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Thema: Missbrauch

Mit Illustrationen von Brigitte Püls.
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
Susanna Rieder Verlag 2014

 




Ted van Lieshout: „Sehr kleine Liebe“


„Nein, ich mag keinen Frühling und keinen zarten Beginn.“
Ein zarter, zaghafter Beginn ist auch diesem Buch nicht gegönnt, wenngleich das ernste Thema, von dem es handelt, nicht sofort ans Licht kommt. Erst nach einem Drittel des Buches wird klar, und auch hier wird es zunächst nur angedeutet, worum es geht: „Du, Mama, draußen und auch drinnen ist ein Mann, / der keine Bonbons braucht, sondern mir Aufmerksamkeit / schenkt und Worte ohne eine Spur von Strafe.“
In „Sehr kleine Liebe“ erzählt Ted van Lieshout in Gedichten und Briefen von einem Kind, das die Bekanntschaft eines erwachsenen Mannes macht. Aus dieser Bekanntschaft entwickelt sich eine Freundschaft, aber auch Gefühle, mit welchen keiner der beiden so richtig umzugehen weiß. „Sie rührten mich an. / Sehen Sie, Sie berührten mich.“ Doch es findet sich kein haltlos anklagender Ton, kein vorwurfsvolles Wort. Auf wunderschöne Art zeigt Ted van Lieshout, dass Kinder, die Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind, nicht zwangsläufig verloren sind, sondern auch ihre Chance auf Glück besitzen, verliert dabei jedoch keineswegs die Ernsthaftigkeit, mit der man einem solch schwierigen Thema begegnen muss, aus den Augen. Er macht deutlich, dass Missbrauch nicht passieren darf und welche Verantwortung den Erwachsenen aufliegt. Zugleich zeigt er aber, dass man sich diesem weitgehend tabuisierten Thema auch auf ästhetisch anspruchsvolle, ja zärtliche Weise nähern kann. „Ich hab nur diese Briefe noch, und darin steht beinahe / laut, was keinen Namen haben darf und somit auch nicht / heißt.“
Die Gedichte, welche in ihrer Anordnung, die Geschichte chronologisch nachvollziehen, legen mit großer Einfühlsamkeit das psychologische Innenleben des kindlichen lyrischen Ichs offen. Die Briefe ordnen sich darin ein und geben die Korrespondenz der beiden, Jahre nach dem Vorfall, in nacherzählter Form wider. Gleich zu Beginn steht eine Erkenntnis des Seins des eigenen Ichs. In Abgrenzung vom (verstorbenen) Vater, in dessen Schattenwurf, lernt Ted Ich zu sagen – eine Metapher, die Brigitte Püls in ihren zarten Illustrationen gekonnt aufzugreifen versteht: „Ich sehe, die Sonne zeichnet es ja, / trotz eines verlorenen Vaters: Ich bin da. Ich bin da. Ich bin da!“ Nach dem Verlust seines Vaters sehnt sich Ted nach Zuwendung und Zärtlichkeit von Seiten einer männlichen, erwachsenen Bezugsperson. Seine Einsamkeit und die Zeitlosigkeit des Vorbeiziehens der Jahreszeiten manifestieren sich dabei in ausdrucksstarken Metaphern, die den zugleich melancholischen sowie sanftmütigen Ton des Buches widerspiegeln. „Ich will’s aus meinen Augen schneien fühlen.“, spricht das lyrische Ich. Im Nachwort, in dem der Autor seine persönlichen Gedanken zu dem Thema äußert, wird schließlich das autobiographische Moment, welches sich schon aufgrund des Namens des lyrischen Ichs, Ted, vermuten lässt, expliziert.
Als zentrales formales Element in Ted van Lieshouts Lyrik konstituiert sich das Enjambement, der Zeilensprung, in dessen kantigem Staccato sich die Fragmentiertheit der Wahrnehmung sowie das Unterbrochenwerden der Kindheit spiegeln: „Ach, ich wage / nicht zu sagen, dass ich hinaus will, / weil es Zeit ist, dass jemand mir zustößt. / Dass jemand mich findet. Schön. Für / den Anfang. Dass jemand mich schön findet / für den Anfang. Dass jemand mich anfängt.“ Brigitte Püls’ feinfühlige Illustrationen personifizieren Teds Erfahrungen, sein Geheimnis: Es wird verschnürt und „nach draußen“ geschickt, es soll sich „ein eigenes Zuhause“ suchen. Gleichzeitig bleibt aber das Wissen, dass es immer wieder zurückkehren kann und wird: „Wenn es / traurig ist. Wenn die Wäsche gemacht werden / muss. Wenn es mich innig vermisst.“ Am Ende lässt Ted es jedoch los, er hegt keine Rachegefühle, keine Wut in sich, sondern akzeptiert es als Teil seiner Erfahrungen. „Doch rede ich, / dann wird die zarte / Stille brechen, / drum schweige ich, / bleibe stumm / und deck Sie sachte zu.“

Claudia Sackl

 

 

 


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