Aus d. Italien. v. Amelie Thoma.
mixtvision 2026.
48 S.

Matilde Tachini: Pfoten weg vom roten Knopf!

Der Knopf war da.
Vielleicht seit einer Stunde. Vielleicht
seit einem Tag. Vielleicht schon immer.

Ein roter Knopf mitten im Wald? Was würdest du tun? Drücken? Nicht drücken? Keine Ahnung?

Auch die Waldtiere sind sich nicht sicher.

Schon am Cover thront dieser Knopf, um den sich alles dreht, mitten im Fokus. Groß ist er. Rot und rund sieht er wie der Buzzer einer Spielshow aus. Verlockend und durch seine Größe irgendwie bedrohlich zugleich. Die Köpfe der Waldtiere umrahmen ihn und lenken mit ihren Blicken unseren auf dieses mysteriöse Ding. Nur der Titel mit seinem strengen „PFOTEN WEG“ steht noch wie eine Barriere zwischen den Waldbewohnenden und dem sich trauen oder lieber doch nicht?

Am Vorsatz, der gleichzeitig Titelei ist, geht es weiter mit dem In-Versuchung-geführt-Werden. Ein ermunternd geschwungener Pfeil verläuft vom Raum einnehmenden Titel und endet mit seiner Spitze knapp einen halben Zentimeter oberhalb des Knopfes, der plötzlich verdächtig klein geworden ist. Drück mich! Drück mich, dir kann nichts passieren, scheint er zu rufen. Der Verlockung nachgeben?

Vorab einmal alles zu besprechen, schadet ganz sicher nicht. Und das tun sie, die Waldtiere, die wir schon vom Cover kennen. Der sich nicht ganz sichere Hase, der begeisterte Fuchs, der skeptische Bär, das optimistische Eichhörnchen, der Unheil ahnende Fasan und die belesene Eule beginnen ihre Meinungen auszutauschen. Was ist zu tun? Bestaunen, endlich draufdrücken oder doch lieber Sicherheitsabstand halten? Wer weiß schon was passiert, sobald dieser rote Knopf gedrückt wird. Er könnte Gluthitze, eine Alien-Invasion oder gar eine Zeitreise auslösen. Ob das vielleicht doch übertrieben ist? Schließlich ist das nur ein Knopf. Allerdings ein roter! Und so ein roter Knopf könnte alles Mögliche und Unmögliche in Gang setzten. Aber was, wenn es ein Knopf für etwas Schönes ist? 

Puh, ganz schön viele Fragen, Meinungen, Ideen und Gedankenspielereien! Um diese Fülle auszubalancieren, setzt die mailändische Grafikdesignerin, Illustratorin und Autorin Matilde Tachini auf das Erzählen mithilfe der Reduktion in Bild und Wort und die damit einhergehenden Möglichkeiten des Fokussetzen und lenken. Reduktion in Bild und Wort? Den Fokus setzen und lenken? Auch das kann alles Mögliche und Unmögliche bedeuten. Hier meint es unter anderem den klugen und ausgetüftelten Einsatz von Weißraum. Man findet viel davon in diesem Bilderbuch. Das scheinbare „Leer“ zieht das Auge zu dem, was dann eben doch da ist, schafft so Fokus und lenkt unsere volle Aufmerksamkeit auf die Waldtiere, ihre ausdrucksstarke Mimik und Gestik und den hitzig, witzigen Dialog, den sie gerade führen. Auch hier, kein zu viel; ein Tier aquarelliert in einer Farbe und in einfacher Form. 28 überrascht, genervt oder erschrocken hochgezogene Augenbrauen. Speechlines die uns zeigen, wer was zu sagen hat. 11 Sätze, 12 Fragen, 27 Ausrufe, 7 Hm’s und 8 irrwitzige Ideen, was denn beim Knopfdrücken so alles passieren könnte.

Auch ein Ortswechsel ist nicht vonnöten; ein schwarzer Strich für den Boden, zentral in der Mitte der rechten Buchseite der rote Knopf und darüber ein einzelner schwarzer Ast mit ein paar Blättern, mehr braucht es nicht für eine Bilderbühne, die wir als Wald erkennen. Und hier bleiben wir mit dem immer selben Personenpersonal auch die gesamte Geschichte über. Eine Reduktion, die dem Umblättern besondere Erzählkraft zukommen lässt. Denn das Blättern zwischen Seiten mit viel Weißraum, in dem alles möglich scheint, während die Tiere über das „was wäre, wenn“ beratschlagen zu plötzlich vollflächig in eiszeitblau, explosionsgelb oder feuerrot farblich ausgestalteten Doppelseiten, die uns die fantasievollen Ideen der Tiere, was das Drücken des Knopfes denn so alles auslösen könnte, präsentieren sind effektvolle Überraschungen. In gut dosiertem Rhythmus machen sie den großen Charme dieses Bilderbuches aus.

Da steckt also ganz schön viel in diesem auf den ersten Blick scheinbar wenig. Ganz viele Themen, ganz viel Erzählkunst und auch ganz viel Lese- und Vorlesespaß. Denn der sich nicht ganz sichere Hase, der begeisterte Fuchs, der skeptische Bär, das optimistische Eichhörnchen, der Unheil ahnende Fasan und die belesene Eule sind, obwohl sie fast nichts sagen und sich kaum bewegen durch ihr lebendiges Miteinander besonders humorvolle Charaktere. Da fällt mir auf, einen davon habe ich bisher außenvorgelassen! Den stillen Regenwurm, der nur auf den richtigen Moment wartet. Doch was wäre das Leben ohne eine weitere Frage, ein weiteres Was-könnte-Sein …

Und außerdem: die Pointe von „Pfoten weg vom roten Knopf!“  ist einfach zum Selberlesen schön!

 

Judith Vrba

 


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