MINT-Buch im Dezember
2019

Aus dem Engl. v. Jakob Hein.
Ravensburger 2019. € 20,00.
Kristen Fulton: Mit dem Ballon in die Freiheit.
Ill. v. Torben Kuhlmann.
Stell dir vor, du siehst auf einem Zeitungsausschnitt zum ersten Mal in deinem Leben einen richtigen Heißluftballon – und sollst danach selbst einen bauen. Klingt schwierig, wenn nicht gar unmöglich? Mag sein, und doch ist es Günter Wetzel und Peter Strelzyk gelungen – für sie war es eine Frage der Motivation.
Wir schreiben das Jahr 1978. Deutschland ist geteilt, die Einreise von Ost nach West verboten – und trotzdem wagen viele Menschen das höchst risikoreiche Unterfangen, denn das Leben in der DDR birgt für die meisten von ihnen strenge Restriktionen, Unzufriedenheit und die Gefahr harter Strafen gegen regimeuntreues Verhalten. Nicht anders geht es den Familien Wetzel und Strelzyk. Wie viele andere träumen auch sie von der Flucht nach Westdeutschland. Lange Zeit bleibt dieser Gedanke ein bloßer Wunsch – bis Günter Wetzel eines Tages Besuch von seiner Schwester aus dem Westen erhält. Im Gepäck hat sie verbotenerweise einen Zeitungsbericht über das internationale Ballonfahrertreffen in Albuquerque. In diesem Artikel entdeckt Günter Fotos von Heißluftballons – und eine Idee beginnt in ihm zu keimen, die nicht länger nur ein Traum ist: die Flucht über die Grenze mithilfe eines selbst gebauten Ballons.
Ungefähr so viel hat auch Günthers Sohn Peter von der Sache mitbekommen. Konkret darüber gesprochen wird mit ihm seitdem allerdings nicht mehr – er weiß bloß, dass er unter keinen Umständen darüber sprechen darf. Und so folgen wir Peter, wenn er beginnt, das ominöse Verhalten seiner Familie zu beobachten: Was hat es damit auf sich, dass über viele Monate hinweg die ganze Nacht lang das Rattern der Nähmaschine aus der verschlossenen Stube dringt und das Licht des Schweißgeräts durch den Türschlitz leuchtet – und am nächsten Morgen nichts Auffälliges darin zu sehen ist? Ist es wirklich möglich, dass da ein Ballon in seinem Haus gebaut wird? Zwar schaffen seine Eltern Nylongarn, Textilien und Treibstoff in kleinen unauffälligen Mengen heran, doch spricht niemals je ein Wort über den Plan. Peter beginnt sich zu fragen, ob er die ganze Sache bloß geträumt hat. Seine Frage beantwortet sich mitten in einer Septembernacht, über ein Jahr nach dem folgeträchtigen Besuch seiner Tante: Es war soweit. Im Schutz der Dunkelheit machen sich Peter und seine Familie voll ungewisser Hoffnung auf den riskanten Weg in die glücklichere Zukunft, die ihnen ein Ballonflug über die Grenze ermöglichen soll – doch auch die Stasi ist in dieser Nacht nicht untätig. Haben die Flüchtenden eine Chance?
So unglaublich diese Geschichte klingt, es handelt sich dabei tatsächlich um ein reales Ereignis. Kristen Fulton behandelt in ihrem Buch den Kern der Geschehnisse, aufbereitet in der Perspektive eines der beteiligten Kinder. Wie Peter werden die Leser*innen vorerst im Dunkeln gelassen, machen sich Gedanken über die rätselhaften Vorgänge und fiebern schließlich mit ihm durch die alles entscheidende Nacht. Begleitet wird die Erzählung von seitenfüllenden Illustrationen von Torben Kuhlmann, die die Ereignisse um eine lebendige und detailliert gestaltete bildliche Form ergänzen.
LESEN – SPRECHEN – TUN
LESEN – Die Geschichte kommt mit wenig Text pro Seite aus und wird von szenischen Illustrationen getragen. Am Ende des Buches befinden sich interessante Zusatzinformationen zur Konstruktion und den technischen Eigenschaften des Ballons, sowie zur politischen Situation Deutschlands zum Zeitpunkt des Geschehens.
SPRECHEN – Nach der Lektüre einer solch ungewöhnlichen Geschichte ist es geradezu unmöglich, nicht darüber zu sprechen; es drängt sich die Frage auf, wie so etwas überhaupt möglich ist. Diese Überlegung bietet hervorragende Anschlussmöglichkeiten zur gemeinsamen Recherche, nicht nur hinsichtlich der spezifischen Ereignisse, die das Buch behandelt, sondern auch darüber hinaus zu den Themen DDR, Kalter Krieg oder Flucht ganz allgemein.
TUN – Das Buch mag vielleicht nicht jeden/jede Leser/in gleich dazu animieren, Luftfahrtingenieur/in zu werden, doch es vermittelt doch eine grundlegend motivierende Botschaft: Wenn zwei Männer ohne jegliche technischen Vorkenntnisse es schaffen können, in ihrem Zuhause einen Heißluftballon zu bauen – was gibt es dann, was ich nicht schaffen oder werden kann, wenn ich nur hart genug dafür arbeite?
Victoria Bartek
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