Ruhige Zeit?
Das bleibt zu hoffen, nachdem die Christkindl-Markt-Schlacht seit Anfang November vor den Toren der STUBE tobt … Wer sich also für die Feiertage Zeit für Klassiker nehmen will, die literarisch-künstlerisch auf ganz besondere Weise neu inszeniert wurden, für den empfehlen wir im Rahmen einer Weihnachts-Kröte drei ganz besondere Crossover-Werke. 

E.T.A. Hoffmann / Ulrike Möltgen: Wie aus tiefstem Traum

„Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten.“
E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ setzt in Briefform ein und zeigt den jungen Studenten Nathanael als einen unzuverlässigen Erzähler, in dessen überhitzter, traumhafter Wahrnehmung Bilder aus Gegenwart und Vergangenheit einander zu überlagern beginnen. Die heute gerne als Kunstmärchen bezeichnete Erzählung erschien erstmals 1816 in einem Erzählzyklus, dessen Titel „Nachtstücke“ bereits auf das Wesen der dort versammelten Texte verweist: Als deutscher Romantiker etabliert E.T.A. Hoffmann das phantastische Erzählen als Inbegriff des Unbestimmbaren, als changierendes Eindringen des Unheimlichen in die Realität, als Entsetzen, von dem nie klar wird, ob es real existiert oder nur der menschlichen Vorstellungskraft entspringt.
Bereit in ihrer ersten, doppelseitigen Illustration verdeutlicht Ulrike Möltgen diesen literaturgeschichtlichen Schreibprozess gleichermaßen wie jenen innerfiktionalen, der dem Brief von Nathanael an seinen Freund Lothar entspricht: Das intime Schriftstück und mit ihm die Erzählung selbst bilden einen wortwörtlichen Raum, in den die alte Schwarzweißfotografie einer kindliche Figur collagiert ist. Umgeben von einander überlagernden, scheinbar mathematisch korrekten grafischen Elementen hält der Junge einen lebensgroßen Bleistift in der Hand, dessen Spitze rot gefärbt ist. Blut?
An den Bildrand gedrängt wird das Kind von einem Rabenkopf – dem ikonografischen Inbegriff der Gothic Novel. Und dieser Rabe hält ein Auge in seinem Schnabel von dem es rot in ein Loch im Boden tropft …
Als bibliophile Schmuckausgabe wird „Der Sandmann“ mit der einige Jahre früher entstandenen Erzählung „Der Magnetiseur“ gemeinsam sowohl fantastisch als auch phantastisch präsentiert. Denn die wunderbaren, gleichermaßen feingliedrigen wie expressiven Illustrationen von Ulrike Möltgen greifen mit Blick auf beide Erzählungen das flirrende Moment zwischen physikalischer Mechanik und menschlicher Wahrnehmung auf. Nicht der Sandmann selbst als Schreckgestalt aus Nathanaels Kindheit wird dabei in den Blick genommen, sondern vielmehr dessen Wirkung auf den sich zunehmend zersetzenden Geist Nathanaels. Zum illustratorischen Höhepunkt des Bandes jedoch wird Olimpia, die Automatin. Ulrike Möltgen schafft nicht nur eine in barocker Kleidung ausstaffierte Spiel-Puppe, die ins Bild collagiert wird; sie zersetzt das erschaffene Wesen illustratorisch auch in seine mechanischen Einzelteile und extrahiert dabei das Auge, das in E.T.A. Hoffmanns Erzählung zum Inbegriff düsterer Sinnestäuschungen wird.
Goya 2025.

Mary Shelley / MinaLima: Frankenstein

„Schauereregendes Grauen“ soll hier erweckt werden, wie Mary Shelley selbst es mit Blick auf die Entstehungsgeschichte ihres Romans formuliert hat. (Wir erinnern uns: Diese Entstehungsgeschichte hatte mit einer Gewitternacht am Genfer See und den literarischen Versuchen von vier Schriftsteller*innen zu tun …) Zum Inbegriff dieses Schauerns wird auch hier das Auge – und zwar jenes des monströsen Geschöpfes, das Viktor Frankenstein aus Leichenteilen erschaffen und physikalischen Experimenten der Entstehungszeit des Romans entsprechend mit Hilfe von Stromschlägen wieder zum Leben erweckt hat. Das Grafiker*innen-Duo MinaLima erschafft dieses Auge als Minitur-Papierkunstwerk: Eine Drehscheibe kann geöffnet werden, als handle es sich um ein eisernes Portal oder Guckloch in einer schweren Türe. Der Blick ins blutunterlaufene Sinnesorgan führt auch hier zurück zu einer traum-haften Szene in einer Novembernacht, die zum (entstehungsgeschichtlichen) Kernstück des 1818 erstmals (anonym) veröffentlichten Schauerromans wird.
Wie immer in ihren zwischen Buch- und Papierkunst angesiedelten, aufwändig gestalteten Klassiker-Ausgaben kombinieren Miraphora Mina und Eduardo Lima, bekannt geworden durch ihre grafischen Arbeiten für alle (bisherigen) Filme der Harry Potter-Storyworld, Buchkunst und Illustration. So wie bei E.T.A. Hoffmann, an dessen Werk Mary Shelley sich ja durchaus orientiert, spielen auch in „Frankenstein“ Briefe und mit ihnen mehrfach ineinander geschobene Erzählperspektiven eine entscheidende Rolle. Dieser Materialität begegnen MinaLima mit einem grafischen Konzept, das Leser*innen Kapitel für Kapitel durch ein (durchaus an die Nevermore Academy erinnerndes) Gothik-Portal in den Roman eintreten lässt: umflort von Raben und Steinfiguren legt eine Schriftrolle vorab ein zentrales Text-Moment aus dem jeweiligen Kapitel frei und entrollt damit den Roman Stück für Stück. Schmuckelemente wie Inkurablen werden mit Illustrationsfragmenten kombiniert, die an Seitenrändern verlaufen, Medaillons bilden oder ganzseitige in variantenreicher Perspektivierung Einblick ins schaurige Geschehen geben. Das Gothic-Schwarz wird mit zwei zentralen Schmuckfarben kombiniert: Einem türkisgefärbten Eisblau, basierend auf der Nordmeer-Expedition, die den Roman rahmt. Und goldorangem Gelb, das an den Rändern der schattenrissartig gestalteten Figuren und Requisiten stets für das irrlichternde Moment des Wundersames sorgt. Frankensteins Geschöpf selbst wird dabei nicht zur Ausgeburt aus einem Horrorfilm diskreditiert, sondern als plumper, unansehnlich in Lumpen gehüllter Außenseiter inszeniert. Er erinnert ein wenig an Hagrid und verdichtet die Motivik des Romans, in dem die Menschwerdung des Geschöpfes am fehlenden Gegenüber – und damit an seiner Einsamkeit – scheitert.  
Aus dem Engl. v. Ana Maria Brock.
Coppenrath 2025.

Carlo Collodi / Imme Dros / Carll Cneut: Pinocchio

Neben der Automatin Olimpia und dem Geschöpf Frankensteins macht sich die prototypische kinderliterarische Figur, die innerfiktional von Menschenhand geschaffen wird, deutlich spielerischer aus: Carl Cneut reduziert den Holzkörper auf den Rumpf und verleiht ihm mit frechem Strich Gliedmaßen und Spitznase. Er lässt ihn als Schwarzweißzeichnung frech in die Welt turnen, bevor die erste ganzseitige Illustration das Ausmaß des Widerstandes zeigt, dass Pinocchio von Beginn an an den Tag legt: In bühnenbildartiger Raum-Inszenierung purzeln in der Holzwerkstatt des alten Geppetto Tisch und Stuhl, Kaffeekanne und Äste, Holzspielzeuge und Kinderzeichnungen durcheinander.
Wie immer setzt der belgische Illustrator dabei auf die Farbe Rot. Nicht nur stattet er Pinocchio mit der entsprechenden Jacke und dem entsprechenden Hütchen aus, sondern integriert ihn nachhaltig in einer farbintensiven Welt der Burattini, der Marionetten, die illustratorisch in Jahrhunderte dauernder Tradition an Pinocchio-Ausgaben mit dem italienischen Volkstheater und damit der Commedia dell’arte kombiniert wurden. Hier erhalten sie doppelte Bedeutung, denn die klug reduzierte, dialogreiche Textfassung von Imme Dros basiert auf einem Theaterstück und strafft den Âventiure-Charakter der ursprünglich über 36 Kapitel und zahllose Umwege verlaufenden Bewährungsgeschichte auf ansprechende Weise.
Rasch sieht Pinocchio sich also einer Flut an Rot-Schattierungen gegenüber, als er auf der Bühne des Puppentheaters zu Seinesgleichen „zurück“kehrt und wird hinter dem Vorhang in eine Rot-Weiß-Schwarz-Fülle an zitierten Figuren aus der Welt der Theater- und Zirkusleute, der Gaukler und Varieté-Künstler*innen integriert. Darunter finden sich auch Vogelwesen, die eine zentrale Rolle in Carl Cneuts Werken spielen und die ihm hier im Spiel mit den surreal variierten Größenverhältnissen der Figuren dazu dienen, die absurden Momente der Geschichte zu betonen. Denn geprägt ist der Text ja weniger von Verrücktheit und Spiel, als vielmehr von Pinocchios Stimmungsschwankungen und dem naiv-kindlichen Vertrauen, das Pinocchio immer und immer wieder in eine abgründige Welt der Ausbeutung und des Betrugs geraten lässt.
Gemeinsam mit Imme Dros nimmt Carl Cneut jene moralischen Belehrungen, die dem ursprünglichen Roman eingeschrieben waren, stark zurück; und setzt stattdessen auf oft wimmelbildartige Übersteigerung jener skurrilen Welten, in die Pinocchio gerät. Pinocchio verliert sich immer wieder in farbexplosiv ausgestalteten Welten jenseits des Realen und weiß sich letztlich doch in seiner unverwüstlichen, pinienkernbasierten Beschaffenheit gegen riesenhaften Hahnenköpfe, Hundeschnauzen und Walfische durchzusetzen. Bis die blaue Frau auftaucht, Abgesandte aus Carll Cneuts Welt der spitzhütigen Hexen und Feen, und Geppettos Holzpuppe in einen ragazzo per bene verwandelt. Damit ist ihm jenes Happy End vergönnt, vom dem die Figuren aus dem traumhaft-düsteren Welten von E.T.A. Hoffmann und Mary Shelley ganz dem Genre entsprechend buchstäblich meilenweit entfernt waren.
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
bohem 2025.

Heidi Lexe


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