ars edition 2017. € 13,40.

Andy Lee: Finger weg von diesem Buch

Und erst recht von dieser Rezension!

 

Huh, du hast ja doch draufgeklickt. Kann passieren, kein Problem. Jetzt aber ganz schnell wieder den Browser schließen und lieber was Anderes lesen.

 

Du liest ja immer noch weiter!
Ich bitte dich noch einmal ganz lieb. Bitte, Finger weg von dieser Rezension!

 

In dem literarischen Debüt des australischen Radio-Comedian Andy Lee wird auf ebensolche und ähnliche Taktiken zurückgegriffen, wenn ein kleines blaues Männchen den/die Leser_in wiederholt und immer verzweifelnder anfleht, das Buch endlich wegzulegen. Dabei werden neben den köstlich und pointiert dargestellten Gefühlsextremen des Männchens, die zwischen zornroter Wut und tränenüberströmter Panik changieren, unterschiedlichste Strategien der umgekehrten Psychologie durchgespielt. Vom freundlichen Bitten über Warnungen und Drohungen bis zu Schweigestrafen und zum heulenden Betteln wird das gesamte Spektrum ausgeschöpft. Warnfarbengrelle Hintergründe zeigen in Heath McKenzies Illustrationen an, dass die Toleranzschwelle des Männchens langsam überschritten wird.

Natürlich gestaltet sich die Lektüre dieses Buches als unglaublich effektvoll und witzig, wenn das Umblättern die Spannung, wie das Männchen auf der nächsten Seite wohl reagieren wird, immer höher steigen lässt. Weit über den Unterhaltungsgrad des Bilderbuches hinaus wird dabei jedoch eine ganz besondere Beziehung zwischen Leser_in und Buch hergestellt. Schon am Buchcover werden wir mit dem Befehl „Finger weg von diesem Buch“ und „Lies was Anderes“ als Leser_innen direkt angesprochen. Aber wir sind natürlich rebellisch und schlagen die erste Seite auf. Die gesamte Handlung des Bilderbuches sowie dessen Grundprinzip der umgekehrten Psychologie sind von dieser Stelle an vollständig auf das Moment des Umblätterns hin konzipiert. Ohne unser Umblättern würde Geschichte gar nicht erst entstehen, denn es wird von dieser nicht nur vorausgesetzt, so wie in Büchern ganz allgemein – die Entfaltung der Geschichte eines literarischen Werkes in Buchform basiert ja grundlegend auf dem Moment des Weiterblätterns, das als gegebene Voraussetzung angenommen wird. Hier wird das im Bilderbuch ohnehin schon dramaturgisch aufgeladene Umblättern zusätzlich als fester innerfiktionaler Bestandteil für die Geschichte handlungsbestimmend. Am Ende wird durch unser Zutun sogar eine magische Metamorphose vollzogen, die man als Leser_in durch die Verweigerung des Umblätterns scheinbar verhindern kann, wodurch die Illusion entsteht, direkt in die Geschichte eingreifen zu können.

Abgesehen von diesem bemerkenswerten Spiel mit der Involviertheit der Leser_innen in die fiktionale Handlung, wird auch die Haptik des Buches nutzbar gemacht. Auf der Rückseite des Bilderbuches findet sich neben zahlreichen Hinweisen zu anderweitigen Beschäftigungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Fernsehen, auch ein kleiner roter Pfeil mit der Notiz, dass das Buch nebenan doch viel spannender sei. Dieser selbstreferentielle Verweis auf die eigene Materialität greift hier auf originelle Weise die Positionierung des Buches in Buchhandlung, Bibliothek oder Bücherregal auf. Das Buch als physisches Objekt wird aber nicht nur im Paratext kreativ verarbeitet. Kurz vor dem dramatischen Ende zeigt eine knallrote Doppelseite das panische blaue Männchen, wie es verzweifelt die Buchränder desselben Buches, das wir gerade lesen, umfasst hält – fast so, als würde es versuchen, das Buch mit aller Gewalt zu schließen, es uns aus der Hand zu reißen. Die Leser_innen befinden sich also in einem regelrechten Handgemenge mit dem Buch und seiner Hauptfigur.

Auf dem englischsprachigen Buchmarkt hat sich das Buch, sicherlich auch aufgrund der mit sensationsreichen Schlagzeilen und schnulzig-rührenden Homestories des Autors aufgebauschten Publikationsgeschichte, massenhaft verkauft. Von „Don’t Touch This Book“ gibt es mittlerweile auch schon den zweiten Teil: „Don’t Touch This Book Again: The First One’s Better“. Ob das stimmt, bleibt abzuwarten.

 

Nicht mehr warten muss man auf die hier angekündigte Überraschung, dieam 10. November 2017 im Rahmen des STUBE-Freitags gelüftet wurde!

Es gibt ein neues STUBE-Card-Angebot!


Was sich geändert hat, welche zusätzlichen Guzzis die STUBE-Card neu bereit hält und wie man sie bestellen kann, findet man >>>hier

 

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