Aus d. Engl. v. Alexandra Ernst
Fischer Sauerländer 2026.
416 S. 

Jen Williams: The Sleepless

‘Leb wohl, Elver.’
Mutter Maura ließ los, und das Mädchen stürzte ins Meer.

Um eine Stadt von einer Schlangenplage zu befreien, wird Elver dem Gott blutige Kralle geopfert. Aber das Ende ist ein neuer Anfang für die Protagonistin: Die Königin der Schlangen, eine der zahlreichen Gottheiten der Fantasywelt, hat ihr Blut gegen Gift getauscht und sie zur Schutzpatronin des Jih-Waldes gemacht, wo unterschiedliche magische Wesen wohnen und abgeschieden von der Menschenwelt leben.

Elvers Frieden wird gestört vom ‚Schlaflosen’ Astair, der von Mutter Maura erpresst wird: er muss ein Keltraxia-Welpen (ein magisches Mischwesen aus Fuchs und Vogel) zu ihr bringen, im Tausch gegen die von ihr entführten anderen Schlaflosen zu befreien.
Elver kann die Zwangslage nachvollziehen und willigt widerwillig ein, ihr schutzbefohlenes Wesen mit ihm zu einem Magier von Tisk, Gott der Lügen, zu bringen, um eine Illusion zu erschaffen, und so weder den Welpen nach Astairs Freund*innen dem Tod zu überlassen.

Der titelgebende Ausdruck ‚Schlaflose’ bezeichnet Menschen, in deren Inneren eine zweite, zerstörerische Identität existiert – wenn sie schlafen, ist diese wach und meist äußerst gewalttätig. Wenig überraschend ist, dass es damit weit mehr auf sich hat als den Schlaflosen selbst erzählt wird. Dieses Rätsel ist interessant inszeniert, denn auch die zweite Persönlichkeit, Lucian, kommt zu Wort.
Während Elvers Berührung als ‚Giftkind’ für Menschen gefährlich ist, hat sie für Artair keine Folgen. Für Lucian, der vorerst keinerlei Erinnerungen an sein früheres Leben als Mensch hat, schaltet Hautkontakt mit Elver Erinnerungen frei.

Die Beziehung der Drei wird erst allmählich zu einer Dreiecksbeziehung, deren Romantik sich langsam parallel zu einem zunehmenden Verständnis füreinander entfaltet.  Da personal aus der Sicht von Elver, Astair und Lucian erzählt wird, kann dieser Prozess von ‚allen Seiten’ beobachtet werden. Schmachtendes Geplänkel unterbleibt weitgehend und z. B. die Forschheit der Protagonistin bleibt auch mit zunehmender emotionaler Öffnung bestehen. Die Hauptfiguren sind ambivalent geschildert und stehen damit im Gegensatz zu den Antagonist*innen, die von Fanatismus oder Machtgier getrieben werden.

Einfallsreich ist auch das variantenreiche Pantheon an Gottheiten in einem Magiesystem, das auf Opfergaben aufbaut, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die blutige Kralle (meist in Löwengestalt) fordert Blut und Leben für magische Kraft; Tisk, Gott der Lügen (meist in Fuchsgestalt) fordert Objekte, die gestohlen oder anderen Gottheiten geweiht sind und die Königin der Schlangen hat keine Priester*innen und steht ohne Mittler*innen in Kontakt mit allen magischen Wesen.

Diesen ersten Band der Dilogie bestimmen zunehmend engmaschigere Verknüpfung der beiden Haupterzählstränge: Elvers und Astairs (und Lucians) Reise mit dem Keltraxia-Welpen und die schrittweise Offenlegung der früheren Identität von Lucian, dessen Biographie wiederum eng an die Antagonistin Mutter Maura geknüpft ist.

Sonja Loidl

 

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