rowohlt 2016. 432 Seiten. € 14,99.

Nils Mohl: Zeit für Astronauten

„Literatur ist immer die Behauptung von Ordnung“ – so Nils Mohl im Werkstattgespräch in der STUBE. Literatur ist auch die Behauptung einer Festschreibung – und steht damit im Spannungsfeld zwischen Autorschaft und Rezeption. Im besten Fall bezieht sie die Leser_innen mit ein, um die Text-Ordnung herzustellen. Dort nämlich, wo Literatur vom chronologischen Erzählen abweicht und daher im Rezeptionsprozess jene Sinngebung nachvollzogen werden muss, die auch den Figuren abverlangt wird.
Genau auf diesem Prinzip beruht Nils Mohls Romantrilogie, deren dritter Teil Zeit für Astronauten nun erschienen ist. Auf der Strukturebene der Romane wird im Vor und Zurück der Ereignisse eine einer nur noch als fragmentarisch wahrnehmbare Wirklichkeit gespiegelt. Und so wie die jugendlichen Protagonist_innen ihr Leben und Erleben erst begreifen und in einen (größeren) Zusammenhang stellen müssen, begreifen auch die Leser_innen diese Zusammenhänge erst nach und nach.
Dass es sich dabei um die literarische Konstruktion von Wirklichkeit handelt, zeigen die drei Romane durch jene Passagen, in denen die Hermetik der Fiktion durchbrochen wird: Im ersten Teil Es war einmal Indianerland sind das vor allem Medienberichte und interviewartige Aussagen der Ich-Figur über sich selbst (und andere Figuren). In Stadtrandritter sind es an die Film- und Serienwelt angelehnte Textbausteine – Trailer, Bonusmaterial, Making-Offs – in denen Erzählinformationen gegeben werden, die eigentlich keine der beteiligten Figuren haben kann.

In Zeit für Astronauten sind es Vorgriffe auf die möglichen Schicksale der Figuren, die von Kapitel zu Kapitel variieren können. Mit dem dafür genutzten Futur II ist auch die Zielrichtung der Handlung vorgegeben: Die Frage danach, wohin das eigene Leben sich entwickeln wird, führt die Protagonist_innen weg von ihrem Herkunftsort. Weg vom Stadtrand. Diesem Aufbruch entsprechend folgen auf die mythologischen Bilder des Indigenen (Es war einmal Indianerland) und der Âventiure (Stadtrandritter) nun die Zeichen-Setzungen der Weltraumfahrt. Samt Marsmädchen, das irgendwo im Nirgendwo landet (wie in allen drei Teilen begleitet vom entsprechenden Soundtrack – hier: Ash).
Dieses Marsmädchen gehört zu jenen Figuren der bisherigen Romane, die in Dreiecksbeziehungen das Nachsehen hatten; oder die den Stadtrand schon verlassen hatten, als wir als Leser_innen erstmals den 6. Stock des Südturms betreten haben. Wie Bozorg, das einsneunzig große, wandelnde Filmlexikon, der Kitty auf seinen pfannengroßen Händen getragen und sie als Gottesbeweis bezeichnet hat. Bozorg, der nach Kittys Tod versucht hat, sich wegzumachen. Als Silvester Lanzen in Stadtrandritter Merle von Aue wiedertrifft, wird Bozorg bereits auf dem Peleponnes angekommen sein. Er wird sich wochenlang in einer Mulde verschanzt haben und dort völlig abgemagert auf Christos gestoßen sein. Er wird von Christos eingeladen worden sein, verfallene Bungalows zu renovieren und einen davon zu beziehen. Er wird zum Mitarbeiter des LaBar geworden sein, dem Touristen-It-Ort der verlassenen Gegend.
Mittlerweile hat Bozorg sich zu einem Lebenszeichen durchgerungen und eine Postkarte an seine ehemalige Mitbewohnerin Domino geschickt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Pfarre zum Guten Hirten bereits abgebrannt, Mausers schlimmer Sommer liegt zwei Jahre zurück und Jackie jobbt in jenem Luxushotel, das seine Marktführerschaft gegenüber der Bar von Christos durchsetzen will. Sie taucht in LaBar auf und Bozorg beginnt langsam, seine hochgezogene Zugbrücke zu einer Einstiegsrampe umzufunktionieren und erneut jemanden in seinen Seelen-Satelliten einzulassen. Nicht wissend, dass auch Weltraum-Trümmer fatale Wirkung haben können …

Der griechische Christos gleicht der Figur des deutschen Christian aus Stadtrandritter: Beide sind mit gehörigem Coolness-Faktor ausgestattet, scheinen heilsbringend zu sein und nehmen Einfluss auf die jugendlichen Protagonist_innen. Und beide sind in das jeweilige finale apokalyptische Szenario involviert. Zeit für Astronauten läuft sogar sichtbar auf ein solches Szenario zu: Strukturgebend ist ein Countdown. Vorerst voneinander abgegrenzte Handlungsstränge werden dabei zu einem sich beschleunigenden Gesamtgeschehen verdichtet, die vier zentralen Figuren treffen aufeinander, die Erzählperspektiven gehen immer rascher ineinander über. Bis alle gleichzeitig auf engstem Raum in denselben großen Knall involviert sind: „Eine Leere, als hätte man ein Computerspiel durchgespielt.“ (S. 388)
Erst im abschließenden „Später …“ werden die Schicksale wieder voneinander getrennt und parallelisiert. Was für die einen zum bitterlichen Déjà-vu wird, birgt für die anderen die Möglichkeit zum Neuanfang und die geläuterte Rückkehr zur Home-Base.
Dorthin also, wo man in Stadtrandritter ko-existiert hat – wohlgemerkt nicht zum gegenseitigen Vergnügen. „Ich werde laufend unterschätzt“, stellt der kleine Körts auf einer Party im Guten Hirten fest, während er Domino mit Blicken förmlich auffrisst. Er präsentiert sich als aufreizend behäbiges Kerlchen mit dem Hörgerät, das sich ganz und gar überzeugt von seinen Verführerqualitäten zeigt. Auch wenn seine Annäherungsversuche an Domino als nichts anderes als die fehlgeleiteten Liebesbezeugungen eines jugendlichen Spanners gelesen werden können.
Nun wagt Körts einen neuen Versuch; ein wenig älter, immer noch wendig, immer noch unverschämt raffiniert in seinem Handeln. Und immer noch auf Dominos Fährte, als Silvesters Ex den mangelhaften Hinweisen folgt, die Bozorgs Postkarte ihr über dessen Aufenthaltsort liefert. Eine Reise, die dem Code-Wort Shangri-La-Bamba folgt? Für Körts, der sich von keinem Fehlstart verunsichern lässt, besteht kein Zweifel, dass diesmal er die Rolle des edlen Ritters (Retters) übernimmt. In seiner entwaffnenden Zuversicht stellt er sich dabei so genial verkorkst an, dass man ihm sogar als Leserin mit Sympathie folgt. Jenes „Ich schmeiß hin“, das Bozorgs Handlungen und Entscheidungen prägt, ist Körts fremd. Ihm kommt die Rolle des Außerirdischen zu – unverwüstlich durch seine extraterrestrischen Kräfte, ein Fremdkörper auf jedem Stern im All und dennoch immer mit dem Heimatplaneten verbunden. Wer zurück nach Hause finden will, sollte sich an ihn halten.

Heidi Lexe

 

Apropos Astronauten: Das STUBE-Team hat eine Auswahl an Büchern zum Thema Weltall zusammengestellt. Zur annotierten Themenliste geht es >>>hier.

 

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