Hanser 2020. € 14,00.

Micha Friemel und Jacky Gleich: Lulu in der Mitte

Im Mai 2014 war im Rahmen der Wiener Festwochen eine zuvor bereits in Moskau und im „Theater der Welt“ in Mannheim umfassend bejubelte Inszenierung zu sehen: Tararabumbia. Bereits der Titel verweist auf jene musikalische Bildrevue, die an den staunenden Zuseher_innen wortwörtlich vorbeizog:

Um die achtzig Darsteller ziehen ununterbrochen über einen langen Laufsteg, der sich seinerseits bewegt. Auf dem Laufband sieht man Tschechow-Figuren auf Stelzen, überlebensgroße und ganz kleine Puppen, Menschen, die Drachen steigen lassen und Militäraufmärsche wie man sie aus der Sowjetunion kennt. Regisseur dieser Revue ist der ausgebildete Bühnenbildner Dmitry Krymov, Mitte 50, und Leiter des Krymov Labors in Moskau, das schon einige eigene spektakuläre Inszenierungen geschaffen hat.
(Ö1 Morgenjournal vom 28.5.2014) 

Schlägt man die erste Doppelseite von „Lulu in der Mitte“ auf, könnte man meinen, auch Jacky Gleich hätte diese Inszenierung gesehen und sich davon inspirieren lassen. Denn wie auf einem Laufband scheinen die Figuren von links nach rechts an einem vorbeizuziehen; allesamt in ungewöhnlicher Dynamik: Vorneweg Kaspar, auf Stelzen, der seine jauchzende Baby-Schwester Leonore in einer Seifenkiste ohne Räder hinter sich herzieht; gefolgt von der Mutter, die mit rettend ausgestreckten Armen und schreckgeweiteten Augen hinter den beiden herhechtet, und deren comicartige Speed-Lines die kleine Lulu umkreisen und beinahe umwerfen. Lulu, die am linken Bildrand zurück bleibt und als einzige nicht in Bewegung ist; vielmehr stellt sie durch ihre leichte, schützende Rückwärtsneigung beinahe eine Gegenbewegung her. Kaspar trägt Kopfhörer. Hört er darin die auf Trommel und Trompete basierende Bühnenmusik von Tararabumbia?
Fast könnte man das glauben, denn mit dem Umblättern läuft erneut ein ganz ähnliches Szenario vor den Augen der Leser_innen ab. Die Chorus Line, die die erste Doppelseite wortwörtlich zur Bühne werden ließ, ist nun verschwunden. Der Bilderbuchraum ähnelt mit seinen wenigen, assoziativen Raum-Requisiten dennoch dem Bühnenraum. Wie in der Londoner „Harry Potter“-Inszenierung scheinen hier mobile Türen, Schränke, Regale in einem dynamischen Hin und Her herein und wieder hinausgeschoben worden zu sein. Und erneut ziehen die Figuren wie auf Dmitry Krymovs Laufband an einem vorbei: Vorneweg erneut Kaspar, diesmal Pilot eines selbstgebauten Karton-Helikopters; dahinter die Mutter, die sowohl die Baby-Schwester Leonore als auch die Stelzen in Sicherheit gebracht hat. In die Bild-Revue reiht sich nun auch die Großmutter ein und (!) bläst jubelnd Kaspars selbstgebaute Trompete. Denn schließlich ist Kaspar in ihren Augen ein außergewöhnlich begabtes Kind, das Melkmaschinen, Kühlschrankventilatoren und Musikinstrumente bastelt. „Irgendwann“, sagt Oma, „bekommst du dafür den Nobelpreis.“
Am linken Bildrand wieder … richtig: Lulu. Zurückgelassen im revueartigen Tumult, der da an uns vorüberzieht. Mit Schere und Papier in der Hand. Und leicht angenervtem, um nicht zu sagen bösem Blick.
Keine Sorge, Lulu wird diese Schere gegen niemanden richten; es handelt sich schließlich nicht um eine Junk-Version der Familienszenen aus Shockheaded Peter. (Auch wenn die Musik der Tiger Lillies ganz wunderbar zu den ersten beiden Doppelseiten passen würde.) Es handelt sich um eine ganz unspektakuläre Geschichte über die Gefühle eines Sandwichkindes, die stets zwischen Omas Putzelchenbegeisterung für die Baby-Schwester und Omas Jubelausbrüche über die zukünftige Nobelpreisqualität des älteren Bruders hindurch fällt. Dabei ist Lulu gar nicht schüchtern, wie ihr kleiner rache-Akt an Schwesterchen Leonore zeigt; sie ist einfach stiller als das brüllende Baby und der nerdige Kaspar, der schon mal auf Christo (kurzer Gedenkmoment …) macht und die Möbel kunstaktionsreif mit Wollfädennetzen umwickelt. Der Hinweis darauf, kein Baby mehr zu sein, wird je nach elterlichem Bedarf schnippisch variiert und Lulus besondere Gabe nicht recht gewürdigt. Denn Lulu liebt es, Papier zu schnippeln und es wie Konfetti um sich schweben zu lassen.

Micha Friemels Textpassagen sind knappe Verweise auf die Situation, die Jacky Gleich aufgreifen und zu ihrer Bilder-Buch-Bühnen-Inszenierung erweitern kann. Sie arbeitet aus dem leeren Raum heraus und lässt durch ihre Raumgestaltung dennoch die Konstante einer Bewegung von links nach rechts über jede Doppelseite hin erneut wirksam werden. (Selbstverständlich inklusive akzentuierter Gegenbewegungen). Sie arbeitet mit schwarzen Buntstiftkonturen, zum Teil reduziert wie es das La Linea-Männchen war. (Da ist sie wieder, die Linie, die Chorus Line, die Bodenkante, die den Bilderbuchraum strukturiert und den revueartigen Fließbandcharakter im Sinne von Dmitry Krymov aufruft.) Auch wenn die Figuren natürlich nicht dieser Linie entwachsen, sondern fast Schneemann/Schneefrau-artige Köpfe haben und Körper, die durch ihre Kleider angedeutet werden; Kleider aus denen dann die Strichmännchen-Hände und -Füße ragen. Neben dem konturgebenden Schwarz und ein wenig Braun, das der Raumgestaltung dient, bleibt Jacky Gleich dabei auf zwei Farben konzentriert. Auf ein karottenrotes Orange, das zuallererst der karikierenden Andeutung der Frisuren dient, aber auch gemeinsam mit einem Grünblau für die reduzierten Bekleidungsdetails sorgt.
Diesen scheinbaren Minimalismus – und darin liegt der besondere Reiz der Illustrationen – konterkariert Jacky Gleich mit zahllosen Bilddetails: Schuhe im Regal, rote Bälle (Das Haus am Hügel lässt grüßen), Bücher, Bauklötze, die mit dem Umblättern plötzlich riesenhaft erscheinen, Bücher, Teller, Töpfe, Regenschirme. Und natürlich das kleine Zwischenwesen: der Familienhund, der seine ganz eigene Beziehung zum Goldfisch, insbesondere aber zum Baby-Schwesterchen Leonore pflegt. Zu Lulus Unglück dazu erzählt werden also kleine Alltagsszenarien, in denen Klopapier ab- und aufgewickelt wird, während U-Boote in die Badewannen-See stechen. Und immer scheint Lulu dabei viel zu wenig Frei-Raum für sich zu haben. Bis ihr der Kragen platzt – und sie den ohnehin schon leicht überforderten Eltern den Rest gibt.
An diesem Punkt jedoch wissen die beiden noch einmal die letzten Kräfte aufzubringen und Lulu ihren entsprechenden Platz im Familiengefüge einzuräumen. Dieserart gestärkt kann Lulu dann die Nacht zum Tag machen und sich endlich ihr eigenes Dasein zurechtschnipseln. Tararabumbia!


Heidi Lexe


Jacky Gleich gehört zu den renommiertesten Illustrator_innen im deutschsprachigen Raum. Sie kann für Workshops, Seminare, Vorträge usw. angefragt werden.
Kontakt: jacky@blumengleich.de

Die STUBE ist zwar kein Sandwichkind, über die (geliebten) Geschwister hat man jedoch schon einige Male (laut) nachgedacht. Nicht nur privat, sondern auch auf publizistischer Ebene:

In Susan Krellers Roman "Elektrische Fische" (Carlsen), der 2020 mit dem >>>Katholischen Kinderbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz ausgezeichnet wurde, geht es zentral um das Spannungsverhältnis zwischen der Frage nach der eigenen Identität und dem damit verbundenen Verhältnis zu den Geschwistern. Heidi Lexe und Kathrin Wexberg thematisieren dies im Rahmen der >>>Kröte des Monats Jänner 2020.

Davon inspiriert, hat sich das STUBE-Team auf die Suche nach besonderen Geschwister-Beziehungen in Kinder- und Jugendliteratur gemacht und eine umfangreiche und annotierte >>>Buchliste zum Thema Geschwister erstellt.

Mehr Buchtipps zum #Geschwister sind in den >>>altersspezifischen Buchlisten zu finden. Dort ist zum Beispiel ein weiteres Buch aus Paul-Maars >>>Nele-Reihe rezensiert.

Simone Weiss hat sich unter dem Titel "Bin ich der Wächter meins Bruders?" die Figur des großen Bruders in der realistischen Kinder- und Jugendliteratur der 2010er-Jahre angesehen und ein >>>Skriptum in der Reihe fokus dazu verfasst.

Mit einer noch gewagteren Frage "Verblödet – aber gut gelaunt?" hat Heidi Lexe im Jahr 2000 Jacky Gleich porträtiert. Der >>>Beitrag ist damals im vierten Heft von 1001 Buch erschienen.

Und zu guter letzt lassen wir Jacky Gleich selbst zu Wort kommen. Das >>>verschriftlichte Referat mit dem genialen Titel "Ich zeichne gegen die Verniedlichung der Welt" erschien im Jahr 2001 im Tagungsband der STUBE "Auf der Suche nach der Matrix. Ästhetische Verfahren in der Kinder- und Jugendliteratur."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Niederl. v. Rolf Erdorf.
Gerstenberg 2020. € 15,50.

Daan Remmerts de Vries und Floor Rieder: Der Zyklop

Bereits durch seine auffällige und aufwendige Covergestaltung besticht dieses aus dem Niederländischen übertragene Bilderbuch: Ein grünes echsenartiges einäugiges Monster droht ein erschrockenes Insekt zu verschlingen. Der Schriftzug „Der Zyklop“ prangt auf dem Hintergrund seines großzügig ins Bild gesetzten Bauches, dessen feine Schraffuren durch minimale Hervorhebungen auch physisch ertastet werden können. Nicht weniger eindrucksvoll präsentiert sich das Buch nach dem Aufschlagen. Der Text tritt fast vollständig in den Hintergrund, wird in kleiner unauffälliger Schrift maximal peripher am oberen oder unteren Rand der mal bildgewaltigen, mal detailverliebten Illustrationen platziert. Gleich auf der allerersten Doppelseite zoomen wir ganz nah an das frontal vergrößerte Auge des titelgebenden Protagonisten heran. Ein Zyklop hat nur ein Auge, führt der Text in das markante, wesensdefinierende Merkmal jener Kreatur ein, die traditioneller Weise Furcht und Schrecken verbreitet.

Dass das von Daan Remmerts de Vries verfasste Bilderbuch aber keinesfalls bei gewöhnlichen Darstellungsweisen stehen bleibt, sondern dieserart Konventionen vielmehr mit Ironie und Humor bricht, wird schon nach dem ersten Umblättern deutlich, wenn der Text launisch fragt: Ein Auge – wie viel kann man damit sehen? Zwei übereinander platzierte, horizontal in die Länge gezogene Panels zeigen den einäugigen Riesen ergänzend dazu kontemplativ an einem Fluss- oder Teichufer sitzen und mit niedergeschlagenem Gesichtsausdruck ins Wasser blicken, während sich dieser ob seiner mangelhaften Sehkraft lamentiert. Der Seufzer, der seinen Lippen entgleitet, wird in Floor Rieders bemerkenswert ausdrucksstarken Bildern dabei regelrecht hörbar. Zuletzt hatte die niederländische Künstlerin mit ihren Illustrationen zu der als Wendebuch gestalteten Ausgabe von „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ beeindruckt, dessen stimmiges, sorgsam ausgestaltetes künstlerisches Gesamtkonzept sich durch gezielt gesetzte farbliche Akzentuierungen und eine an Holzschnitte erinnernde Technik mit modernem, innovativem Layout auszeichnete. Auf ähnliche Weise lässt Floor Rieder nun in detailliert ausgearbeiteten, am Computer nachkolorierten Linolschnitten in langen doppelseitigen Panoramaansichten ein ganzes Insektendorf entstehen, in dem Heuschrecken – in völliger Ignoranz gegenüber der Existenz des Zyklopen – in Hängematten dösen, Bienen genussvoll Hönig schlemmen und Raupen auf Pilzen Pfeife rauchen (die kennen wir doch!). Aber nicht alles ist Eitel, Wonne, Sonnenschein in Krümelspritz, jeder und jede hat hier seine/ihre Aufgabe und trägt so zum reibungslosen Funktionieren des großen (bzw. in diesem Fall eher miniaturhaft kleinen) Ganzen bei:

Die Seidenraupe spann Bettdecken.
Die Kakerlake sammelte die vollgekackten Eimerchen ein.
Die Rote Kreuzspinne versorgte die Kranken.
Die Wasserjungfer verteile Gläser mit Getränken.
Die Fleischfliege machte Rauchwürste.


Kurzum: alle waren füreinander da – bis eines Tages der Zyklop auftaucht und das Insektendorf Godzilla-gleich verwüstet.
Dabei sequenziert Floor Rieder ihre Bilder in Panels und legt so parallel zu Daan Remmerts de Vries Text schrittweise offen, dass der (scheinbar zu Unrecht als Monster deklarierte) Protagonist gar nicht aus absichtlicher Boshaftigkeit, sondern aufgrund seiner eingeschränkten Sehkraft ungewollt auf Kirchturm und Schulbus tritt. Da eilen die altruistischen Insekten dem frustrierten Zyklopen selbstverständlich sofort zur Hilfe, basteln ihm flink eine Brille – penibel werden hier die entzückenden Handwerksarbeitschritte der eifrigen Helferlein ins Bild gesetzt – und alles könnte wieder gut sein. Wenn der Zyklop nur nicht so dickköpfig wäre …

Wiederholt bricht die Erzählung mit bereits aufgebauten Spannungsbögen und spielt gekonnt mit den Erwartungshaltungen der Leser_innen, um schließlich ausgelassen das Moment des (Monsterhaft-)Anarchischen zu feiern. Demgemäß ähnelt der Zyklop auch weniger einer klassischen Repräsentation der riesenhaften Kreatur aus der griechischen Mythologie, sondern erinnert dank seiner schuppenartigen Haut, seinen abgerundeten Fußspitzen, seiner hervorschnellenden Zunge und nicht zuletzt seiner geschmeidigen, sich windendenden Körperbewegungen eher an einen (einäugigen) Gecko. Als eine solche chimärenhafte Echse fällt er im Mikrokosmus des Insektendorfes nicht nur durch seine okulare Mutation, sondern vor allem auch durch seine relative Größe aus der Norm. Bei aller (vermeintlichen) Liebenswürdigkeit ist der Zyklop aber letztlich doch ein Zyklop, der tut, was ein Zyklop am besten kann.

Fast unerträglich verständnisvoll zeigen sich die Insekten im Angesicht dieses nun wirklich nicht nett[en] Egozentrismus …

„Der arme Mann“, sagt er dann. „Da geht er wieder. So ganz allein.“
„Furchtbar“, sagten die Dorfbewohner. „Was für ein armer Tropf!“
„Tja, so ist das“, sagte der Bürgermeister. „Das sieht man auch ohne Brille.“


… und bauen mit unbeirrbarem Optimismus und noch genauso nett wie immer ihre Häuser wieder auf. Eine erfrischende Erzählung, die keine Möglichkeit zur überraschenden Kehrtwende auslässt, dabei aber nicht nur durch ihre spielerische Dramaturgie, sondern nicht zuletzt auch durch ihre kunstvolle Bildgestaltung beeindruckt. Monster bleiben (manchmal) eben Monster.


Claudia Sackl



Auf die Dickköpfigkeit von Zyklopen haben schon Aidan Onn und Rob Hodgson in ihrem Bilderbuch „Das Alphabet der Monster“ (Laurence King Verlag) hingewiesen: Dessen Ordnungssystem hat sich die STUBE zum Anlass genommen, um eine umfangreiche annotierte >>>Buch- und Medienliste mit kinder- und jugendliterarischen Monstern zu jedem Buchstaben des ABCs zusammenzustellen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Picus 2020. € 22,00.

Cornelia Travnicek: Feenstaub

Petru, Chetra und Magare leben auf einer Insel. Sie haben kein festes Zuhause, keinen geordneten Tagesablauf, keine "richtige" Familie. In dem Getummel der Großstadt bedienen sie sich an dem Reichtum derer, die, wie es scheint, mehr als genug haben. Abliefern müssen sie das Erbeutete bei dem skrupellosen Krakadzil, der nicht zögert, handgreiflich zu werden, wenn die Rechnung einmal nicht stimmt. Ertragen können sie all das nur dank des Feenstaubs, mit dem sie Krakadzil versorgt. Als Petru jedoch Marja kennenlernt, mit ihr die fremde Sprache sprechen und lesen lernt und sich in sie (und ihre warmherzige Familie) verliebt, scheint sein Leben endlich eine Wendung zu nehmen.

Ihren dritten Roman lehnt Cornelia Travnicek an “Peter Pan” an und verknüpft dabei zeitlose Märchenmotive mit gegenwärtiger Sozialkritik. Vor der Folie von James Matthiew Barries Klassikertext erzählt sie von verlorenen, verwunschenen Jungen, einem tickendenden, alles verschlingenden Krokodil und einer mütterlich fürsorglichen Gwendolin. Anders als der Peter Pan des Originals ist Petru jedoch kein Anführer, sondern nur blinder Passagier in seiner eigenen Geschichte wie auch in seinem eigenen Leben. Sein unentdecktes, insulares Dazwischen fällt – wie Nimmerland – aus Zeit und Raum, so wie auch dessen Bewohner_innen aus dem Raster und durch das Sicherheitsnetz der Mehrheitsgesellschaft fallen – unsichtbar solange sie deren Leben nicht unmittelbar berühren.
Dass der magisch-ermächtigende Feenstaub aus “Peter Pan” – der nur wirkt, wenn man an ihn glaubt – dabei zu jener devastierenden Substanz wird, die die Heranwachsenden zwar für kurze Zeit “fliegen”, aber schon bald darauf noch tiefer fallen lässt, ist bezeichnend für Cornelia Travniceks sorgfältig arrangierte Metamorphose des Originaltexts, an der sie unglaubliche sieben Jahre gearbeitet hat. Das in “Peter Pan” nur latent angelegte Moment der Bedrohlichkeit wird in Travniceks Transformation an die Oberfläche geholt: Ist das Verweigern des Erwachsenwerdens für Peter Pan und die Kinder in Nimmerland mehr ein rebellisch-aufsässiges Spiel als bitterer Ernst, wird es in dem nur scheinbar phantastischen Text der österreichischen Autorin mit der harten Realität der Opfer von Kinderhandel konfrontiert: Petru und die anderen wollen und dürfen nicht erwachsen werden, denn als Taschendiebe haben Kinder einerseits leichteres Spiel, andererseits kommen mit dem mündigen Alter auch Unsicherheiten und Verantwortlichkeiten – nicht zuletzt vor dem Gesetz – auf sie zu, durch die ihre Lebenssituation womöglich noch prekärer werden würde. Und so belügen sie die anderen und sich selbst, machen sich jünger, als sie tatsächlich sind, um einen Schutzraum zu beanspruchen, den sie bitter nötig haben. Wie alt Petru nun genau ist, das weiß er ohnehin nicht mehr.

Erzählt wird die Geschichte in einzelnen Textfragmenten, die mal aus mehreren Seiten, mal aus einem einzigen knappen, mal aus einem zeilenlang gedehnten Satz bestehen. So ausschnitthaft wie die Form ist auch das Erzählte selbst: Nur vereinzelt erfahren wir Versatzstücke aus Petrus Vergangenheit. Er ist “nicht von hier”, kommt aus einem Land, dessen Bewohner_innen eine andere Sprache als jene seines neuen Zuhauses sprechen. Erst spät im Text lernen wir, dass er nicht einmal die hiesige Schrift lesen kann. Geografische, kulturelle, politische oder zeitgeschichtliche Hintergründe werden von Cornelia Travnicek nicht genauer ausgeleuchtet. Sie bleiben unbestimmt und können so von jedem Leser und jeder Leserin mit eigenen Assoziationen und Erfahrungen befüllt werden. Manch eine wird vielleicht meinen, in Petrus nebelumwobenem “Niemandsland” die Wiener Donauinsel wiederzuerkennen. Ein anderer wird womöglich gar nicht an ein wortwörtliches Eiland denken. Anstelle einer konkreten Verortung wird für Petru aber gerade das Fehlen seiner Biografie und das – ebenfalls an Peter Pan erinnernde – Rollenspiel identitätsstiftend:
Jedes Mal, wenn ich Marja sehe, lüge ich. Wenn ich sie nicht anlügen würde, könnte ich sie nicht sehen. Lieber wäre mir, dass alles, was ich ihr bisher erzählt habe, mit einem Schlag die Wahrheit wäre, damit ich endlich ich bin, auch wenn ich dann ein anderer sein müsste, nur damit ich mich nicht mehr fühle, als hätte ich die Verbindung zu mir verloren, als ginge ich ständig mit Abstand zu mir selbst.

Wenn das Erinnern scheitert, sehnt sich Petru danach, kein Davor, kein Danach, nur ein Jetzt zu haben. Denn die heile Traumwelt eines “Es war einmal” ist für ihn so weit weg wie ein “normaler” Alltag in seiner Lebensrealität als Straßenkind. Für seine Geschichte findet Cornelia Travnicek eine poetische melancholische, aber auch hoffnungvolle Sprachform, die ihrem Protagonisten schrittweise seine Selbstbestimmung und sein Selbstwertgefühl zurückgibt:
Du bist vielleicht ein verlorener Junge, Petru, aber solange etwas verloren ist, bedeutet das auch, dass jemand danach sucht.

Claudia Sackl

 

Inspiriert von den vielschichtigen Peter-Pan-Referenzen in Cornelia Travniceks Erzählung hat das STUBE-Team eine Buchliste mit ausgewählten Peter-Pan-Ausgaben zusammengestellt. Die annotierte Zusammenstellung mit fünf Büchern, zwei Filmen und einer CD ist >>>hier aufzurufen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Engl. v. Tatjana Kröll.
Knesebeck 2020. € 13,00.

Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau

Arielle war DIE Meerjungrau der 1990er-Jahre, Julian ist 2020! Als Kinder ihrer Zeit zeigen die an Andersens Märchen „Die kleine Seejungfrau“ (1837) angelehnten Figuren wie sich die Schlüsselfrage nach der eigenen Identität maßgeblich unterscheiden und wie konträr das Thema „Gender“ ins Bild gebracht werden kann. Während Arielles stereotype Norm-Körperzeichnung und die selbstverständliche Wiederholung des Prince-Charming-Narrativs beispielhaft für alle Disney-Prinzessinnen kritisiert werden kann, ist Julian ein Vorbild für eine zeitgemäße Erzählung über Gender-Fluidität. Was nach schwer theoretischer Kost für die genderaffine Blase klingt, ist jedoch ein Bilderbuch, das mit dem Prinzip der Einfachheit zeigt, wie man mit dem eigenen Leben und dem eigenen Körper glücklich sein oder werden kann.

Das beginnt auf dem Vorsatz- und endet auf dem Nachsatzpapier, wo fünf in ihren Dimensionen ganz unterschiedlich gezeichnete, mit bunten Badeanzügen bekleidete Frauenfiguren (später: Meerjungfrauen) und Julian durch ein türkis eingefärbtes Swimmingpool gleiten. Dazwischen entwickelt die in Brooklyn lebende Bilderbuchkünstlerin Jessica Love eine bunte, humorvolle und durchaus spannende Erzählung, in dessen klarem Text kein Wort unbedacht gesetzt zu sein scheint: „Das ist ein Junge namens Julian. Das ist seine Oma. Und das hier sind drei Meerjungfrauen. Julian LIEBT Meerjungfrauen.“ Auf wunderschön brauntönigem Papier setzen sich die geringfügig dunkleren Hautfarben der Bilderbuchfiguren auf harmonische Weise ab und zeigen ebenso wie die reduzierte Raumgestaltung, dass es keine üppige Detailarbeit braucht, um eine vielfältige Erzählung ins Bilderbuch zu setzen. Die einleitende U-Bahn-Szenerie, in der Julian mithilfe eines Buches von seiner eigenen Transition zur Meerjungfrau zu träumen beginnt, wird mit einem abgerundeten Fenster und einer Sitzbank angedeutet. Der farbenfrohe Unterwasser-Traum samt einer schwungvoll inszenierten Unterwasserwelt-Verwandlungsallegorie schwappt wie eine leichte Welle in Julians Alltag herein, bevor er von seiner Oma rasch in die Realität zurückgeholt „Komm, mein Schatz. Wir sind da.“ Üppig gestaltet sind dagegen Kleidung, Make-up, Frisuren der Figuren und die Pop-kulturellen Einschreibungen, die das Bilderbuch in ein sommerlich, zeitloses Brooklyn setzen, wo unter anderem ein entfesselter Wasserhydrant mit spielenden Kindern oder Sonnenbrillen tragende sowie an Milkshakes schlürfende Jugendliche vor einer rotschattierten Backsteinwand für eine äußerst hippe Szenerie sorgen.

Doch auch der wirklich coole, mit Schirmkappe, zwei Dackeln, gelb-grün-gestreiftem Hemd, Flower-Short und weißen Strümpfen ausgestattete Senior-Hipster wird von einer Figur in den Schatten gestellt: Julian, dessen prozesshafte Verwandlung in den eigenen vier Wänden, in Abwesenheit der Großmutter, dem Medium Comic ähnlich in Sequenzen erzählt und vor einem Spiegel von Statten geht. Als Oma aus der Dusche steigt, hat der Titelheld den farbenfrohen Blumenschmuck der Wohnung in kunstvolle Hair-Extensions, den weißen Rüschenvorhang in einen eleganten Rock verwandelt und farblich abgestimmt Rouge und Lippenstift aufgetragen. Doch wirklich begeistert scheint Oma von der Aufmachung des Enkelkindes nicht zu sein. Sie verlässt den Raum, kehrt mit grimmiger Miene und dem Satz „Komm mal her, mein Schatz“ zurück. Das Moment des Umblätterns sorgt auch in diesem Bilderbuch für eine ordentliche Portion Spannung; gepaart mit der nun leicht verunsicherten Mimik der jungen Meerjungrau.

Auf der nächsten Doppelseite ist dann alles gut! Oma überreicht einer der queersten Figuren der Bilderbuch-Geschichte die noch fehlende Perlenkette, von der das Kind schon in der U-Bahn geträumt hatte und die das Meerjungfrauen-Dasein komplettiert. Hand in Hand verlassen die zwei nun top-gestylten Figuren das Haus und machen sich auf den Weg: „‚Wohin gehen wir?‘ / ‚Das wirst du gleich sehen‘, sagte Oma.“ Ohne das Ende vorwegzunehmen, kann verraten werden, dass es sich um eine noch buntere, noch modischere Zukunft handeln wird. Ein perfekter Ort für eine Meerjungfrau, wie Julian eine ist, ein Ort für die jungen und alten, großen und kleinen, dicken und dünnen sowie alle irgendwie dazwischenliegenden (Meeres-)Bewohner_innen der Stadt.

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Niederl. v. Rolf Erdorf.
Gerstenberg 2020. € 14,40.

Edward van de Vendel / Marije Tolman: Der kleine Fuchs

Das Gefühl, zu fallen, kennt wahrscheinlich ein jeder und eine jede aus seinen/ihren Träumen. Man läuft, man springt, man fällt. Zumeist jedoch ohne je anzukommen. Ohne je aufzuschlagen. Denn davor wacht man (zum Glück meistens) auf. Kein solch endloser, aber ebenfalls ein traumhafter Moment des Fallens steht in einem Bilderbuch, das der niederländische Schriftsteller Edward van de Vendel und die niederländische Illustratorin Marije Tolman verfasst haben, sowohl am Anfang als auch am Ende der Erzählung:

Auf den ersten Seiten läuft der titelgebende kleine, in grellem Neonorange leuchtende Fuchs durch eine feingliedrige, monochrome Landschaft. Quer durch Wälder und Wiesen. Auf der Jagd nach lila Schmetterlingen. Bis er am Strand an einen Vorsprung kommt, plötzlich durch die Luft segelt und mit einem „SCHLAG“ am Boden landet.

[Szenenwechsel]

Ein Babyfuchs, „so klein wie ein Äpfelchen“, denkt an „Mama und Milch und an Milch und Mama und mmmmmmmmmmmmmmmm“. Ein junges Füchslein kugelt mit seinen Fuchsbrüdern und Fuchsschwestern durch den Bau. Im Schutz der Nacht zwängt es sich schließlich durch den engen Tunnel hinauf in den Mondschein. Aus dem ersten werden viele Male, denn oben wartet eine buntduftende Welt, die erkundet werden will.

Nach dem Fall des Fuchsjungen haben sich die Darstellungs- und Erzählweisen des Bilderbuchs deutlich verändert. Wurde der Handlungsstrang bis dahin hauptsächlich von den Bildern erzählt, strukturiert nun ein schriftsprachlicher Text das folgende Geschehen. Und auch auf der Bildebene zeichnen sich neue räumliche Ordnungen ab. Die großformatigen, abfallenden Illustrationen – eine Montage aus doppelseitigen, blauweiß eingefärbten Landschaftsfotos und Tierzeichnungen, die in den unterschiedlichsten Farben leuchten – werden abgelöst von durchwegs farbigen, sequentiellen Bildformaten, die als kleine Vignetten oder einzelne Panels (teilweise mit, teilweise ohne Rahmenstruktur) zwischen dem episodenhaft erzählenden Text platziert sind: Der kleine Fuchs trifft auf Käfer, Würmer und Rehe, lernt Blumen, Beeren und Wasserpfützen kennen. Er geht auf Raschelmausjagd, plündert Müllsäcke und schließt Freundschaft mit einem Menschenjungen in roter Latzhose.

Was wie Kindheitserinnerungen erscheint, wird vom Text jedoch als „Traum“ ausgewiesen und immer wieder von der als Rahmenhandlung inszenierten Erzählebene unterbrochen:

[Szenenwechsel]

Wir sehen einen rotgekleideten Jungen (denselben, der den Fuchs in dessen „Träumen“ aus einer ungemütlichen Situation gerettet hat) auf seinem Rad durch die (bereits bekannten) blauweißen Wiesen fahren. Nicht unweit des Strandes, auf dem der kleine Fuchs nach seinem Fall träumend auf dem Rücken liegt.

[Szenenwechsel]

In seinen in den unterschiedlichsten Farbtönen dargestellten Streifzügen, fragt sich der kleine Fuchs zunehmend: „Was ist das für ein Traum?“ Was ist das denn für ein Traum, in dem plötzlich zwei lila Schmetterlinge durch die Luft flattern? Ein Traum, in dem der kleine Fuchs den beiden hinterherjagt? In dem der kleine Fuchs plötzlich durch die Luft segelt? Dem Boden immer näher kommt. Bis er mit einem „SCHLAG“ unten aufkommt.

[Szenenwechsel]

Der Junge findet den schlafenden Fuchs und bringt ihn zu seiner Familie zurück. Dort wacht der kleine Fuchs schließlich auf…

Mithilfe von Stilmitteln wie Wiederholung und Lautmalerei, mithilfe lebensweltlicher Vergleiche und sinnesübergreifender Metaphern weiß Edward van de Vendel, die Erlebnisse des Fuchses in eine behutsame aber expressive Sprache zu kleiden. Dass Marije Tolman es versteht, vielschichtige Geschichten zu erzählen, hat sie bereits in ihren Illustrationen zu „Mein Papa ist der größte Held der Welt“ (Text von Daan Remmerts de Vries, Gerstenberg 2019) bewiesen, in dem sie die phantastischen Vorstellungen der kleinen Lynn gekonnt in die realistische Bildebene integriert hat. In „Der kleine Fuchs“ wählt Tolman eine ebenso einzigartige Farbgebung, wobei sich die Verflechtungen von Wirklichkeit und Imagination nun jedoch wesentlich komplexer und verzweigter zeigen. Dementsprechend raffiniert gestaltet sich auch die bildliche Umsetzung, in der Tolman einzelne Elemente wie den orangeleuchtenden Fuchs, den rotgekleideten Jungen und die lilafarbigen Schmetterlinge zwischen den beiden narrativen Ebenen hin und her wechseln lässt.

Dabei spielen Autor und Illustratorin gekonnt mit Fiktion und Wahrheit, verschränken Binnen- und Rahmenerzählung miteinander und lassen Realität und Traum auf eine Weise verschwimmen, sodass man sich nicht mehr sicher sein kann, was nun Traum und was Wirklichkeit ist: Handelt es sich bei den blauweißen Wiesen vielleicht doch um jene farbentleerte Seelenlandschaft, auf der sich der eigentliche Traum des kleinen Fuchses entspinnt? Was bzw. welcher Fall durch die Luft war zuerst da? Und wird es (in einer Art Zeitschleife) womöglich immer so weitergehen? Immerhin sind die lila Schmetterlinge am Ende des Buches verschwunden und der kleine Fuchs tollt mit seinen Geschwistern wieder durch den (blauweißen) Wald...

Claudia Sackl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Carlsen 2020. € 15,50.

Susan Kreller: Elektrische Fische


I shouldn’t be here –  

Die ersten Worte von „Lights of Home“ könnten auch für Emma gelten. Von der Hölle des Jetzt und den besten Tagen, die eigentlich schon zurückliegen, ist im Song der irischen Rockband U2 die Rede.
Susan Kreller stellt ihrem neuen Jugendroman ein Zitat dieses Songs voran und verweist damit auf die Pein der Entwurzelung, die zu einem Leitmotiv für Emmas Ich-Erzählung wird. Dennoch zitiert die 2015 für ihren Roman „Schneeriese“ mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Autorin eine Passage des Songs, die wortwörtlich Hoffnung aufleuchten lässt: In your eyes I see it / The lights of home.

Aufgefächert ist damit das Spannungsfeld zwischen dem Verlust des Home – der Heimat – und einem ersten, möglichen, noch unsicheren Moment des Ankommens.
Dabei legt Susan Kreller sich zu unterschiedlichen literarischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen quer: Sie erzählt keinen jener >>>Flüchtlingsgeschichten, die in ihrer unterschied-lichen Qualität vor den politischen Hintergründen in Syrien oder Afghanistan oder Somalia die Erfahrungen jener schildern, die einen lebensgefährlichen Weg nach Europa auf sich genommen haben. Sie erzählt aber auch nicht von jener Entleerung, mit der Gebiete im Osten Deutschlands zu kämpfen haben. Vielmehr ziehen Emma, deren Mutter und Geschwister in eine Gegend, die viele andere verlassen (haben):

Ihr habt da übrigens irgendwas falsch verstanden. Man zieht nicht in diese Gegend, niemand macht das. Wenn überhaupt, zieht man hier weg. (55)

Emma ist in Irland aufgewachsen und wird nun von ihrer Mutter in deren ursprüngliche Heimat, das (fiktive) Dorf Velgow in Mecklenburg-Vorpommern verpflanzt, sprich: in eines der ehemaligen Gebiete der DDR. Es ist weniger die Provinzialität, die für Emma zur Herausforderung wird, als vielmehr der Verlust kultureller, vor allem aber sprachlicher Zugehörigkeit.

Ich bin in einem Deutsch gelandet, in dem ich mich immer wieder verlaufe. (16)

Emma ist zweisprachig aufgewachsen; dennoch sind jene deutsche Sprache, die sie kennt, und jene, die in Velgow gesprochen wird, einander fremd. Emma stößt auf zahlreiche Worte, die sie nicht einzuordnen weiß; andererseits vermag sie keine adäquate Translation für Sprichwörter zu finden, die ihr nicht nur geläufig sind, sondern ihre Situation auch treffend beschreiben: It‘s going arseway.“ Dieserart ließe sich das neue Familienleben im Haus der Großeltern beschreiben, doch der plumpe Begriff arschwärts wird dem nicht annähernd gerecht. Emma erkennt, dass Sprache nicht nur das Werkzeug der Kommunikation, sondern identitätsstiftend ist:

Die englische Sprache bin ich.
Deutsch spreche ich nur.
Deutsch ist immer noch ein paar Meere von mir entfernt.
(17)

Noch sehr viel drastischer als Emma verweigert ihre jüngere Schwester Aoife die neue Identität: Sie verstummt.
Einzig Emmas älterer Bruder Dara scheint sich rasch einzuleben, findet Freund_innen, ist umschwärmt, präsentiert seiner Familie eine auch sprachlich heiter wirkende Oberfläche seiner selbst. Erst am Ende des Romans legt Emma offen, dass er derjenige war, der in Wahrheit immer der Traurigste von uns gewesen ist (179) und der später letztlich auch als einziger der drei Geschwister nach Irland zurück geht.
In Aoifes Fall ist der Schmerz des Heimatverlustes offensichtlicher. Hey now, do you know my name? heißt es im paratextuellen Zitat aus „Lights of Home“ – und in Aoifes Fall zeigt bereits die Fremdheit des Namens die scheinbare Unmöglichkeit, zwei (sprachliche) Welten zueinander zu bringen:

Ich frage mich, wie die Leute in Velgwo Aoifes Namen aussprechen werden, wahrscheinlich genauso falsch wie der deutsche Großvater. „Du musst Eufe sein“, hat er am Flughafen gesagt, und sie hat ihn nur böse angeguckt und langsam den Kopf geschüttelt und „Iiiifa“ gesagt, wieder und wieder. (9)

Die Sorge um die verstummte Aoife hält Emma davon ab, Velgow rasch wieder zu verlassen. Doch, so ihr Plan, sobald Aoife wieder zu sich selbst gefunden hat (und wieder spricht), wird Emma zurück nach Irland gehen. Sie trifft dafür bereits heimlich Vorbereitungen und findet in Levin unerwartet einen Partner, der ihr bei diesen Vorbereitungen hilft.
Dabei erschien ihr gerade Levin unter den neuen Schulkolleg_innen am verschrobendsten; doch eine unerwartete Begegnung am Meer legt den Grundstein dafür, dass Levin letztlich zu jenem light of home wird, das Emma auf ganz neue Art an die neue, fremde Heimat bindet. Vielleicht liegt das auch daran, dass Levin keiner ist, der viel redet, und Emma gerade dadurch weit weniger fremd erscheint als andere.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Levin weiß, was Verlust heißt – auch wenn er ihn auf ganz andere Weise erfahren hat, als Emma: „Verloren“ hat Levin seine Mutter; oder um es genauer zu formulieren: Verloren hat Levin eine Mutter, die den Normen und Vorstellungen ihrer selbst, der Familie und Gesellschaft entspricht. Durch eine psychische Krankheit ist sie zurück geworfen auf ein ebenso wirres wie verwirrtes Dasein, das mehr als durch alles andere durch Paranoia geprägt wird.
Und doch scheint gerade Levins Mutter diejenige zu sein, die auf ihre schräge, hexenhafte Art Wahrheiten erkennt:
Heimat ist da, wo man verstanden wird. Und wo keiner vergiftet wird.“ (63)

So wie Emma durch Aoife ist Levin durch seine Mutter an diesen Ort gebunden; seine Mutter, die einst Meeresbiologin war und nun auf ein Aquarium als Mittelpunkt ihres Lebens zurück-geworfen ist – eines jener poetisch einprägsamen Bilder, mit deren Hilfe Susan Kreller auf Emmas neuen Leben blickt, und durch jene sprachlichen Genauigkeiten, sprachlichen Volten und sprachliche Zartheit verstärkt, die ihren literarischen Stil prägen.

Letztlich sind es Levins Mutter und deren Wunsch nach einer Wieder-Begegnung mit dem Meer, die nicht nur zum dramatischen Höhepunkt des Romans werden, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Bewegung und Gegenbewegung bewirken: Emmas Versuch, Velgow zu verlassen führt durch die verqueren Umstände letztlich dazu, dass Emma bleibt. Und damit dem Refrain eines Songs von Flogging Molly, einer weiteren irischen Band (im Glossar vorgestellt als irisch-amerikanische Folk-Punk-Rock-Band) folgt: Hurry back to me, my wild calling.

Heidi Lexe und Kathrin Wexberg