Leykam 2025.
304 S.

Ada Diagne: Baobab - Die Legende vom Baum der Erinnerungen

„So unterschiedlich wie Ava und Zeyna, so unterschiedlich sind auch die Zeiten, in denen sie aufwachsen. Sie beide wohnen zwar im selben Dorf, doch liegen über einhundert Jahre zwischen ihnen. Trotzdem sind ihre Geschichten so eng miteinander verwoben, als wäre es eine einzige. Dieses Buch erzählt die Geschichte ihrer Freundschaft.“ (S. 9)

In den vergangenen Jahren war in der Literaturszene viel von Own-voice-Romanen über Rassismus die Rede. Mit amerikanischen Jugendbüchern wie „The Hate U Give“ von Angie Thomas oder den Romanen von Alex Wheatle wurden Rassismus und Mehrfachdiskriminierung zeitgemäß aus eigener Betroffenheit verhandelt. Anschließend wurden auch in Deutschland mehr Stimmen von People of Color erfolgreich veröffentlicht. In Österreich sind diese Publikationen noch immer rar – aber mit „Baobab“, dem Jugendbuchdebut von Ada Diagne, um einen hervorragenden Text reicher.

„Baobab“ der in Wien lebenden Juristin, Anti-Rassismus-Trainerin und Autorin Ada Diagne ist klug in der Idee und im Aufbau, reflektiert in der Erzählung und höchst poetisch in der Tonalität. Die Themen und Figurenzeichnungen umfassen dabei so viele Ebenen, dass kaum aufzuzählen gelingt, was alles mitgedacht wurde. Diagne setzt ihre legendenartige Story über eine westafrikanische Dorfgemeinschaft in eine historische Umgebung, bringt dabei aber das beherrschende Thema Kolonialismus mit Geschlechterrollen, der Generationenfrage, Umweltschutz, Erinnerungskultur und aktuellen Implikationen zusammen.

Die Geschichte, anhand der dies so trefflich gelingt, beginnt in einer stürmischen Nacht mit der Umkehr eines Topos. Ein kleines weißes Mädchen wird im Dorf angeschwemmt. Die selbstbewusste Mutter Fatou nimmt das Mädchen auf, obwohl die Dorfvorsitzende strikt dagegen ist. Wie so viele hat Madam Oumou zu viele schreckliche Erfahrungen mit den „Weißen Soldaten“ gemacht.
Zeyna wächst im Dorf unbedarft und zufrieden auf (denn spielen kann man mit jeder Hautfarbe gleich gut) und entwickelt die Gabe, zuzuhören wie keine Zweite. Das Dorf selbst aber strauchelt: immer mehr Menschen verlassen es und möchten woanders weniger limitiert leben. Als zudem kaum noch Fische gefangen werden, beginnt Zeyna den Geheimnissen im Dorf auf den Grund zu gehen. Denn anders als die Fischer glaubt sie nicht, dass ein Monster für den schlechten Fang verantwortlich ist.

Parallel dazu wird vom Mädchen Ava hundert Jahre zuvor erzählt. Zu dieser Zeit beherrschen die „Weißen Soldaten“ das Land, Unterdrückung, Ausbeutung in den Minen und unreflektierte Missionierung der Kinder stehen an der Tagesordnung. Ava kann Geschichten erzählen wie niemand sonst und versammelt regelmäßig heimlich die Kinder des Dorfes, um sie zu unterrichten und ihre Identität zu bewahren:

„Eure eigene Geschichte zu kennen, ist das Wichtigste überhaupt! So wichtig wie euer Fußabdruck auf dem Boden. Oder euer Spiegelbild auf dem Wasser. Wenn ihr eure Geschichte nicht kennt, dann wisst ihr nicht, wer ihr seid – und wenn ihr nicht wisst, wer ihr seid, wie sollen es dann die anderen wissen?“ (S. 33)

Zusammengeführt werden die beiden Erzählstränge schließlich, als Zeyna in tiefer Nacht auf eine rätselhafte Mission geschickt wird, in der es um nichts weniger geht, als der eigenen Verstrickung in die Geschichte der Kolonialisierung ins Auge zu blicken. Ein Schlüssel dabei ist das aktive, aufrichtige Zuhören.
Wir sollten von der Figur Zeyna lernen – und „Baobab“ lesen, zum Lesen verschenken, vorlesen, gemeinsam reflektieren.

Jana Sommeregger

 

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