Tyrolia 2025.
72 S.

Heinz Janisch und Michael Roher: Das Buch der Anfänge

Wir stehen am Anfang des neuen Kalenderjahres. Und oft stellt sich hier die Frage, wie man dieses Jahr beginnen möchte und welche Anfänge es eigentlich so gibt. Biblisch gesehen steht am Anfang Gottes Wort mit der Schöpfung. Kalendarisch gesehen ist es der 1. Jänner und somit der erste von insgesamt 365 Tagen. Oder es kann alles mit einem ersten Satz beginnen. Was daraus alles entstehen kann, zeigen zwei Meister des Anfangens und Weitererzählens in einem wunderschön gestalteten Bilderbuch.

Kinder sind Meister*innen der Anfänge. So hat es Heinz Janisch einmal in einem Werkstattgespräch formuliert. Als Kind gilt es, ständig Neues zu erlernen: das Essen mit Messer und Gabel, das Radfahren, das Lesen. Es gilt aber auch, Neues zu entdecken, neue Orte zu erkunden, neue Handlungen zu erproben, neue (Wissens-)Welten zu erforschen und damit dem Denkhorizont zu erweitern. Und über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und dadurch auch (Glaubens-)Räume für sich zu entdecken. Die hier versammelten Anfänge können zudem auch als Impuls dienen, um über Phänomenales nachzudenken. Aber ebenso können sie Lebens- und Glaubenswelt miteinander verbinden, wenn man immer wieder Frage nachgeht, was steht am Anfang?

33 unterschiedliche Anfänge sind in diesem Buch versammelt, die zum Weiterdenken und Weitererzählen einladen. Heinz Janisch, Poet und aktueller Preisträger des Hans Christian Andersen-Preises, hat diese Anfänge ersonnen und platziert seine Leser*innen damit vor nicht-wirklichen Türen. Mutig und gespannt darf man sie öffnen: Die Anfangssätze bilden die Doppelseiten von Schul- oder Notizheften, in geschwungenen oder krakeligen Buchstaben in Tinte oder Kreide. Mit dem Umblättern tritt man ein – in die Welt der Fantasie. Wird diese Bild-Welt den eigenen Gedanken, Ideen und Vorstellungen entsprechen? Oder wird sie unsere Gedanken, Ideen und Vorstellungen in ganz andere, neue, überraschende, irritierende, beglückende, verwegene Richtungen lenken? Weil die harten Stoppeln der Fußballschuhe zu einem Schildkrötenpanzer werden und das schwebende Hochgefühl sich nicht am Rasen, sondern in einer entgrenzten Unterwasserwelt innerer Glückseligkeit abspielt?  

In rhythmischer Abfolge mit den Anfangssätzen erschafft Michael Roher illustratorisch kunstvolle Denk-Möglichkeit. Er arbeitet mit Papier und Plexiglasplatten, mit Druck- und Collagetechniken und reagiert damit auf das Miteinander durchlässiger Wahrnehmungsebenen und konkreter Emotionen. Er lässt den Lärm und die Stille im Licht der Diskokugeln tanzen und platziert geheimnisvolle Vogelnester in ausgekratzten, schwarz-silbrigen Baumgabeln, wenn es heißt: Ich erzähle dir eine Geschichte, sagte mein Bleistift.  

Eine Geschichte, die immer wieder selbst ersonnen werden kann und damit ist dieses Buch auch eine wunderbare Einladung zum Philosophieren und Theologisieren mit Menschen aller Altersgruppe. Zugleich können die Anfänge – ob in Bild oder Text – auch ein Impuls für Ziele im kommenden Jahr sein. Denn eines steht fest: Am Anfang ist das Wort, mit dem man widerum hervorragend über Anfänge sinnieren kann.

Heidi Lexe / Alexandra Hofer  

 

 

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