Thema: Französische Kinder- und Jugendbücher
Les livres d‘images et les bandes-dessinées

Elisabeth Coudol / Mariona Cabassa: Quand la nuit arrive à tâtons
Der Tag ist voller kräftiger, warmer Farben, doch wenn die Nacht anbricht, dringen die dunklen Blautöne sogar durch das Fenster in Gaspards Zimmer – und mit ihnen die Angst vor den unbekannten Geräuschen und Kreaturen. Was ist mit den Spinnen, die sich in der Dunkelheit über die Zimmerdecke schleichen, oder den Monstern, die sich in den Schatten verstecken? Nichts zu fürchten, sagt die Mutter beim Gute-Nacht-Kuss und bringt mit ihren einfachen, aber beruhigenden Antworten die Erinnerung an die pastellenen und bunten Farben des Tages zurück. Somit verbildlichen die Ölkreidezeichnungen der Illustratorin Mariona Cabassa auf farbintensive Weise die Emotionen des kleinen Buben und zeigen, was ein bisschen Farbveränderung alles ausmachen kann. Die Geschichte ist dafür eine wunderschöne Begleitung zum Schlafengehen, um jedem Kind, dem es wie Gaspard geht, einen sanften Start ins Land der Träume zu ermöglichen. Dabei wird auch nicht aus den Augen verloren, dass nach jeder noch so finsteren Nacht ein neuer Tag anbricht: Zeigt das Vorsatzpapier zu Anfang des Buches noch einen spärlich beleuchteten Sternenhimmel, präsentiert jenes am Ende eine hellstrahlende Blumenwiese. Dieses fröhliche Erwachen bietet sich auch den müden Kinderaugen als Motivation für eine schnell verbrachte Nacht.
L‘Elan Vert 2020.
36 S.
Xavier Armange / Juan Hernaz: L’enfant et les étoiles
Bereits die Titelseite dieses Bilderbuchs entführt in dessen verzauberte Nachtwelt inklusive der philosophischen Gedankenspiele: ein kahler Baum, von dem die weißen Blütenblätter davongeweht werden zu scheinen, um anschließend am Nachthimmel in die unzähligen Sterne überzugehen, und ein sichelförmiger Mond, der sich bei genauerem Hinschauen als strahlend weiße Feder entpuppt, spannen sich über ein von innen beleuchtetes Haus. Im Folgenden blicken wir durch ebenjene Fenster und beobachten eine Oma und ihren Enkel, der aus seiner Sicht die Geschehnisse schildert. Dabei wird bald klar: Die Großmutter ist traurig und der Besuch des Kindes eine willkommene Abwechslung. Schnell begeben sich die beiden unter den schon vorhin dargestellten Sternenhimmel und kommen bei einem Gespräch über weitreisende Vögel und unendlich zerteilbare Staubkörner auch auf nachdenkliche Themen zu sprechen. Die Größe des Universums und die bewusst ausgesprochene Einsamkeit der Oma sind jene Themen, die sich andeutungsweise dem Tod nähern und auf subtile Weise menschliche Trauer umschreiben. Dabei stellen die dunklen, in Blautönen gehaltenen Illustrationen die dazu im Kontrast stehenden Lichtspiele der Sterne und damit der Hoffnung in den Mittelpunkt.
Éditions d'Orbestier - Rêves bleus 2019.
40 S.

Danielle Chaperon / Aurélie Grand.: Le lion dans le livre
Der Titel ist Programm: In diesem Buch schläft tatsächlich ein Löwe, der aufgrund seiner Größe die gesamten Seiten verdeckt und so ein Lesen der Geschichte unmöglich macht. Diese Ebene der Metafiktionalität offenbart sich in farbenprächtigen cartoon-artigen Illustrationen, die den kleinen lesefreudigen Buben neben den alles einnehmenden Löwen stellen. Ersterer will sich seine Lektüre nicht durch diesen lebendigen Sichtschutz verderben lassen und lässt sich eine kreative Idee nach der anderen durch den Kopf gehen, wie er die große Katze wohl aus dem Buch vertreiben kann: Soll man ihn höflich fragen, ihn mit Vogelgesang wecken oder gleich mit einer Rakete in den Weltraum schießen? Andererseits könnte so ein gefährliches Tier auf jedwede Option falsch reagieren … Die verängstigte und doch determinierte Stimme des Buben, die in kurzen Sätzen die eindringlichen Bilder begleitet, schafft es dabei, dieser abstrakten Situation sowohl Witz als auch Ernsthaftigkeit abzugewinnen. Damit ergibt sich eine zum Schmunzeln anregende Geschichte, die nicht nur das Wesen der Literatur aus kindlicher Perspektive hinterfragt, sondern auch eine kurzweilige und kreative Unterhaltung mit witzigem Plot-Twist am Ende bietet.
Les 400 coups 2024.
30 S.
Aude Maurel: Le lion de Léonie
Léonie wird mit einem eisernen Reifrock geboren und ist immer an dessen Einschränkungen gebunden; selbst die Experimente ihres Vaters, die ihr Bewegungsfreiheit beschaffen sollen, bringen keine Ergebnisse. Dabei spiegeln die Illustrationen diese fantastische Ausgangssituation im scrapbook-artigen, kunterbunten Stil wider und kreieren eine Welt, die ein märchenhaftes Ambiente mit modernen Attributen wie Verkehrsschildern kombiniert. Als ein wandernder Zirkus im Dorf auftaucht, bietet sich Léonie eine einzigartige Chance, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Der Löwenkäfig ist kaputt und ohne ihn fürchtet sich das Raubtier doch so. Was wäre nun besser geeignet, den Löwen zu beherbergen, als der Reifrock von Léonie? Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise, die beweisen wird, was Selbstbestimmung und gegenseitige Unterstützung alles möglich machen können. Diese Verbindung von Léonie und ihrem Löwen wird auch auf bildlicher Ebene mithilfe von Farbsymbolik, einem anthropomorphen Löwengesicht und der Verdoppelung des Reifrocks in der zackigen Löwenmähne veranschaulicht. Ein modernes Märchen, das mit unkonventionellen Charakteren und einer freiheitssuchenden Moral aufwartet.
Éditions d'Orbestier - Rêves bleus 2007.
32 S.

Catherine Buquet / Dominique Yelle. La cape d’Émile
Émile besitzt einen Umhang, der ihn durch dick und dünn begleitet: Er flattert im Wind, wenn Émile vom Hügel springt, er bewahrt ihn vor Albträumen und eignet sich ausgezeichnet dazu, den entlaufenen Hamster nach Hause zu transportieren. Die im kindlich anmutenden Stil gezeichneten Farbstiftillustrationen zeigen dem Lesepublikum, wie bedeutend die Erinnerungen an diese Abenteuer mit dem Umhang für Émile sind. Doch als er wächst und der Umhang ihm nicht einmal mehr bis zu den Knien reicht, schlägt Mama vor, ihn so wie alle seiner ausgedienten Sachen seiner kleinen Schwester Carlotta abzugeben, während er einen neuen bekommen könne – das kommt für Émile nicht in Frage! Mit ein bisschen Fantasie ist der Umhang noch für so viele andere Zwecke gut, sei es als Schal, Brillenputztuch oder Fenstervorhang. Somit erzählt dieses Buch von der sentimentalen Bedeutung von Gegenständen, von Geschwisterbeziehung und dem Heranwachsen; schlussendlich wird der Wert von Dingen durch so vieles bestimmt, das über die materielle Daseinsberechtigung hinausgeht. Dieser Vorgang des Weitergebens wird durch die parallele Verbildlichung von Émile und Carlotta in ihren jeweiligen Lebensabschnitten auch illustratorisch auf den Punkt gebracht.
Les 400 coups 2024.
36 S.
Dav: Sous les arbres – L’Automne de Monsieur Grumpf
Monsieur Grumpf ist ein grummeliger Dachs, der nichts weiter möchte als seinen Herbstputz vor Einbruch des Winters zu vollenden. Doch dann kommt immer wieder ein anderes der anthropomorphisierten Tiere vorbei, die Monsieur Grumpf auf diese oder jene Weise von der Vollendung seiner Arbeit abhalten; seien es tobende Eichhörnchenkinder, ein gesprächiger Igelnachbar oder eine Maus, deren Drachen im Baum stecken geblieben ist. Als Draufgabe fegt auch noch ein Gewitter durch den Wald, das die Tiere beim Anhäufen ihrer Vorräte unterbricht und bereits getane Aufräumarbeiten zunichtemacht – da reißt dem ordnungsliebenden Monsieur Grumpf endgültig der Geduldsfaden. Neben der sympathischen Geschichte machen die ganz in Orangetönen gehaltenen Illustrationen Stimmung für den Herbst und fangen den Wald als heimeliges Zuhause ein. Dabei zeigt sich, wie entspannt auch die Vorbereitungen auf die kalte Jahreszeit verlaufen können, wenn sich alle gegenseitig ein wenig unter die Arme greifen – das muss selbst der missmutige Monsieur Grumpf am Ende erkennen. Auch die Lesenden, die sich in der kleinen Tiergemeinschaft wohlfühlen, können in drei Folgebänden zu den verbleibenden Jahreszeiten weiter am Leben im Wald teilhaben.
La Gouttière 2019.
32 S.

Andrée Poulin / Mathieu Lampron.: Qui va bercer Zoé?
Alles ist Grau bei Monsieur Méo Lebel, sowohl in seinem Herzen als auch auf Ebene der Illustration; seine Frau ist vor Kurzem verstorben, und Méo Lebel verlässt sein Haus nicht mehr. Schlagartig betritt ein gelber Sonnenschein die Seiten: Die Nachbarin ist entschlossen, Méo nicht mehr der Farblosigkeit zu überlassen, und nimmt ihn prompt mit zu ihrer Arbeit im Krankenhaus. Dort gibt es nämlich ein Baby, das in den Schlaf gewiegt werden will, wogegen sich Méo im ersten Moment vehement weigert. Doch tatsächlich begleitet er die Nachbarin auch die darauffolgenden Tage ins Spital, um dort genervt neben der kleinen Zoé zu sitzen, bis ein Traum plötzlich alles verändert. Die farbliche Gestaltung der Bilder versinnbildlicht dabei die emotionale Ebene deutlich und führt vom melancholisch-blauen Vorsatzpapier des Anfangs zu einem wärmend-gelben Abschluss; auch kann beobachtet werden, wie die Farbe von Zoé langsam auf Méo übergeht. Sowohl illustratorisch als auch textuell weben sich in diesem Buch Themen wie Trauer und Angst vor dem Fremden auf liebenswürdige Weise in eine Geschichte von generationenübergreifender Nähe ein und bezeugen die Bedeutung von gegenseitiger menschlicher Unterstützung.
Les 400 coups 2018.
40 S.
Didier Dufresne: Les petites vies d’Apolline
Diese Reihe an kurzen Bildgeschichten, unterstützt durch einzelne Phrasen aus dem Munde der kleinen Apolline, erzählt alltägliche (Lern-)Situationen des Mädchens und seinem doudou, ein insektenartiges Kuscheltier. Letzteres darf Apolline nicht nur bei allen ihren Unternehmungen begleiten, sondern fungiert oftmals sogar als Mittel zum Zweck, wenn ihm das Mädchen zum Beispiel den Besuch auf das Töpfchen beibringen will, oder sich fesch kleidet, um doudou einen Heiratsantrag zu machen. Apolline scheint dabei jene Lernprozesse zu wiederholen, die sie selbst erst beigebracht bekommen hat, und spiegelt damit auch die Lebensrealitäten des jungen Lesepublikums wider; Zähne putzen, Blumen gießen und Zirkus spielen sind nur einige der kurzen Szenen, die das ungleiche Paar gemeinsam bestreitet. Die Gesichtsregungen des doch irgendwie lebendigen doudou kommentieren dabei in den liebevollen Illustrationen Apollines Einfälle und ermöglichen es auch, die Geschichte auf bildlicher Ebene ohne Kenntnis des Textes zu verfolgen. Dabei ist Apolline ein keckes Kind, das weiß, wie es bekommt, was es will, und deshalb sicherlich eine liebenswerte Heldin für kleine Vorlesemomente; ihre kreativen Einfälle lösen die kleinen auftretenden Hindernisse und regen immer wieder zum Schmunzeln an.
Ill. Armelle Modéré.
Mango 2001.
Ca. 13 S.
Les romans d’enfants et les romans jeunesse

Gudule / Anaïs Massini.: On a un monstre dans la classe !
Cédric hält die ganze Klasse auf Trapp: Ob er sich in einen Werwolf verwandelt, einen musikmachenden Radio verschluckt hat oder mit seinem Schnupfen den ganzen Raum flutet, dieser Bub bringt kontinuierlich neue fantastische Problemchen mit sich, die selbst die Lehrerin ratlos werden lassen. Zum Glück wissen seine Klassenkamerad*innen bis auf kurze Schreckmomente recht pragmatisch mit den ungewöhnlichen Situationen umzugehen, was immer wieder zu subtiler Komik und gewieften Wortwitzen führt; auch die Lehrerin ist nicht als Erwachsene von den kindlichen Charakteren abgesetzt, sondern reiht sich in die skurrile Gruppe mit Originalität ein. Weiters bringen die begleitenden Illustrationen das wiederkehrende Chaos im Klassenzimmer gewitzt zu Papier und spinnen die Absurdität der Handlungsebene noch bildnerisch fort. Zwar spielen einige der kurzen Geschichten mit Gender-Stereotypen, schließlich sind es vor allem die Mädchen, die in einigen Episoden angesichts der irrwitzigen Geschehnisse mit Cédric in Panik verfallen. Jedoch sind die kleinen Geschichten von jeweils nur ein bis zwei Seiten alle parallel angelegt und können unabhängig voneinander ganz beliebig zu jedweder realer Akutsituation (vor)gelesen werden – oder aber auch zur kurzen Aufheiterung zwischendurch eine Freude bereiten.
Nathan 2015.
66 S.
René Goscinny: Le petit Nicolas
Zwischen Schulhof und Elternhaus lebt der kleine Nick ein fröhliches, wenn auch emotionales, Leben. Seine Schulkameraden treten dabei als Typen auf, die mit immer wiederkehrenden Verhaltensweisen zur Situationskomik beitragen: Da sind unter anderem der starke Eudes (dt. Franz), der gerne eine Faust auf die Nase austeilt, der Streber Agnan (dt. Adalbert), dessen Brille Ersterem regelmäßig zum Opfer fällt, und der reiche Geoffroy (dt. Georg), dessen Vater ihn in jedem Kapitel mit einem neuen teuren Geschenk ausgestattet hat. Die Lehrerin verzweifelt angesichts dieser Truppe mehrmals täglich, und doch wird sie von ihren Schülern sehr wertgeschätzt; die Verhaltensweisen der Kinder stammen hier nie aus böswilliger Absicht, alle scheinen gar nicht anders zu können, als nach ihren gewohnten Mustern zu handeln. Das trifft auch auf die Erwachsenen dieser Geschichte zu: Nicks Papa und sein Nachbar Monsieur Blédurt (dt. Herr Bleder) können ihren Fehden nicht entkommen und befinden sich ständig in einem Status zwischen Freund- und Feindschaft. Abgesehen von dieser statischen Figurenkonstellation bietet die Geschichte dafür einen Raum für endlose weitere Episoden, die dem Leben des kleinen Nick entstammen und kurzweilige Unterhaltung garantieren, erzählt durch Nicks witzig-naive Stimme.
Ill. Jean-Jacques Sempé.
Gallimard 1998.
156 S.
Aus dem Französischen von Hans Georg Lenzen.
Diogenes 2016.
176 S.

Alessandro Cassa: Le professeur Acarus Dumdell
Die Bevölkerung des kleinen englischen Dorfes Meadowfield beinhaltet einige originelle Charaktere, am auffälligsten unter ihnen sind jedoch die Zwillingsbrüder Dumdell; während Zacarus das allseits beliebte Zuckerlgeschäft betreibt, experimentiert Acarus mit seinen eigenartigen Zaubertränken, deren Inhaltsstoffe doch immer wieder einmal in den oft verspeisten Süßigkeiten landen und ungeplant ihre Wirkung entfalten. Diese Wechselbeziehung zwischen den beiden Brüdern wird noch erweitert durch die kuriose Tatsache, dass noch nie jemand die zwei gemeinsam gesehen hat. Tatsächlich entstammt der gesamte Roman einem metafiktionalen Kontext, wenn der zu Beginn explizit auftretende Erzähler mit gleichem Namen des Autors die Geschichte von einer mysteriösen Frau in einem Londoner Pub erzählt bekommt, um sie anschließend in betreffendem Buch niederzuschreiben. Dabei ist die Handlung mit dem ersten Teil der Reihe noch nicht abgeschlossen, sondern zieht sich viel mehr durchgehend in allen drei Büchern fort – schließlich haben die Missgeschicke von Acarus und Zacarus nicht nur positive Nebenwirkungen, und so wird von sprechenden Fledermäusen über schlafende Dorfbewohnende bis hin zu einer als Seifenblase davonfliegenden Verlobten wirklich nichts ausgelassen.
Alice éditions srl 2024.
… et ses potions incongrues, 113 S.
… et les chauves-souris de Sleeping Stones, 145 S.
… et la légende des druides ,177 S.
Christelle Dabos: La Passe-miroir
Ophélie liebt es, zu lesen – aber nicht nur Bücher. Nein, ihre spezielle Gabe erlaubt es ihr, Gegenstände zu lesen und daraus deren Geschichten zu erfahren. Während diese Fähigkeit im Kreise ihrer Familie auf der Arche Anima gang und gäbe ist, besitzt Ophélie noch eine zweite Gabe, die ihr ein gewisses Alleinstellungsmerkmal verleiht: Sie kann durch Spiegeln gehen. All das hilft ihr aber erstmal wenig, wenn ihre Verwandten beschließen, sie mit Thorn von der Arche Pol zu verloben; dieser ist nicht nur ein komplett Fremder für Ophélie, sondern lebt noch dazu auf der kältesten und schroffsten aller fliegenden Inseln der Romanwelt. Diese geografische Struktur ist erst der Beginn der detailreich geplanten fiktionalen Welt; Ophélie, die bisher nur das Leben auf ihrer gemütlichen Heimatarche kannte, wird den Besonderheiten anderer Orte und Gesellschaften genauso unwissend gegenübergestellt wie das Lesepublikum und kann auf ihrer Reise zur Selbstbestimmung begleitet werden. Doch auch die unzähligen weiteren Charaktere, die am Hof des Pols rund um Ophélie agieren, Intrigen spinnen, und ihre eigenen Vergangenheiten mit in die Erzählung bringen, verleihen der Geschichte eine Vielschichtigkeit, die weit über die Heldinnenreise der Protagonistin hinausgeht.
Gallimard 2013-2019.
Les Fiancés de l’hiver, 528 S.
Les Disparus du Clairdelune, 560 S.
La Mémoire de Babel, 496 S.
La Tempête des échos, 576 S.
Aus dem Französischen von Amelie Thoma: Die Spiegelreisende
Insel Verlag 2019-2020.
Die Verlobten des Winters, 535 S.
Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast, 621 S.
Das Gedächtnis von Babel, 520 S.
Im Sturm der Echos, 619 S.
Francoise Sagan: Bonjour tristesse
Vom Freiheitsdrang der Jugend, den Schwierigkeiten mit der Familie und der ersten Liebe erzählt dieser Roman über die junge Cécile, die den Sommer mit ihrem Vater und seiner jungen Geliebten am Meer verbringt. Dann taucht jedoch eine Freundin von Céciles verstorbener Mutter auf: Anne fasziniert Cécile zunächst als eine Art Vorbild, doch als sich eine Anziehung zwischen Anne und Céciles Vater zu erkennen lassen beginnt, fühlt die Tochter immer mehr ihre Freiheit bedroht. Cécile legt dem Lesepublikum dabei ihr ganzes kompliziertes Gefühlschaos bloß und kann förmlich beim Erwachsenwerden beobachtet werden. Die Vater-Tochter-Beziehung wird außerdem auf die Probe gestellt, wenn beide in ihren eigenen Liebesgeschichten verwickelt sind und Cécile schließlich auch in den Herzensangelegenheiten ihres Vaters mitzumischen beginnt. All das spielt sich in der ruhigen und leicht melancholischen Atmosphäre einer reichen Gegend an der Côte d’Azur ab, bringt aber sehr viel Tiefe und Lebensfragen mit sich, die anhand der nahbaren und vielschichtigen Charaktere ausgespielt werden. Somit eignet sich dieser Roman für Lesende beider Generationen, die sich in dem Beziehungsgefüge wiederfinden können und die Geschehnisse aus ihrer Sicht beurteilen werden.
Pocket Jeunesse 2021.
160 S.
Aus dem Französischen von Rainer Moritz: Bonjour tristesse.
Ullstein Taschenbuch 2019.
176 S.

Colette: Claudine à l’école
Die 15-jährige Claudine lebt mit ihrem Vater, der kaum Zeit für sie hat, in einem kleinen Dorf und geht dort ihrem täglichen Leben als heranwachsendes Mädchen nach. Ihre schulischen Erfolge stehen dabei dem oft aufmüpfigen frechen Verhalten gegenüber, mit dem sie nicht nur ihre Mitschülerinnen und Lehrerinnen auf die Palme bringt, sondern auch mit männlichen Charakteren zu spielen weiß. Doch Claudines Leben verkompliziert sich, als sie sich in ihre Nachhilfelehrerin verliebt, die ihrerseits eine mehr als freundschaftliche Beziehung zu der Klassenlehrerin zu führen scheint; schnell fungiert die Schwester besagten love interests als Spionin für Claudine, an der Erstere nun dafür einen Narren gefressen zu haben scheint. Trotz dieser offensichtlichen queeren Liebesbekundungen stehen letztendlich heteronormative Heiratskonstellationen als einzige Auswahlmöglichkeit zur Verfügung, was angesichts des Veröffentlichungsjahres 1900 kaum verwundert; die emanzipierte Hauptperson und ihr offen gelebtes Interesse an Frauen machen diesen Roman jedoch zur beachtlichen Lektüre. Weitere drei Folgeromane sind ebenso erschienen, die es ermöglichen, der selbstbewussten und etwas eingebildeten Erzählstimme Claudines durch mehrere Lebensphasen hindurch beizuwohnen.
Alicia Editions 2024.
200 S.
Deutsche Ausgabe hauptsächlich antiquarisch erhältlich.
Maurice Leblanc: Arsène Lupin, gentleman-cambrioleur
Der als „beratender Detektiv“ bekannte Sherlock Holmes bekommt einen Gegenspieler auf der anderen Seite des Gesetzes: Arsène Lupin schlägt als Meisterdieb und Gentleman der Polizei bei seinen wahnwitzigen Coups immer wieder ein Schnippchen, und kontrahiert sich schlussendlich sogar mit dem berühmten englischen Detektiv selbst. In den letzten Jahren hat dieser Klassiker Bekanntheit erlangt durch die Netflix-Serie Lupin, die eine in der Gegenwart angesiedelte, von Arsène inspirierte und ebenso gewiefte Hauptfigur auf außergewöhnliche Missionen durch Paris und darüber hinaus schickt. Der ursprüngliche Lupin lebt dagegen von einer wechselnden Erzählweise, die das Lesepublikum gemeinsam mit den von Lupin überlisteten Charakteren auf dieselbe Ebene der Ahnungslosigkeit stellt. Immer wieder spielen die Geschichten um den ungreifbaren Meisterdieb mit der Frage nach Identität, denn Lupin ist alle und niemand zugleich; seine unmenschlichen Verkleidungskünste lassen ihn in jedwede Rolle schlüpfen und somit ist wirklich keiner der anzutreffenden Charaktere jemals zu trauen. Trotz oder gerade wegen dieser surrealen Fähigkeiten des Meisterdiebs bereitet die Lektüre seiner Abenteuer eine Freude für alle, die gerne Rätsel lösen und die Begrenzung von Möglichkeiten dabei nicht zu eng sehen.
Interforum Editis 2021.
493 S.
Aus dem Französischen von Martin Barkawitz: Arsène Lupin – Gentleman-Gauner.
Belle Époque 2021.
280 S.
Jules Verne: Voyage au centre de la terre
Während Romane wie „In 80 Tagen um die Welt“ oder „20.000 Meilen unter dem Meer“ für erwachsenes Publikum gedacht sind, hat Jules Verne mit „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ einen expliziten Jugendroman geschaffen. Wir folgen dabei dem Erzähler Axel, der als Assistent des Forschers Professor Lidenbrock gemeinsam mit diesem auf eine Mission in einen isländischen Vulkan hinab aufbricht, um den Aufzeichnungen des lange verstorbenen Wissenschaftlers Arne Saknussemm zufolge die geheime Welt im Inneren der Erdkugel zu entdecken. Die Abenteuerreise wird dabei zu einem fantastischen Ausflug, der die beiden Forschenden und ihren Bergführer Hans vor unerwartete Herausforderungen stellt. Die charmant gezeichneten Figuren sind dabei äußerst angenehme Begleiter für das Lesepublikum und lassen selbst längere ereignislose Reiseabschnitte nicht langweilig werden. Tatsächlich teilt man sich während der Lektüre den neugierig-ungläubigen Wissensstand Axels und wird genauso wie er von den Mysterien einer versteckten Welt überrascht. Damit bewegt sich diese Geschichte zwischen den Grenzen einer Fantasievorstellung und der Frage nach dem, was möglich ist in den uns noch unbekannten Ecken der Erde, was in staunende Begeisterung zieht.
Le Livre de Poche 1972.
384 S.
Aus dem Französischen von Volker Dehs: Reise zum Mittelpunkt der Erde.
Coppenrath 2019.
304 S.
Diese Themenliste wurde von Nina Thiel während ihres Praktikums im September 2025 erarbeitet.
