Nichts Neues? Warum auch?
Rezension zu "Harry Potter und
der Halbblutprinz"
von Kathrin Steinberger
Kürzlich war
ich mit Freunden im Kino, als der neue Trailer für den nächsten "Harry
Potter"-Film (Start 18. 11.) über die Leinwand flimmerte. Meine Freundin
Aischa und ich klammerten uns aneinander, sosehr fesselten uns die Bilder, die
Regisseur Mike Newell aus dem vierten Roman von J.K. Rowling holt. Einige Umsitzende
fanden diese Reaktion leicht überzogen (wir saßen schließlich
in einem anspruchsvollen Film für echte Erwachsene), aber Aischa und ich
waren glücklich mit den ersten Eindrücken von Cho Chang und Viktor Krum.
Nur wenige Wochen vor dem Filmstart von Harry Potter und der Feuerkelch erscheint
der sechste Teil nun auf Deutsch. Harry Potter und der Halbblutprinz ist schon
etwas weiter. Cho und Viktor sind vergessen, neue Lieben warten auf Erfüllung,
neue Erkenntnisse stellen sich ein, neue Gefahren lauern auf Harry, Hermione und
Ron.
Vieles wirkt brutaler und ernster als in den Büchern davor, die
Inhalte wachsen mit Figuren und Lesern. Der Tod, der im vierten Band das erste
Mal auftritt, ist ein alltäglicher Begleiter geworden, er holt Aragog, Hagrids
Spinnenfreund, mehrere Personen in Voldemorts Erinnerungen und auch Schulleiter
Dumbledore. Dieser große Verlust für Harry, man ahnt es schon nach
wenigen Kapiteln und will es bis zum Ende nicht glauben, stellt vorrangig die
Weichen für das noch fehlende Buch, emotionalisiert die Beteiligten auf beiden
Seiten ausreichend, um ein actionreiches Finale erhoffen zu lassen.
Die im
vorliegenden Band sparsam eingesetzte Action wurde von einigen Kritikern bemängelt
(langatmig, hieß es da; nichts Neues), doch der Vorwurf geht am Konzept
vorbei. Die angeblich so langweilige Struktur bringt die Schachfiguren in Position
für das letzte Gefecht: Die Kapitel über Voldemorts Vergangenheit scheinen
mir unerlässlich zu sein, denn sie erlauben uns nicht nur, die Motivation
des Dark Lord zu verstehen, sie lassen uns teilhaben an der Realität der
Gesellschaft, in der Harry lebt: Eine magische Welt, in der Ungerechtigkeit, soziales
Elend und Vereinsamung dieselben Wurzeln für Hass und Gewalt bilden wie hierzulande.
Dass sie nichts Neues erfinde im Halbblutprinz, wirft man Rowling vor. Ich
frage mich: Warum auch? Sie hat fünf Bände lang ein lebendiges Universum
erschaffen, mit dem sie nun gekonnt arbeitet. Das Haus der Dursleys, die gemütliche
Hütte der Familie Weasley, dunkle Ecken in Hogwarts, ein reiches Arsenal
an magischen Kreaturen und schrägen Zauberern sind dem Leser zwar größtenteils
vertraut, aber noch nicht vollständig aufgedeckt. Die Autorin bietet vielleicht
kaum neue Figuren oder Örtlichkeiten, dafür die um nichts weniger spannende
Möglichkeit, Vorhandenes mit zusätzlichen Informationen zu ergänzen.
Neben
all den phantastischen Elementen verliert Rowling dennoch nicht aus den Augen,
dass es sich bei ihren Protagonisten um Menschen handelt, weshalb auch der inneren
Entwicklung der Figuren genug Raum zugesprochen wird. Die emotionalen Verwirrungen
lassen einen schmunzeln, die Szene, in der Harry Rons Schwester Ginny vor versammelter
Gryffindor-Menge küsst, ist ein wahrer Höhepunkt. Wie überhaupt
die Hormone in diesem Buch befreiend ehrlich aufwallen dürfen, sogar die
besonnene Hermine wird bei Rons Benehmen (Wann werden sich die beiden endlich
kriegen, wann???) zu einer rachsüchtigen Furie. Spät, aber doch, entdecken
die Jugendlichen (und Erwachsenen) das andere Geschlecht, und wer sagt, dass es
gefahrlos sein muss, wenn 16jährige Mädchen die Schlafzimmer gleichaltriger
Burschen betreten dürfen?
Vertiefung also, ein Graben in Details und Verdichten
von bereits Gesponnenem, auf über 600 Seiten wieder mit einer beeindruckenden
Sicherheit. Rowling hat die Fäden in der Hand. Und auf weiten Strecken auch
Entspannung (erst die letzten 80 Seiten geben eine Vorgeschmack auf den kommenden
Stress), die man aber nicht mit Ereignislosigkeit verwechseln sollte. Spannende
Bücher benötigen oft ein reflektierendes Kapitel, um alle Kräfte
auf die Klimax auszurichten. Versteht man Harry Potter und der Halbblutprinz als
vorletztes Kapitel einer Buchreihe, geht dieses Konzept auf. Ein letztes Durchatmen
und Zusammenfassen vor dem Sturm, den die ultimative Konfrontation zwischen Harry
und Voldemort heraufbeschwören wird, eine Feindschaft, die nun auf mehreren
Ebenen begründet ist und somit weit über die platte, schlechter Fantasy
anhängende Es-ist-dein-Schicksal-Argumentation hinausgeht.
Man möchte gleich weiter lesen, den letzten Band schon morgen aus dem Postkasten fischen, denn die Autorin verrät uns zwar einiges über die Geschichte, aber eine Menge bleibt erneut ungesagt. Ist Snape nun wirklich böse? Wer hat diese rätselhafte Nachricht an Voldemort verfasst? Wird Harry Ginny wiedersehen? Was wird ohne Dumbledore aus Hogwarts? Und vor allem: Wird Harry den Dark Lord töten, wo wir doch gehört haben, dass die Seele bricht, wenn man einen Mord begeht? Wird er selbst überleben? Also doch wieder mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet, eine unerlässliche Fähigkeit, wenn man Leser sieben Bücher lang erhalten will. Ob ich glaube, dass am Ende doch alles gut sein wird? Ja - und nein.
Kathrin Steinberger ist Komparatistin und Germanistin mit dem Schwerpunkt Fantasy, Studentin der Theaterwissenschaften und Absolventin des "Fernkurs Kinder- und Jugendliteratur der STUBE".
