Am Weihnachtsbaume. Die 24 tollsten Weihnachtslieder zum Gucken, Hören und Mitsingen. Musik von Nils Kacirek, Bilder von Franziska Biermann. Nach einer Idee von Susanne Koppe.
Wenn sich am Weihnachtsabend alle unter dem Tannenbaum zusammenfinden, um voller Inbrunst die traditionellen Weihnachtslieder anzustimmen, gibt es oft ein Problem: Texte und Melodien sind nicht allen gleichermaßen geläufig. Dem schafft dieses Buch Abhilfe – für jeden Tag des Advents gibt es Text und Noten eines Weihnachtsliedes, jeweils mit mehreren Strophen. Auf der beiliegenden CD können die Lieder in teils sehr modern-originellen, teils klassischen Arrangements angehört werden. Wer davon zum Mitsingen animiert wurde, kann die ebenfalls vorhandenen Playback-Versionen nützen. Ein wahrer Augenschmaus sind die witzigen Illustrationen von Franziska Biermann: Den Liedern gegenübergestellt ist das Bild eines zunächst fast menschenleeren Wohnzimmers, das am ersten Tag des Advents von einer Frau mit weihnachtlich prallgefüllten Einkaufstaschen betreten wird. Auf jeder der darauf folgenden Seiten füllt sich dann der Raum mit immer zahlreicheren (mehr oder weniger) weihnachtlichen Details und Figuren, bis schließlich am 24. Dezember alle, vom Krokodil bis zum Schaf, einträchtig unterm Weihnachtsbaum versammelt sind – und der finale Weihnachtsgesang angestimmt werden kann. Als elektronischen Vorgeschmack sowohl auf das Buch als auch auf das Weihnachtsfest bietet der Verlag einen online-Adventkalender http://www.advent.bloomsburykinder.de, der die lange Wartezeit auf Weihnachten versüßt.
Kathrin Wexberg
Wer noch Inspirationen für den Wunschzettel benötigt, findet auf unserer Homepage eine Zusammenstellung außergewöhnlicher Bücher rund um Weihnachten und die Adventszeit. Die Buchliste finden Sie hier
Bloomsbury 2007 64 S., € 17,40
ISBN 978-3-8270-5219-3
Kröte im November 2007
Astrid Lindgren: Ur-Pippi. Kommentiert von Ulla Lundqvist.
Aus dem Schwedischen von Cäcilie Heinig und Angelika Kutsch
Im Jahr 1887 wurde im Nachlass von Luise von Göchhausen, der 1807 in Weimar verstorbenen Ersten Hofdame der Herzogin Anna Amalie von Sachsen-Weimar-Eisenach die Abschrift einiger Szenen von Johann Wolfgang Goethes Faust gefunden. Es handelte sich dabei um jene frühe Version des späteren Meisterwerks, die heute als „Urfaust“ bekannt ist. Der Fund dieser verschollen geglaubten Szenen galt als Sensation.
Nicht einmal 100 Jahre später (es dürften 90 gewesen sein) hielt die schwedische Literaturwissenschafterin Ulla Lundqvist erstmals ein Manuskript in Händen, das 1944 entstand und Grundlage war für jene 1945 veröffentlichte, überarbeitete Version des späteren Welterfolgs „Pippi Langstrumpf“:
Ohne mit der Wimper zu zucken vertraute sie [Astrid Lindgren] mir die wertvolle, mit der Maschine geschriebene Ur-Pippi mit ihrer eigenen, herrlichen Zeichnung auf dem Deckblatt an. Vermutlich war sich keiner von uns beiden bewusst, was für ein unersetzbares Dokument wir in den Händen hielten. (S. 118)
Das Manuskript hat Astrid Lindgren – so bezeugt eine handschriftliche Notiz auf dessen Titelseite – ihrer Tochter Karin zum 10. Geburtstag gewidmet. Nun endlich, anlässlich des 100. Geburtstages, den Astrid Lindgren am 14. November des heurigen Jahres gefeiert hätte, wird diese Textversion erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
In einer Übersetzung von Cäcilie Heinig und Angelika Kutsch zeigt sich Pippi Langstrumpf darin als weit ruppigere und deutlich weniger gutmütige Figur als in der späteren Buchversion. „Ich grüße Euch, ihr lieben kleinen karierten Kinder!“ ruft sie Tommy und Annika – und damit auch den LeserInnen - entgegen und schafft damit eine noch viel höhere Fallhöhe zwischen dem Kindbild ihrer Zeit und dem sich in ihrer Figur verfestigenden kindlichen Willen zur Macht, den Astrid Lindgren (sie beruft sich dabei auf Bertrand Russell) in ihrem ersten Brief an den Verlag Bonnier angesprochen hat.
Die Geschichte erscheint in vielen Handlungsmomenten viel weniger auserzählt; Pippi erklärt sich viel weniger selbst – und handelt deutlich rücksichtsloser und gerade Erwachsenen gegenüber deutlich frecher als in der späteren Buchversion. Auch ihre „Biographie“ wurde in der Buchversion nachhaltig ausgeschmückt; hier, in der Ur-Pippi, heißt es kurz angebunden:
Früher hatte Pippi mal einen Papa gehabt, ja, sie hatte natürlich auch eine Mama gehabt, aber das war so lange her, dass sie sich gar nicht mehr daran erinnern konnte. Ihren Papa hatte sie jedenfalls nicht vergessen. Er war Kapitän und segelte über die großen Meere, und Pippi war mit ihm auf seinem Schiff gesegelt, bis er einmal bei einem Sturm ins Meer geweht worden und verschwunden war. (S. 13)
In den Text integriert sind Nonsens-Reime und Paraphrasen bekannter Lieder, womit die große schwedische Autorin sich durchaus als in der Tradition von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ stehend ausweist. Diese und viele andere Auffälligkeiten, die Veröffentlichungsgeschichte des Textes samt weitreichender Fehlentscheidung Bonniers, das Manuskript abzulehnen, sowie die sprachlichen Straffungen und „Anpassung an den Horizont der Kinder“, die für die Buchversion vorgenommen wurde, analysiert Ulla Lindqvist in ihrem umfangreichen Nachwort leicht verständlich und detailreich. Damit wird im kinderliterarischen Bereich, der ja gerade im Umgang mit seinen Klassikern die Textpflege nicht immer so genau nimmt, eine kommentierte Ausgabe präsentiert, die kurzweilig aufzeigt, wie interessant die Frage nach der Textgenese – und wie substanziell sie aufbereitet – sein kann.
Heidi Lexe
Oetinger 2007 168 S., € 14,90
ISBN 3-7891-4159-3
Wer mehr über die Entstehungsgeschichte der "Pippi Langstrumpf" wissen möchte, wer sich auf Bild-Spuren durch Astrid Lindgrens Leben begeben möchte oder gar Anleitungen für eine Reise zur Villa Kunterbunt braucht, für den/diejenige haben wir eine Auswahl an Medien zusammengestellt, die aus unterschiedlichsten Perspektiven den Blick auf Astrid Lindgren und ihr Werk werfen.
Zu finden hier
Kröte im Oktober 2007
Ole Könnecke: Anton und die Blätter
Es wird Herbst: Als Abgesang auf den Sommer werden bunte Blätter durch die Luft gewirbelt und geben Anlass, zu einem herrlichen Blätterberg zusammengeharkt zu werden. Anton zum Beispiel findet daran – angetan mit Stiefelchen und grauem Hut im Zorro-Verschnitt – durchaus seine (wie immer stille) Freude. Und als noch ein letztes Blatt herbstlich gestimmt zu Boden sinkt, möchte Anton auch dieses noch einfangen. Doch einmal in Bewegung kommen die Figuren auch im jüngsten Anton-Band von Ole Könnecke nicht recht zur Ruhe. Da ist zum Beispiel Lukas, der kurz entschlossen von der Schaukel springt, um Anton dabei zu helfen, das Blatt festzuhalten. Und da sind Greta und Nina, die ebenfalls zu laufen beginnen, als Antons „Festhalten“ an ihr Ohr dringt. Es formiert sich also eine illustre Vierergruppe, die sich vom windbewegten Blatt zu einem Hin und Her, einem Hinauf und Hinunter verlocken lässt. Die Szenerie, die von Ole Könnecke auch diesmal wieder allein durch die Dynamik der Figuren belebt wird, wird dominiert von einem anmutigen Birkenhain – minimalistisch collagiert und durch eine wenige andere Natursymbole ergänzt.
Genug Raum also für die in herbstlichem Rostrot und winterlichem Weiß gehaltenen Figuren, ihre ganz eigene Richtung einzuschlagen. Und dabei den herbstlichen Laubhügel noch einmal ordentlich aufzumischen, bis glücklich zum gemeinschaftlichen „Geschafft!“ gelangt.
Heidi Lexe
Hanser 2007 32 S., € 12,90
ISBN 3-446-20894-1
Da ist Lukas, heißt es in „Anton und die Blätter“. Und: Lukas will helfen.
Die STUBE hat sich Ole Könneckes Bilderbuch als Vorbild genommen und ihrerseits einen Lukas ins nunmehr geschlechtlich ausgeglichen zusammengesetzte Team geholt.
Susie Morgenstern - Chen Jianghong: Ich werde Wunder vollbringen
Zaubern, das haben wir in diesem Sommer gelernt, kann eine heilsbringende Fähigkeit sein. Als solche wird es auch von Susie Morgenstern entfaltet, wenn sie kindliche Welteroberungsfantasien bis zur Vision göttlicher Allmacht steigert:
Ihr seht schon: Ein Gott will ich werden,
Der alles besser macht auf Erden.
Ausgehend von der hundertmal gestellten Frage, was er denn werden will auf dieser Welt, entlassen die beiden in Frankreich lebenden KünstlerInnen ihre kindliche Hauptfigur in eine Insze-nierung lustvoll ausgespielten Größenwahns: Hier wird alles Unrecht getilgt und um ewigen Frieden gekämpft, hier werden Hungersnöte gebannt und Krankheiten geheilt. Hier lässt ein durchsetzungsfreudiges, selig lächelndes, bedrücktes und zorniges Ich gar die Toten erwachen: „Dann können sie Ball spielen und fröhlich lachen.“
Der anarchische Kindheitsmythos wird verkehrt, der Zauber des machtvoll erwirkten allumfassenden Glücks beschworen. Das anarchische Moment jedoch bleibt erhalten, denn nicht eine pastellerne Harmonie untermalt das Loblied des Zauberers; vielmehr wird die heile (im Sinn einer geheilten) Welt beschworen mit Bildmitteln der Apokalypse: Rot und Schwarz beherrschen die großformatigen Doppelseiten und liegen oftmals in wildem Streit.
Chen Jianghong, dessen Arbeiten gerade im Bilderbuchmuseum Troisdorf ausgestellt werden, arbeitet gerne auf sehr saugfähigen Untergründen, auf Reispapier oder gar Seide. Er lässt Farben ineinander rinnen und kontert mit zügig und dick aufgetragenen Pinselstrichen. Aus Flächen, Klecksen und Pinselstrichwirrwarr entsteht der Hintergrund, vor dem die vorgestellte Wirkmacht des Ich in naiv-kindlicher Art visualisiert wird. Die Kreativität und Üppigkeit der Gedanken wird dabei zum wilden Farbenspiel stilisiert.
„Alle Geheimnisse will ich erfahren“, stellt das Kind auf seinem Weg zur Vertreibung aller Sorgen fest. Und entscheidet sich letztlich doch für ein viel schlichteres Wunder:
Doch halt, da fällt mir etwas ein:
Es könnte vielleicht klüger sein,
Ich lass’ das mit dem Zaubern lieber bleiben
Und lerne erst das Lesen und das Schreiben.
Die kindliche Allmachtsfantasie wird ironisierend gebrochen. Der Zugang zu einer Welt der Weisheit jedoch mag sich gerade dadurch eröffnen.
Heidi Lexe
Bloomsbury 2007 32 S., € 14,-
ISBN 3-8270-5262-9
Auf die Frage, was sie denn werden will auf der Welt, weiß Inge Cevela seit einigen Monaten eine neue Antwort: Verlagsleiterin. Der September wird der letzte Monat sein, den Inge Cevela in der STUBE verbringt, in der sie seit fast 25 Jahren tätig ist und die sie seit 1. Oktober 1997 mit großer Souveränität geleitet hat. Ab 1. Oktober 2007 wird Inge Cevela die STUBE verlassen und ausschließlich dem Wiener Dom-Verlag zur Verfügung stehen, dessen Leitung sie im Juni übernommen hat.
Es besteht kein Zweifel daran, dass Inge Cevela (auch) in ihrem neuen Job Wunder vollbringen wird. Aus diesem Grund haben wir diesbezügliche Wünsche gesammelt, die MitarbeiterInnen und PartnerInnen der STUBE ihr mit auf den Weg geben wollen. Diese Wünsche finden Siehier
Kröte im Juli und August 2007
Es hüpft in meinem Kopf herum. Gedichte für Kinder. Gesammelt von Manfred Mai. Illustriert von Almud Kunert
Das Schöne am Urlaub ist die Möglichkeit, endlich wieder einmal den Kopf frei zu bekommen. Egal ob man im schattigen Garten in der Hängematte schaukelt oder am Strand in der Sonne brutzelt: Die Gedanken dürfen schweifen, wohin auch immer sie wollen. Die Urlaubslektüre ist zumeist darauf abgestimmt: Möglichst dick müssen die Bücher sein, damit der Lesestoff nicht ausgeht, und möglichst in sich geschlossen müssen die literarischen Welten sein, in die man abtaucht, um einmal im Jahr alles rund um sich zu vergessen.
Oder aber man sorgt dafür, dass die Gedanken, die einem im Kopf herumhüpfen, einmal nichts mit Alltagsentscheidungen zu tun haben: Lesen tut nicht weh, stellt Manfred Mai fest, und bürstet unsere Vorstellung von Urlaubslektüre gegen den Strich. Gedichte für Kinder stellt er zusammen und bedient sich dabei an den Traditionen der unterschiedlichsten Art, um die Kinderwelt in all ihren Facetten lyrisch zu umkreisen. Innen- und Außen, Früher und Später, Wohlgefühl und Schauer, Humor und Humorlosigkeit, Verrücktheit und Nachdenklichkeit finden sich zu einem kleinen feinen Stimmungsbarometer in Gedichtform zusammen und werden in den Illustrationen mit Witz und Detailfreude gespiegelt. Mit viel Esprit entfachen Almud Kunerts blau-orangen Zeichnungen ein Hin und Her an spritzigen Ideen, kantigen Strichen und beruhigten Momenten. In zweifärbiger Ausgestaltung werden die gereimten und ungereimten Sprachmurmeln dann freigegeben, um in sommerlich entspannten Köpfen ihr buntes Spiel zu treiben:
Ich nahm das kleine Buch zur Hand.
Mir wurden die Augen groß,
weil alles ringsumher verschwand.
Und schon ging die Reise los.
(Frantz Wittkamp, S. 14)
Wer also Urlaub einmal anders begreifen und sich in sommerlicher Dosierung auf die (Sprach- ) Welt einlassen will, kommt hier vielleicht ganz woanders an, als erwartet – gerade weil er/sie lesen kann ...
Reihe Hanser bei dtv 110 S., € 7,95
ISBN 9783423623131
Ill. Almud Kunert
Für alle, in deren Kopf noch zuwenig los ist und die nach noch mehr herumhüpfenden Gedichten suchen, haben wir die Liste unserer Buchliste Kinderlyrikund Lyrik für Kinder hier
neu überarbeitet.
Kröte im Juni und Juli 2007
Joanne K. Rowling: Harry Potter and The Deathy Hallows
Was soll das?
werden sich viele fragen. Reicht es nicht, wenn dieses Buch rund um sein Erscheinen am 21. Juli 2007 (englischsprachige Fassung) alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird?
Reichen nicht kontinuierliche Meldungen wie jene über die Druckerei GGP in Pößneck, in der die Druckereiarbeiter wie in einem Hochsicherheitstrakt untersucht werden, wenn sie die Druckerei verlassen, und angeblich im Dunkeln arbeiten müssen, um das Buch, das sie drucken, nicht lesen zu können. Und natürlich handelt es sich bei diesem „Buch“ um 250.000 Exemplare des neuen, letzten „Harry Potter“.
Ist es überhaupt lauter, ein Buch zur Kröte des Monats zu machen, das noch gar nicht erschienen ist? Da hilft auch kein zweiter Blick, um Genaueres über dessen Gestaltungsweise zu erfahren:-)
Erstmals seit es die Kröte des Monats gibt, lädt die STUBE ein, sich im Voraus an einer Diskussion über ein Buch zu beteiligen, das erst erscheinen wird und hat dafür einige Fragen formuliert.
Antwortvarianten werden beim STUBE-Freitag im Juni zur Diskussion gestellt.
Fragen zu „Harry Potter and the Deathly Hallows“
Wird Harry Potter sterben?
Wenn ja, wie und durch wen?
Wird Lord Voldemort sterben?
Wenn ja, wie und durch wen?
Welche anderen namhaften Figuren werden sterben und warum?
Gibt es eine Verbindung zwischen Harry Potter und Lord Voldemort die über die Prophezeiung hinausgeht?
Wer ist R.A.B.?
Welche sind die sieben Horcruxe?
Warum hat Severus Snape Albus Dumbledore getötet?
Warum hat Albus Dumbledore Severus Snape immer vertraut?
Auf wessen Seite steht Severus Snape wirklich?
Wird der Schulbetrieb in Hogwarts trotz der tragischen Ereignisse am Ende des sechsten Bandes aufrecht erhalten?
Wer wird Hogwarts leiten?
Wird Harry Potter nach Hogwarts zurückkehren?
Worin werden die zentralen "Aufgaben" für Ron und Hermine liegen?
Welche Rolle werden Ginny und Neville spielen?
Bonus-Track f ür Soap-Fans:
Wird es im Rahmen eines Happy Ends zu Hochzeiten kommen?
Alle, die sich an dieser besondere Buchdiskussion beteiligen wollen, sind eingeladen, ihre Antworten auf eine, mehrere oder auch alle Fragen an stube@stube.at (Betreff: Harry Potter) zu schicken.
Beim STUBE-Freitag am 29. Juni werden die sich ergebenden Varianten und Möglichkeiten gemeinsam diskutiert.
Für alle, die eine Kröte des Monats im Sinne des üblichen Buchtipps vermissen, verweisen wir auf den Tagebuchbericht der Neuvorstellungen im Rahmen des STUBE-Freitag im Mai. Dort finden Sie eine Liste, der im Rahmen der Neuvorstellungen präsentierten Bücher aus der Frühjahrsproduktion.
Franz Fühmann / Jacky Gleich: Ein Sommernachtstraum. Ein Märchen nach Shakespeare.
Wenn mit dem Maifeiertag nach alter Tradition die Spielzeit der Komödie anbricht und die nahende Mittsommernacht die Sinne für das Fabelhafte schärft, herrscht die beste Zeit für ein „Traumspiel“: William Shakespeare hat es zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit seinen Lord Chamberlain’s Men vorexerziert und dabei gezeigt, wie sich ein komödiantisches Miteinander von Menschen-, Elfen- und Königreich inszenieren lässt, in dem es um die unterschiedlichsten Formen von Verwandlung geht. Wird ein Handwerker in einen Esel verzaubert, spricht man von Metamorphose; wird im Reigen eines solchen metamorphen Verwirrspiels auf Werke des römischen Dichters Ovid zurückgegriffen, spricht man hingegen von Transformation.
Hinstorff 2007
45 S., € 12,90
ISBN 978-356-01190-6
ab 8 Jahren
Die Übernahme von Theaterstücken in das Medium Bilderbuch stellt einen besonderen Fall solcher literarischer Transformationen dar – darauf hat Marlene Zöhrer in ihrem Referat bei der STUBE-Tagung „Bühne frei!“ hingewiesen: „Das Bilderbuch, das wie das Theater, oder präziser die Aufführung, plurimedial ist, erweist sich bei der Bearbeitung von Klassikern als besonders geeignetes Zielmedium. Die Kombination von Text und Bild stellt für die Vermittlung von dramatischen Texten einen klaren Gewinn dar, da man nicht allein auf die verbale Vermittlung angewiesen ist, sondern auch auf visuelle Elemente zurückgreifen kann.“
Ganz dieser Aufführung eines Theaterstückes auf der Guck-kastenbühne des Bilderbuches scheinen die Figuren von Jacky Gleich zu entsprechen: Sie erinnern an Theaterskizzen, an Figurenentwürfe oder auch an Papierpuppen, deren Wirkung man vor weißem Hintergrund erprobt, und die dann in entsprechende Kulissen gestellt (collagiert) werden.
Ihre die Elfen „besetzt“ die Illustratorin dabei wohltuend gegen das Rollenbild. Deren Typisierung als Luftwesen zeigt sich in ihrer durchgehend weißen und auch durchschimmernden Färbung, nicht aber in figuraler Zartheit: Rundliche Kobolde mit kleinen Flügeln purzeln durch die mittsommernächtliche Welt, im Fall von Puck frech wie Peter Pan und angetan mit weißer Rappermützchen und rundglasiger Sonnenbrille. Insbesondere mit der barock anmutenden Titania wird auf ein Schönheitsideal zurückgegriffen, das es wohl nicht in die neue Werbelinie von H&M, sehr wohl aber in eine schabernackdurchflutete Waldwelt passt, in der „die Frauen seit je die gleichen Rechte wie die Männer hatten“: „Wenn der König einmal garstig zu seiner Königin war, so war auch sie garstig zu ihm.“
In Franz Fühmanns aus den späten 1960er Jahren stammendem Text steht dieses streitlustige Elfenvolk sehr stark im Mittelpunkt und bestimmt auch deutlich dessen Erzählton: Fühmann gelingt es das verwirrende Verwirrspiel märchenhaft aufzulösen und dessen spielerisch-lustvolles Potential auch einer kindlichen Zielgruppe zugänglich zu machen.
Heidi Lexe
Ill. Jacky Gleich
Mit dieser Kröte des Monats findet auch der STUBE-Schwer-punkt Literatur und Theater für Kinder und Jugendliche seinen Abschluss, dessen Höhepunkt die in Kooperation mit dem DSCHUNGEL WIEN veranstaltete Tagung Bühne frei! war.
Shakespeare wird noch viele Generationen intensiv beschäftigen. Sonst wäre er nicht Shakespeare.
Dieser schöne Satz stammt von Kardinal Schönborn, der sich jüngst ebenso wie die STUBE auf die Bretter, die die Welt bedeuten, gewagt hat: Im April folgte er einer Einladung des Burgtheaters, anlässlich der Premiere von „Maß für Maß“ über die Kraft des Verzeihens zu sprechen. Die vollständige Fassung seiner „Shakespeare-Predigt“ finden Sie als Kommentar der anderen im Online-Standard
Kröte im April 2007
Marie-Aude Murail: Simpel. Aus dem Französ. von Tobias Scheffel. Fischer Schatzinsel 2007.
Ein Stofftier, das in unbeobachteten Momenten lebendig wird und allen möglichen Unfug anstellt, für den sich sonst niemand verantwortlich fühlt – eine Situation, die im Alltag mit Kindern nicht selten vorkommt und die von Bill Waterson in seinen Comics von Calvin und Hobbes in unzähligen komischen Varianten dargestellt wird. Hier ist es kein Stofftiger, sondern ein Hase mit dem klingenden Namen Monsieur Hasehase, der immer wieder für Aufregung sorgt. Doch er gehört keinem Kind, sondern einem Zweiundzwanzigjährigen namens Simpel, der durch seine geistige Behinderung etwa auf dem Entwicklungsstand eines Dreijährigen ist. Sein eigentlich jüngerer Bruder Colbert erträgt es nicht, dass Simpel in einem Heim leben muss und beschließt daher, die Verantwortung für ihn zu übernehmen. Die beiden ziehen in eine StudentInnen-WG – ein sehr spezielles Lebens- und Liebesmilieu, das Simpel mit seinen Besonderheiten ganz gehörig durcheinander bringt. Mit viel Situationskomik und Witz werden die daraus entstehenden Komplikationen geschildert, jene Szenen, in denen Simpel mit Monsieur Hasehase allein ist, werden jedoch ganz konsequent aus seiner Sicht, mit seinem eigenen Blick auf die Welt erzählt:
Monsieur Hasehase ging es nicht gut. Er machte „orrggh, orrgghh“ und hielt sich den Bauch, dann hatte er Schluckauf und Krämpfe. „Spuckst du?“ „Nein, ich karotze.“. Monsieur Hasehase wollte nichts so machen wie normale Leute. „Ich hab fieberheiß“, sagte er. „Muss der Doktor.“ (S. 123)
Die spezielle Sprache Simpels stellte wohl besondere Anforderun-gen an die Übersetzung, für die wesentliche Impulse in einem Übersetzungsworkshop im Rahmen des „Prix des lycéens alle-mands“ entstanden, bei dem die jugendlichen Mitglieder der Jury mit dem Roman von Marie-Aude Murail arbeiteten, der auf der Leipziger Buchmesse 2006 mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Mit Simpel und Colbert hat die Autorin ein ganz besonderes jugendliterarisches Brüderpaar geschaffen, deren Zusammenleben alles andere als „simpel“ ist – und bei allen Schwierigkeiten doch auch Momente von besonderer Wärme und Zuneigung hat.
Kathrin Wexberg
Konfliktreiche Brüderbeziehungen sind übrigens keine Seltenheit in der Jugendliteratur - man denke nur an die Kröte des Monats Februar 2007.
Weitere Beispiele finden Sie in einer Buchliste mit dem Titel Brüder
ab 12 Jahren
Kröte im März 2007
Sheila Och: Balaban Neumann, der Hund
Bereits das am Cover festgehaltene hämische Hundegrinsen beweist, was - allgemein grassierender Tierliebe zum Trotz - Parkbegegnungen immer wieder vermuten ließen: Bei diesen Viechern handelt es sich um außerordentlich hinterlistige Subjekte. Balaban zum Beispiel weiß genau was zu tun ist, um die Mitglieder der Familie Neumann um die Pfote zu wickeln. Und niemand außer Peter scheint zu bemerken, was man sich mit diesem Opa-Ersatz-Hund eingehandelt hat.
Der Opa nämlich ist der Familie zu Beginn der Erzählung "weggestorben":
"Zu unserem Tisch, an dem wir jeden Abend alle zusammen sitzen, essen und lachen gehören sechs Stühle. Auf einem Stuhl sitzt mein Vater, links neben ihm meine große Schwester Irene, zu ihrer Linken wiederum meine Mutter und die hütet zu ihrer linken Seite meine kleine Schwester Bärbel. Neben Bärbel sitze immer ich und dann steht da noch ein Stuhl, der damals, als meine Geschichte anfing, leer war. Es war der leerste Stuhl, den ich je in meinem Leben gesehen hatte."
Es ist jener Sessel, auf dem immer der Opa gesessen hat. jener allerliebste Opa, der der Familie vierzehn Tage zuvor weggestorben war. Die anherrschende Traurigkeit wird auf ein wenig hinterlistige Art von der kleinen Bärbel instrumentalisiert: Der Opa hätte uns bestimmt einen Hund gekauft, wenn er gesehen hätte, wie traurig wir sind.
Mit dem, was nach dem darauf folgenden Besuch im Tierheim passiert, hätte der Opa in jedem Fall seine Freude gehabt: Linoldrucke setzen unmissverständlich all jene Untaten Balabans in Szene, deren Details erzählerisch geschickt der Fantasie der Leser/innen überlassen werden. Kurzweilig wird geschildert, wie der struppige Kerl zunehmend und letztlich auf unerwartete Art jene Lücke im Leben der Neumanns ausfüllt, die ihr Opa hinterlassen hat.
Gegen so viel Charme sind selbst eingefleischte Hundehasser machtlos. Daher gehört „Balaban Neumann, der Hund“ zu den All-Time-Favourites der STUBE – zumal es sich wunderbar vorlesen lässt. Das Rate-Quiz der STUBE zum Jahresanfang jedoch hat gezeigt, dass bezüglich der Kenntnis dieses Textes durchaus Aufholbedarf besteht ... (Auflösung des Ratequiz hier).
Heidi Lexe
Unter Mitarbeit von Miroslav Novák. Mit Bildern von Sabine Wiemers. Aarau: Sauerländer 1999.
Lieferbar als Omnibus-TB 74 S., € 4,90
ISBN 978-3-570-21396-4
Illustration aus
"Balaban Neumann,
der Hund" von
Sabine Wiemers.
Kurz vor der Erst-Erscheinung von „Balaban Neumann, der Hund“ im Jahr 1999 erging es uns ähnlich wie dem Ich-Erzähler: Sheila Och ist uns "weggestorben".
Es sind nur vier Bücher, die sie uns hinterlassen hat, doch jedes für sich ist ein Glanzstück an Humor und Erzählkunst.
Für alle, die sich noch einmal oder erstmalig auf Sheila Ochs Texte einlassen wollen, haben wir hier eine Literaturliste zusammengestellt.
Einen Nachruf auf Sheila Och, den Franz Lettner für die Fach-zeitschrift 1000 und 1 Buch verfasst hat, finden Sie hier.
Ill. Sabine Wiemers
Kröte im Februar 2007
David Klass: Wenn er kommt, dann laufen wir
„Es gibt nichts, was ich daran ändern könnte. Ich bin sein Bruder. Meine Eltern sind auch seine Eltern. Wir müssen ihn aufnehmen.“
Der 17jährige Jeff lebt mit seinen Eltern in einer Kleinstadt in New Jersey ein angenehmes, durchschnittliches Teenagerleben: er ist ein mäßg guter Schüler, erfolgreiches Mitglied der Fußballmannschaft und genießt die Beziehung mit seiner ersten Freundin.
Doch etwas bedroht diese heile Welt – und zwar nicht von außen, sondern aus dem innersten Kern des Familienverbandes: Jeffs Bruder wird nach Hause zurückkommen.
Dieser Bruder, der mittlerweile 21jährige Troy, ist ein verurteilter Mörder. Nein, kein Kleinkrimineller, kein ein bisschen aus der Bahn geworfener Jugendlicher – ein Mörder. Auch wenn er jetzt aufgrund von Verfahrensfehlern begnadigt und aus dem Gefängnis entlassen wurde, besteht an seiner Tat kein Zweifel: er hat vor fünfeinhalb Jahren einen Jungen getötet. Jeff musste mit seinen Eltern ihre Heimatstadt verlassen, um hunderte Meilen weit weg ein neues Leben zu beginnen.
Die Eltern glauben nun an die Läuterung ihres älteren Sohnes, nehmen ihn wieder in die Familie auf und vertrauen ihm ohne jeglichen Zweifel – sehen, was sie gerne sehen wollen: einen jungen Mann, der seine Tat bereut und ein neues, rechtschaffenes Leben beginnen will.
Jeff ist der einzige, der Troy gewachsen ist, der einzige, der sich nicht täuschen lässt vom Theater des bereuenden Gebesserten. Damit beginnt ein subtiler Kampf zwischen den Brüdern: der jüngere, der mit allen Kräften versucht, sein Leben nicht nochmals völlig zerstören zu lassen gegen den älteren, dessen unheilvolle Pläne man nur erahnen kann.
David Klass verpackt diese Geschichte über zwei ungleiche Brüder in die für die Jugendliteratur eher ungewöhnliche Form des Thrillers, erzählt aus der Ich-Perspektive des jüngeren Bruders Jeff. Eng verwoben in die Auseinandersetzung der beiden Brüder miteinander ist ein grundsätzlicher Diskurs zum „Bösen“ an sich – damit gewinnt der Text eine zusätzliche Ebene, auf der moralische und ethische Grundsätze in Frage gestellt und diskutiert werden. Alles in allem sicher kein Text für schwache Nerven …
Lisa Kollmer / STUBE
Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst. Würzburg: Arena 2006, 325 S., € 16,90
ISBN 3-401-05898-3
Kröte im Jänner 2007
Jürg Schubiger / Franz Hohler / Jutta Bauer: Aller Anfang. Beltz&Gelberg 2006
„Nach einem gewaltigen Knall hing die Erde wie blöd im Weltall und versuchte sich zu erinnern, wo sie hergekommen war.“
Ein unbestimmten Zwischenstatus, von dem noch keiner weiß, wie lange er anhalten wird, denn: „Es dauerte noch lange, bis die Menschen den ersten ganzen Satz aussprechen konnten.“
Die Zeit bis dahin verkürzen zwei Autoren, deren besondere Gabe darin liegt, sich solchen Zwischenstadien in kleinen Sprachvarianten anzunähern. Das scheinbar längst Geklärte wird zurück ins Unbestimmte gestellt – um dann auf humorvolle Art ganz neu begründet zu werden. Wie simpel erscheinen da plötzlich die Antworten auf Fragen, die die Menschen seit Generationen umgetrieben haben! Doch ist die Geschichte über die Gemüsekiste voller Erbsen, die Gott eines Tages bekommen hat, nicht weit plausibler als jede andere Weltwelterschaffungs-theorie?
Und so führen die Geschichten vom Anfang zurück in jene Zeit, als die Welt noch jung oder gar nicht erst vorhanden war, als die Dinge noch keinen Namen hatten, Gott noch durch das Nichts streifte und Mutter Erde noch am Pöbeln war. In ihren reduziert gestalteten Illustrationen setzt Jutta Bauer gekonnt die Ahnungslosigkeit um, mit der die Lebewesen zu dieser Zeit auf die Erde – und aufeinander – trafen.
Es entsteht ein bibliophil gestalteter Band, in dem den großen mythischen Erzähltraditionen kleine Schöpfungssplitter gegenüber gestellt werden – so, als würden beim Schleifen des Weltenmetalls winzigkleine Teilchen Funken sprühend durch die Luft stoben. Gemeinsam ergeben diese Teilchen ein oszillierendes Erzählpanorama – und repräsentieren eine ungewöhnliche literarische Korrespondenz, denn die beiden Schweizer Autoren erzählen abwechselnd. Ein Hin- und Her, das einen Schriftwechsel der besonderen Art ergibt:
„Wir spielten zusammen ‚Schöpfung’ wie Gott und sein Gegenspieler in meiner Geschichte vom bösen Teufel. Warst du dabei der Teufel oder war ich es – oder war es doch ganz anders?“ formuliert Jürg Schubiger in einem an das Ende des Bandes gestellten Brief an Franz Hohler.
Wer würde bei diesem hochklassischen literarischen Spiel nicht noch einmal zurück an den Anfang wollen?
Heidi Lexe / STUBE
Jürg Schubiger und
Franz Hohler:
Aller Anfang
Ill. v. Jutta Bauer.
Weinheim: Beltz&Gelberg
2006, 125 S., € 16,90
ISBN 3-407-79914-4
Das STUBE-Team wünscht am Ende und Anfang des Jahres allen, die unsere Arbeit unterstützen und begleiten, viele neue Anfänge!
Und sei es, indem ein neues Buch aufgeschlagen wird ...
Als kleine Anregung dafür haben wir 15 legendäre Buchanfänge als Rate-Quiz zusammengestellt.
Gefragt wird nach Autor/in und Titel jener Kinder- oder Jugendbücher, aus denen diese ersten Sätze stammen.
Antworten können bis Ende Jänner per Mail an stube@stube.at geschickt werden.
Bitte unbedingt „Aller Anfang“ in die Betreff-Zeile schreiben!!!
Unter den Einsendungen mit den meisten richtigen Antworten wird dreimal die Kröte zum Jahreswechsel verlost – Aller Anfang von Jürg Schubiger, Franz Hohler und Jutta Bauer – zur Verfügung gestellt vom Verlag Beltz&Gelberg.
Ill. Jutta Bauer
Aller Anfang
Die Auflösung des Rate-Quiz der STUBE zum Jahresanfang sowie Bilder von der Verlosung der Buch-Preise finden Sie hier.