Religiöses Buch im November 2025

Aus d. Italien. v. Myriam Alfano.
avant 2025
208 S.
Robert Grossi: Die große Verdrängung
„Vor ein paar Tagen hatte ich einen Traum.“
Ob self-fulfilling oder von einer Gottheit gesandt: Träume haben oft prophetischen Charakter.
Der Traum bleibt poetisch-abstrakt: „ein Mann auf hoher See“, der weder die Jacht neben noch den Hai hinter ihm zu bemerken scheint. „Die Lichter der Türme in der Ferne. […] Alles, was er sich immer gewünscht hatte.“
Die zweite Rahmenhandlung erinnert daran, dass der Alptraum längst Realität geworden ist: Roberto Grossi erzählt von den Urlauben seiner Kindheit, von beeindruckenden Gletschern, die er jetzt seinen eigenen Kindern zeigen will … doch sie sind nicht mehr da.
Die Suche nach Ursachen, begünstigenden Umständen und Entwicklungen hat für den Autor einen klaren Beginn: 1783. Erfindung der Dampfmaschine und damit Beginn der Industriellen Revolution; im Sommer Vulkanausbruch auf Island, der „wie eine Warnung“ die nördliche Hemisphäre verdunkelt und in den Folgejahren zu Missernten, Seuchen und Hungersnöten führt. Sechs Jahre nach der Industriellen und vermutlich immer noch unter dem Einfluss der Naturkatastrophe begann die Französische Revolution.
Die Szenerie verändert sich zu einer Nachrichtensendung. Jovial-skeptisch fragt der Moderator seinen zugeschalteten Gast, Professor Zek: „Müssen wir wirklich von Klimawandel sprechen?“
Der Wissenschafter legt los – mit Informationen, die wir kennen müssen, Zusammenhängen, die wir verstehen können und doch als Menschheit nicht tun.
Roberto Grossis Graphic Novel lebt nicht von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern von der eindrücklichen Darstellung. Bild- und Textebene verarbeiten die Informationen unterschiedlich: Während der Text aus knappen, meist sachlichen Dialogen und kurzen Blocktexten besteht, entfaltet sich auf der Bildebene die ganze Dramatik der Situation. Die großen, in gedeckten Farben gehaltenen Panels zeigen verwüstete Landschaften, verhungerte Tiere, riesengroße landwirtschaftliche Maschinen, die alles Leben niederwalzen … Immer wieder stellen zwei Panels Gegensatzpaare dar (z.B. Überschwemmung und Wüste) oder gehen Bilder ineinander über, wird etwa die Kühlflüssigkeit aus Jeff Bezos‘ Rakete zum schmutzigen Wasser, das im nächsten Panel in eine Trinkflasche fließt.
In einfachen Worten und plakativen Illustrationen warnt Grossi vor Kipppunkten im System, nach denen das Leben auf der Erde unwiderruflich verändert und erschwert wird. Der Nachrichtensprecher wiegelt ab, „ach, ihr Wissenschaftler übertreibt doch immer. Mal sehen, was die anderen sagen.“
Die anderen sind Personen unterschiedlichen Alters, die in die Sendung eingebunden und interviewt werden. Ihre Antworten zeugen von fast religiöser Hingabe an den oft grausamen, unverständlichen, aber immer allmächtigen Gott des Fortschritts: „Die Natur ist eben so“, „Vielleicht erfinden die noch irgendwas“, „Wenn die Lage so dramatisch wäre, würde uns jemand aufhalten, oder?“ Mit fast religiöser Hingabe beten die Interviewten ihr Credo hinunter: „Die Technologie wird uns retten…“ Ähnlichkeiten mancher Personen mit noch lebenden (ehemaligen) Politiker*innen sind wohl kein Zufall.
Die Zahl Sieben hat in der jüdisch-christlichen Tradition eine besondere Bedeutung: Sie symbolisiert das Vollkommene, die Vereinigung von Himmel und Erde. Grossis Werk ist in sieben Kapitel aufgeteilt: Apokalypse, Thermodynamik, Biosphäre, Ungleichberechtigung, Krieg, Verdrängung, Wir. Vollkommene Zerstörung. „Obwohl die Welt in Flammen steht, entzünden wir neue Feuer“, seufzt Professor Zek. Die Panels dazu zeigen brennende Wälder und zerbombte Städte – glosende Ruinen, wo einst Heimat von Lebewesen war.
Nach und nach erfasst das Feuer auch das Fernsehstudio, rund um den dauergrinsenden Moderator verbrennt die Welt.
Doch „Wir“ müssen nicht der letzte Stein sein, der die Lawine endgültig ins Rollen bringt. „Wir brauchen kollektives Handeln. Eine kulturelle Revolution. […] Eine Veränderung unserer Produktionsmethoden, des Konsums und unserer politischen Gestaltungsprozesse“, fordert Grossi. Bei aller Wut, Beklemmung und Ratlosigkeit, die beim Lesen der Graphic Novel aufkommt, lässt der Architekt und Autor eine Regung nicht zu: Resignation. Eine neue Runde Interviewpartner*innen, deutlich jünger als die ersten, kommen zu Wort. Anders als ihre Vorgänger*innen befinden sie sich bereits vollständig unter Wasser, ihre Gesichtszüge verschwimmen in den immer dunkler werdenden Fluten. Ethnie und Geschlecht sind bald nicht mehr zuzuordnen, und siehe da: Das spielt keine Rolle. Statt des wirtschaftlichen und westlich-politischen Blicks schiebt sich nun ein eher religiöser oder zumindest humanistischer Fokus ins Bild: Jeder Mensch hat plötzlich das gleiche Stimmrecht, den gleichen Raum, um sich der Leserschaft zu präsentieren. Und dabei alle Möglichkeiten, selbst mit Blick auf die Schöpfungsverantwortung zu agieren.
Die versinkenden Gestalten klammern sich nicht an individuelle Ziele und reden sich nicht auf abstrakte Entitäten wie „Menschheit“ oder Technik heraus. Sie suchen nach Antworten, für die Vergangenheit und für die Zukunft. „Es ist ein immenser Wandel notwendig […] Aber vielleicht hat irgendjemand die Revolution schon begonnen.“
„Wer können wir sein? Die Entscheidung liegt bei uns.“
Simone Weiss
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