Thema: Musik in der Kinder- und Jugendliteratur und -medien
Heinz Janisch: 10 kleine Elefanten. Kinderlieder auch für Onkel und Tanten
„Gedichte haben eine eigene Kraft. Sie bringen die Gedanken und Gefühle in Bewegung. Wenige Zeilen genügen, und eine Tür geht auf …“, so Heinz Janisch. Gedichte schaffen eine eigene Atmosphäre – vor allem, wenn man sie laut hört. Aber Heinz Janisch` Gedichte kann man sich nicht nur laut vorlesen, sondern sogar als Lieder anhören. Denn: Ein Best of Heinz Janisch, vertont, instrumentalisiert, gesungen und gesoult von Komponist Stefan Heckel und seiner Band: "Heute will ich langsam sein", "Und du darfst rein" oder "Glück" - 12 wunderbare Gedichte des Ausnahmeautors sind hier in mitreißende (Kinder-)Lieder gegossen und um die Variationsvielfalt von Fagott, Posaune, Akkordeon, Perkussion oder sogar Ukulele erweitert. Resultat ist eine originell und sorgfältig vertonte lyrische Liedsammlung für lange Autofahrten, Kindergarten, Schule oder Geburtstagspartys in jedem Alter. Linda Wolfsgruber hat das Cover und das beigelegte Booklet mit den jeweiligen (literarischen) Leitmotiven illustriert, das alle Texte zum Nachlesen oder Mitsingen zur Verfügung stellt. (Aber spätestens beim 2. Mal Hören singt man die Ohrwürmer ohnehin schon spontan mit.) Eine Empfehlung für alle - auch für Tanten und Onkel!
Stephan Heckel 2019.
Leonhard Huber (Hg.): Uhus Reise durch die Musikgeschichte: Das 20. Jahrhundert. Feuervogel, Filmmusik und was sonst noch war
Leonhard Huber verbindet in dem von ihm herausgegeben Sachbilderbuch das Wissen über die Musikgeschichte mit dem passenden Soundtrack: Vom 10. bis ins 20. Jahrhundert spannt sich der Zeitraum, den die Reise des Uhus durch die Musikgeschichte auf 13 Einzel-CDs durchmisst. Die abschließende Ausgabe führt die kauzige Hauptfigur in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Dort trifft er unter anderem auf den Vogelstimmen sammelnden Olivier Messiaen, beobachtet Igor Strawinsky bei einer dramatischen Orchesterprobe seiner „Petruschka“ und besucht John Cage in dessen Klangwerkstatt. Die tierische Hauptfigur bildet dabei das verbindende Element zwischen den Kapiteln, gibt launige Kommentare zum Gehörten ab und stellt Fragen, die Sachinformationen zu Musik, Komponist*innen und Zeit einleiten. Die einzelnen Episoden und Einspielungen aus Kompositionen fungieren als kurzweilige Schlaglichter auf musikalische Besonderheiten der jeweiligen Epoche bzw. des jeweiligen Zeitraums. So kann Neugier und Interesse für bestimmte Themen, Stile und Komponist*innen geweckt werden und gleichzeitig wird der Wissenszuwachs in ein Stück abwechslungsreiche Unterhaltung verpackt. Ein Must-Have für alle Musikbegeisterten und die, die es werden wollen.
Igel-Genius 2008.
Gerda Anger-Schmidt / Susanna Heilmayr: Simsalabimambasaladusaladim. Nilpferdwalzer, Zungenschnalzer und viele andere Lieder
Auf einem Baum ein Kuckuck … Wer sich von Ohrwürmern aus Kindertagen heimgesucht fühlt, dem sei versichert: Es gibt noch mehr davon! Ob Aufsteh- oder Tierlieder, solche zum Tanzen und Spielen oder Lieder über Freundschaft, Liebe und Fernweh – thematisch schlau sortiert, finden sich hier traditionelle und neue Volks- und Kinderlieder aus Österreich, Frankreich, Deutschland, Irland und anderen Ländern. Trotz der vielfältigen Auswahl und der Zugabe von Übersetzungen, Spielanleitungen und erklärenden Annotationen, bleibt dieses Buch äußerst übersichtlich. Renate Habinger verleiht den einzelnen Melodien durch ihre verspielten Vignetten zusätzlich Schwung – eine Zusammenschau, die Lust zum sofortigen Singen und Musizieren macht! Es bleibt aber nicht beim Lesen und Nachdenken über die Musik: Unabhängig und ergänzend steht eine CD mit demselben Titel zur Verfügung, auf der musikalisch vorexerziert wird, was mit Hilfe des Buches und dessen kluger, einfacher Notensetzung freudig selbst praktiziert werden kann. Ein durch und durch – wortwörtlich – stimmiges Kinderliederbuch, Ohrwürmer inklusive!
Ill. v. Renate Habinger.
Residenz 2008.
132 S.
Susanne Koppe (Hg.): Herzlichen Glückwunsch, kleines Huhn!
Es gilt, eine Hühnerparty zu feiern: Noch ist alles morgendlich still, als die Mühle am rauschenden Bach klappert, doch schon mit dem ersten Umblättern erschallt der Ruf der Tuba und stimmt „Im Frühtau zu Berge“ an. Wimmelige Bilderbuchseiten und die 24 ihnen zur Seite gestellten, traditionellen Lieder werden entlang eines Tagesablaufes präsentiert. Es ist natürlich kein beliebiger Tag am Bauernhof, wenn das Pferd den Kontrabass zückt, das Eichhorn sein Baum-Studio aktiviert und das liebenswerte, tierische Orchester nach und nach in Partylaune kommt. Da rasen schon mal die Affen durch den Wald und verweisen bebrillt auf die ganzseitigen Notationen, mit denen sich auch die sanges- und spielfreudigen Leser*innen in Glückwunschständchen für das Huhn einbringen können. Notation und Liedtexte werden dabei variiert und können doch in wiedererkennender Freude bis tief in die mondhelle Nacht hinein mit-performt werden. Oder man lässt einfach die beigefügte CD laufen, während man sich am actionreichen Bauernhofgeschehen delektiert.
Ein Nachfolgeband versammelt im selben des Miteinander von Liedpräsentation und Bildgeschichte Reiselieder: Schön ist die Welt, heißt es da und sie wird sangesfreudig durchschritten selbstverständlich noch viel schöner.
Ill. Franziska Biermann.
Carlsen 2013.
64 S.
Stefanie Schwarzer: Lyric-Comics. Gedichte I Bilder Klänge
Mit Michael Hammerschmids Gedicht auf den fels sollte man hinauf beginnt ein ganz besonderer Lyrikband, der Beiträge verschiedenster Autor*innen zusammenführt: Neben Gedichten von Josef Guggenmos uns Michael Hammerschmid stehen Zwischen türkisen Tapeten von Elisabeth Steinkellner und der unverwüstlichen otto mops von Ernst Jandl. Der Band geht in seiner Auswahl nicht in die Breite, sondern wählt exemplarisch Kindergedichte, die jeweils in drei Varianten präsentiert werden: In ihrer lyrischen, schriftsprachlichen Form; in einer Transformation, die dem Text eine additive Bildebene hinzufügt und im Medienwechsel, der auf musikalischen Gestaltungselementen basiert. Dieserart wird Jatzeks Rumpelstilzchen zum dünnen, langnasigen Gnom im Ganz-körper-Jump-Suit, der ungeduldig aus einen eigenen Comic-Panels herausdrängt; so werden die lyrischen Anweisungen Hammerschmids, „hinauf“ zu streben zum Erlebnistag eines drachenfliegenden Füchsleins (beide von Claudia Weikert) und Steinkellners Tapete von Julia Friese zu einem wunderbaren Übergangsobjekt gemacht, an das ein Kind sich schmiegen und dabei innerhalb des Textrahmens ganz für sich und ganz geborgen sein kann. Mit Hilfe einer zum Text gehörende Homepage lassen sich die Gedichte dann auch in den jeweiligen Lied-Versionen anhören.
Belz&Gelberg 2019.
Laetitia Devernay: Applaus
Aus den Notenzeilen des Vorsatzes bilden sich schmale Baumstämme; ein einzelnes Bein betritt den Bildraum: Gestreifte Hose, Frack sowie ein kleiner Stab markieren einen Dirigenten, der den Baum erklimmt. Auf der Baumkrone angekommen schwingt er seinen Taktstock und eröffnet ein Konzert. Aus den Bäumen lösen sich nun Formen, die zunächst wie Blätter erschienen – doch es sind tatsächlich Vögel, die zum Takt des Dirigenten wunderbare Formen durch den Himmel ziehen. Nachdem alle Bäume leergespielt wurden, verbeugt sich der Maestro und verlässt wortlos den Klangraum. Zurück bleibt sein Dirigentenstab, der Wurzeln austreibt und der Kunstallegorie neue Stofflichkeit verleiht.
Gestaltet als textloses Leporello macht der hochformatige Band Musik wortwörtlich sichtbar, indem er in zurückhaltendem Illustrationsstil die erklingenden Noten durch die schlichten grafische Formen der Vögel und Blätter in fülligem Gleichmaß und dennoch variantenreich durch den Raum schweben lässt. Dieserart entsteht eine meditative, formelhafte Bildgeschichte in deren Weißraum der entsprechende Klang hineingedacht werden kann.
mixtvision 2011.
64 S.
Anna Czerwinska-Rydel / Marta Ignerska:
Die Tonangeber
Die Oboe begann. Dieses „musikalische Streitgespräch“ setzt ein mit jenem spannungsgeladenen Moment vor jedem Konzert, wenn alle Instrumente des Orchesters zum schaurig-schönen Vielklang ansetzen, um sich aufeinander einzustimmen.
Dieser Prozess – unabdingbar für das gemeinsame Zusammenspiel – wird in diesem Sachbilderbuch genutzt, um die einzelnen Instrumente des Orchesters nacheinander vorzustellen und dabei eine Fülle an musikwissenschaftlichen Informationen zu vermitteln.
Jedem der Instrumente ist dabei eine Doppelseite gewidmet: In viel Weiß- oder Schwarzraum visualisieren poppige Neonfarben deren entsprechende Klangvarianten. Die Musiker*innen selbst scheinen Picassos Bildwelten entlehnt, geraten aber hier fast zur Nebensache. Denn im Mittelpunkt stehen Bau- und Spielweise der Instrumente – wobei deren Klangfarben und Tonerzeugungen visualisiert werden: So dehnen sich die Paukenschläge (Freude bringen wir am besten zum Ausdruck) in riesigem Pink-Orange in den Bildraum aus, während der Geigenton ([S]ie waren ein wenig verstört, ihr Ton war zart, ein wenig weinerlich, vibrierend.) als zitternde dünne Wellenlinie kreuz und quer über die Doppelseite schwingt.
Aus dem Poln. v. Dr. Olaf Kühl.
mixtvision 2013.
44 S.

Michał Libera / Michał Mendyk: Wie das klingt! Neue Töne aus aller Welt
Nicht nur „Töne aus aller Welt“, sondern auch aus allen möglichen (wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen) Klangkörpern versammeln der Musikdramaturg und -kurator Michał Libera und der Musikjournalist Michał Mendyk in ihrem grellen quadratischen Büchlein. Wie wir über Musik, Klänge und das Hören nachdenken, wird darin auf spielerische Weise (trans-)formiert. Das schier endlose Spektrum an lauten und leisen Tönen, informativen Details und spannenden Musiker*innen, ausgefallenen Techniken und einzigartigen Kompositionen weckt wohl die Neugierde eines*einer jeden Betrachter*in. Die polnischen Autoren spannen dabei einen assoziativen Bogen von Alltagsgeräuschen wie das Hupen der Autos und das Zwitschern der Vögel, über Instrumentaltöne und die menschliche Stimme, bis hin zur ganzen Welt als Hör-Raum. Scheinbar mühelos übertragen sie ihre Faszination für das ständig schwingende Material auf die Leser*innen. Vervollständigt werden die launigen Texte in der Übersetzung von Thomas Weiler durch die Illustrationen des bewährten Künstlerduos Aleksandra Mizielińska und Daniel Mizieliński. Mit bunt leuchtenden Farben und munterem Strich erzeugen sie jenen peppigen Look, der das Buch besonders auszeichnet.
Ill. v. Aleksandra Mizielińska und Daniel Mizieliński.
Aus swm Poln. v. Thomas Weiler.
Moritz 2019.
224 S.
Avalon Nuovo / David Doran: Hier spielt die Musik.
Das Orchester und seine Instrumente
Wie entstanden Orchester? Aus welchen Instrumenten setzen sie sich zusammen? Und wie wissen die Musiker*innen eigentlich, wer wann was spielen muss? In charmantem Ton und ansprechender Aufmachung führen zwei junge Illustrator*innen in einem großformatigen, fast quadratischen Sachbuch in den Mikrokosmos Orchester ein. Dabei blicken sie auch über den Konzertsaal hinaus auf das Genre der Filmmusik und die technische Produktion und Modulation von (Orchester-)Musik. Die auf intensive Farben setzenden, räumlich gekonnt arrangierten Bildkompositionen veranschaulichen nicht nur die wohldosierten Informationen aus dem Text, sondern beinhalten immer wieder auch Elemente des Alltags, symbolhafte Formensprache und unerwartete Komponenten, die dem Buch seine besondere Unbeschwertheit verleihen und dem Sachtext oft mit einem Augenzwinkern begegnen. Bemerkenswert ist nicht zuletzt die Diversität, mit der die Musiker*innen ganz selbstverständlich ins Bild gesetzt werden. Es ist erfrischend, wenn man in einer „Galerie der Berühmtheiten“ nicht den traditionellen männlichen weißen Kanon wiederfindet, sondern Künstler*innen wie die britische Komponistin und Aktivistin Ethen Smyth oder den afro-amerikanischen Dirigenten William Grant Still zwischen bekannten Gesichtern wie Mozart und Michel Legrand entdeckt.
Aus dem Engl. v. Silke Körber.
Knesebeck 2020.
80 S.
Heinz Janisch / Birgit Antoni / Peter Iljitsch Tschaikowski: Der Nussknacker
Das einst von E.T.A. Hoffmann stammende Märchen wird hier in der Ballett-Version mit der Musik von Peter Iljitsch Tschaikowsky präsentiert. Während am Vorsatzpapier auf die Bühnensituation des Ballettes verwiesen wird, entfaltet Heinz Janisch die Bilderbuchgeschichte dem Märchen entsprechend als eigentlich realistische Erzählung, die durch Maries Traum in eine phantastische Ebene kippt: Zu Weihnachten bekommen Marie und ihre Geschwister einen Nussknacker und eine Spieluhr mit vier Figuren, einem kleinen Soldaten, einem Mäusekönig, einer Fee aus Zucker und einem Nussknacker, geschenkt. Da Marie zu aufgeregt ist, um einschlafen zu können, verweilt sie bei ihrem Geschenk, dessen Figuren nachts lebendig werden. Birgit Antoni unterstreicht in ihren stark auf Marie und deren Geschwister fokussierten Illustrationen die Adressierung an ein sehr junges Lesepublikum und lässt in stark konturierten Figurendarstellungen eine leicht erfassbare Spielzeugwelt entstehen, in der Nussknacker und Mausekönig gegeneinander in den Kampf ziehen. Die Staatskapelle Dresden spielt die Musik ein und Heinz Janisch selbst wird zum Erzähler auf der beigelegten CD.
Annette Betz 2016.
24 S.
Marko Simsa / Birgit Antoni / Erke Duit: Die Bremer Stadtmusikanten
Bereits vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte lässt Birgit Antoni die Stadtmusikant*innen als Orchestermitglieder auftreten – wobei nicht deren Stimmkraft, sondern deren instrumentales Geschick (und damit zahlreiche Musikinstrumente) am Innentitel präsentiert werden. Danach folgt Marko Simsas auf dem Märchen der Brüder Grimm basierende Geschichte, für die Erke Duit Lieder und Musikstücke komponiert hat. Die Geschichte jener vier erschöpften Außenseiter*innen, die sich zum wohl bekanntesten A-Capella Trüppchen der Märchenwelt zusammenfinden, wird nun also auch mit musikalischen Mitteln präsentiert; schreiend zu flüchten brauche auch hier nur die Räuber, nicht aber die Leser*innen, die den Tierfiguren durch ihr dialogreich aufgepepptes Abenteuer folgen. Birgit Antoni präsentiert die Geschichte in mehreren Einzelszenen, die ineinander übergehen oder einander vignettenartig ergänzen. Nach- und Neu-Erzähler Marko Simsa spricht auch die beigelegte CD ein, für den angemessenen Klang sorgt die CAMERATA Wien, dirigiert von Komponist Erke Duit. Ein Hör- und Leseerlebnis – nicht nur für Märchenfans!
Annette Betz 2017.
24 S.
Heinz Janisch / Sergej Prokofjew: Peter und der Wolf
Der auch als Ö1-Stimme bekannte Kinderbuchautor Heinz Janisch wird zum Sprecher des wohl bekannteste Musikmärchens für Kinder. Die Bilderbuchgestaltung selbst verweist bereits auf die enge Verschränkung von gesprochener Sprache und gespieltem Ton, indem den kurzen Textpassagen (auf der linken Bilderbuchseite in den Weißraum gesetzt) ein Auszug der Notation des jeweiligen Instrumentes beigestellt wird, das Peter (Geige), Vogel (Flöte), Ente (Oboe), Katze (Klarinette), Großvater (Fagott) und Wolf (Horn) repräsentiert. In seinen ganzseitigen Illustrationen fängt der französische Illustrator Eric Battut die jeweilige Stimmung farbintensiv ein. Er setzt seine Figuren verschwindend klein in eine malerisch ausgeprägte Landschaft, sodass dem Wechsel der melodischen Stimmungen jener der farblichen gegenübergestellt wird. Dirigiert von Ondrej Lenárd spielt auf der beigelegten CD das Slowakische Radio-Symphonie-Orchester. Sergej Prokofjew auch ursprünglich an Kinder adressiertes Werk erhält damit einen gleichermaßen modernen wie zeitlosen Charakter, wenn Sprache, Musik und Bild eindrucksvoll zusammenspielen.
Annette Betz 2013.
24 S.
Heinz Marko Simsa/ Ulrike Möltgen / Camille Saint-Saëns: Der Karneval der Tiere
Woran denkt man zuerst, wenn man an Tiere und Musik denkt? Richtig: An den Karneval der Tiere! Marko Simsa erzählt die Geschichte zweier Affenkinder während ebendieses tierischen Ereignisses. Er unterlegt die Suite des französischen Komponisten dieserart mit einer Geschichte, in die er aber auch Verweise und Erklärungen einfügt, sodass der beigelegten CD lauschende Kinder Hinweise bekommen, worauf genauer gehört und geachtet werden kann. Der eigentliche Reiz dieser Bilderbuchversion liegt allerdings in den Illustrationen von Ulrike Möltgen, die Simsas bemüht narrativen Charakter der Werkpräsentation zurücknimmt und das Musikerlebnis per se in Bildlichkeit übersetzt. Ihre bunten Collagen nehmen im Materialmix zwar die Figuralität der Tiere auf, lassen sie aber in phantasievolle Szenarien übergehen. So wie die Töne und Melodien einander überlagern, werden hier Bildschichten übereinandergelegt und vermitteln in ihrer Expressivität einen kunstvollen Eindruck dessen, was die Musik mit ihren Mitteln zu „erzählen“ versucht, ohne im engeren Sinn narrativ zu sein. Die Hörbilder gerinnen dieserart zu faszinierenden Bilderbuch-Kunstwerken.
Annette Betz 2014.
36 S.

Prosper Mérimée / Benjamin Lacombe: Carmen
Der deutsche Filmemacher Ernst Lubitsch hat es getan; der britische Theatermacher Peter Brook hat es getan; die US-amerikanische Sängerin Lana del Rey hat es getan; Und natürlich: der Opernkomponist Georges Bizet hat es getan. Sie alle haben sich in ihrem künstlerischen Schaffen auf die eine oder andere Art auf die Figur der Carmen bezogen. Nun tut es auch der französische Illustrator Benjamin Lacombe und greift den Stoff rund um die spanischen „Gitanos“ auf, um die von Exotismus geprägte Geschichte einer femme fatale als bibliophile, illustrierte Ausgabe zu präsentieren. Carmen selbst wird dabei an die Metapher einer schwarzen Witwe geknüpft, einer Spinne also, die ihre Fäden zieht und Männer in ihr Netz lockt. Diese Spinnennetze sind nicht nur in die schwarzen Spitzen von Carmens Gewändern eingearbeitet, sondern auch mit Spotlack auf die schwarzen Seiten geprägt und variantenreich in die Bildlichkeit der Illustrationen eingearbeitet. In ihren anmutig-verführerischen Bewegungen wird Carmen – oftmals in aufreizender Selbstinszenierung, oftmals schemenhaft oder schattenhaft – zum integrativen Bestandteil von Sujets, die auf andalusische Kulturgeschichte gleichermaßen verweisen wie auf südspanische Prärien und durchgehend mit dem Form- und Farbenarsenal der schön-schaurigen romantischen Literatur aufgeladen sind.
Aus dem Französ. v. Arthur Schurig.
Jacoby&Stuart 2018.
176 S.
Peter I. Tschaikowsky / Lisbeth Zwerger: Schwanensee
Eigentlich stammt das Libretto zum Ballett Schwanensee von Wladimir Petrowitsch Begitschew, der es leider nicht einmal zu einem Wikipediaeintrag gebracht hat. Denn berühmt gemacht haben das 1877 uraufgeführte Ballett sein Komponist Peter Iljitsch Tschaikowsky und Choreograf Lew Iwanow. Lisbeth Zwerger jedoch greift auf die Geschichte selbst zurück und erzählt in berückend schönen Aquarellbildern vom tragischen Schicksal jenes Mädchens, die von einem Zauberer zu ständiger Metamorphose verdammt ist: Nachts darf sie ihre Menschengestalt annehmen, beim Anbruch des Morgens jedoch verwandelt sie sich in einen Schwan. Jener Prinz, der sie bei der Jagd verletzt hat, könnte sie durch seine wahre Liebe erretten – lässt sich aber durch eine geheimnisvolle schwarze Frau vom Zauberer täuschen. Den Kopf des langhalsigen Tierwesens mit der markanten Kombination aus schwarz-orangem Schnabel integriert Lisbeth Zwerger als eine Art Handschuh in die Figur jenes zerbrechlich wirkenden Wesens, das vom Rand des Teiches aus in eine Welt blickt, die ihr letztlich verschlossen bleibt. Der leider nur noch antiquarisch zu erhaltenden Originalausgabe des Bandes war eine CD mit Tschaikowskys Musik beigelegt; der Lektüre der Neuauflage muss man die Musik per Klassik-Streaming-Dienst seiner Wahl selbst einspielen, wenn man sich in jenen Bildern verliert, die das unglückliche Wesen zeigen, deren unglückbringende Hybridität sich in Kleidung und Bewegung stets abzeichnet.
Nord-Süd Verlag 2019.
32 S.

Ian Falconer: Olivia haut auf die Pauke
Charmant, überzeugend, unerbittlich und exaltiert - das ist Olivia, das wohl bezauberndste Schweinemädchen aller Zeiten. In ihrem vierten Abenteuer wünscht sie sich eine Band und schreitet – wie gewohnt – sogleich unter leidvollen Blicken der übrigen Schweinesippe zur Selbsthilfe. Daran können auch die wenig begeisterten Familienmitglieder nichts ändern, denn ein ordentlicher Schweinehaushalt gibt nach ausdauerndem Suchen locker Pauke, Pfeife, Xylophon und Kochtopfdeckel her. Und so wird – laut! – musiziert in der Schweinefamilie, sehr zum Leidwesen aller Zuhörenden. Kein bisschen leise, mit spitzer Feder, geschickt gesetzten Details und enormer Bildkomik gelingt Ian Falconer erneut ein Bilderbuch der Sonderklasse, das dieses Mal zusätzlich mit der sparsam eingesetzten Farbe Blau und Fotomontagen überzeugt. Wer also immer schon einmal wissen wollte, wie charmant ein Schwein lippenstiftumrandet lächeln kann und welch musikalisches Potential in so mancher Sauwirtschaft steckt, sollte dieses Buch nicht verpassen – und sich unbedingt auch die anderen Olivia-Bücher zu Gemüte führen.
Aus dem Amerik. v. Monika Osberghaus.
Oetinger 2007.
40 S.
Thomas Bass: Der Rattenfänger von Hameln
Die Leerstelle. Ein Absichtlicher oder unbeabsichtigter, dem Lesenden nicht zugänglicher Aspekt ist die wohl noch immer anziehendste Methode, die die Kunst zu bieten hat: die Schönheit Helenas, Hogwarts Raum der Wünsche oder die verstrichene Zeit im Bilderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“. Auch der Rattenfänger von Hameln hält ein großes Fragezeichen für die Leser*innen bereit. Wie mag die Melodie des Rattenfängers wohl geklungen haben? Der Text dieser Bilderbuchausgabe beschreibt sie auf neutrale Weise als eigenartige Melodie, als der Mann mit der Flöte schließlich die Kinder der Stadt in seinen Bann zieht etwas präziser als „eigenartig, aber auch fröhlich“. Vier Worte, die uns erstaunt zurücklassen und in den Bann ziehen. Thomas Bass‘ Illustrationen verstärken die Sogwirkungen, indem er mattblaue und rote Blasen durch die dunklen Gassen einer nebelver-hangenen Stadt namens Hameln schweben lässt. Die reduzierte Farbpalette, graue Architektur und die fehlende Mimik des mysteriösen Fremden lassen die Stadt äußerst unheimlich erscheinen, wodurch ein idealer Raum für die große Unbekannte geschaffen wird: Musik als die zentrale Leerstelle einer Erzählung, die die Imagination in Kunst über Kunst auf fast magische Weise anzufeuern weiß.
Aus dem Französ v. Odile Kennel
Kleine Gestalten 2016.
48 S.

Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch
Ein Ultimatum wird zum Schreibanlass: Als der 16-jährige Boudewijn fünf Jahre nach dem Suizid der Mutter in einem „Doppelmoll-Zustand“, also völliger Apathie, zu versinken droht, droht sein Vater, ihn in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen, wenn er nicht jeden Tag etwas aufschreibt und eine CD („eher ödes Zeugs“) anhört. Widerwillig fügt er sich, und notiert, von Rolf Erdorf gelungen aus dem Niederländischen übertragen, ungefiltert seine Gedanken, Textfragmente, die Musikstücke, die er sich jeweils angehört hat - oder auch nicht: „Heute zu müde, um Musik zu hören.“ Zwischen so unterschiedlichen Melodien wie Giovanni Batista Pergolesis „Stabat Mater“, Sergej Prokofjevs „Romeo und Julia“ oder Arvo Pärts „Für Alina“ wird das Ausmaß seines Gefühlschaos deutlich: Wut über die Mutter, die ihm durch ihre psychische Krankheit nicht geben konnte, was er gebraucht hätte. Sorge um seine kleine Schwester, die ohne sie groß werden muss. Und natürlich die Komplikationen von Freundschaft und Liebe. Nicht alles davon ist lösbar, aber manches leichter lebbar, wenn man darüber geschrieben hat. Während das Nicht-Tagebuch es ihm ermöglicht, Dinge auszudrücken, die sonst kaum sagbar wären, vermag ihn die täglich gehörte Musik auf einer ganz anderen Ebene zu erreichen – und damit auch ein Stück weit ins Leben zurück zu begleiten: Verrückt, dass etwas zwar Klang ist, aber dennoch Ruhe.
Aus dem Niederländ. v. Rolf Erdorf.
Freies Geistesleben 2015.
183 S.
Kevin Brooks: Live fast, play dirty, get naked
Der Klappentext spricht von einem "Musikroman" – will heißen: jenes Chaos und Lebensgefühl, das jugend- und populärkulturelle Stile prägt, soll sich im Erzählten widerspiegeln. Es ist 1976: Der Punkrock sorgt für gerne mal musikalisch wie haptisch zerschmetterte Gitarren. Dass er auch das Leben der Ich-Erzählerin Lili bestimmen wird, kommt unerwaret. Denn Lili ist schüchtern und angetan von klassischer Musik. Als jedoch Cutis, der "bad boy" der Schule sie auffordert, seiner Band NAKED beizutreten, scheint sich ein wortwörtlicher Akt der Befreiung anzukündigen. Ein Sommer voller Musik, Liebe und Party steht plötzlich an; aber auch ein Sommer der Eskalation. Hinter der Bandgeschichte und dem exzessiv lebenden Curtis aber verbirgt sich eine weitere Geschichte, auf die zu Beginn des Romans bereits verwiesen wird. Denn auch wenn vorerst von Curtis erzählt wird, stellt sich vom Ende her das Schicksal von William Bonney als eigentlicher Erzählanlass heraus. Die jugendkulturelle Eskalation wird damit zum Soundtrack politischer Grenzerfahrungen, die mitten hinein in die Aktivitäten der IRA führen. Kevin Brooks weiß plotorientiert und dennoch stilistisch überlegt zu erzählen, wenn er Lili in eine von realen und fiktiven Punk-Bands bestimmte Zeit stellt und dabei erfahren lässt, dass die Liebe nicht weniger seltsame Wege nimmt als die Musik.
Aus dem Engl. v. Uwe-Michael Gutzschhahn.
dtv 2013.
480 S.
Kathrin Steinberger: Manchmal dreht das Leben einfach um
Sich auf dem Skateboard im Luftstand um 180 Grad zu drehen, ist eine Kunst für sich. Für Kevin ist dieses Kunststück integrativer Bestandteil eines rasanten Lebens. Umso härter fühlt sich der Fall an, der den Profiskater nach einer Verletzung dort stranden lässt, wo die Ich-Erzählerin lebt. Alis Leben war bisher nicht von großen Sprüngen geprägt, sondern vom Versuch, als hochbegabte 17-Jährige Informationen zu kanalisieren. Ihr datenbankartiges Wissen wird in fiktiven Pop-ups in ihr erzählen integriert und verweist auf jene umfassende Medien- und popkulturelle Kompetenz mit der sie ihr Immobilität kompensiert. Popmusik jedoch wird zum kleinsten gemeinsamen Nenner von Ali und Kevin und erhält durch popmusikalische Einschreibungen in Text und Paratext entscheidende Funktion, um die beiden Figuren, aber auch deren Liebesbeziehung zueinander zu charakterisieren. Zumal den beiden zahlreiche Shoot-outs bevorstehen, denn das wachsende Vertrauensverhältnis wird von einem Geheimnis überschattet, das tief in Kevins Biografie begraben liegt. Doch so wie es beim Skaten mit dem ollie ist, ist es auch mit der Wahrheit: Man muss den sicheren boden unter den Füßen verlassen, um sie zu ergründen.
Jungbrunnen 2015.
278 S.

Angie Thomas: On the come up
The Notorious B.I.G. Erneut ist es ein US-amerikanischer Rapper, nach dessen (musikalischem) Charakter Angie Thomas die Biografie ihrer jugendlichen Protagonistin ausrichtet. Mit Tupac stand im Erfolgsroman „The Hate U Give“ ein politisch engagierter Rapper Pate für das Denken und Handeln einer jugendlichen Protagonistin. Hier ist es eine musikalische Ausdrucksform, die sich an Biggies Hard-Core-Rap orientiert: Für Bri, die ihrem Traum folgt, Rapperin zu werden, geht es um Fragen der künstlerischen Inszenierung: Folgt sie dem provokativen Gangsta-Rap und macht als scheinbar gewalt-bereite, „gottverdammte Ganovin“ Quote? Oder findet sie eine authentische Stimme, mit der sie anzeigt: I’m not for sale. Vor dem Hintergrund sozialer Grenzerfahrungen führt Angie Thomas in das (fiktive) Black-Culture-Viertel Garden Heights und thematisiert jugendliches Erleben in einem von Racial Profiling bestimmten Alltag in den US-amerikanischen Südstaaten. Der zu Beginn gewonnene Rap-Battle jedoch wächst sich für Brianne zur einem inneren Kampf aus, der ihre Aggression immer wieder aufs Neue über die kalmierten Verhaltensweisen obsiegen lässt, mit deren Hilfe das soziale Überleben in der weißen Mehrheitsgesellschaft gesichert wäre. Am Ende liegen auch ein wahrlich enttäuschender und ein wahrlich überraschender Kuss hinter ihr; vor ihr allerdings ein Weg, auf dem es vor allem gilt, zu sich selbst zu stehen.
Aus dem Amerikan. v. Henriette Zeltner.
cbj 2019.
509 S.
Chris Robinson: Beats
„Beats“ ist nicht nur die Geschichte eines musikalisch talentierten Teenagers, der einen Ausweg aus seiner sozialökonomisch benachteiligten Heimat in der Chicago South Side sucht. Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen auch die Wirkungsweisen von Waffengewalt in einem Schwarzen Viertel und nicht zuletzt ihre Konsequenzen für die Hinterbliebenen. Was in den USA gemeinhin als „Black on Black crime“ bezeichnet wird, wird dabei zur Grundstruktur einer auf mehreren Ebenen marginalisierten und kriminalisierten Gesellschaftsschicht. Nachdem seine große Schwester vor seinen Augen von einem Schwarzen Gangmitglied erschossen wurde, leidet August Monroe (Khalil Everage) an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Seine Halluzinationen und Panikattacken werden durch filmische Kniffe in Kameraeinstellung und Sound eindrucksvoll als sensorische Überlastungen proträtiert und verunmöglichen es ihm, seine Wohnung zu verlassen. Er geht nicht zur Schule, trifft keine Freunde. Seinen einzigen Zufluchtsort findet er vor Sampler und Keyboard: in jenen pulsierenden Hip-Hop-Beats, die schon seine ermordete Schwester mixte – und die auch die eingängige Tonspur des Films rhythmisieren. Als der ehemalige Musikmanager Romelo zufällig Augusts Kompositionen hört, ist er sofort von dessen Talent überzeugt. Gemeinsam arbeiten die beiden in Augusts Zimmer an dem einen Beat, der August zu Geld und Ruhm verhelfen soll. Ihre hellen musikalischen Rhythmen kontrastieren dabei den ernsten Ton und die dunklen Themen des Films.
USA 2019.
110 min.
Die Bücher wurden zusammengestellt und rezensiert vom STUBE-Team - unter Mithilfe der Praktikantinnen Sonja Metz und Sophie Bogendorfer.
Wer Interesse an einem nicht remunerierten, einmonatigen Praktikum in der STUBE hat, schickt ein Bewerbungsmail und seinen/ihren Lebenslauf bitte an stube(et)stube.at.



