Tyrolia 2016. 120 Seiten. € 14,95.

Elisabeth Steinkellner und Michaela Weiss:
die Nacht, der Falter und ich

So vielfältig die aktuelle Jugendliteratur thematisch und sprachlich sein mag, so einheitlich ist sie in ihrer Form: Erzählt wird von den Themen und Herausforderungen des Erwachsen-
werdens vor allem in Romanen, kürzere Formen wie Gedichte oder Kurzgeschichten für ein jugendliches Lesepublikum gibt es kaum. Das ist in dieser erstmaligen Zusammenarbeit zweier junger Künstlerinnen,  die beide in den letzten Jahren be-
merkenswerte Bücher vorgelegt haben, anders: Mit Titeln wie „Erdbeerkiwikarussell“, „Faltherz“ oder „Mondscheinsonate“ werden hier behutsam, nuanciert und vor allem sehr poetisch Einsichten in das Innenleben eines (oder mehrerer?) jugend-lichen Ichs gegeben. Ungewöhnlich ist dabei, dass das Ich weitgehend unbestimmt bleibt: In einigen der kurzen Texte, die manchmal in gebundener Sprache, manchmal in Prosaform gestaltet sind, ist zunächst unklar, ob hier ein männliches oder ein weibliches Ich spricht. Dieser Unbestimmtheit entspricht auch, dass die einzelnen Texte nicht in den Rahmen einer durch-gängigen Geschichte eingebettet sind, sondern wenn, nur lose zusammenhängend sind. Wobei selbst dieser lose Zusammen-hang etwas ist, das während der Lektüre von den Lesenden hergestellt werden kann – aber nicht muss: So könnte es sein, dass jener Vater, der in „Zugvögel“ seinen Umzug ankündigt, in „Frost“ zum Gesprächsthema zwischen zwei Jugendlichen wird, es könnte natürlich aber auch ein ganz anderer Vater sein.

Den elementaren Gefühlen, die in Elisabeth Steinkellners Texten verhandelt werden, stellte die Illustratorin Michaela Weiss in ihrem über ein Jahr hinweg laufenden Arbeitsprozess, ganz reduzierte, einfache Bilder gegenüber, die Raum für jene bereits angesprochene Unbestimmtheit lassen. Die Zuordnung der in Monotypie und Transferdruck gestalteten Bilder zu den Texten erfolgte dabei sehr intuitiv: Nicht immer sind die Bilder direkt einem Text zugeordnet, ganzseitig illustrierte Doppelseiten stehen frei im Buch und nehmen Stimmungen auf, die sich in mehreren Texten wiederfinden, entwickeln aber auch eine ganz eigene Bildsprache. Eine Doppelseite voller ordentlich aufge-reihter Schmetterlinge in verwischten, zurückgenommenen Farben lässt sich also, so die Illustratorin, als Metapher für jene Sehnsucht lesen, von der im voranstehenden Text die Rede ist, es könnten Schmetterlinge sein, die vor einem verschlossenen nächtlichen Fenster sehnsuchtsvoll auf Einlass warten, aber auch eine naturwissenschaftliche Assoziation im Sinne von zu Forschungszwecken aufgespießten Insekten ist möglich. Im Dialog mit dem Text war es Michaela Weiss ein Anliegen, die Ebenen von Imagination, Erlebtem und Wirklichkeit zueinander zu führen: Wenn sich das erzählende Ich angesichts von tropfendem, schmelzendem Schnee draußen an den Beginn des Schneefalls wenige Tage zuvor, zu Silvester (und was an diesem Tag sonst passiert ist) erinnert, verschmelzen in der bildlichen Umsetzung Erinnerung und Gegenwart, durch angedeutetes Fenster sind perfekte Schneekristalle zu sehen.

Hier übrigens ist das Bild dem Text vorangestellt, was beim Lesen bzw. Betrachten wieder ganz andere Varianten der Interaktion von Bild und Text ermöglicht. Dem unerwarteten Höhenflug der österreichischen Jugendliteratur, der an der Verleihung der österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreise im vergangenen Mai so deutlich ablesbar war, wurde hier ein weiterer, wunderschöner Akzent hinzugefügt.

Kathrin Wexberg

 

Ein Rückblick auf die Verleihung des österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2016 samt prämierter Elisabeth Steinkellner und moderierender Heidi Lexe ist >>>hier zu finden.

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