Produktbild: Noch einmal ...
Aus dem Engl. v. Anna Schaub.
Lettering v. Sascha Morawetz.
Dressler illustro 2025.
112 S.

Oliver Jeffers: Noch einmal...

„Wie haben wir angefangen?“ Ein Buchanfang, der sofort an Bücher wie „Wie war das am Anfang?“ von Heinz Janisch und Linda Wolfsgruber erinnert, ein Buch, das 2010 mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde und philosophisch der Frage nach der eigenen Position im Rahmen von Gottes Gedanken, also seiner Schöpfung, nachspürt. Während Linda Wolfsgruber diese Gedankenspiele in zart übermalten Papiercollagen sehr luftig bebilderte, steigt der irische Bilderbuchkünstler Oliver Jeffers in sein neuestes philosophisches Bilderbuch ganz anders ein: Zu sehen ist ganz basal das Weltall, ein dunkler Sternenhimmel, an dem nur einige wenige helle Punkte hervorleuchten. Darunter ein hingekritzelt wirkender Kringel in jener Farbe, die zum visuellen Leitmotiv dieses querformatigen Werkes wird: knalliges neon-pink. In diesem Pink wird auch das Feuer inszeniert, das wohl auch irgendwie am Beginn der Welt stand. Von Doppelseite zu Doppelseite wird in einem assoziativen Gedankenfluss weiter sinniert, wie es dann weitergegangen ist mit der Menschheit – vom Feuer ist es quasi nicht mehr weit bis zur Literatur: „Seither bilden wir Wörter, wir erkennen Muster, erzählen Geschichten und erfinden die Zukunft.“ Dieser Schritt führt auf der Bildebene vom Gehirn des Menschen direkt zu seiner sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, der Satz, wunderbar variantenreich gelettert von Sascha Morawetz, ist in eine Sprechblase gesetzt. Auf der nächsten Doppelseite hingegen wird, diesmal nur mit Text auf neonpinkem Hintergrund, nochmal hinterfragt, ob der Anfang nicht eigentlich doch schon früher war…

Oliver Jeffers versteht es in faszinierend pointierter Weise, die Tiefsinnigkeit seiner Beobachtungen über das Wesen der Menschheit mit Bildideen zu kombinieren, die ihre Aussagen ergänzen und erweitern: Da sitzt etwa ein König auf einem Berg aus materiellem Zeugs, das noch dazu von einer Überwachungskamera gesichert werden muss. Da sitzt ein, von jeglichem Attribut befreites, Menschlein zufrieden in einem Lehnsessel und genießt das Gefühl von Wärme „sowohl auf der Haut als auch im Herzen.“ Das Zusammenspiel von Text und Bild erfolgt hier auf eine Art, wie es sie selten gibt: Wenn etwa in einem Gedanken über die „Endlichkeit unseres eigenen Lebens“ das letzte Wort des Satzes auf ein Bild eines Grabsteines gesetzt ist. Vor dem eine neonpinke Blume hingelegt wurde – ging es doch auf den Seiten davor darum, wie wichtig Menschen füreinander sind.

In seinem durchgängigen Text, aus dem sich aber auch einzelne Sequenzen als Anregung herausnehmen lassen, entwirft Oliver Jeffers eine substanzielle, zutiefst moralische, aber niemals moralisierende Analyse der Menschheit, wie sie ist und wie sie sein könnte – deren biographische Hintergründe er in einem sehr ausführlichen Nachwort erklärt: Mit der Geburt seines ersten Kindes im Jahr 2015 veränderte sich seine Sicht auf die Welt grundlegend, einige dieser Aspekte setzte er bereits künstlerisch in „Hier sind wir: Anleitung zum Leben auf der Erde“ um. Aufgewachsen als Katholik in Nordirland war er von klein auf mit den Folgen von Gewalt und politischer Spaltung, aber auch von Klassendenken und Kolonialismus konfrontiert. 2007 zog er nach New York, und konnte es nicht fassen, wie unbekannt und irrelevant die Ereignisse in seiner Heimat dort waren. Mit der Arbeit an „Hier sind wir“ erkannte er, dass aus der Distanz vieles anders gesehen wird – und ging schließlich nach 16 Jahren mit Frau und Kindern wieder zurück nach Nordirland. Aus vielen einzelnen Begebenheiten, die er in diesem Nachwort versucht zu beschreiben, ergibt sich schließlich jene Quintessenz, mit der der eigentliche Text des Buches geendet hat:

Denn das Leben auf der Erde
'
birgt eine wilde Schönheit

und Hoffnung

Überall dort, wo DU nach ihr suchst.

Kathrin Wexberg

 

 

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