit in Bewegung setzt. Die Schaukel wird Zeugin der Generationen, die sich an diesem Ort finden und wieder verlieren. Auch wenn die Szenerie dieselbe bleibt, wird das gut 160 Seiten starke Buch niemals langweilig: Vielmehr eröffnen sich auf jeder Seite Situationen, die die Lebensrealitäten von Menschen in verschiedenen Lebensstadien zeigen. Dabei lotet die Künstlerin die Möglichkeiten von Perspektiven aus: wo ein Kind kopfüber von der Schaukel hängt, steht die Welt nach dem Umblättern Kopf. Wo ein anderes bis hoch in den Himmel schwingt, realisiert sich das in der Bewegung der Figur selbst, wie in der Setzung der Schrift, die schier über die Seiten hinausfliegen möchte.
Prestel 2023
160 S.
Gedanken machen

Annelies Beck/Hanneke Siemensma: Gedanken denken
“Die Gedanken sind frei”, so heißt es im bekannten Lied. Aber was ist darüber hinaus ihr Wesen? Das Flüchtige? Das Individuelle? Und wo wird der Gedanke zur Tat? Diesen Fragen geht die flämische Schriftstellerin Annelies Beck in einem philosophischen Bilderbuch nach. Den erzählerischen Rahmen bildet dabei eine kindliche Figur namens Nora, die in blauer Schrift gesetzt die zentrale Frage stellt: „Was sind Gedanken?“. Ein Gegenüber versucht in schwarzer Schrift gesetzt Antwortmöglichkeiten zu formulieren, auf die Nora mit weiteren Fragen reagiert. In einfach gehaltener Sprache wird in diesem Hin und Her eine Fülle an Aspekten angeschnitten, vom Thema des Vergessens bis hin zur Fixierung von Gedanken in Texten. Hanneke Siemensma hat dazu Illustrationen in einer Mischtechnik gestaltet, die der kindlichen Hauptfigur quasi auf ihrem Weg durch die Welt der Gedanken folgen und nicht zuletzt durch ihre ruhige Atmosphäre und ihren gekonnten Umgang mit dem Weißraum bestechen. Leitmotivisch arbeitet sie dabei, passend zum Thema Gedankenfreiheit, mit unterschiedlichen Vögeln, die in verschiedene Himmelsrichtungen davon flattern. Nach einigen Gedankenschleifen wird zuletzt der Ball an die Lesenden weitergereicht: „Was denkst du?“.
Aus dem Niederländ. v. Rolf Erdorf.
Bohem 2023.
40 S.
Anna Gusella: Wolkentiere und Quadrat
Mit einer blau-roten Farbpalette illustriert Anna Gusella liebevoll und verspielt den Werdegang einer kleinen Wolke: Ihre Lust daran, sich zu verwandeln, verformen und zu verbiegen, ist es, was sie zu etwas ganz Besonderem macht. Anstatt der Norm zu entsprechen und es den anderen Wolken gleichzutun, probiert sie sich lieber aus: von Gugelhupf über Tannenbäume und Fantasiewesen bis hin zu abstrakten Formen – ihrer Imagination sind keine Grenzen gesetzt. Am allerliebsten ist ihr das Quadrat. Und als weiße Wolke mit Ecken am Himmel zieht sie selbst die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich. Aber jeder Versuch ihr Geheimnis zu entschlüsseln oder sie einzufangen, schlägt fehl, dafür ist die Wolke viel zu gewieft. Und trotz ihrer Freude an fantasievollen Himmelbildern und kantigen Formen verspürt sie eine tiefe Sehnsucht nach etwas Neuem, etwas Anderem, nach einer Veränderung, geprägt durch Seegurken, versteckte Höhlen und bunter Musik. Bis sie vor lauter Neugier in ein unheimliches Donnerwetter gerät und sich unweigerlich einem neuen Leben stellen muss ... So luftig wie die Bilder der Berliner Künstlerin werden Themen wie Individualität, Unangepasstheit und Selbstfindung behandelt.
Kunstanstifter 2023.
84 S.
Sebastian Meschenmoser: Herr Eichhorn und die Ferne
Die Sehnsucht nach der Ferne – dieses Gefühl wurde in zahlreichen Werken der Weltliteratur zum Auslöser für ein Abenteuer. So ist es auch im siebten Band von Sebastian Meschenmosers Herrn Eichhorn: Schon am Vorsatzpapier wirkt er, ganz in Rodin‘scher Denkerpose, irgendwie niedergeschlagen: Während sich die anderen Waldbewohner*innen ihres Daseins erfreuen, sehnt er sich nach Ruhe. Wo? In der Ferne natürlich. Herr Eichhorn wünschte, er wäre dort. Nichts wäre in der Ferne. Nur Herr Eichhorn und die Stille. Diese radikale Vision eines minimalistischen Lebens setzt Meschenmoser im Bild entsprechend um: viel Weißraum, zwei schlichte Sätze, am grauschraffierten Boden nur Herr Eichhorn und sein Schatten. Ein paar Steine aber wären vielleicht doch gut … und vielleicht ein*e Freund*in, um diese zu betrachten? Mit jeder der folgenden Doppelseiten füllt sich die eigentlich so entleert imaginierte „Ferne” mit Gegenständen, Farben und Figuren. Bis zur finalen Erkenntnis, dass die Ferne vielleicht gar nicht so fern sein muss … So wenig überraschend die Pointe sein mag, so wohltuend ist die Grundaussage dieser mit Witz und Dynamik umgesetzten Sehnsuchtsgeschichte: Dass man vielleicht allen Zweifeln zum Trotz genau am richtigen Ort ist.
Thienemann 2023
48 S.
Sich die Welt träumen

Melanie Laibl/Stella Dreis: Wie ich die Welt mir träume
Ein kleines Mädchen schaut nachdenklich aus dem Fenster und stellt sich die Frage, was wäre, wenn die Erde ganz und gar menschenleer wäre. Eine aus christlicher Perspektive durchaus irritierende Frage: Ist nicht der Mensch die Krone der Schöpfung? Und wäre nicht eine vom Menschen und seinen Machwerken entleerte Welt die alttestamentarische Radikalität der Sintflut, die von Gott als Strafe und Vernichtung (fast) aller Menschen geschickt wird? Der Text spart diese Irritation zunächst aus und skizziert, wie wunderbar der Planet wäre, würde er sich selbst ordnen: Vögel statt Flugzeuge, Paradies wie noch nie. Utopie oder Dystopie? Während beim Lesen und Betrachten die Irritation bestehen bleibt, bringt schließlich die Erzählstimme ein, was fehlen würde: Denken nämlich. Der Anspruch aber, den diese hier kunstvoll beschriebene Schöpfung an die Menschen stellt, bleibt hoch: ein Bilderbuchmensch, bescheiden und respektvoll der Natur gegenüber. Mit diesem Menschenbild wird der Bogen wieder zurückgespannt zum Ausgangspunkt des Kindes vom Beginn. Es hat sich verändert, ist in Bewegung gekommen. Und die farbstarken Blätter, die durch das Zimmer schweben, verweisen auf jene Idee, dass Mensch sein auch anders möglich sein könnte.
Edition Nilpferd im G&G Verlag 2023
32 S.
Linda Wolfsgruber: Sieben
“Weil sie uns anvertraut ist …“ Sie, die Erde, deren Entstehung hier im Mittelpunkt steht. In 7x7 Seiten komponiert Linda Wolfsgruber eine besondere Schöpfungsgeschichte, in der ein Plädoyer für den Klimaschutz mitschwingt. Textlich an verschiedenen Übersetzungen orientiert präsentieren sich Bildgewalten, die mit jedem Umblättern in Staunen versetzen. Seite für Seite eröffnet Linda Wolfsgruber eine Leinwand, auf die ein Moment der Schöpfung gebannt wird. Jeder Seite wohnt Bewegung inne, die durch verschiedene Techniken realisiert wird: Feine Kratzer, grobe Pinselstriche, ein Miteinander von hell und dunkel, große Flächen gepaart mit Akzenten wirken neben dem schlichten Text umso beeindruckender und spiegeln das Werden. Wo Finsternis war, wurde Licht, wo das Wasser herrschte, erscheinen Landmassen. Inhalte, die bekannt sind, werden durch die grafische Aufbereitung unaufdringlich neu ausgedeutet. Beim genauen Hinschauen entdeckt man immer neue Wesen, ein regelrechtes Kaleidoskop an anatomisch genau gearbeiteten Wasser- und Tierwesen, das jede Arche Noah vor Neid erblassen ließe. So schafft die Künstlerin einmal mehr die Brücke zwischen Glaube und Naturwissenschaft und wie diese gemeinsam gedacht werden können.
Tyrolia 2023.
120 S.
Marc Majewski: Kann unsere Erde fühlen?
Fühlt sich die Erde lebendig? Fühlt sich die Erde gehört? Fühlt sich die Erde geliebt? Das sind drei jener Fragen, die Marc Majewski auf weißen Hintergrund setzt. In einem strikt durchgehaltenen Seitenkonzept (Leitfrage links, Illustration rechts) werden so insgesamt 14 Fragen und Emotionen durchgespielt; dabei schwingt stets eine unaufdringliche Anregung zum Weiterdenken mit. Der französische Autor und Illustrator schreibt im Nachwort von der Fähigkeit des Menschen, Gefühle zu spüren, zu begreifen und zu verbalisieren. Fähigkeiten, die die Erde, Grundlage allen Lebens, nicht hat. Der Text ist Appell auf die Erde zu achten gleichermaßen wie Aufforderung über das Verhalten des*der Einzelnen, aber auch der Menschheit im Gesamten zu reflektieren. Das geschieht stets ohne erhobenen Zeigefinger; die einfachen Fragen laden in Zusammenspiel mit den Illustrationen ein, zu reflektieren und zu philosophieren. Besonders dann, wenn Bilder von Naturkatastrophen und der Frage Wird die Erde gehört? auch an biblische Erzählungen wie die Sintflut erinnern. So wird klar: wir tragen alle die Verantwortung, den gemeinsamen Lebensraum Erde bestmöglich zu schützen.
Aus dem Engl. v. Ulrich Störiko-Blume.
Von Hacht Verlag 2022
40 S.
Handeln in Verantwortung und Freiheit

Ela Wildberger/Linda Wolfsgruber: Der Moment, bevor...
Zu einem religiös oder spirituell gelebten Leben gehört unter anderem auch eine Haltung der Achtsamkeit. Im Alltag mit Kindern kann das konkret bedeuten, sich einzelner Momente bewusst zu werden, diese nicht einfach geschehen zu lassen, sondern bewusst über sie nachzudenken. Ganz wie es dieses poetisch-philosophische Bilderbuch macht. Es geht um nichts weniger als den Moment „bevor“: Durchgespielt wird dieser mit Dingen, die einfach und ohne unser Zutun geschehen (bevor die Sonne aufgeht, bevor der Wind ein Blatt verweht …), aber auch mit Augenblicken, die aktiv gestaltet werden (bevor eine Entscheidung getroffen wird, bevor die Wahrheit ein wenig verrückt wird). Daran anknüpfend wird eine Frage direkt an die lesende Person gerichtet (Was bewegt dich? Was spürst du?), mit einem mit „vielleicht“ eingeleiteten Satz wird eine Möglichkeit formuliert (Vielleicht stehst du auch einfach still), um dann mit einem „oder“ und drei Punkten Raum für die jeweils eigene Antwort oder das Gespräch darüber anzustoßen. Die von Linda Wolfsgruber vorwiegend mit Tuschezeichnungen mit Aquarell, manchmal auch Monotypien gearbeiteten Bilder bieten jeweils eine Variante an, was im Moment danach passieren könnte.
Tyrolia 2021.
26 S.
Karin Gruß/Tobias Krejtschi: Was WÜRDEst du tun?
„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst” – nicht umsonst ist die so genannte „Goldene Regel” in vielen Religionen und Kulturen eine wichtige, ist doch die Frage nach einem respektvollen Zusammenleben von Menschen miteinander zentral und stets aktuell. Karin Gruß und Tobias Krejtschi widmen sich diesem Thema anhand von ganz konkreten, nicht näher auserzählten alltäglichen Szenen im Leben von Kindern und Erwachsenen: Ein Mädchen findet ein Bild von sich im neuen Bikini auf Social Media gepostet. Einer Frau wird in einer Oktoberfest-artigen Szenerie das Kopftuch heruntergezogen. Die mit viel Sorgfalt komponierten Doppelseiten liefern Grundlagen für einen Dialog über Respekt und Toleranz gegenüber anderen und sind dabei gesellschaftspolitisch höchst relevant. Gerade die beinahe provokant direkten Fragen an die Betrachtenden sind es, die die Situation auf den Punkt bringen und den Gesprächsanstoß konkretisieren. Aber erst durch die Illustrationen erschließt sich die Situation in all ihren Verwicklungen und möglichen Interpretationsmöglichkeiten. Die in braunen Farbtönen gehaltenen Bilder mit orangewarmen Farbakzenten sind es, die das Unaussprechliche, Tabuisierte in besonderer Weise verdeutlichen.
Minedition 2022.
32 S.
Pija Lindenbaum: Der erste Schritt
Wie kann ethisch richtiges Handeln konkret ausschauen? Diese Frage stellt sich in einem autoritären Gesellschaftssystem in besonderer Weise. Von einem solchen wird in diesem eindrücklichen Bilderbuch in einer Art Parabel erzählt, in der realistische und phantastische Elemente ganz selbstverständlich ineinander greifen. Richtig viele Kinder leben in vier Häusern, betreut von der alles bestimmenden Schäfin, die offenbar ein Hund ist. Gegliedert wird das Leben von ebenso strikten wie skurrilen Regeln: Steine tragen und Stiefel putzen, in die Wolken schauen und entspannen. In ihren Bildern kontrastiert die schwedische Bilderbuchkünstlerin Pija Lindenbaum unkonventionell Zeitlosigkeit und Modernität: Die blauen, fast klösterlich wirkenden Kutten der Kinder passen nicht so recht zu den knallroten Turnschuhen mit den wohlbekannten weißen Streifen. Bildgestaltung wie Handlung bieten zahlreiche Gesprächs- bzw. Diskussionsanlässe mit Menschen unterschiedlicher Altersstufen. Und auch in diesem willkürlichen wie absurden System wagt irgendwann einmal jemand die Frage, ob das Leben nicht auch ganz anders sein könnte. Und ob es wirklich so gefährlich ist, die Linie zu überqueren …
Aus dem Schwed. v. Jana Hemer.
Klett Kinderbuch 2023.
48 S.
Erinnerung und Vergänglichkeit

Alexandra Helmig/Valeria Docampo: Alva und das Leuchten der Erinnerung
Blaue Haare, orangener Hut und ein kurioses Tierchen als Begleitung – Alva, eine kindliche Figur in bester kinderliterarischer Tradition, wohnt auf einer Insel mitten im See, und hat dort eine wichtige Aufgabe. Denn bei ihr landen jeden Morgen unterschiedlichste Erinnerungen: Manche wiegen schwer und andere sind federleicht. An Alva liegt es, die mit der Zeit verblassenden Erinnerungen zu putzen und zu entstauben, manche mit besonders viel Aufwand: Die schweren Erinnerungen brauchen besonders viel Licht und Zeit. Doch dann kommen immer weniger Erinnerungen, und es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich auf den Weg in die Stadt zu machen und den Menschen ihre Erinnerungen wieder ins Bewusstsein zu rufen. Diese Mission setzt Valeria Docampo mit eindrucksvollen Bildern, die vor allem mit dem Kontrast aus Dunkel und Hell spielen, in Szene. Die Erinnerungen werden, ihrem zarten und vergänglichen Wesen entsprechend, mit blauen Strichen fast skizzenhaft gezeigt. Durchaus mit einem moralischen Impetus wird parabelhaft verdeutlicht, wie sehr die Fähigkeit zur Erinnerung ein zentraler Aspekt des Menschseins ist. Und so findet auch Alva letztlich eine ganz besondere Erinnerung...
Mixtvision 2023.
44 S.
Jordan Scott/Sydney Smith: Der Garten meiner Baba
In seinem Vorwort verweist der Autor auf die Vergangenheit seiner Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Polen nach Kanada auswanderte und dort ein bescheidenes, aber erfülltes Leben führte: Schon als ganz kleiner Junge begriff ich, dass bei ihr manche Dinge anders waren als bei anderen Leuten. Die besondere Atmosphäre im Haus der Baba, ihr achtsam-sparsamer Lebensstil, die Fülle aus dem Garten … Scott fasst prägende Momente in sensibel zurückhaltender Sprache zusammen. Der knapp gehaltene Text bleibt beschreibend und lässt doch viele Zwischentöne; er besticht gerade durch das Ungesagte, das Sydney Smith auf der visuellen Ebene in kräftiger, oft verwischter Farbgebung und Figurenkonturation in wechselnden Lichtvariationen umsetzt. Als Baba immer schwächer wird, ist es der Enkel, der ihr Haferbrei und Apfel bringt, Tomatensamen aus ihrem Garten in einen Topf setzt – und: hinaus in den Regen läuft, um Regenwürmer zu sammeln. Eine Geschichte, die in die Vergangenheit führt, aus der Perspektive eines kleinen Buben, der lebensprägende Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit seiner Großmutter in einen berührenden, aus der Zeit gefallenen Bericht zusammenfasst.
Aus dem Engl. v. Bernadette Ott.
Aladin 2023.
40 S.
Silvia Fernández/David Fernández/Mercè López: Und danach. Gedanken über das große Jenseits
Bandagen, Pflaster und Krücken auf der letzten Doppelseite verweisen auf diverse Verletzungen und die Gefahren, die ein Leben als Zirkusartist*innen-Tier nun mal mit sich bringt. Wenn man täglich sein Leben riskiert, ist die Konfrontation mit dem Tod und vor allem der Frage nach dem Danach sehr präsent. Die tierischen Künstler*innen des Zirkus Galaxie werden dabei durch ihre Namen und andere Signale unterschiedlichen Kulturen, Ländern und Glaubenstraditionen zugeordnet und vertreten entsprechende Jenseitskonzepte: In der Vorstellung von Johnny González, dem fantastischen Kanonen-Chihuahua, tummeln sich farbenfrohe Skelette auf einem festlich beleuchteten Friedhof. Ramses, der rollende Käfer, hingegen imaginiert sich das Leben danach als eine aufregende Reise in das Reich der Toten. Die Seitenarchitektur wechselt zwischen fast leeren Seiten, auf denen ein Seil, auf dem balanciert wird, als Konstante fungiert, und Doppelseiten füllende, üppige und detailreiche Darstellungen von Himmel, Geisterwelt oder Paradiesfantasien. Die Kombination aus einfachen Textpassagen, in denen auch die Lesenden angesprochen werden, und den Illustrationen überzeugt und lässt viel Raum zum Weiterdenken.
Aus dem Span. v. Alexandra González-Calatayud.
Bohem 2021.
52 S.
Gott im Gespräch

Kathrin Wexberg (Hg.)/Michael Roher: Immer mal wieder zum Himmel schauen. Gebete für Kinder
Bitten und danken, Gutes wünschen und klagen – im Gebet finden sich letztlich die Grundformen menschlicher Kommunikation. Verfasst wurden die in sechs Kapiteln zusammengestellten (Kinder-)Gebete von Autor*innen wie Lene Mayer-Skumanz, Georg Bydlinski, Dietrich Bonhoeffer, aber auch Elisabeth Steinkellner, Lena Raubaum, Heinz Janisch oder Nils Mohl. Einige der Texte sind fast achtzig Jahre alt (oder älter...); andere erst für diesen Band entstanden – und zeigen eine Variante zeitgenössischer Kinderlyrik, in der das Stille seine Wirkung entfalten darf. Klug ausgewählt und mit Bedacht angeordnet ergeben die Gebete und Gedichte eine harmonische Mischung, in der aus unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen ausgewählt werden kann – sodass unterschiedliche Möglichkeiten angeboten werden, etwas scheinbar so Anachronistisches wie das Gebet neu mit Bedeutung aufzuladen. Michael Rohers Illustrationen greifen die Stimmung der Texte in abstrakter Form als Landschaftsbild oder ganz konkret in der Figurenzeichnung auf. Allen Bildern ist eine beeindruckende emotionale Intensität eigen. So lässt sich beim Lesen und Betrachten eine Stimme finden, durch die man sich angesprochen fühlt; und mit der man sich selbst an ein göttliches Gegenüber wenden kann.
Tyrolia 2023.
128 S.
Rainer Oberthür/Marieke ten Berge: DU umgibst mich von allen Seiten. Psalmen für Kinder
Eine fremde und gleichzeitig vertraute Sprache, reizvoll und sperrig zugleich – das alte biblische Buch der Psalmen ist auf den ersten Blick nicht unbedingt eines, das für Kinder besonders geeignet ist. Gleichzeitig bietet es in seiner unmittelbaren Emotionalität hohes Identifikationspotential für Menschen jeden Alters, durchaus auch für Kinder. Diesem Potential spürt der erfahrene Religionspädagoge Rainer Oberthür nach: Er geht dabei vom Kleinen und Verdichteten aus hin zum Großen und Ganzen. Auf vier gegensätzliche Psalmenwort-Paare folgen 15 thematische Gruppen vertiefter Psalmworte. In einem weiteren Schritt werden neun der 150 Psalmen leicht gekürzt präsentiert. Wut und Klage, staunen und freuen – so groß die Bandbreite der in den Texten geäußerten Emotionen, so vielfältig sind auch die Assoziationen, die Illustratorin Marieke ten Berge in ihren zugänglichen Bildern anbietet. Sie stellt die ansprechenden Sprachbilder der Psalmen wie die Flügel, in denen man geborgen ist, teilweise konkret dar, dann wieder transponiert sie die Grundstimmung eines Textes in eine kindliche Gegenwart. Bibelnah und stimmig formuliert finden sich hier zahlreiche Anknüpfungspunkte an das eigene Leben – und Einsatzmöglichkeiten in der jeweiligen (religions-)pädagogischen Praxis.
Gabriel 2023.
64 S.
Lene Mayer-Skumanz/Birgitta Heiskel: Ein Löffel Honig
„Was heißt Gott eigentlich?” fragt David. Ist Gott ein Name oder ein Beruf? Theologische Fragen, die sich Kinder immer wieder stellen, besonders, wenn sie sich gerade auf den ersten Empfang der Kommunion vorbereiten. So geht es auch Julia, die sehr intensiv darum ringt, wer oder was Gott für sie eigentlich ist. In einem gesellschaftlich pluralen Setting wird die 1993 erstmals erschienene Geschichte durch eine Neubearbeitung ins Jahr 2019 geholt, wobei einerseits die Lebenswelt der Kinder aktualisiert und andererseits – in Anlehnung an die „Bibel in gerechter Sprache“ – der Name Gottes zu „Ich-bin-da“ oder zu der „Eine“ wird. Ein besonderer literarischer Kunstgriff des zeitlosen Kinderromans ist nämlich, dass in die erzählte Handlung der Erstkommunionvorbereitung immer wieder in kurzen, abgesetzten Passagen Gottes Stimme eingeblendet wird. So wird in besonderer Weise die kindliche Lebenswelt mit einer durchaus komplexen theologischen Dimension verknüpft. Die liebevollen Illustrationen von Birgitta Heiskel akzentuieren Höhepunkte und Konflikte in dieser aufregenden Zeit. Eine Zeit, in der die Frage nach dem Wesen Gottes natürlich nicht letztgültig geklärt werden kann, sondern vielmehr mit dem titelgebenden Löffel Honig Kraft gesammelt wird, ihr immer wieder neu nachzugehen.
Tyrolia 2019.
128 S.
