Obelisk 2019. € 12,00.

Lena Raubaum: Qualle im Krankenhaus

Wenn es in der STUBE zwei Themen gibt, die immer wieder als Insider(-witz) oder auch ganz im Ernst und rein aus medienwissenschaftlichem Forschungsinteresse besprochen werden, dann sind das (neben aktuellen Staffel-Finali sowie Theaterbesuchen) Tätowierungen und Krankenhäuser (in Kinder- und Jugendliteratur). Das klingt zugegebenermaßen abwegig oder auch etwas willkürlich, entspricht aber der Wahrheit, da einige der beliebtesten Erzählungen der letzten Jahre im Krankenhaus angesiedelt waren und weil Mats Wahl im Rahmen eines >>>STUBE-Freitags inbrünstig von Tattoos gesprochen hat. Bei der kunstvollen Bemalung von Haut ist es wohl das Faszinosum (kein STUBE-Teammitglied trägt ein – wie man in Wien sagt – Peckal am Körper) und die kuriose wie faszinierende Auseinandersetzung Mats Wahls. Der Handlungsraum Krankenhaus fällt dagegen regelmäßig als Garant für innovative, zeitgemäße und besonders gut gestaltete Werke auf. Kathrin Wexberg ist seit der Stunde null (und das war vor immerhin über 14 Jahren) bei dem TV-Klassiker „Greys Anatomy“ dabei und kann zu all den gängigen und weniger bekannten medizinischen Problemfällen fachkundige Kommentare beisteuern. Heidi Lexe, auch keine Ahnungslose vor der Oberärztin, ruft in besonderen Fällen und zur Belustigung aller immer wiedermal: „Er wird bradykard“ in den Raum. Sie war es auch, die (mit anderen Jurymitgliedern) dem wunderbaren Krankenhausroman „Gips“ von Anna Woltz den >>>Katholischen Kinderbuchpreis verlieh und Peter Schössows >>>Krankenhausbilderbuch „Wo ist Oma?“ von vorne bis hinten analysiert hat. Peter Rinnerthaler war in jungen Jahren Doogie-Howser-Fan und Claudia Sackl schwer begeistert, als sie vor kurzem bemerkte, dass es sich bei dem Kinderstar der frühen 1990er-Jahre um niemand geringeren handelt als Neil Patrick Harris, besser bekannt als Barney Stinson aus „How I met your mother“.

Warum muss das alles erwähnt werden? Ganz einfach: Weil in Lena Raubaums Romandebut diese beiden Themen auf einfache wie humorvolle Weise zueinanderfinden und sie somit voll im STUBE-Trend liegt. Doch der nicht ganz so lustigen Reihe nach: Max Kallinger, von allen liebevoll „Qualle“ genannt, fasst ausgerechnet drei Tage vor dem langersehnten Urlaub einen ungewöhnlich hartnäckigen Husten aus, später noch 40 Grad Fieber und die Diagnose „Lungenentzündung“; erstellt von Frau Doktor Korn, „die beste Ärztin meiner Welt“. Qualles Feststellungen bleiben jedoch nur selten unbegründet und so nimmt Lena Raubaum auf das Genre rekurrierend Diagnosen vor, die ihr Protagonist in Form von Listen abarbeitet. Woran erkennt man also gute Ärzt_innen? „1. Sie hören dir zu. 2. Sie kennen sich aus oder sagen dir, wenn sie sich nicht auskennen. 3. Sie können gut erklären. 4. Sie schauen fast immer müde aus.“ In dieser kurzweiligen Form ist auch das zweite Kapitel „Das bin ich (ganz kurz) und das zehnte Kapitel „10 Dinge“ gestaltet. Im letzteren erfährt man in Listenform und reflexiv, was an einem Krankenhaus durchaus für Wohlgefallen sorgen kann.

Die österreichische Autorin belässt es in Sachen aus der Reihe tanzende Erzählformen allerdings nicht bei Listen, sondern weiß auch mit anderen narrativen Finten für Abwechslung zu sorgen. Als Qualle der erste spitze Gegenstand in den Arm gerammt werden soll, montiert sie eine direkte Leser_innenansprache in den Fließtext, indem Folgendes vorgeschlagen wird: „Du, jetzt kommt eine Stelle, da kommt eine Spritze vor. Eh nur kurz. Falls du Spritzen nicht magst und das auslassen willst, lies einfach da weiter, wo der Pfeil ist, o. k.? Ich versteh das.“ Auf der übernächsten Seite folgt ein kleines Pfeilsymbol und im Text geht es weiter mit einer Röntgenszene.

Apropos Sprachform: Lena Raubaums gewählter Erzählton verleiht diesem Roman eine ganz besondere Note. Neben Listen und kleinen Erzählkniffen besticht der Roman durch eine unmittelbare, an Mündlichkeit und ein klein wenig auch an Christine Nöstlinger erinnernde Form, die dank vieler Dialoge sehr dynamisch wirkt. Vor allem weiß Raubaum, wann und wie man Pointen setzt; vor allem dann, wenn es um die Figurencharakterisierung geht: „Und? Wie heißt du? ‚Lustig, dass du fragst. Öner‘ ‚Öner?‘ ‚Ja. Öner. Ist türkisch. Wie schöner, aber ohne sch.‘ ‚Na dann…‘, sagte ich. ‚Ön, dich kennenzulernen!‘“

Neben der eigentlichen Erzählung in Dialogen und den tragikomischen Überlegungen Qualles, erhält der Roman eine weitere Erzählebene. Dank Sabine Kranz‘ Illustrationen kommt nun auch das zweite Lieblingsthema der STUBE zur Geltung: Tätowierungen. Denn der zuvor vorgestellte Öner wird im Laufe der Erzählung nicht nur zu einem guten Freund Qualles, sondern auch zu einem der wohl charismatischsten und begabtesten Romanfiguren, die den Berufsstand der Tätowierer_innen anstreben. Am bildästhetischen Höhepunkt der Geschichte, als der junge Patient Familienbesuch erhält, ist Qualles Körper bereits von oben bis unten mit Stilproben des kreativen Zimmernachbarns überzogen und verleitet die Schwester zu einer zielsicheren Beobachtung: „‚Du schaust aus wie ein Comic-Heft!‘“ Immer wieder werden kleinformatige Illustrationen und so auch Öners Zeichenkunst in das Layout eingewoben und lockern so den Krankenhausalltag auf, bis zu jenem Moment, der in keiner guten Krankenhauserzählung bzw. -serie fehlen darf: der Abschied von neu gewonnen Freunden, der von Lena Raubaum abermals launig inszeniert wird: „‚Was heißt Freunde?‘ ‚Jaklarin koküjor‘, sagt der Öner. ‚Echt?‘ ‚Nein, Spaß. Das heißt „deine Füße stinken“‘, rief der Öner und prustete los. […] Dann beruhigte sich der Öner wieder und sagte: ‚Arkadaschlar. Das heißt Freunde.‘“

Eine weitere Übersetzungsleistung ist schließlich im Anhang zu finden, wo Begriffe der österreichischen Sprachvarietät in einem „Lexikon“ neben medizinischen Termini (Stethoskop, Desinfektionsmittel und Diabetes) erklärt werden. Nicht nur die Tatsache, dass die Worte „Gatsch“, „Federpennal“ oder „wuzeln“ Eingang in den Text fanden ist Lena Raubaum und dem Obelisk-Verlag hoch anzurechnen, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der in einem Kinderroman Fußnoten gesetzt werden. Dort ist auch die österreichische Redewendung „Gleich hammas geschafft“ zu finden. Eine Formulierung mit dreierlei Bedeutung für diese Rezension: 1. Wir kommen nun zum Schluss. 2. Lena Raubaum packt österreichische Nonchalance in eine Krankenhauserzählung, die beinahe George Clooneys unvergessenen Charme in den Schatten stellt und 3. „Geschafft hamma“ / hat Lena Raubaum einen jener Krankenhausromane, von dem man noch länger sprechen wird.

Peter Rinnerthaler

Da nicht nur das Bemalen von Haut sehr kunstvolle Formen annehmen kann, hat die Kunstexpertin Claudia Sackl eine abwechslungsreiche >>>Liste mit aktuellen Büchern zusammengestellt, die das Thema Kunst auf unterschiedliche, ausdifferenzierte und auf jeden Fall artifizielle Weise aufgreifen.

 

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