Loewe Verlag 2019. € 17,40.

Karsten Brensing: Wie Tiere denken und fühlen


Können Tiere denken?
Haben Tiere eine Kultur?
Was ist der größte Unterschied zwischen Mensch und Tier?

Mit diesen drei Impulsfragen startete letzte Woche das Proseminar „Tierkognition. Können Tiere denken?“ am Institut für Philosophie der Universität Wien. Mit dieser und verwandten Forschungsdisziplinen beschäftigt sich auch das erste MINT-Buch des Monats:
„Wie Tiere denken und fühlen“ stellt zu Beginn ganz konkrete Fragen und führt damit in die Welt mancher Tiere ein: Wusstest du, dass Ameisen sich selbst im Spiegel erkennen und Delfine sich gegenseitig beim Namen rufen? Dass Ratten gerne gemeinsam lachen und männliche Orcas echte Muttersöhnchen sind, die noch mit 30 Jahren ihre Mutter brauchen?

Diese Fragen wären noch leicht zu beantworten: Ja, wusste ich. Nein, wusste ich nicht. Ganz so leicht macht es der deutsche Meeresbiologe, Verhaltensforscher und Autor seinen Leserinnen und Lesern jedoch nicht. In neun Kapiteln, die ihrerseits jeweils einen Titel tragen, den man wahrscheinlich nicht zwangsläufig mit Tieren in Verbindung bringen würde, erklärt der Autor Kindern das, was er in seinen beiden populärwissenschaftlichen Fachbüchern „Das Mysterium der Tiere: Was sie denken, was sie fühlen“ (2017) und „Die Sprache der Tiere: Wie wir einander besser verstehen“ (2018) bereits für ein deutlich älteres Zielpublikum publiziert hat: Sozialleben, Tiere mit Persönlichkeit, Selbstbewusstsein, Die Sprache der Tiere, Denken, Fühlen, Die Königsdisziplin: Mitgefühl, Von der Natur zur Kultur und Gerechtigkeit.

Mithilfe von unterschiedlichen Leitfragen arbeitet sich Brensing strukturiert und schlüssig durch die unterschiedlichen Schwerpunkte. Dabei wird immer bei vertrautem Wissen angesetzt: Dass beispielsweise (junge) Hunde miteinander spielen, dürfte allseits bekannt sein. Dass das auf Reptilien und Fische auch zutreffen kann, ist wohl ein weniger bekannter Umstand. Wohldosiert schreibt der Autor von den unterschiedlichsten Phänomenen in der Tierwelt und verknüpft dabei Fachwissen und -termini, die ihrerseits im Text fett hervorgehoben werden, mit erzählerischen Komponenten sowie den schon angesprochenen Leitfragen. Grafisch setzt dieses Sachbuch auf das Mit- und Nebeneinander von realistischen Fotografien und den farbenfrohen tierischen Illustrationen von Nikolai Renger, wobei die glupschäugigen Tierchen jeweils den Inhalt des Textes konkretisieren. Im Unterkapitel Ein Spiegel zum Kämpfen und Kuscheln tritt beispielsweise auf der linken Seite ein Comic-ähnlicher Fisch gegen sein Spiegelbild an, während auf der rechten Seite eine realistische Fotografie abgebildet ist.

Neben den unzähligen Darsteller*innen sind vor allem zwei Tiere wiederkehrende Figuren, die durch das gesamte Buch begleiten: zum einen der brillentragende Salamander, mit Laborkittel und Lupe ausgestattet, der stets mit den sogenannten Infokästen auftritt, die dem Fließtext in regelmäßigen Abständen angehängt werden, und bereits Angesprochenes vertiefen oder neue Informationen liefern. So erfährt der Leser/die Leserin im Unterkapitel Dialekt, welcher Familie ein Orca angehört und dass dieses Tier eigentlich ein Delfin ist.
Zum anderen begegnen dem Leser oder der Leserin immer wieder violett-gelbe Tentakeln, die zumeist rauchende Reagenzgläser schwenken. Erst auf Seite 64 zeigt sich, wem sie gehören: Einem Wesen, das als Oktopus charakterisiert werden könnte. Er wiederum ist die Figur, die mit den immer wieder eingebauten Experimenten in Verbindung gebracht wird: Zum Teil ganz alltägliche Versuche, die das Verhalten und Handeln der Tiere verdeutlichen sollen, wie etwa das Hütchenspiel, um Gedankenbilder aufzuzeigen, aber auch weniger bekannte wie die Mustererkennung auf Grundlage von Abstraktion, die darauf abzielt, das abstrakte Denken von etwa Gänseküken oder Raben zu demonstrieren.

Vielseitigkeit in all ihren unterschiedlichen Facetten ist das Besondere dieses überzeugenden Sachbuches. Neben den wohlbekannten liebsten Haustieren wie Hunden oder Katzen wird auch ein Blick auf vielleicht weniger liebsame Lebewesen wie Ratten, Spinnen oder Ameisen oder Exoten wie Löwen, Meerkatzen oder Robben geworfen. Dabei kommt es zu weitaus mehr als einem Aha-Effekt, wenn zum Beispiel unter dem Titel Das Diktat der Mode erläutert wird, dass sich der Paradiesvogel nur deshalb so lange Federn wachsen lässt, da er dadurch seinen Artgenoss*innen demonstrieren will, wie fit er/sie ist.

Es geht aber nicht nur darum, wie all die verschiedenen Tiere auf unserem Planeten im Lauf der Zeit spezifische Verhaltensmuster oder besondere Überlebenspraktiken entwickelt haben, sondern auch darum, dass jedes Lebewesen in seiner Form und Art einzigartig ist. Besonders spannend ist dabei, dass der Mensch selbst als Tier, nämlich als eine der vier Menschenaffenarten, charakterisiert, und die aktuelle Verhaltensbiologie der Tiere mit der menschlichen Evolution in Beziehung gesetzt wird. So ergibt sich ein Mit- und Nebeneinander unterschiedlicher Forschungsdisziplinen, die zum Teil miteinander im Diskurs stehen: Biologie, (Tier-)Philosophie, Medizin und (Tier-)Ethik sind nur einige davon. Dabei bleibt der Fokus aber immer auf dem/der Rezipierenden und ihrer/seiner Lebenswelt, soziale Medien wie YouTube und hochaktuelle Themen wie Roboterethik inkludiert.

Abschließende Antwortversuche auf die eingansgestellten Fragen:

Können Tiere denken? – ja und zwar auf eine sehr vielseitigere Art und Weise, als es uns vielleicht bewusst ist.
Haben Tiere eine Kultur? – Sowieso, man denke dabei nur an die unterschiedlichen Walgesänge, die familiäre Eigenheiten haben, oder an Schimpansen, die Werkzeug benutzen, um an schmackhafte Ameisen zu kommen.
Was ist der größte Unterschied zwischen Mensch und Tier? – diese Frage muss wohl offen bleiben, denn den einen großen Unterschied per se gibt es nicht.

LESEN – SPRECHEN – TUN


Wo viele Sachbücher, aber auch erzählende Texte als erster Impuls dienen können, um im Anschluss an die Lektüre mit Kindern und/oder Jugendlichen über ein bestimmtes MINT-Thema in Dialog zu treten und sie danach dazu zu ermutigen, sich ganz praktisch mit dem Gelesenen und Besprochenen auseinander zu setzen, vereint das erste MINT-Buch des Monats der STUBE ganz ambitioniert alle drei Schritte in einem.

LESEN – das ganze Buch in seiner Fülle an Informationen, Herangehensweisen und Forschungseinblicken natürlich; das Buch ist aber auch wunderbar geeignet, um mit Ausschnitten zu arbeiten oder sich beim Schmökern in ein Unter-Thema zu vertiefen, das besonders interessiert.

SPRECHEN – einzelne Fragen im Fließtext bieten an sich schon eine Menge an Gesprächsstoff mit Kindern und/oder Jugendlichen. Die bereits zu Beginn der Rezension genannten 3 Fragen sind davon nur ein minimaler Ausschnitt. Kinder und Jugendliche können aber auch dazu eingeladen werden, über Beispiele aus ihrem ganz persönlichen Umfeld nachzudenken. Kann man erkennen, dass der Hund / die Katze / der Wellensittich / der Hase / das Meerschweinchen etc. denkt? Hat es schon Situationen mit Tieren gegeben, in denen ein Denken zu vermuten war?
Auch die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Mensch und Tier kann zu einer spannenden Diskussion führen.

TUN – Die vom violett-gelben Oktopus begleiteten Versuche im Buch geben eine Menge Denkanstöße, sich mit unterschiedlichen Experimenten, die auch zum Teil tatsächlich bereits in der Forschung durchgeführt wurden, auseinanderzusetzen. Das Beobachten von Tieren Zuhause oder in der Natur ist dabei natürlich eine wunderbare Ergänzung.


Alexandra Hofer

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