Thema: Der Wolf kommt ...
Mario Ramos: Ich bin der Stärkste im ganzen Land!
Unerwartete Größenverhältnisse sorgen für ein effektvolles finales Erschrecken – zumindest beim Wolf, der noch soeben mit stolzgeschwellter Brust durch den Wald marschiert ist und einem Sammelsurium gnomenhaft wirkender Märchenwesen das Bekenntnis abverlangt hat, dass er, und nur er, der Allerstärkste und Allerschrecklichste im ganzen Land sei. Doch wer, wenn nicht er, sollte seinen Meister in jemandem so unscheinbaren wie einem kleinen grünen Kröterich finden? So zentral der Wildeste und Fürchterlichste auch erscheint, so unbekümmert zeigt sich ihm gegenüber jemand, der den Mama-Talon im Ärmel hat. Ein ebenso schlichte wie köstliches Bilderbuch, das auch noch der Erweiterung des kindlichen Schimpfwort-Repertoires dient: Denn wer rechnet schon damit, als misslungene Artischocke beflegelt zu werden?
Aus dem Französ. v.
Markus Weber.
Moritz 2009.
32 S., € 11,10.
Pija Lindenbaum: Franziska und die Wölfe.
Franziska ist schüchtern und traut sich fast gar nichts. Als sie bei einem Ausflug mit dem Kindergarten hinter den anderen zurückbleibt, findet sie sich plötzlich allein im dunklen Wald. Und da blinken auch schon gelbe Augen hinter den Bäumen hervor, mischt sich das Knirschen scharfer Zähne mit Blättergeraschel. Wölfe! Franziska sieht und hört sie. Und: Übernimmt mutig das Kommando über das struppige Rudel… Wald und Wölfe - symbolische Manifestationen kindlicher Ängste - werden, indem Franziska sie benennt, gleichsam spielend überwunden. Tag und Nacht werden aufgelöst; der Übergang von realer zu irrealer Ebene bleibt - der kindlichen Vorstellungswelt entsprechend - fließend und unkommentiert. Karikaturhafte Figurenzeichnung, vor allem aber die ausgezehrten Wölfe, die begeistert nach Franziskas Pfeife tanzen, erobern die Herzen der BetrachterInnen und passen wunderbar zum unbeschwerten Ton der Geschichte.
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer.
Moritz 2002.
Neil Gaiman: Die Wölfe in den Wänden.
Lucy hört Geräusche in den Wänden ihres Hauses. Doch während der Rest ihrer Familie dahinter Harmloses wie Mäuse oder Ratten vermutet, weiß sie genau: Es sind Wölfe. Und wenn die Wölfe aus den Wänden kommen, so die apokalyptische Voraussage der anderen, dann ist alles vorbei. Und sie kommen tatsächlich, die Wölfe. Doch bevor das durch die furchterregende visuelle Umsetzung ausgelöste Grauen überhand nimmt, wird die Geschichte immer wieder ironisch gebrochen. Kinderzeichnungen, Fotografien, gerissenes Papier, Tuschezeichnungen – selten wurden so viele unterschiedliche Stilformen in einem Bilderbuch auf so aufregende und innovative Art kombiniert. Geprägt durch verschiedenste mediale Formen wie Videospiel, Comic und Film liegt hier ein Bilderbuchereignis der besonderen Art vor.
Illustriert von David McKean.
Aus dem Englischen von Zoran Drvenkar.
Carlsen 2005.

Maritgen Matter: Ein Schaf fürs Leben.
Wenn der Wolf in einer Geschichte auftaucht, kann das nichts Gutes heißen: So haben es uns die Märchen gelehrt. Das potentielle Opfer ist hier ein Schaf –in galanten Strick gewandet und mit kindlich-naiver Freude auf das Unbekannte ausgestattet. Den Wolf nimmt das leutselige Tier herzlich in Empfang und folgt ihm ohne Scheu zu einer winterlichen Schlittenfahrt nach Erfahrungen. Collagen mit starkem fotografischen Anteil setzen zwei Figuren in Szene, die reichlich konträre Erwartungen in den gemeinsamen Ausflug setzen und wie Freunde wirken. Oder können sogar wirklich Freunde aus den beiden werden? Genau im liebevoll-ehrlichen Umgang mit diesem Motiv liegt die Besonderheit dieser anrührenden Geschichte: Im Wissen um seine kulinarischen Vorlieben trifft der Wolf eine schmerzhafte Entscheidung…
Aus dem Norweg. v.
Sylke Hachmeister.
Illustriert von Anke Faust.
Oetinger 2003.
Cornelia Funke: Kleiner Werwolf.
Der Bub Motte wird auf dem Heimweg vom Kino von einer Art Hund gebissen – einem Hund mit seltsam gelben Augen. Die Wunde ist eigentlich nur ein Kratzer, aber Motte fühlt sich ganz seltsam danach: Beim Abendessen fallen ihm plötzlich Gerüche ganz intensiv auf, im dunklen Badezimmer kann er gut sehen und seine Hand wird irgendwie pelzig. Seine beste Freundin hat Verständnis für seine Lage und am nächsten Tag ist alles wieder normal, doch jede Nacht wieder verwandelt er sich – der Hund scheint also doch kein Hund, sondern ein Werwolf gewesen zu sein…Humorvoll erzählt die Autorin von den Nöten des „kleinen Werwolfs“, der plötzlich Appetit auf Meerschweinchen bekommt. Doch durch die tatkräftige Unterstützung von Lina und einer Lehrerin wird die Verwandlung schließlich rückgängig gemacht und Motte bewahrt sich gerade so viel Wölfisches, wie in seinen kindlichen Alltag gut integrierbar ist.
Dressler 2002.Gunnel Linde / Ulf K.: Hilfe! Ich bin ein Werwolf.
Der schwedische Junge Ulf ist nach intensiver Lektüre eines Buches über die Wolfsmenschen sicher, dass er sich seit der vergangenen Nacht unaufhaltsam selbst in einen verwandelt. Denn als er mit seinen Freunden Äpfel aus dem Garten des geheimnisumwitterten alten Mannes stehlen wollte, wurde er plötzlich von einem übergroßen Hund gebissen – oder war es gar der alte Mann selbst? Plötzliche Wutausbrüche, ungeahnte Schreie in der Schule, körperliche Veränderungen und ständige Konflikte mit seiner Familie bestärken Ulf in der literarisch unterstützten Prognose, in kurzer Zeit die Verwandlung zum Werwolf abgeschlossen zu haben. Was für den schulischen Außenseiter zuerst wie ein unbezahlbarer Zugewinn an Kraft, Macht und Ausstrahlung erscheint, verkehrt sich schon bald in Angst vor sich selbst: Wird er sich dann immer noch unter Kontrolle haben oder könnte es sein, dass seine monströsen Instinkte Überhand nehmen und ihm den eigenen Willen nehmen?
Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die sich gern gruseln, lachen oder am liebsten beides unterhaltsam miteinander verbinden.
Aus dem Schwed. v. Birgitta Kicherer.
Gerstenberg 2009.

Käthe Recheis: Wolfsaga.
„Molse Mawa“ wird Käthe Recheis von einem Indianerstamm genannt – Beschützerin des Wolfes. Immer wieder positioniert sie diese Tiere in ihrem Werk als Leitfiguren eines verantwortungsvollen Miteinander – doch in keinem Text widmet sie sich dem Wolf so umfangreich wie in dieser Saga, die ausschließlich unter Wölfen spielt: Gezeigt wird Schöpfungsverantwortung an einer Beispielgeschichte, die Käthe Recheus in einer mythischen Zeit ansiedelt, als noch alle Wesen Waka, dem Gesetz der Schöpfung, gehorchen; bis ein Riesenwolf aus dem Norden dieses Gesetz bricht und mit seinem Rudel Zahllos seine Rasse über alle anderen stellt. Seinem falschen Sendungsbewußtsein und dem Sog der Masse stellt sich ein einziges Rudel entgegen, dessen Stärke in seiner Sanftmut liegt. Mit höchster Konzentration und sprachlichem Niveau wird ungemein spannend vom Rudelverhalten der Wölfe erzählt – eingebettet in eine symbolträchtige archaische Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse.
dtv junior 1997.512 S.
Michelle Paver: Wolfsbruder. Chronik der dunklen Wälder (Band 1 von 6).
Die Erzählung bezieht ihre Handlung aus einer menschlichen Frühzeit von Jägern und Sammlern, in der nomadische Familien ihr Leben inmitten einer ungebändigten und übermächtigen Natur organisieren. Der 12-jährige Torak und sein schamanischer Vater leben in dieser Welt als Außenseiter. Als Torak mehr über die Hintergründe erfahren soll, ist es schon zu spät: Ein Bär, von dem ein mächtiger Dämon Besitz ergriffen hat, ermordet seinen Vater. Er selbst kommt knapp mit dem Leben davon. Und findet zu allem Überfluss einen jungen, kaum überlebensfähigen Wolf, der als einziger seines Rudels ein Hochwasser überlebt hat. Aus der Schicksalsgemeinschaft der beiden entwickelt sich eine über die natürlichen Grenzen hinausgehende Freundschaft, ja Bruderschaft zwischen Tier und Mensch. Der sprachlich reichen und bildstarken Erzählung gelingt in außerordentlicher Weise die Nachahmung der wölfischen Sichtweise und Sprache. Die Handlungsfolge bleibt im Schema eines Abenteuer- und Fantasy-Mixes mit einer geheimnisvollen Prophezeiung über Toraks besondere Beziehung zum Wolf und die Jagd auf den Bären.
Aus dem Engl. v. Katharina Orgaß und Gerald Jung.
cbj 2008.
288 S.
Maryrose Wood: Das Geheimnis von Ashton Place (4 Bände)
"Gesucht ab sofort: Tatkräftige Gouvernante für drei lebhafte Kinder. Erfahrung im Umgang mit Tieren dringend erwünscht." Als die bibliophile Penelope, "Absolventin des Swanburne-Instituts für kluge Mädchen aus armen Verhältnissen" die Stelle antritt, kann sie noch nicht ahnen, wie die Verbindung von viktorianischen Tugenden und animalischem Trieb wirklich geartet ist. Denn die Kinder haben keine Haustiere, sondern selbst tierischen Hintergrund: Alexander, Beowulf und Cassiopeia sind Findlinge aus dem Wald – immer auf der Jagd nach Eichhörnchen. Dem mit viel Ironie gestalteten "Bildungsroman" ist nicht nur humanistisches Gedankengut eingeschrieben, sondern auch eine mysteriöse Geheimnisstruktur. Im 2. und 3. Band werden die urbane und die wortwörtliche Wildnis durchforstet, schließlich verschlägt es Gouvernante Penelope und ihre drei anvertrauten Wolfskinder in die Wälder und sogar nach London. Dort streuen ein mysteriöser Stadtführer und die Prophezeiung "Die Jagd ist eröffnet" neue Indizien ins Rätsel um die Herkunft der Kinder, das mittlerweile auch die Herkunft von Penelope einschließt ...
Aus dem Engl. v. Eva Plorin.
Ill. v. Monika Parciak.
Thienemann 2012.
283 S.
Thienemann 2013. 336 S.
Thienemann 2013. 352 S.
Thienemann 2014. 352 S.

