Produktbild: Jahrmarkt der Zeitreisenden - Der gestohlene Kristall
Ill. v. Tobias Goldschalt.
Beltz & Gelberg 2025.
285 S.

Lena Hach: Jahrmarkt der Zeitreisenden - Der gestohlene Kristall

“(Goldene Schaustellerregel Nummer 1: Rechne mit allem. Dann bist du auf alles vorbereitet.) Genau deshalb hat mich das, was passiert ist, komplett umgehauen.”

Ich-Erzählerin Liv ist Teil einer Familie in der amerikanischen Jahrmarktszene.
Herausforderungen des Alltags, wie regelmäßiger Schulwechsel und aktive Eingebundenheit ins Arbeitsleben von jungen Jahren an, stehen nicht im Zentrum, prägen aber die Handlung mit. Der eigene Wohnwagen symbolisiert Vertrauen des Elternhauses und gleichzeitig ein hohes Maß an sowohl zugetrauter als auch gelebter Eigenverantwortung. Das drückt sich auch in Livs Pflanzensammlung aus, die mit spezifischen Bedürfnissen (feucht, trocken, welcher Dünger, wie viel Licht) auch symbolisch in Lebens- oder Liebeskrise eine Rolle spielt - und davon gibt es einige.

Ausgelöst werden mehrere Handlungsstränge durch das Verschwinden des titelgebenden Kristalls, der das Dach des Karussells von Livs Familie ziert. Dass daran anschließend Missgeschicke passieren, unterstützt das Mädchen im (Aber?)Glauben, dass hier böswilliger  Diebstahl stattgefunden hat und ohne das Objekt weitere Katastrophen folgen werden. Nachdem sie die Mitglieder einer  rivalisierenden Jahrmarktsfamilie ausgeschlossen hat, verfolgt sie den nächsten Hauptverdächtigen, einen eigenartig gekleideten Jungen, als er sich im  ‘Tunnel of Love’ verstecken möchte. So landet Liv erstmals auf einem Jahrmarkt der 1920er.
Magie beschränkt sich nicht auf das Motiv der Zeitreise, denn auch eine ‘magische’ Grundstimmung im mehrfachen Sinn ist wesentliches Merkmal des Textes:  Atmosphäre, Attraktionen und  Einblicke in den Alltag von Schausteller*innen damals und heute werden geschickt von Lena Hach als charmanter Hintergrund einer magischen Zeitreiseerzählung eingesetzt. Zum Beispiel trinkt Liv die beste Zitronenlimonade ihres Lebens in Jaros Zeit. Das  wechselnde Spiel mit Nostalgie und Nostalgiekommentar prägt den Roman.

Auf visueller Ebene zeigt sich das etwa in  Kapitelüberschirften, die an Autodrom-Lichter erinnern, und an einer anachronistischen Markierung der Chatnachrichten in grauen Kästchen.
Daneben wird durch eine Märchenerzählerin auf Jaros Jahrmarkt deutlich, dass durchaus auch andere Magie bestehen könnte, etwa rund um den Kristall.
Schaustellerregeln wie die eingangs zitierte sind Teil der Komik des Textes, die auch von Livs leicht ironischer Grundhaltung und ihrer Beobachtung der Besucher*innen und Kolleg*innen am Jahrmarkt gespeist wird.
Die Aufklärung des Diebstahls lässt im ersten Band dieser neuen Serie noch einige Fragen über den Kristall, die Familiengeschichte und das Zeitreisen offen. Man darf gespannt auf die Fortsetzung im kommenden Frühjahr warten.

Sonja Loidl

 

Die gesammelten Phantastik-Tipps der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> Phantastik-Archiv