Aus d. Engl. v. Ulrike Hauswaldt..
cbj 2024.
40 Seiten

Jennifer N.R. Smith: Bang. Die spektakulärsten Naturphänomene der Erde

Wer wahrnimmt, der staunt. Wer staunt, der fragt. Wer fragt, der versteht.

So formuliert Julia Lückl in den einleitenden Überlegungen ihres Skriptums „Über das Staunen. Eine Poetik der Fakten in kinder- und jugendliterarischen Sachbüchern“ (bestellbar >>> hier) die enorme Bedeutung des Staunens für den Erwerb von Wissen – und damit auch die entsprechende wissensvermittelnde Kinder- und Jugendliteratur. Diesem Moment des Staunens ist auch die britische Künstlerin Jennifer N.R. Smith verpflichtet: In ihrem Debut „Glow. Das wundersame Leuchten der Natur“, 2023 ebenfalls bei cbj erschienen, befasste sie sich mit dem (nicht unbedingt sehr gängigen) Thema der Biolumineszenz, also Lebewesen, die Licht erzeugen. In ähnlicher Machart ist nun der Nachfolgeband „Bang“ erschienen, der ebenfalls in Themenstellung und Vorgangsweise sehr ungewöhnlich ist. Denn es geht nicht um ein Unterthema wie Vulkane oder Höhlen, es geht um unterschiedliche Phänomene, die der Planet Erde hervorbringt. Was damit gemeint ist, wird gleich zu Beginn des Buches in für ein Sachbuch sehr untypischer Sprache skizziert:

Wrammm! Ein Vulkan in Indonesien speit ein rotes Feuerwerk aus glühender Lava in den Himmel. Gleichzeitig betrachtet ein Polarfuchs, Tausende Kilometer entfernt, tanzende grüne Ströme aus Licht am Nachthimmel. Die Erde ist voller spektakulärer Naturphänomene.

So spektakulär wie die Illustrationen, mit denen Jennifer N.R. Smith auf dieser ersten Doppelseite die Vielfalt der Naturphänomene abbildet: In einer an den Pointillismus erinnernden Machart (die Bilder sind aus kleinen Punkten zusammengesetzt) werden in unterschiedlichen Farbschattierungen, von ruhigem Grün bei den Gletschern bis knalligem Orange bei den Vulkanen, Naturereignisse gezeigt.
Um nachvollziehen zu können, wie diese entstehen, wird zunächst der Aufbau der Erde erklärt, was zum Thema Vulkane hinführt. Aber auch zu anderen Aspekten, denn:

Schichten aus Gestein erzählen die Geschichte unserer Erde.

Erdbeben, Geysire und Höhlen sind weitere Unterkapitel, die eng mit dem Aufbau der Erde verknüpft sind, aber auch die Wunder der Meere, Ereignisse am Himmel und Lichtphänomene werden beleuchtet. Dass MINT-Themen immer auch untrennbar von Geistes- und Kulturgeschichte sind, zeigt das abschließende Kapitel mit Sagen und Legenden über die Erde, wiederum spektakulär illustriert:

Lange bevor die Wissenschaften Erklärungen für Naturphänomene boten, haben viele Kulturen versucht, die Welt um sich herum durch Geschichten besser zu verstehen.

Denn Geschichten zu erzählen ist eine Möglichkeit, den Bogen vom Staunen zum Verstehen zu schlagen und tiefer einzutauchen in alles, was zunächst rätselhaft erscheint. Wie es auch die Künstlerin selbst, die unter anderem einen Abschluss in medizinischer Fachillustration hat, auf ihrer >>> Website mit dem bezeichnenden Titel „WonderTheory“ formuliert:

Jennifer’s aim is to not only communicate scientific and social truth through her illustrations, but to evoke a sense of wonder - to open the doors to deeper engagement with ideas and concepts.

LESEN – SPRECHEN – TUN


LESEN – Pyroklastische Ströme und Metamorphite: so zugänglich die einleitenden Momentaufnahmen sind, so komplex sind einige der verwendeten Begriffe. Bei deren Verständnis kann nicht nur das Glossar am Ende, sondern auch eine genauere, durchaus auch kreative und assoziative Auseinandersetzung mit diesen Fachbegriffen hilfreich sein: Wo kommt zum Beispiel der Begriff Metamorphose in MINT-Zusammenhängen (Ei-Raupe-Puppe-Schmetterling), aber auch in kulturgeschichtlichen Zusammenhängen (Die Metamorphosen des Ovid) noch vor?

SPRECHEN – das Staunen über die Wunder der Erde kann auch ein Anlass sein, darüber ins Gespräch zu kommen. Welches Phänomen finde ich besonders toll? Welches würde ich gerne einmal miterleben, welches habe ich vielleicht sogar schon einmal gesehen?

TUN – Einige der dargestellten Phänomene können auch „im Kleinen“ im Rahmen von Experimenten nachvollzogen werden, etwa das geknickte Licht oder elektrische Aufladung durch Reibung.

 

Kathrin Wexberg

 


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