Unerwartete Größenverhältnisse sorgen für
ein effektvolles finales Erschrecken – zumindest beim Wolf, der noch soeben
mit stolzgeschwellter Brust durch den Wald marschiert ist und einem Sammelsurium
gnomenhaft wirkender Märchenwesen das Bekenntnis abverlangt hat, dass er,
und nur er, der Allerstärkste und Allerschrecklichste im ganzen Land sei.
Doch wer, wenn nicht er, sollte seinen Meister in jemandem so unscheinbaren wie
einem kleinen grünen Kröterich finden? So zentral der Wildeste und Fürchterlichste
auch erscheint, so unbekümmert zeigt sich ihm gegenüber jemand, der
den Mama-Talon im Ärmel hat. Ein ebenso schlichte wie köstliches Bilderbuch,
das auch noch der Erweiterung des kindlichen Schimpfwort-Repertoires dient: Denn
wer rechnet schon damit, als misslungene Artischocke beflegelt zu werden?
Aus dem Französ. v.
Markus Weber.
Moritz 2009.
32 S., € 11,10.
ISBN 978-3-89565-136-6
Pija Lindenbaum: Franziska
und die Wölfe
Franziska ist schüchtern und traut sich fast gar nichts. Als sie bei einem
Ausflug mit dem Kindergarten hinter den anderen zurückbleibt, findet sie
sich plötzlich allein im dunklen Wald. Und da blinken auch schon gelbe Augen
hinter den Bäumen hervor, mischt sich das Knirschen scharfer Zähne mit
Blättergeraschel. Wölfe! Franziska sieht und hört sie. Und: Übernimmt
mutig das Kommando über das struppige Rudel… Wald und Wölfe -
symbolische Manifestationen kindlicher Ängste - werden, indem Franziska sie
benennt, gleichsam spielend überwunden. Tag und Nacht werden aufgelöst;
der Übergang von realer zu irrealer Ebene bleibt - der kindlichen Vorstellungswelt
entsprechend - fließend und unkommentiert. Karikaturhafte Figurenzeichnung,
vor allem aber die ausgezehrten Wölfe, die begeistert nach Franziskas Pfeife
tanzen, erobern die Herzen der BetrachterInnen und passen wunderbar zum unbeschwerten
Ton der Geschichte.
Aus dem Schwed. v. Birgitta Kicherer.
Moritz 2006.
40 S.,
€ 14,20.
ISBN 978-3-89565-137-3
Karla Schneider / Stefanie Harjes: Wenn ich das siebte Geißlein wär'
"Wenn ich der Jäger wäre, hätte ich es so gemacht: Erst wäre ich ganz zufällig auf die Spur des Wolfs gestoßen. Dann wäre ich ihm nachgeschlichen. Und hätte ihn belauscht, wie er mit Rotkäppchen redet." So beginnt auf der ersten Doppelseite ein namenloser Bub seine Variante des Märchens. Doch seine Gesprächspartnerin namens Ottinka Taube argumentiert, dass dieses Wissen um die Absicht des bösen Wolfes ja wohl seine Erschießung als einzig logische Konsequenz hätte – doch was, wenn der Wolf am Anfang noch gar nicht böse war?
Durchgängig in Dialogform erzählt, entfalten sich im Gespräch der beiden Kinder kreative Variationsformen der altbekannten Geschichten. Anstelle der Formelhaftigkeit der traditionellen Märchensprache findet sich hier die Unmittelbarkeit eines Gespräches unter ins Spiel vertieften Kindern.
So wie im erzählten Text die Kinder immer mehr mit den Märchenfiguren verschmelzen, changieren auch ihre Figuren zwischen Vermenschlichung und Animalischem. Immer wieder wird auf das Theatrale dieser Märchenerzählung verwiesen, wenn menschliche Figuren mit Tiermasken gezeigt werden. Zentral ist dabei das Moment des Dialogs: Im Gespräch der beiden Kinder werden Assoziationen gesponnen, Möglichkeiten ausgelotet, Varianten andiskutiert und wieder verworfen – und schließlich die Entscheidung getroffen, dass zwei Wolfskinder in einem Geißen-Haushalt einfach nichts verloren haben.
Boje 2009.
40 S., € 15,40.
ISBN 978-3-414-82183-6
Neil Gaiman / Dave McKean: Die Wölfe in den Wänden
Lucy hört Geräusche
in den Wänden ihres Hauses. Doch während der Rest ihrer Familie dahinter
Harmloses wie Mäuse oder Ratten vermutet, weiß sie genau: Es sind Wölfe.
Und wenn die Wölfe aus den Wänden kommen, so die apokalyptische Voraussage
der anderen, dann ist alles vorbei. Und sie kommen tatsächlich, die Wölfe.
Doch bevor das durch die furchterregende visuelle Umsetzung ausgelöste Grauen
überhand nimmt, wird die Geschichte immer wieder ironisch gebrochen. Kinderzeichnungen,
Fotografien, gerissenes Papier, Tuschezeichnungen – selten wurden so viele
unterschiedliche Stilformen in einem Bilderbuch auf so aufregende und innovative
Art kombiniert. Geprägt durch verschiedenste mediale Formen wie Videospiel,
Comic und Film liegt hier ein Bilderbuchereignis der besonderen Art vor.
Aus dem Engl. v.
Zoran Drvenkar.
Carlsen 2005.
56 S., € 18,50.
ISBN 978-3-551-51648-0
Maritgen Matter / Anke Faust: Ein Schaf fürs Leben
Wenn der Wolf in einer Geschichte auftaucht,
kann das nichts Gutes heißen: So haben es uns die Märchen gelehrt.
Das potentielle Opfer ist hier ein Schaf –in galanten Strick gewandet und
mit kindlich-naiver Freude auf das Unbekannte ausgestattet. Den Wolf nimmt das
leutselige Tier herzlich in Empfang und folgt ihm ohne Scheu zu einer winterlichen
Schlittenfahrt nach Erfahrungen. Collagen mit starkem fotografischen Anteil setzen
zwei Figuren in Szene, die reichlich konträre Erwartungen in den gemeinsamen
Ausflug setzen und wie Freunde wirken. Oder können sogar wirklich Freunde
aus den beiden werden? Genau im liebevoll-ehrlichen Umgang mit diesem Motiv liegt
die Besonderheit dieser anrührenden Geschichte: Im Wissen um seine kulinarischen
Vorlieben trifft der Wolf eine schmerzhafte Entscheidung…
Aus dem Norweg. v.
Sylke Hachmeister.
Oetinger 2003.
64 S.,
€ 10,20.
ISBN 978-3-7891-4239-0
Cornelia Funke: Kleiner Werwolf
Der Bub Motte wird auf
dem Heimweg vom Kino von einer Art Hund gebissen – einem Hund mit seltsam
gelben Augen. Die Wunde ist eigentlich nur ein Kratzer, aber Motte fühlt
sich ganz seltsam danach: Beim Abendessen fallen ihm plötzlich Gerüche
ganz intensiv auf, im dunklen Badezimmer kann er gut sehen und seine Hand wird
irgendwie pelzig. Seine beste Freundin hat Verständnis für seine Lage
und am nächsten Tag ist alles wieder normal, doch jede Nacht wieder verwandelt
er sich – der Hund scheint also doch kein Hund, sondern ein Werwolf gewesen
zu sein… Humorvoll erzählt die Autorin von den Nöten des "kleinen
Werwolfs", der plötzlich Appetit auf Meerschweinchen bekommt. Doch
durch die tatkräftige Unterstützung von Lina und einer Lehrerin wird
die Verwandlung schließlich rückgängig gemacht und Motte bewahrt
sich gerade so viel Wölfisches, wie in seinen kindlichen Alltag gut integrierbar
ist.
Dressler 2002.
95 S., € 9,10.
ISBN 978-3-7915-0463-6
Gunnel Linde / Ulf K.: Hilfe! Ich bin ein Werwolf
Der schwedische Junge Ulf ist nach intensiver Lektüre eines Buches über die Wolfsmenschen sicher, dass er sich seit der vergangenen Nacht unaufhaltsam selbst in einen verwandelt. Denn als er mit seinen Freunden Äpfel aus dem Garten des geheimnisumwitterten alten Mannes stehlen wollte, wurde er plötzlich von einem übergroßen Hund gebissen – oder war es gar der alte Mann selbst? Plötzliche Wutausbrüche, ungeahnte Schreie in der Schule, körperliche Veränderungen und ständige Konflikte mit seiner Familie bestärken Ulf in der literarisch unterstützten Prognose, in kurzer Zeit die Verwandlung zum Werwolf abgeschlossen zu haben. Was für den schulischen Außenseiter zuerst wie ein unbezahlbarer Zugewinn an Kraft, Macht und Ausstrahlung erscheint, verkehrt sich schon bald in Angst vor sich selbst: Wird er sich dann immer noch unter Kontrolle haben oder könnte es sein, dass seine monströsen Instinkte Überhand nehmen und ihm den eigenen Willen nehmen?
Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die sich gern gruseln, lachen oder am liebsten beides unterhaltsam miteinander verbinden.
Aus dem Schwed. v. Birgitta Kicherer.
Gerstenberg 2009.
160 S., € 13,30.
ISBN 978-3-8369-5243-9
Käthe Recheis: Wolfsaga
"Molse Mawa" wird
Käthe Recheis von einem Indianerstamm genannt – Beschützerin des
Wolfes. Immer wieder positioniert sie diese Tiere in ihrem Werk als Leitfiguren
eines verantwortungsvollen Miteinander – doch in keinem Text widmet sie
sich dem Wolf so umfangreich wie in dieser Saga, die ausschließlich unter
Wölfen spielt: Gezeigt wird Schöpfungsverantwortung an einer Beispielgeschichte,
die Käthe Recheus in einer mythischen Zeit ansiedelt, als noch alle Wesen
Waka, dem Gesetz der Schöpfung, gehorchen; bis ein Riesenwolf aus dem Norden
dieses Gesetz bricht und mit seinem Rudel Zahllos seine Rasse über alle anderen
stellt. Seinem falschen Sendungsbewußtsein und dem Sog der Masse stellt
sich ein einziges Rudel entgegen, dessen Stärke in seiner Sanftmut liegt.
Mit höchster Konzentration und sprachlichem Niveau wird ungemein spannend
vom Rudelverhalten der Wölfe erzählt – eingebettet in eine symbolträchtige
archaische Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse.
dtv junior 1997.
512 S., € 13,40.
ISBN 978-3-423-70469-4
Michelle Paver: Wolfsbruder. Chronik der dunklen Wälder (Band 1 von 6)
Die Erzählung bezieht ihre Handlung aus einer menschlichen Frühzeit von Jägern und Sammlern, in der nomadische Familien ihr Leben inmitten einer ungebändigten und übermächtigen Natur organisieren. Der 12-jährige Torak und sein schamanischer Vater leben in dieser Welt als Außenseiter. Als Torak mehr über die Hintergründe erfahren soll, ist es schon zu spät: Ein Bär, von dem ein mächtiger Dämon Besitz ergriffen hat, ermordet seinen Vater. Er selbst kommt knapp mit dem Leben davon. Und findet zu allem Überfluss einen jungen, kaum überlebensfähigen Wolf, der als einziger seines Rudels ein Hochwasser überlebt hat. Aus der Schicksalsgemeinschaft der beiden entwickelt sich eine über die natürlichen Grenzen hinausgehende Freundschaft, ja Bruderschaft zwischen Tier und Mensch. Der sprachlich reichen und bildstarken Erzählung gelingt in außerordentlicher Weise die Nachahmung der wölfischen Sichtweise und Sprache. Die Handlungsfolge bleibt im Schema eines Abenteuer- und Fantasy-Mixes mit einer geheimnisvollen Prophezeiung über Toraks besondere Beziehung zum Wolf und die Jagd auf den Bären.
Aus dem Engl. v. Katharina Orgaß und Gerald Jung.
cbj 2008.
288 S., € 7,20.
ISBN 978-3-570-21961-4