Beltz & Gelberg 2016. 78 Seiten. € 25,60.

Peter Goes: Die Zeitreise. Vom Urknall bis heute

„Vom Urknall bis heute“ lautet der Untertitel dieses Sachbuches, der auf eine aktuelle Tendenz des Kinder- und Jugendbuch-marktes verweist: Die ganze Welt komprimiert sich auf ästhetisch ansprechende Weise in großformatigen Bilderbüchern. Der belgische Graphik-Designer und Illustrator Peter Goes tut das mit Hilfe der chronologischen Perspektive (Orig. „Tujdlijn“, engl. „Timeline“), mit der wir Mitteleuropäer_innen sozialisiert wurden und werden: Zuerst soll die Entwicklung unseres Planeten in großen Zeitspannen erfahrbar werden und so verdichten sich in „Die Zeitreise“ 13,5 Milliarden Jahre auf 14 Doppelseiten. Hier werden der Ursprung, die ersten Tiere, natürlich auch die Dinosaurier, sowie die ersten Menschen vorgestellt, bevor sich die uns prägenden Zivilisationen und Reiche auf je einer Doppelseite präsentieren dürfen. Die Verdichtung der Ereignisse, die wir als Beschleunigung der Geschichte wahrnehmen zeigt sich nicht nur im Aufbau des Sachbuches, sondern auch in der quantitativen Zunahme von Text und Bild auf den einzelnen Seiten. Während sich die Epochen der Fossilien, der Dinos und der Neandertaler wie Ornamente über die erste Passage des Bilderbuches ziehen, beginnt es spätestens im 14. Jahrhundert so richtig zu wimmeln. Ab diesem Zeitpunkt wird in Jahrhunderten gezählt und historische, politische und kunstgeschichtliche Kontexte in vielen prägnanten Ein-, Zwei- oder Dreizeilern wiedergegeben, die geschwungen und direkt in die Illustrationen gesetzt werden: „Den Deutschen Johannes Gutenberg (ca. 1400-1467) bezeichnet man als den Erfinder der modernen Buchdruckerkunst. Tatsächlich gab es schon Vorläufer dieser Technik im China des 11. Jahrhunderts.“ Der Beginn des 20. Jahrhunderts leitet die dritte Passage des Buches ein, die sich ästhetisch durch mehr Farbigkeit, einer anderen Skalierung der Zeitachse und einem weiteren inhaltlichen Paradigma auszeichnet: Es wird bunter, es wird in Jahrzehnten erzählt und die Populärkultur mischt in der Darstellung von Geschichte ordentlich mit.

Das STUBE-Team hat sich Peter Goes‘ „Die Zeitreise“ gemeinsam angesehen. Hier kommen die (Lieblings-)Epochen von Heidi Lexe, Peter Rinnerthaler, Kathrin Wexberg und Simone Weiss:

Das alte Ägypten
leuchtet den Betrachter_innen gelb entgegen und ist somit farbsemantisch mit dem Sonnensymbol der ägyptischen Götterwelt verbunden. Über der Darstellung des Abu-Simbel-Palasts thront die lichtspendende Kugel und erhält ihre Aura durch den umrahmenden Informationstext, der von der Bedeutung der Sonne im Ägypten der Pharaonen berichtet: „Der Skarabäus, ein Mistkäfer, war für die Ägypter ein heiliges Tier, das mit Chepri, dem Gott der aufgehenden Sonne, verbunden ist.“ Neben der Sonne, der beigen Hintergrundfarbe und vereinzelten Schattierungen, prägt das Gelb der schweren Steinquader das Erscheinungsbild der ägyptischen Doppelseite. Somit stehen die drei Pyramiden Gisehs im Mittelpunkt der illustrierten Epoche und zeugen in ihrer Monumentalität von der Baukunst vor rund 4500 Jahren und auch von der Macht der Pharaonen. Über den Ursprung des Wortes wird gelb auf schwarz aufgeklärt: „Das Wort ‚Pharao‘ bedeutete ursprünglich ‚großes Haus‘ und verwies auf den Palast des Königspaares, das an der Spitze der Gesellschaft stand. Erst viel später wurde ‚Pharao‘ der Name für den König oder die Königin selbst.“ Doch nicht nur die zentrale Stellung auf der Bilderbuchseite, sondern auch die vielen schwarz gezeichneten Arbeiter thematisieren den Pyramidenbau samt technischen Finessen der Bauherren. Was eine fein gezeichnete Peitsche und ein drohender Zeigefinger im Bild andeuten, wird im Text ausgespart: Sklaverei und die Ausbeutung der menschlichen Arbeitsleistung ist Teil unserer Geschichte.

Peter Rinnerthaler

Die Inka/Die Azteken
Wer Geschichte nacherzählt oder wie Peter Goes zentrale Momente der Menschheitsgeschichte in je einer Doppelseite in Bild und Text unglaublich prägnant zusammenfasst, muss zwangsläufig Schwerpunkte setzen, manche Aspekte in den Vordergrund rücken, während andere weniger beleuchtet werden. Deshalb fällt es positiv auf, dass hier Geschichte nicht nur mit einem eurozentristischen Blick geschrieben (bzw. gemalt wird), sondern auch den Hochkulturen der Inka und Azteken Platz gegeben wird, inklusive ihres Unterganges (auch aufgrund von den Spaniern eingeschleppter Krankheiten). Die Seitenfarbe, ein zentrales Gestaltungsmittel dieses Buches, ist hier ein lehmiges Beige, auf dem das Schwarz des Machu Piccu, das Grün des Regenwaldes und das Blau des Ozeans besonders hervorstechen. Wimmelbuch-mäßig gibt es hier unglaublich viel zu Entdecken – von den Tieren des Regenwaldes bis hin zu einem kleinen Missionar, der passenderweise gleich neben der Wassergöttin Chalchiuhtlicue platziert ist… Spannende Einblicke in den Entstehungsprozess dieses Buches gibt es hier: http://blog.picturebookmakers.com/post/134324069746/peter-goes

Kathrin Wexberg

16. Jahrhundert:
Das ist des Pudels Kern! Der Alchemist Doktor Johannes Faust lebt und stirbt unter mysteriösen Umständen. Seine Zeitgenossen vermuten teuflische Beteiligung – der Nährboden für das Werk, das Johann Wolfgang Goethe von drei Jahrhunderte später Weltruhm bescheren soll, ist bereitet.
Nicht mit dem Teufel, sondern mit dem Papst verhandelt Heinrich VIII von England um eine Annullierung. Weil der Pontifex nicht zustimmt, gründet der König kurzerhand die anglikanische Kirche.
Von Luther bis Shakespeare – dieses Jahrhundert bringt viele berühmte und berüchtigte Gestalten zusammen. Schwarz auf hellgrauem Grund präsentieren sich die illustren Persönlichkeiten auf ihrer Doppelseite. Begleitet werden ihre teils sehr klassischen (William Shakespeare), teils comichaft verfremdeten (Martin Luther) Gesichter von kurzen Informationen über Leben und historische Umstände. Die Texte umspielen die Illustrationen in Form von kleinen Wellen, die sich über die gesamte Seite ziehen.
Wo Entwicklung ist, gibt es immer Menschen, die sie begrüßen – und solche, die sich dagegen sperren. Aus der Mitte der Doppelseite flieht eine Gruppe vor Galileo Galilei gen Seitenrand, während oben und unten Schiffe darauf warten, noch die letzten Flecken von der Weltkarte zu tilgen. Bei allen Errungenschaften der Zeit bleibt die Szenerie düster, die erhellende Aufklärung wird erst auf den folgenden Seiten zuschlagen. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Wer die Antwort nicht kennt, möge getrost weiterblättern.

Simone Weiss

Die 80er-Jahre
Das Zweifarben-Konzept wird in den 1980er-Jahren nicht nur durch Rot- oder Gelbakzente durchbrochen, sondern in einem farblichen Blickpunkt gebündelt: „Der Zauberwürfel wurde zum Kult.“ Rund um ihn und entlang des verbildlichten Zeitstroms angeordnet drängen die Dinge und Ereignisse auch hier nach Oben oder Unten: Das Band eines Mix-Tapes wird zu den Wellen, die die Falkland-Inseln umspielen, während die Kampfbomber des (ersten) Irakkriegs in den Himmelsteigen und auf eine U.S.-amerikanische Ikonografie abzuzielen scheinen: E.T., als Schattenriss im Fahrradkörbchen vor dem Vollmond. Die Schleppe von Dianas Braukleid wallt über die Stufen der Hochzeitstorte nach unten, während die Gewerkschafter von Solinarność die Faust kampfbereit in die Luft recken. Afrika wird zum Klangkörper der Live-Aid-Gitarre, Freddie Mercury lebt noch und Michael Jackson tanzt bereits in roter Lederjacke mit den Zombies. Es ist das Jahrzehnt, in dem sich Populärkultur und historische Ereignisse erstmals sichtbar vermischen, in dem die Berliner Mauer fällt, der Ghettoblaster erfunden wird, chinesische Studenten den Panzern am Platz des Himmlischen Friedens entgegentreten und der DeLorean zurück in die Zukunft (also gegen die Zeit) reist. Es ist ein Jahrzehnt, das nahe genug am Jetzt liegt, um mit dem detailverliebten Bildangebot die Möglichkeit zu bieten, sich selbst in das Zeitgeschehen einzuschreiben: „In Tschernobyl, einer Stadt in der Ukraine, die damals noch zur Sowjetunion gehörte, explodierte 1986 ein Atomreaktor – mit katastrophalen Folgen für die Umwelt und die Bevölkerung.“ Manche haben an diesem Tag ihre schriftliche Matura geschrieben, um wenige Jahre später zur Umweltzerstörung als Thema der Kinder- und Jugendliteratur zu forschen und viele Jahre später dieses Buch zu rezensieren.

Heidi Lexe

Aspekte, die zu bedenken sind:
Mit Genuss lassen sich Sachbücher wie dieses rezipieren und zeigen einmal mehr, den literarischen und ästhetischen Variantenreichtum, der in den vergangenen Jahren endlich auch auf das Sachbuch übergegriffen hat. Stunden um Stunden lassen sich hier mit dem Entdecken noch so kleiner Details verbringen.
Wer lange schaut, dem stellen sich auch viele Fragen. Wie lassen sich solche Fragen diskutieren? Gerade die Kröte, als besondere Empfehlung für Bücher, auf die ein zweiter (und dritter und vierter und …) Blick lohnt, bietet sich als Forum dafür an.
Daher möchte die STUBE ihrer überzeugten Empfehlung des Buches einige Fragen zur Seite stellen, die wir im Team diskutiert haben:

-Weibliche Geschichtsschreibung:
Warum sind Frauen in Darstellungen der Geschichtsschreibung kategorisch unterrepräsentiert? Warum dürfen Frauen lediglich als Untersuchungsobjekt (des Stethoskoperfinders), Sexsymbol (der 50er-Jahre), strenge Regentin oder Cancantänzerin (im Moulin Rouge) auftreten und nicht als Entdeckerinnen, Erfinderinnen, weibliche Stars oder etwa als erfolgreiche Sportlerinnen maßgeblich und aktiv an der Geschichtsschreibung mitwirken? Und warum wird die Chance nicht genutzt, um auf den gendersensiblen Sprachwechsel, der sich spätestens in den 2010er-Jahren in Teilen der Gesellschaft niederschlägt, hinzuweisen oder affirmativ einzubauen.

-Perspektivierung:
Warum wird der weltumspannende Blick auf die Welt und deren Geschichte an vielen Stellen gegen eine westlich orientierte Darstellung eingetauscht und so die globale Entwicklung der Erdbevölkerung beziehungsweise die Internationalität innerhalb der Geschichtsschreibung vernachlässigt? Dadurch könnten zum Beispiel im Infotext über die Kreuzzüge Positionierungen oder auch das Wort „Sieg“ vermieden werden.

-Ironie des Nebeneinanders:
Hat das der Form implizite Nebeneinander von Szenen auch Nachteile? Können aus den semantischen In-Bezug-Setzungen Kontexte entstehen, die positive aber auch negative Konnotationen zulassen?
Was heißt es zum Beispiel, wenn neben der Darstellung der Emanzipationsbewegung und dem Schild „Votes for women“, der Erfinder des Stethoskops ausgerechnet eine Frau abhört, die in der Illustration aus großem Busen und Kopf besteht?

-Lakonischer Sprachstil:
Hat die erfrischende Lakonie der Kurzinformationen ihre Grenzen? Wird eine kritische Haltung damit ausgeblendet? Denn trotz der notwendigen Verknappung der Sachtexte muss hinterfragt werden, ob es zu Unschärfen und Abschwächungen kommt, wenn es im Text zum zweiten Weltkrieg heißt, dass „viele heute lieber ‚Shoa‘“ sagen oder zum Sklavenhandel im 18. Jahrhundert festgehalten wird, dass „Mit menschlicher Handelsware [...] ein satter Gewinn zu erzielen“ war.

 

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