Zaglossus 2018. € 23,00.

Lilly Axster & Christine Aebi mit / with Henrie Dennis & Jaray Fofana: Ein bisschen wie du / A lillte like you

Samstag, 30. März 2019, 17:35 Uhr, Wien. In einem Hinterhof im 10. Wiener Gemeindebezirk wurden Tische aufgestellt, Menschen sitzen auf Klappstühlen und blättern in dicken Ringordnern mit bunten Zeichnungen. Andere haben sich Essen geholt, plaudern und rauchen. Eine Frau mit einer silberglänzenden Trainingsjacke begrüßt all jene, die gerade von der Straße kommen und trägt dann Bierbänke in einen Raum, der im Grunde schon mit Sitzmöglichkeiten bis an den Rand gefüllt wurde. In der ersten Reihe wartet eine Frau mit hochgesteckten Haaren unter dem Cover eines Bilderbuches: „Ein bisschen wie du / A little like you“ ist zu lesen. Die Frau mit der Jacke ist die Autorin Lilly Axster, die Frau unter dem Cover die Illustratorin Christine Aebi. Die beiden Künstlerinnen haben vor einigen Jahren ein preisgekröntes Bilderbuch über Sexualität namens „Das machen?“ gestaltet. Auf Grund ihres kreativen Outputs und dem stets zu geringen Platz in Bilderbüchern konnten die beiden nicht all ihre Ideen verwirklichen. Das Thema Identität und Mode ist übriggeblieben und sollte in ein neues Projekt übergehen.

Fünf Jahre später präsentieren sie dieses Buch und es ist alles ganz anders gekommen als geplant und dennoch oder gerade deswegen wirken beide glücklich, etwas aufgeregt und traurig zugleich. Glücklich, sicherlich weil es ein schönes Buch geworden ist, und sie dieses nun mit vier weiteren an der Publikation beteiligten Personen vorstellen können. Traurig, weil das Buch einer Freundin gewidmet ist, die knapp nach ihrem 50. Geburtstag gestorben ist: Linda Nkechi Louis. Eine Frau, die vielen eine gute Freundin, ein Bezugsmensch, ein Vorbild und vieles mehr gewesen sein muss, da jedes Mal, wenn in der Präsentation ein Foto, ein Video gezeigt oder ihr Name genannt wird, sich ein Gefühl der Anerkennung im Raum ausbreitet. Im Bilderbuch heißt sie Mom Chioma, die Linda Nkechi Louis' Leben im Buch porträtiert. Doch es wäre kein Bilderbuch von Axster und Aebi, wenn die Erzählung aus nur einer Perspektive narrativiert wäre. Es ist ein vielstimmiges Projekt geworden, genau wie die Buchpräsentation, die so viele Menschen angezogen hat, sodass auch die Bierbänke, der Boden und die geöffneten Türen nicht frei blieben. Neben dem Bilderbuchduo haben sich Henrie Dennis und Jaray Fofana auf einem breiten Ledersofa niedergelassen, sie sind beide mit Christine Aebi extra aus der Schweiz angereist, um davon zu berichten, wie sie die beiden Künstlerinnen kennengelernt haben und wie sie an der Gestaltung des Bilderbuches beteiligt waren. Doch der Bericht über das „Wie“ tritt beinahe in den Hintergrund, da die zwei jungen Frauen eine Performance hinlegen, die das Publikum sofort für die beiden einnimmt.

Das „Performative“ ist auch ein zentrales Stichwort für Christine Aebis Illustrationen, die Jaray Fofanas „Bewegungen abgezeichnet“ und somit eine kindliche Figur als weitere Perspektive in die Erzählung eingebracht hat. Neben diesen illustrierten Studien übernehmen jedoch auch die leerstehende Wohnung, Alltagsgegenstände sowie ein offener Kleiderschrank und Kindheitsfotos von Henrie Dennis eine Erzählstimme, um von Mom Chiomas Leben und ihrer „legacy“ zu berichten: „Till her very last days, Mom Chioma would sometimes say to me: “You are on point, Terry, just cool, just you“. Der Text ist in englischer Sprache gehalten. In diesem Zitat, aber auch auf den anderen Seiten; kombiniert mit deutschen Textpassagen, die einander nicht einfach parallel übersetzten, sondern unterstützen oder ergänzen, so wie das auch Bild und Text in einem/diesem Bilderbuch tun. Für das Layout dieser außergewöhnlichen Textgestaltung hat man Frederik Marroquin ins Boot geholt, der an diesem Abend davon berichtet, wie er von den beiden Künstlerinnen daran erinnert wurde: „this is a picturebook, with pictures“. Einige Seiten wurden dennoch zur Gänze ohne Bilder gestaltet, um dem Text mit Hilfe von starken Kontrasten und großen Buchstaben noch mehr Ausdruck zu verschaffen. Wie im Bilderbuch wechselt man auch am Abend die Sprachen als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Eine Selbstverständlichkeit, die Lilly Axster und Christine Aebi in vielen Bereichen auszeichnet: selbstverständlich gibt man jungen Menschen das Mitspracherecht bei der Buchgestaltung, selbstverständlich entwickelt man das Bilderbuch über fünf Jahre immer weiter und weiter (davon zeigen die dicken Ringordner im Innenhof), selbstverständlich ist der Blick auf Queernes und Diversität, und selbstverständlich tritt man am Ende des Abends und am Ende des Bilderbuches in den Hintergrund und überlässt dem eigentlichen Star die Bühne: „What is normal? Is there anything or any person that is normal – in this world? I’ve been asked that question all my life. Try to be normal. What is being normal? I think I am normal. Because I don’t want to be like everybody. I wanna be me. And that makes me normal for me.“

Peter Rinnerthaler

 

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