Aus dem Franz. v. Edmund Jacoby.
Jacoby & Stuart 2017. € 13,40.

Gilles Bachelet: Hinter den Kulissen.


Heidi Lexe über Die Toiletten und Büro für Pipi-Kacka-Angelegenheiten

Wer je im Kino, Theater, oder gar bei einem Open-Air-Konzert während der Pause in der Schlange vor dem Damenklo gestan-den hat, dem wird diese Szenerie paradiesisch erscheinen: Individuell markierte Klokabinen. Nicht einmal sein Klopapier muss man teilen; obwohl es sich ja bei der Kabine für jene Tage, an denen man seiner multiplen Persönlichkeit frönt, um eine für drei männliche Wesen reservierte Kabine handelt. Und daher zu vermuten ist, dass verbrauchte Klopapierrollen unauffällig gegen noch intakte Fremdrollen ausgetauscht werden. (Und am Ende hat wieder keiner nix gewusst!) Das Rotkäppchen hat es da besser, darf im Körbchen sogar Wein und Klolektüre nach drinnen schmuggeln. Obwohl: Wenn man es geschickt anstellt, könnte man sich mit klugem Zeitmanagement genau dann in ihre Kabine schleichen, wenn sie vom Wolf schon gefressen, aber vom Jäger noch nicht wieder befreit wurde. Himmlische Einsam-
keit winkt! Außer natürlich der große, der mittlere oder der kleine Bär haben sich auch hier am Klopapier vergangen. Dann also lieber zu Babar, der sich sicher im Grand Magasin eine vierlagige Softvariante des Aftertempos mit den kleinen applizierten Krönchen gekauft hat und sich Blatt für Blatt an die wunderbare Liftfahrt auf und ab erinnert.
Ob das Büro für Pipi-Kacka-Angelegenheiten das wohl genehmigt hat? Mit Sicherheit ist in der umfassenden Puups-Bibliothek ein toiletten juristisches Grundlagenwerk versteckt, das entsprechen-de Präzedenzfälle auflistet. Denn der Beamte, der hier ganz alleine schaltet und waltet, soll seine Expertise ja eher im Fach der Fäkalidentifizierung erworben haben. Notfalls muss beim Europäischen Parlament ein Normierungsansuchen eingereicht werden; bei dieser Gelegenheit könnte man sich auch gleich den Mannekin Pis in natura ansehen. Und sich dann Erinnerungs fotos auf sein ganz eigenes Klopapier drucken lassen, das man einfach mitbringt, wenn man sich illegitim einschleicht, während Rotkäppchen nach der Großmutter forscht, Babar Ballon fährt und die drei Bären darauf warten, dass ihr Brei abkühlt.

Claudia Sackl über Barrierefreier Zugang und In der Küche

Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau wird, aus ihrem gewohnten Metier enthoben, in den Rollstuhl gesetzt und darf im ungewöhnlichen Partyoutfit – komplett nackt – zur Fete mit Wolf, Pinocchio und Co anrollen. Den Meerjungfrauschwanz als Handi-
cap und damit als Mangelerscheinung zu inszenieren, stellt nicht nur einen kritisch-provokativen Kommentar zum Diskurs und der Definition von Behinderung dar, sondern erinnert außerdem an den Charakter Finnegan Wake aus dem Medienverbund „Monster High“: Als Sohn einer Meerjungfrau und eines Wasser-
manns sitzt er aufgrund einer motorischen Beeinträchti-gung seiner Flosse ebenfalls im Rollstuhl, ist gleichzeitig jedoch als subversive Figur konzipiert, die trotz ihres Handicaps und der damit einhergehenden Einschränkungen leidenschaftlich Extrem-
sportarten betreibt und einen überdurchschnittlich muskulösen, trainierten Oberkörper besitzt. Zugleich zeugt der Rollstuhl von einer Ermächtigung der Meerjungfrau, die in ihrer Andersheit bestehen und sich nun auch am Land in ihrer eigentlichen Gestalt frei bewegen kann. Die Verwandlung in eine „normale“ Menschenfrau wird somit überflüssig.
Unter Punkt 9 wird der Regenbogenfisch wortwörtlich in die Pfanne gehauen – und das im Jubiläumsjahr des 25 Jahre alten Bilderbuchkonzepts von Marcus Pfister. Gilles Bachelet setzt mit dieser Doppelseite einen demonstrativen Gegenpol zu den welt-
weiten Feierlichkeiten und den Merchandising-Produkten rund um das Jubiläum des bunten Fisches. Die Figur, die diese „Gräueltat“ begeht, ist das Dienstmädchen Bécassine, das 1905 von Jacqueline Rivière und Joseph Pinchon entworfen wurde und als Stereotyp des naiven Dienstmädchens aus der Bretagne, das vom Land in die Stadt kommt, auftritt. Es bleibt abzuwarten, ob in der nächsten Regenbogenfisch-Ausgabe als Gegenzug eine Figur Bachelets das Fett abkriegt – dessen bekanntester Charak-
ter ist sicherlich die Katze, die eigentlich ein Elefant ist und umgekehrt.

Peter Rinnerthaler über Die Aushilfsgarderobenfrau
und Im Fundbüro


Die Aushilfsgarderobenfrau ist eine Berufsbezeichnung, die wohl auch Helge Schneider nicht besser einfallen hätte können. Wie die "Wurstfachverkäuferin" zeichnet sich die Aushilfsgarderoben-frau nicht nur durch ihren besonderen Namen, sondern auch durch übermäßigen Enthusiasmus am Arbeitsplatz aus: „Samstag mittag und die Theke ist voll, ich steh dahinter und ich fühl mich supertoll!“ (Schneider 1997) Wie toll die Arbeitsleistung der Garderobiere, die sich soeben durch mindestens sieben Mäntel durchfraß, ankommt, ist am sichtlich irritierten Blick eines Jackett besitzers zu erkennen. Lewis Carrolls weißes Kaninchen sucht mit dem ikonischen Blick auf die Uhr wie immer das Weite und „Der kleine braune Bär“ von Danièle Bour wird sich leidvoll an das Internetmeme #youhadonejob erinnert fühlen. Doch ob sich die Übeltäterin ihrer Schuld bewusst ist, bleibt offen. Schließlich handelt es sich bei der Aushilfsgarderobenfrau um niemand Geringeren als Eric Carles‘ „Die kleine Raupe Nimmersatt“.
Im Fundbüro dreht Gilles Bachelet die Perspektiven um. Denn normalerweise ist Walter aka Waldo einer unter vielen. Auf Bild Nummer 13 findet man jedoch nicht nur einen, sondern gleich 17 auf einen Schlag. Bachelet wählt kein Wimmelbild, um Martin Handforts Walter abermals zu verstecken. Er zeigt, wo der sonst so schwer auszumachende oder gar nicht zu entdeckende und somit verloren gegangene Suchbildheld zu finden ist: im Fundbüro. Dort sitzt, steht und lungert der rot-weiß-gestreifte, Jeans tragende Mann mit Quastenmütze und Rundbrille herum. Und er scheint sich dort wohl zu fühlen. Fast verstörend wirkt das Bild mit den vielen grinsenden Walterfiguren, die den Be-
trachter_innen direkt ins Gesicht lachen. Dieser Meinung scheint auch ein weiterer Bilderbuchheld zu sein, der sich im Fund-
büroregal niederlassen musste. Was für Walter Routine ist, dürfte für Paddington Neuland sein. Jedenfalls ist dieses Bild Balsam für all jene Augen, die Walter auf konventionellem Weg noch nie erspähen konnten.

Kathrin Wexberg über In der Kantine und Der Reißwolf

Exakt in der Mitte des Buches geht es um ein Grundbedürfnis, das auch hinter den Kulissen der Kinderliteratur gestillt werden muss, „In der Kantine“ wird nämlich gegessen. Das zueinander in Beziehung setzen ganz unterschiedlicher kinderliterarischer Figuren wird hier über die Idee der Nahrungskette, des Fressens und gefressen werden, gespielt: Ein zufrieden grinsender Grüffelo, in dessen Geschichte ja der Appetit auf andere Tiere eine große Rolle spielt (Stichwort: Eule mit Zuckerguss; und schlimmer noch, Grüffelogrütze…) hat auf seinem Kantinen-Tablett ein Kaninchen angerichtet, das wiederum ein Tablett trägt, auf dem eine Karotte liegt. Der Anhang erklärt das für deutschsprachige Leser_innen schwer zu entschlüsselnde Bild-Zitat, es handelt sich ums nicht ins Deutsche übersetzte „Gros Lapin“ von Delphine Durand (das große Kaninchen hat dann später beim Kaninchenzüchter noch einen Auftritt).
Den Schlusspunkt dieses genialen selbstreferentiellen Werkes bilden schließlich im letzten Abschnitt „Der Reißwolf“ drei wilde Kerle, Figuren, deren erstmaliges Auftreten 1963 bzw. in der deutsch sprachigen Übersetzung 1967 einen Paradigmen-
wechsel markierte: Ein Kind, das wild sein darf, ein Bilderbuch, das ganz ohne pädagogischen Impetus auskommt, mit ganz wenigen Wörtern und dafür umso eindrucksvollerer Bildsprache arbeitet. So ist es konsequent, dass diesen dreien die abschließende Aufgabe zukommt, mit offensichtlichem Vergnügen Bücher im Reißwolf zu zerstören – so spielerisch und erfrischend respektlos, wie auch Gilles Bachelet mit seinen Vorlagen umgeht.

 

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