Hrsg. SIKJM (Schweizerisches Institut
für Kinder- und Jugendmedien).
Chronos 2018. € 48.

Atlas der Schweizer Kinderliteratur.
Expeditionen & Panoramen

Sie wollen verreisen? Nicht zu weit weg, aber doch mit Expeditionen ins PHantastische und mit prächtigen Panoramen? Wie wäre es mit der Schweizer Literaturlandschaft? Dann käme Ihnen dieser „Atlas der Schweizer Kinderliteratur“ gerade recht. Dieser in jeder Hinsicht gewichtige, reich illustrierte Band ist soeben zum 50-Jahre Jubiläum des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) erschienen.

Das Buch ist eine bibliophile Augenweide: in elegantes blaues Halbleinen gebunden, mit Ausstanzungen am Cover, die als Gucklöcher den Blick auf Bildausschnitte freigeben, einem großzügigen Layout sowie eigens für diesen Band geschaffenen Illustrationen arrivierter Schweizer Künstler_innen.

Das zugrunde liegende Konzept hat etwas Spielerisches und ist so klug wie abwechslungsreich: Inspiriert vom Ansatz der Literaturgeographie, die literarische Schauplätze – seien dies nun reale, fiktive, erträumte oder ersehnte Orte – für eine Textanalyse heranzieht, beleuchten 20 Beiträger_innen die Entwicklung der aktuellen Schweizer Kinderliteratur. Dies ergibt eine äußerst kurzweilige Lektüre und bietet für jede Lese-Reisende und jeden Lese-Reisenden etwas. Ganz zu Recht betont Anita Müller also im Vorwort: „Die Schweizer Kinderliteratur ist an vielen Orten zu Hause.“ Die Verfasser_innen kommen aus unterschiedlichen Bereichen und ihre gewählten Zugänge sind vielfältig. Beiträge unterschiedlicher Länge wechseln einander ab, auf wissenschaftliche Aufsätze folgen launige Essays, akademischer Ernst wird durch Anekdoten und humorige Betrachtungen ergänzt.

Der „Atlas“ verortet Geschichten und führt nicht nur in die kinderliterarische Welt der Fantasien, Träume und Emotionen, sondern auch auf Heidis Alm (die Ehre dieses literarisch-medialen Alpinbesuches kommt einer österreichischen Heidi zu), ins Gebirge, in die Städte, über Grenzen (überwunden durch Migration und Übersetzungen) und ins Weltall. Der Dschungel der Worte, das Reich der Sprachspiele und das der Schweizer Mundarten werden ebenso durchquert wie die Abenteuerwelten einer Federica de Cesco oder jene der Schweizer Kinderbuchszene. Wilhelm Tell fehlt genau so wenig wie Klassiker der Weltliteratur, die von Hannes Binder oder Käthi Bhend neu ins Bilderbuch gerückt wurden und die Grenzen zwischen Erwachsenen- und Kinderliteratur aufzuheben scheinen; selbst der erstaunliche Zusammenhang zwischen Zoobesucher_innen und Bilderbuchleser_innen wird erklärt.

So unterschiedlich wie die Beiträge sind auch die Illustrationen des „Atlas“: Jedem Aufsatz ist eine doppelseitige, imaginäre Landkarte vorangestellt; die Schweizer Künstler_innen greifen das Thema des Textes auf, interpretieren und spinnen es eigenständig weiter. Unwillkürlich macht man sich nach Lesen eines Aufsatzes nochmals auf Motivsuche im dazugehörigen Bild und entdeckt häufig Neues und  Amüsantes. Rätselt man vielleicht vor Lesen des Beitrages über die Schweizer Mundart noch ein wenig über den blauen Elefanten mit grünen Flossen in Anna Luchs‘ Illustration, so scheint danach alles klar … Berühmte Künstler_innen wie Hannes Binder finden sich ebenso wie die Newcomerin Francesca Sanna und die in unterschiedlichen Stilen und Techniken gefertigten Bilder gewähren einen beeindruckenden Über- und Ausblick auf die Schweizer Illustrationsszene.

Der „Atlas“ bietet Orientierung und informiert hervorragend über die Schweizer Kinderliteratur der letzten beiden Jahrzehnte, über ihre Trends und möglichen Querverbindungen; vor allem aber lädt er ein, auf Entdeckungsreise zu gehen, neugierig zwischen den Seiten zu flanieren – denn wie wir alle wissen: Die schönsten und spannendsten Orte entdeckt man oft nur durch Zufall.

Barbara Burkhardt

 

An dieser Stelle herzliche Gratulation an das SIKJM zu seinem 50-jährigen Bestehen. Feiern durften wir mit Euch im September. An dieser Stelle geht der herzlicher Dank der STUBE an Euch, das SIKJM und seine Mitarbeiter_innen – für die jahrelange freundschaftliche Verbundenheit, die wunderbare Zusammenarbeit und die Einladung, am „Atlas“ mitzuwirken. Gern erinnerte Höhepunkte gemeinsamer Veranstaltungen waren der STUBE-Freitag zum >>>Gastland Schweiz sowie das „dreisprachige“ Lyrik-Podium im Rahmen der STUBE-Fernkurs-Tagung >>>gorkicht im gemank
Im Sinne der institutioneller Freundschaften haben wir mit Barbara Burkhardt eine Mitarbeiterin des Instituts für Jugendliteratur gebeten, den „Atlas“ für die STUBE zu rezensieren, sodass Wien und Zürich in mehrfacher Hinsicht zueinander kommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Mixtvision 2018. € 20,50.

Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest - Tiergedichte für Kinder

Welches Tier findet in den meisten Haushalten Unterschlupf? Welches Tier wurde schon von den alten Ägypter_innen verehrt? Wie lautet der Titel eines Musicals, das nach einem Tier benannt ist? Welches Tier führt in einer Romanreihe Krieg und geht weg wie warme Semmeln? Welches Tier regiert das Internet? Die Antworten lauten: Katze, Katze, Cats, Katze und Katze. 

Daher gehört die Katze auch zu den Spitzenreiter_innen in diesem tieraffinen Lyrikband, betrachtet man die Anzahl der Erwähnungen. Geschlagen wird das Kätzchen nur vom Streber unter den Tieren, dem besten Freund des Menschen: der Hund. Und so geht die Schlacht um Platz eins auf der ewigen Haustierrangliste in die nächste Runde. 

Das STUBE-Team sieht das natürlich etwas anders und hat sich eine eher eigenwillige Entourage zusammengeschustert: Neben der Katze widmet sich das STUBE-Team der Tarantel, dem Wolf, natürlich der STUBEnfliege sowie einer recht umfangreichen Tierparade, die allesamt von namhaften Autor_innen und Illustrator_innen humor- und kunstvoll in Szene gesetzt wurden: Michael Augustin, Tanja Dückers, Heinz Janisch, Mathias Jeschke, Arne Rautenberg und Ulrike Almut Sandig zeichnen für die Texte verantwortlich, während Nadia Budde, Julia Friese, Regina Kehn und Michael Roher collagierten, druckten, malten, ritzten, tupften und allerlei weitere elaborierte Illustrationstechniken einsetzten, um dem Band ein hochwertiges Erscheinungsbild zu verleihen. Dieses Konzept ist vollends aufgegangen und so liegt seit rund einem Monat ein quadratischer Lyrikband vor, der auch durch Satz, Layout und Farbgestaltung nicht nur für Lyrikliebhaber_innen ein abwechslungsreiches Sammelsurium an tierischer Kürzestgeschichten bereithalten wird. 

Nun aber zurück zur Katze, die es in ihren drei Gedichten nicht leicht hat, wird sie auch hier zwei Mal von ihrem Erzrivalen flankiert. Zuerst gehört sie wie der Hund zu einer Auswahl an Lebewesen, über die sich Arne Rautenberg die Frage stellt: „Können Tiere nicht einfach nur süß und niedlich sein?“ Nein sagt die Katze. Warum fragen Sie sich? Tja warum wohl? „warum zerkratzt die katz so überhaupt nicht nett / die ledercouch / und legt mir halbe mäuse vors bett?“ Noch fragwürdiger wird es in Michael Augustins Gedicht „Kätzchen & Hund“: „Mein Hund / der heißt Kätzchen / mein Kätzchen / heißt Hund. / Warum / weiß ich auch nicht, / es gibt keinen Grund.“ Augustin entwirft ein herrlich absurdes Verwirrspiel, das in Regina Kehns Positiv-Negativ-Illustration eine perfekte Entsprechung findet. Im dritten Katzengedicht hat sie sich nun endlich des Hundes entledigt, leider aber auch jeglicher Manieren, wie Tanja Dückers feststellen muss: „Mein liebster Freund ist Hannibal. / Aber heut dacht ich echt: der kann mich mal. / Pinkelt mir erst ins Bett, / dann – besonders nett – noch in die Tasche, / sogar in die neue Trinkflasche. / Dann weiter untern Küchentisch. / Das hab ich sofort weggewischt.“ Michael Roher setzt dem Text eine in gelblichen Ton gehaltene Illustration gegenüber, die die ungustiösen Schweinereien der Katze mit dem Blumenkleid der stämmigen Hausbesorgerin parallel führt. Da setzt man sich doch lieber mit dem einen oder anderen Ressentiment auseinander…

Peter Rinnerthaler

Die Stubenfliege
Als STUBE-Mitarbeiterin ist man außer mit Ruhm und Ehre auch mit mancherlei Zuschreibungen, ja sogar Vorurteilen konfrontiert – man sei immer nur drinnen, lese immer nur Bilderbücher… Es ist sehr erfreulich, dass sich mit Mathias Jeschke nun einer der wichtigen Stimmen der gegenwärtigen Kinderlyrik dieses Themas angenommen hat. Das geballte Vorurteil wird hier künstlerisch verdichtet in der Figur eines grünen Krabbelkäfers, den Nadia Budde mit madenmäßig fettem Körper und breitem Grinsen darstellt – dass dieser Käfer tatsächlich krabbeln kann, mag man sich gar nicht so recht vorstellen. Er verteidigt jedenfalls sein Revier, nämlich das Draußen, sehr entschieden, und so bleibt der Stubenfliege nichts anderes, als mit großen, traurigen Augen und schlapp herunterhängenden Flügeln dorthin zurück zu kehren, wo sie hingehört – in die STUBE. Es bleibt die Hoffnung, dass auf der karierten Tischdecke zumindest irgendetwas Erfreuliches wie zum Beispiel ein Bilderbuch oder sogar eine Lyrik-Anthologie liegen wird. 

Kathrin Wexberg


Zwei Wölfe. Ein Autor. Und Regina Kehn.   
Was passiert mit einem ordentlich durchgeschüttelten Wolf? Er könnte zum Flow werden und seine dieserart gewonnene Stromlinienförmigkeit nutzen, um einfach zu entschwinden. Damit würde er auch dem Jäger entkommen, der ihm Rot auf Schwarz bestätigt, dass zwar der Wolf an die Vorstellung von raubtierhafter Zutraulichkeit glaubt, nicht aber der Mensch: 

„Der Schuss bleibt
ungerecht
ungerächt

Der homophone Anklang am Ende von Mathias Jeschkes Gedicht„Der Wolf ist tot“ entlässt die Leser_innen mit dem Gefühl, dass die Tragik der davor liegenden Ereignisse zumindest in sprachlicher Schwebe gehalten wird. Denn egal ob im Kontext dieses zivilisationskritischen Gedichtes oder dort, wo ein traditionelles Märchen lyrisch neu inszeniert wird: Der Wolf gehört schlicht zu den Verlierern. 
Aber Halt! Dort wo Wortelemente heftig permutiert werden, wo einleitende und ausleitende Laute vertauscht, gemixt, geswitcht werden, bekommt auch der Wolf seine Chance:

„Der Honul daß fras Kätroppchen
Mit Haat und Haur

Wund eil die sa westorben gar,
lun drebt nie sicht hehr meute."“

Nicht nur das Wortmaterial erfährt hier seinen humorigen Letterkehraus, sondern auch die Märchenkonvention. Das traditionelle „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ wird – wiederum durch Mathias Jeschke –  sprachspielerisch und (!) zugunsten des Wolfes verkehrt.„Häää…?“ flötet da das kleine Vögelchen, das von Illustratorin Regina Kehn als Beobachterin (wortwörtlicher) figuraler Verschiebungen platziert wird: So wie im Gedicht selbst die Bestandteile von Wortpaaren miteinander verschränkt werden und damit für eine bewusste Irritation im Lesefluss sorgen, werden im Bild die fragmentierten Figuren ineinander verschoben, sodass die Irritation weitergedacht und ausgedeutet wird. Weder der wöse Bolf noch das Kätroppchen können noch auf ihre märchenhafte Hermetik hoffen. Sie
werden zu Versatzstücken, die auf unterschiedlichen künstlerischen Ebenen neu collagiert werden können. Regina Kehn lässt die verbleibenden Versatzstücke ihrer Figuren gegenläufig hinter Bäumen verschwinden / hinter Bäumen hervortreten. In welche Richtung sich Neu-Inszenierungen dieser Art weiterentwickeln, eibt bloffen.

Heidi Lexe

Vom Spinnentango
Die tanzende Tarantel erfreut wohl auch Personen, die Achtbeiner lieber in weiter Ferne wissen. Durch die ständige Wiederholung der ,,die tarantel tanzt‘‘-Phrase wird gelungen simuliert, wie man eben eine heiße Sohle auf’s Parkett legt, wenn man mehr als zwei Beine hat – da wird getrippelt und getrappelt, und viele Schrittmöglichkeiten hat man nicht. Die wundervollen Wortreim-Kreationen Firlefanztanz, Rattenschwanztanz und der wunderbare Mumenschanztanz (wie der wohl aussieht?) stellen sicher, dass auch Wortverliebe bei diesem Gedicht auf ihre Kosten kommen. Das tuchschwenkende Spinnchen sieht zwar auf den ersten Blick etwas zu sehr nach Menschenschreck als nach Tanzkumpane aus, durchbrochen wird die Illustration durch drei knallrote (der viere fehlt wohl) Stöckelschuhe, mit denen über das Parkett gewetzt wird. Ob textliche Anspielungen an den 80er-Industrial-Hit ZNS („Es tanzt der Kreislauf […] es tanzt den Unfallschock / tanzt den totalen Schock […] tanzt das ganze Ballett / tanzt das weiße Rauschen“) von den legendären Berlinern Einstürzende Neubauten absichtlich vorhanden sind oder nicht kann wohl nur der Autor beantworten, bildsprachlich passt es auf jeden Fall wunderbar.

Gabriel Niederberger

Fasching im Tierpark
Den Tieren, die Mathias Jeschke in seinem Gedicht in den Fasching schickt, mangelt es nicht an Einfallsreichtum. In tollkühnen Sprachspielen bedienen sie sich allen erdenklichen Möglichkeiten der Wort- und Bedeutungsvariation, um facettenreiche Metamorphosen zu vollziehen. Es werden Anagramme (Der Tapir geht als Pirat), Homonyme (Die Schwalbe geht als vorgetäuschtes Foul) und Minimalpaare gebildet (Der Seelöwe geht als Seemöwe), metaphorische Bedeutungen wörtlich genommen (Das Zebra geht als Fußgängerüberweg), zusammengesetzte Wörter uminterpretiert (Der Apfelschimmel geht als verschimmelter Apfel), und sogar andere Sprachen herangezogen (Das Gnu geht als Gewehr). Fasching ist bekanntlich verkehrte Welt, und so werden auch die Tiere in ihr Gegenteil gekehrt. Die Drossel geht als Beschleuniger, die Ente als Anfang, die Gans als Halb – ganz im Sinne des fantasievollen Spiels mit Sprache und Bedeutungen, das die orthographischen Vorgaben nicht immer ganz so ernst nimmt. Einmal schnell Drüberlesen empfiehlt sich bei diesem Gedicht jedoch nicht. An mancher Stelle muss man schon genauer hinschauen, um die Verwandlungen auch sprachlich nachzuvollziehen. Jede Zeile ist ein kleines Rätsel, das Lust auf einen kreativen Umgang mit Sprache macht. So vielseitig wie die sprachlichen und tierischen Transformationen sind auch die Bilder dazu, die von allen vier Illustrator_innen des Bandes, Nadia Budde, Julia Friese, Regina Kehn und Michael Roher, stammen. Wer die Zeichner_innen besonders gut kennt, kann Memory spielen. Ein wirklich tierischer Fasching! (Doppelbedeutung intendiert)

Claudia Sackl


Wie die Faust aufs Auge passt zur Kröte eine aktualisierte Buchliste zum Thema "Kinderlyrik", die ab sofort >>>hierabzurufen ist. Und nicht nur diese Zusammenstellung wurde über den Sommer vom STUBE-Team überarbeitet, auch alle weiteren Buchlisten zu vielen unterschiedlichen Themen versammeln sich in neuer Gestalt unter folgendem >>>link.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Tulipan 2018. € 15,00.

Anja Tuckermann, Mehrdad Zaeri und Uli Krappen:
Der Mann, der eine Blume sein wollte

Anfang Oktober beginnt das neue Unisemester und damit eine neue Ringvorlesung zur Kinder- und Jugendliteratur, die sich dieses Mal dem graphischen Erzählen widmet. Mit Blick und großer Vorfreude darauf stellt die September-Kröte ein Beispiel der kinderliterarischen Symbiose von graphischem und schriftlichem Erzählen schlechthin ins Zentrum. Das Bilderbuch „Der Mann, der eine Blume sein wollte“ weist aber noch eine zusätzliche Besonderheit auf, da es von zwei Illustrator_innen gemeinsam per demokratische[m] Übermalen mit Stoppuhr (wie Uli Krappen in dem lesenswerten Nachwort schildert) bebildert wurde.

Das bewährte Dreiergespann aus Anja Tuckermann, Mehrdad Zaeri und Uli Krappen konnte bereits mit seinem 2016 erschienenen Bilderbuch „Nusret und die Kuh“, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, Erfolge feiern. In ihrem neuen Bilderbuch setzen Mehrdad Zaeri und Uli Krappen auf eine Bildästhetik, die in der Figurenzeichnung noch an ihr erstes gemeinsames Buch erinnert, sonst aber bedeutsam variiert wird. Viel reduzierter setzen sie den erzählten Raum in Szene. Umso prägnanter platzieren sie einzelne Versatzstücke, die als dreidimensionale Objekte die Zweidimensionalität des grauen Rahmens sprengen. Ihre Illustrationen entwerfen sie als Installationen, in denen mit gezielter Beleuchtung lange Schattenwürfe erzeugt werden und symbolträchtige Farbgebungen zum Tragen kommen, die auf die Kontrastwirkung zwischen leuchtendem Bunt und mattem Grau setzen.

Der Protagonist des Bilderbuchs ist ein namenloser Bahnschrankenwärter, eigentlich ein ganz gewöhnlicher Durchschnittsmensch, der gewissenhaft seiner Arbeit, seiner Freizeit, seinem Alltag nachgeht. Zunehmend verspürt der Mann jedoch eine Sehnsucht nach mehr und den Wunsch, aus seinem eintönigen, geregelten Alltag auszubrechen:

Es reichte ihm nicht mehr, einfach nur ein Mann zu sein. / Ein Mann, der zur Arbeit ging, in der Freizeit Fußball spielte und zu Hause fernsah. Er wollte auf einer Wiese stehen und eine helle Farbe darin sein. Die gelben Blätter einer Butterblume sollten um seinen Kopf wachsen, er würde in der Erde stehen und hin und her schaukeln, wohin der Wind ihn führte.

Dass diese ersehnte individuelle Freiheit wesentlich durch den beengten Raum innerhalb konventionalisierter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen beschränkt ist, wird auch in den Bildern deutlich. Deren grauer, farbloser Hintergrund wird durch einen schwarzen Rahmen begrenzt, dessen bestimmter, fester, ja fast schon gewaltsamer Strich die Absolutheit der gesellschaftlichen Einschränkungen verdeutlicht. Dass der übergroße Bahnschranken an dem Haus des Mannes festgemacht ist, zeigt nur noch deutlicher, wie schwer seine Arbeit wiegt und wie sehr sie sein Leben bestimmt.

Plötzlich aber beginnen Pflanzen aus dem Körper des Mannes zu wachsen, der mit jeder Doppelseite vermehrt mit floralen Elementen verschmilzt, wenn er sich als die unterschiedlichsten Blumensorten – auf der Wiese, auf Sträuchern oder auf Lindenbäumen – imaginiert und sich die Insekten und Menschen vorstellt, die er mit seinem süßen Geruch und seiner blühenden Schönheit anlockt:

Er würde so süß duften, dass die Leute, die vorbeigingen, sich umschauten und nach ihm suchten und dann ihre Nase an ihn hielten und schnupperten.

Zunächst ganz vorsichtig und reduziert, bald immer kraftvoller und wilder, schreiben sich strahlende Farbakzente in den monochromen Hintergrund ein. Als Farbsprengsel auf der Wäscheleine, als Schaum in der Badewanne. Aus dem Nachwort geht hervor, dass das Illustrator_innenduo die Geschehnisse bewusst nicht auf einer üppigen grünen Blumenwiese verortet hat, sondern stattdessen den grauen Wohnraum des Mannes langsam transformiert. Verspielt durchbrechen die Blumenträume des Mannes mit ihrem beschwingten Farbenreichtum und ihrer widerständigen Dynamik seinen monotonen Alltagsraum, der sich zunehmend zu einem Freiraum weitet und schließlich ganz in seiner utopischen Vorstellung aufgeht.

Auf der nächsten Doppelseite bekommt das Thema plötzlich eine ganz andere Dimension:

Als der Mann lange genug eine Blume war, wollte er eine Frau sein und Kleider tragen in allen Farben, an die er nur denken konnte. Am liebsten hätte er das als Mann getan, aber die anderen Leute würden ihn auslachen und sein Chef würde es ihm nicht erlauben.

Als morphende Figur sprengt der sich ständig (ver)wandelnde Mann nicht nur die Grenzen des Alltags und der Imagination, sondern auch geschlechtliche Körpergrenzen, wodurch traditionelle Geschlechterrollen infrage gestellt werden. In einem ikonischen Moment des Crossdressings – auf dem Bild betrachtet sich der Mann in einem roten Frauenkleid vor dem Spiegel – manifestiert sich seine ersehnte Freiheit:

[…] als Frau könnte er Blumen im Haar tragen und lange Röcke anziehen, die weit schwangen, wenn er sich drehte. Er würde Kleider mit langen fließenden Ärmeln, aus mit Blumen bedruckten Stoffen oder in Gelb, Rot oder Blau tragen. Und er würde sich Blumen in die Haare binden und herumduften. […] Dann wollte er wieder ein Mann sein.

Bild und Text durchbrechen dabei die Opposition der binären Geschlechterordnung von Mann/Frau. Anstatt einer einmaligen Metamorphose vollzieht der Protagonist wiederholte Transformationen, wodurch ein fließender Übergang zwischen Mann–Frau entsteht.

Im Fasching kann er sich schließlich als Blumenwiese verkleiden und mit langem Haar und wehendem Rock aus Gras unter Gleichgesinnte treten. Der Karneval als umgestülpte Welt (Michail Bachtin) bietet dabei den nötigen Freiraum, den die reguläre Ordnung nicht zulässt. Anders als ein traditioneller Karneval bleibt das Bilderbuch aber kein vorübergehendes Spiel, sondern überträgt das Transformative des Karnevals auf den Alltag des Mannes. Das Spiel wird zur (innerfiktionalen) Realität, wenn der Garten und das Haus des Mannes durch die über Nacht immer riesenhafter wachsenden Blumen für immer verwandelt werden. Das Ende lässt die subversive Kraft des Bilderbuchs bemerkenswerterweise auch innerhalb einer heterosexuellen Beziehung bestehen, wenn der Mann mit jener Frau beisammen sein darf, die wir davor im Fasching als Tulpe kennengelernt haben. Heterosexualität muss also nicht immer ein strenges, beengendes Regelkorsett bedeuten, sondern darf auch entgegen den Normen agieren.

Claudia Sackl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das STUBE-Team "sag[t] beim Abschied leise Servus".

Sommerbeginn – das kann Vorfreude bedeuten, aber auch Übergang und Abschied. Die STUBE nimmt Abschied vom Königskinder-Programm, das nach vier Jahren eingestellt wird. Das allererste Programm wurde im Dezember 2014 mit einer >>>Kröte des Monats willkommen geheißen, in der mehrere Titel vorgestellt wurden – so wird nun der Bogen geschlossen mit einer Kröte, die aus jeweils zwei Leser_innen-Perspektiven die Bücher des letzten Programms in den Blick nimmt.


Aus dem Amerik. v. Nadine Püschel.
Köngiskinder 2018. € 19,99.

Marci Lyn Curtis:
Dieser Augenblick, erschreckend und schön

Zuerst war es das „rosa Buch“, von dem eine schwülstige Liebesgeschichte erwartet wurde. Dann wurde es das außerordentliche rosa Buch, das ein schwieriges Thema mit einer Liebesgeschichte stilsicher verwob.
Mit heftigem Inhalt, dynamisch wie eine gute Serie geplottet und dennoch an den wichtigen Stellen sensibel: so könnte zusammengefasst werden, wie es Marci Lyn Curtis gelingt, von der labilen Grace zu erzählen, die nach zwei Jahren ins Küstenstädtchen New Harbor zurückkehrt, ihre ehemals beste Freundin und ihren Ex-Freund wieder trifft und sich ihrer für die Leser_innen vorerst noch unklaren düsteren Vergangenheit stellen muss, die sie so zerstörte.
Wie es der jungen Frau gelingt, über die Erfahrung von sexualisierter Gewalt zu sprechen und wieder selbstbestimmt ins Leben zu finden, ist in diesem High-School-Setting leichtfüßig, und empfindsam gleichzeitig erzählt. Grace ist eine energische Stimme, deren Gefühle aus der Ich-Perspektive genau und nachvollziehbar beschrieben werden und die ein liebevolles und unterstützendes Figurenrepertoire zur Seite gestellt bekommt.
Ein Buch, das sich optimistisch an ein schwieriges Thema wagt – und damit richtigliegt.

Jana Sommeregger


Nun, ich war (dank Jana Sommeregger) vorbereitet: es wird keine Liebesgeschichte für frühsommerliche Sonntag-Nachmittage am Balkon. Oder doch? Denn Grace erzählt zwar entlang den Bruchlinien ihres Lebens – sie tut dies aber stilistisch überraschend schwerelos, pointiert und ohne der Tragik der Situation komplett zu verfallen. Sie inszeniert sich nicht als Opfer, sondern zeigt, dass sie zwar todtraurig ist, aber dennoch dem Leben und seinen Herausforderungen zugewandt bleibt.
Dem Leben, in dem alles so einfach sein könnte; in dem unangekündigte Mathetests, brüchige Fingernägel und sprödes Haar zur zentralen Herausforderung werden könnten. Und nicht die Trauer. Und nicht die Wahrheit.
Diese beiden – Trauer und Wahrheit – sind in Marci Lynn Curtis Romankonzeption untrennbar miteinander verbunden; denn die Trauer holt die Wahrheit  ans Licht, als Grace nach dem Tod ihres Vaters an jenen Ort zurück kehrt, an dem sie jahrelang glückliche Ferientage verbracht hat; an dem sie aber auch Owen wiedertrifft, den Kinderfreund, die Jugendliebe. Derjenige, der sie vermeintlich vergewaltigt hat. Ist es also Zeit, die Kiste zu öffnen, in der Grace ihre Erinnerungen gut verschlossen hat?
Der Erinnerungsprozess wird zunehmend parallel geführt mit einem Detektionsprozess, denn Grace Wiederbegegnung mit Owen verunsichert Grace in mehrfacher Hinsicht. Warum empfindet sie noch immer Vertrauen für jemanden, der sich an ihr vergangen hat, als sie durch Schlafmittel außer Gefecht gesetzt war? Reicht dieses Vertrauen so weit, dass sie Owen glaubt, der immer und immer wieder seine Unschuld beteuert? Was aber ist in dieser Nacht dann wirklich passiert?
Auch wenn Grace‘ Blick auf das Geschehene getrübt ist, erzählt sie klarsichtig und ohne Pathos – aber durchaus bilderreich: „Genau hier, genau jetzt. Dieses Gefühl von Vertrautheit und Geschichte und Zugehörigkeit. Ich will es an meine Brust drücken und nie mehr loslassen.“
Am Beginn des Romans steht ein Ankommen, das letztlich zu einem Nach-Hause-Kommen werden kann; denn Grace der Ortswechsel, in dem die Ereignisse begründet liegen, führt dazu, dass Grace ihr eigenes Lebens erneut betrifft, erneut zu durchstreift – und damit erstmals zu begreifen lernt.

Heidi Lexe

 


Aus dem Austral. v. Birgit Schmitz.
Köngiskinder 2018. € 16,99.

Dianne Touchell: Foster vergessen

Plötzlich mitten in einem Satz nach einem Wort suchen. Das Klo nicht mehr rechtzeitig finden. Und schließlich seine engsten Familienangehörigen nicht mehr erkennen. All diese qualvollen, schrittweise einsetzenden Folgen von früh einsetzendem Alzheimer hat Julianne Moore im auf einem Roman von Lisa Genova basierenden Film „Still Alice“ dargestellt (und wurde dafür mit einem Oscar für die beste weibliche Hauptrolle prämiert). Während der Film konsequent die Perspektive der erkrankten Person einnimmt, setzt die australische Autorin Dianne Touchell einen anderen Fokus, nämlich den des siebenjährigen Foster. Sein Vater ist in seinem Kinderleben eine wichtige Konstante, und eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist es, miteinander Geschichten zu erzählen. Als der Vater immer vergesslicher wird und nach einer langen Unklarheit schließlich die Diagnose Alzheimer feststeht, ist es also neben all den eingangs geschilderten schwerwiegenden Verlusten auch die Unmöglichkeit des Geschichten Erzählens, die Foster zu schaffen macht (und einem beim Lesen das Herz schwer werden lässt). Besonders beklemmend ist dabei, wie der Vater und Foster gemeinsam den (gesunden) Erwachsenen ausgeliefert sind, wenn z.B. eine Nachbarin gegen Bezahlung auf die beiden „aufpasst“ und dabei sehr ungut wird. Eines der Qualitätsmerkmale des Königskinder-Programms war stets die bedachte Buchgestaltung, die hier noch ein letztes Mal einen Höhepunkt findet - und deren besondere Ausgeklügeltheit sich erst zeigt, wenn der Schutzumschlag abgenommen wird.

Kathrin Wexberg


Was passiert mit dem achtjährigen Foster Hirum Wylie, der wohl behütet und umfangen von der Liebe seiner Eltern, vor allem von den Geschichten und der besonderen Aufmerksamkeit seines Vaters aufwächst und plötzlich mit bröckelnden Familienstrukturen konfrontiert wird? Wenn sein Vater sich unübersehbar verändert, Dinge vergisst, sich seltsam verhält, sogar verloren geht? Wenn Foster plötzlich auf seinen Dad aufpassen muss, wo es doch früher umgekehrt war?
Mit der unvermutet auftretenden Alzheimer-Erkrankung seines Vaters gerät Fosters bis dahin heile Welt in eine bedrückende Abwärtsspirale und er selbst mehr und mehr ins Abseits. Immer öfter kommt es zu Eskalationen und aggressiven Schüben des Vaters, die Foster irritiert zurücklassen. Mit verzweifelter Innigkeit versucht er, den Zustand des Vaters in sein Dasein zu integrieren und verirrt sich dabei immer wieder in den notwendig gewordenen „neuen“ Verhaltensregeln.
Intensiv und unverblümt richtet Dianne Touchell den Fokus ganz und gar auf Fosters Wahrnehmung und Gefühle und thematisiert damit nicht nur eine schwere Krankheit, sondern vor allem die damit einhergehenden Veränderungen im Leben der Angehörigen, insbesondere die Vereinsamung des Kindes, das in seinen Bedürfnissen und Unsicherheiten von den Erwachsenen übersehen, ja fast „vergessen“ wird. So wie die Krankheit den Vater vergessen lässt und die Vertrautheit und Nähe zu seinem Sohn auf eine andere, unberechenbare Ebene hebt. Bleibt die Frage nach der Zielgruppe: Für Leser_innen in Fosters Alter sind Setting und Dramaturgie zu komplex; für eine ältere Zielgruppe ab 13 könnte das Alter des Protagonisten eine Hürde darstellen. Dennoch: Dieses bemerkenswerte Buch, das Raum für die Unberechenbarkeiten des Lebens öffnet, sei allen - Jugendlichen ebenso wie Erwachsenen – unbedingt empfohlen.

Ela Wildberger

 


Aus dem Engl. v. Josefine Haubold.
Köngiskinder 2018. € 19,99.

Haley Long: Der nächstferne Ort

Dass die englische Autorin Hayley Long experimentierfreudig ist, wusste man spätestens nach „Sophie Soundso“ (Carlsen Königskinder 2015). War es damals noch Sprache an sich, die originären, für die Lektüre aber auch etwas anstrengenden Metamorphosen unterworfen wurde, wird in Longs zweitem ins Deutsche übersetzen Text nun ein erzählerischer Twist zum Dreh- und Angelpunkt.
London, München, Barcelona, Shanghai, New York. In all diesen Städten hat der Ich-Erzähler Dylan schon gelebt, und dass, obwohl er erst 16 Jahre alt ist. Seine Familie führt ein nomadisches Dasein. Mit seinen Eltern und seinem 13-jährigen Bruder Griff zieht er ständig durch die Welt. Bei einem tragischen Autounfall kommen ihre Eltern jedoch plötzlich ums Leben. Als Griff danach im Krankenhaus aufwacht, ist für Dylan eines klar: Er muss seinen kleinen Bruder beschützen, ihn durch seine Trauer leiten und begleiten, ihn wieder ins Leben führen. Der folgende primäre Erzählstrang ist auf das zukünftige Danach ausgerichtet, das unweigerlich eintritt. Gefühlvoll erzählt Long von den Versuchen, wieder Fuß zu fassen in einer Welt, in der man sich plötzlich schmerzhaft einsam wiederfindet. Zuerst kommen die Brüder bei ihrer exzentrischen Schuldirektorin in Brooklyn unter, bald darauf werden sie von der Cousine ihrer Mutter nach Aberystwyth verschifft. Mit dieser Rückkehr nach Großbritannien, an einen Ort, der nicht nur geographisch und kulturell fremd ist, sondern sich auch der sprachlichen Erschließung entzieht – alle sprechen hier Walisisch –, kehren die Brüder an ihren Ausgangs- und Herkunftsort zurück. In der Verrückung von den modernen, kosmopolitischen Metropolen des scheinbar unwiderruflich verlorenen Davors in die Kleinstadt in der Provinz spiegelt Long gekonnt jenen Rückzug ins Innere wieder, den die Protagonisten durchlaufen. Dylan flüchtet sich, wenn alles zu viel wird und die Unerträglichkeit der Situation überhandnimmt, an den „nächstfernen Ort“: einen immer anderen Ort in seinen Erinnerungen, die als Mosaik der Vergangenheit das Davor der Familie, vor allem aber das Davor einer unvollendeten Beziehung in Versatzstücken aufblitzen lassen. Im Gegensatz zum Haupterzählstrang, der ganz auf Griff hin ausgerichtet ist und in dem Dylan fast wie besessen von seinem Bruder scheint, spricht er erst in diesen Seitensträngen mehr über sich selbst.
„Der nächstferne Ort“ ist aber keine – wie man zunächst vielleicht annehmen könnte – Adoleszenzgeschichte über Dylans Ichfindung nach dem Unfall. Im Zentrum stehen vielmehr die Beziehung der beiden Brüder, der Trauerprozess des kleinen Bruders und das Nicht-Loslassen-Können des älteren. Am Ende aber müssen beide ihre Identität neu zusammensetzen.

Claudia Sackl

Als Griff und Dylan bei einem schrecklichen Autounfall ihre Eltern verlieren, sind sie plötzlich ganz allein auf der Welt. Bis jetzt haben sie gemeinsam mit ihren weltoffenen Eltern schon überall gelebt: in Shanghai, München, Barcelona und zuletzt sogar in New York; einerseits war der ständige Ortwechsel spannend, denn es gab immer eine Menge zu erleben, andererseits sorgte das ständige Umziehen auch dafür, dass sie sich nirgendwo so richtig zu Hause fühlten. Als einzige Konstante in ihrem Leben waren es ihre Eltern, die dafür sorgten, dass sie sich sicher und geborgen fühlten, egal, wo sie sich auf der Welt befanden. Während der jüngere Griff mit seinem eigenen Schmerz nur sehr schwer umgehen kann, scheint Dylan seine Rolle als großer Bruder übertrieben ernst zu nehmen.
Über Dylans personale Erzählperspektive erleben wir die Wiedereingliederung des Jüngeren in das Leben über eine gewisse Distanz hinweg, die dafür sorgt, dass Trauer und Verlust nachvollziehbar vermittelt werden, ohne dabei das Lesen zu erschweren. Dass sich Griffs Art zu Trauern so sehr von der seines Bruders unterscheidet, kommt im letzten Drittel des Romans zu einer stimmigen Konklusion. Solange reisen wir mit Dylan immer wieder an einen „nächstfernen Ort“ – so zumindest nennt er die Erinnerungen, die ihn ganz unmittelbar einzuholen scheinen. In Form von klassischen Rückblenden ermöglichen seine „Reisen“ einen direkten Einblick in das frühere Leben der beiden Brüder. Dass sich Dylan dabei sowohl physisch als auch psychisch vom aktuellen Geschehen entfernt, simuliert der Text, indem er die Übergänge deutlich markiert und wie eine Brücke zwischen den Absätzen erscheinen lässt.
Sie fungieren also nicht nur als erzählerisches Moment, sondern tragen auch rein innerfiktional zur psychischen Verarbeitung des schrecklichen Unfalls bei – als würde er auf diese Weise sanft von seinem früheren Leben mit den Eltern Abschied nehmen. Durch geschicktes Spiel mit der Erzählperspektive und den Figurenkonstellationen ergibt sich nach und nach ein retrospektives Bild des Lebens, das Dylan und Griff einmal gelebt haben, während sich, mit Blick nach vorn, in der Ferne bereits ihre Zukunft abzeichnet: gleich dort, am "nächstfernen Ort".

Julia Krokoszinski

 


Aus dem Amerik. v. Ingo Herzke.
Köngiskinder 2018. € 18,99.

Jean Webster: Lieber Feind

Die gute Nachricht vorweg: Man muss den ersten Band nicht gelesen haben, um mit diesem Buch seine Freude zu haben. Mit „Lieber Daddy-Long-Legs“ ist im letzten Jahr eine Neuübersetzung von Jean Websters Briefroman von 1912 erschienen, nun hat Ingo Herzke auch „Lieber Feind“ ins Deutsche übertragen. Im ersten Roman wird Judy Abbott von einem mysteriösen Gönner aus dem John-Grier-Waisenheim „gerettet“ und zum Studium an eine Universität geschickt. In Briefen an ihren Förderer berichtet sie von ihrer Eroberung von Bildung und Kultur, von Ansätzen der Frauenbewegung und erinnert damit auch ein wenig an „E-Mail für dich“ – schließlich ist der mysteriöse Adressat dann doch jemand vertrauter …
In der Fortsetzung „Lieber Feind“ ist Judy bereits verheiratet und ihre Freundin Sally McBride soll eben jenes Waisenhaus übernehmen, in dem Judy aufgewachsen ist. Als temperamentvolle junge Dame richtet Sally ihre scharfzüngigen Briefe an Judy und andere und zeigt, wie erstaunlich zeitgenössisch Humor von 1915 sein kann. Mit enormen Drive mischt Sally das altmodische Haus auf – bis hin zur unsäglichen Uniform: „Mir will nicht einleuchten, wie ein Mädchen auch nur eine Spur von Selbstachtung bewahren kann, wenn sie einen roten Flanell-Unterrock tragen muss.“
Neben launischen Szenen voller Situationskomik erzählt der Roman letztlich von einer Epoche, in der die Reformpädagogik ihren ersten Höhepunkt hatte, in der Lob und Ermunterung noch als „neue Disziplinierungsmethode“ galten und Fröbel zur Pflichtlektüre solcher Anstalten wurde. Anlass zur Reflexion findet Sally in dem mürrischen, gutaussehenden Kinderarzt Dr. Robin MacRae, der ihr viele Nerven abverlangt, aber – Überraschung – am Ende dann doch nicht nur der „Feind“ ist, an den die titelgebenden Briefe gerichtet sind. „Sie mögen der Welt gegenüber barsch und knapp und ungnädig und rational und unmenschlich und SCHOTTISCH auftreten, aber mich können Sie nicht täuschen“ …
Jean Webster zelebriert in ihrem Roman die Kunst des Briefeschreibens und lässt ihre kluge Heldin geistreich die Feder schwingen. Die entsprechende Übersetzung von Ingo Herzke ist so geschliffen, dass man dem Text sein Alter nicht anmerkt. Was aber auch einen Haken hat: Sie erschwert die historische Einordnung; vor allem dann, wenn die Entstehungszeit des Textes nur im Impressum zu finden ist. Wenn dann zwischen den modernen Reformbestrebungen Kinder objektiviert werden – bis hin zu Überlegungen der Eugenik –  wäre es eigentlich höchst angebracht, diesen Zeitgeist auch kontextualisiert zu wissen – in der Biografie, auf der Klappe, im Vorwort. Ein Versäumnis, das auch das kritische Nachwort nicht wettmachen kann.

Christina Pfeiffer-Ulm


Wer Klaus Kinski kennt wird bei Jean Websters Romantitel „Lieber Feind“ automatisch an „Mein liebster Feind“ denken müssen. Also an jene Dokumentation, in der Werner Herzog im Jahr 1999 über das ambivalente Verhältnis zu einem der wohl umstrittensten deutschen Schauspieler nachdenkt. Herzogs erzählerisches Doku-Meisterwerk ist Abrechnung sowie Hommage mit/an eine/r Künstlerfigur zugleich, das im Lexikon als das Paradebeispiel unter dem Begriff „Hassliebe“ angeführt werden sollte. Einerseits ist es Kinskis Mimik und dessen unerschütterlicher Weltzorn, andererseits ist es Herzogs unerreichte Kunst des Narrativierens, das diesen Film unvergessen macht: „Kinski hat sich in diesem [Bade-]Zimmer zwei Tage und zwei Nächte, 48 Stunden lang eingesperrt und hat in Tobsuchtsanfällen alles kurz und klein geschlagen: die Badewanne, die Kloschüssel, alles was da war konnte man hinterher durch ein Tennisracket sieben.“ Auch das scheinbar lustvolle Fabulieren über die diabolischen Kompetenzen geliebter Feinde klingt in Ingo Herzkes Übersetzung ähnlich: „Er hatte die große grüne Blumenschale von der Fensterbank geschubst und in fünfhundert Scherben zerbrochen. Ich zuckte heftig zusammen und stieß dabei mein Tintenfass zu Boden, und als Punch diese zweite Katastrophe bemerkte, hörte er mit seinem Wutgebrüll auf, warf den Kopf in den Nacken und fing schallend zu lachen an. Der Junge ist wirklich TEUFLISCH.“ Doch weder der Titel noch die Lust an der Zerstörung dürfen als Plagiat interpretiert werden, da der Roman „Lieber Feind“ ja bereits im Jahr 1915 zum ersten Mal als "Dear Enemy" publiziert wurde. Und auch die eben erwähnte Figur „Punch“ ist nicht DER „liebe Feind“, sondern „nur“ eines von über 100 Waisenkindern, denen Sally McBride als Leiterin des John-Grier-Heims in der Nähe von New York vorsteht. Die Anrede „Lieber Feind“ ist ausschließlich Dr. MacRae vorbehalten, jenem stocksteifen Anstaltsarzt, dem Protagonistin Sally McBride zahlreiche Briefe schreibt und ÜBER den die Protagonistin in zahlreichen Briefen an die beste Freundin schreibt. „Lieber Feind“ ist ein Briefroman ohne direkte Antworten, der sich aber durch Zeitsprünge, Leerstellen, Banalitäten, Emotionen, Liebenswürdigkeit, Direktheit und einer heiklen, weil längst überholten, medizinischen Thematik auszeichnet: „Die Vererbungslehre bzw. die Eugenik (Erbgesundheit) war Anfang des 20. Jahrhunderts weit verbreitet und wurde gesellschaftlich breit diskutiert.“, heißt es in der Nachbemerkung und sensibilisiert leider nur am Rande und rückblickend für beschriebene Erziehungsmethoden, Weltanschauungen und Formulierungen, die in diesem über 100 Jahre alten Roman für jugendliche Leser_innen in Briefform angeboten werden.

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Franz. v. Katharina Knüppel.
Prestel 2018. € 25,70.

Gilles Clément und Vincent Gravé: Ein großer Garten

Großformatige Sachbücher haben derzeit Konjunktur. Für dieses mit 42 cm x 30 cm bemessene Buch braucht es aber eine besonders geräumige Lesesituation, wird es beim querformatigen Aufschlagen doch so groß (und vor allem lang), dass die Doppelseiten nur bei genügender Entfernung auf einen Blick erfasst werden können. Der von Katharina Knüppel aus dem Französischen übersetzte Titel sprengt jedoch nicht nur die Format-Grenzen des bisher Bekannten. Zugleich Sachbuch, Wimmelbuch und Bilderbuch, folgt es den Metamorphosen des Gartens im Rhythmus der Jahreszeiten und einem grundsätzlichen Ordnungsprinzip nach Monaten: Jedem Kalendermonat wird eine Doppelseite gewidmet, die jeweils einen kurzen (Sach-)Text auf der linken Seite mit einer abfallenden Wimmelbild-Illustration auf der rechten Seite kombiniert. Auch Suchhinweise gibt es. Diese fallen manchmal ganz traditionell und konkret, manchmal herausfordernd kryptisch aus, was den Suchspaß deutlich erhöht. Damit ist es aber auch schon vorbei mit den eingehaltenen Genrekonventionen.

So einiges fällt in diesem Buch aus der zeitlichen und räumlichen Ordnung, wenn das Jahr beispielsweise nicht bei Kalendermonat Nr. 1, sondern im Mai beginnt (wo ja die meisten Pflanzen gesät werden) oder der Weihnachtsmann schon im November auftaucht. Begonnen wird allerdings chronologisch, bei der menschheitsgeschichtlichen Entstehung des Gartens, wobei Gillés Clement in seinem lakonischen Ton die menschliche Transformation von Jäger- und Sammler_innen zu modernen Konsument_innen gekonnt auf den Punkt bringt:

Früher fanden [die Menschen] das Saatgut und die Pflanzen in der Wildnis, in der Nähe ihrer Dörfer oder sogar weiter weg, wenn sie auf Reisen gingen. Sie sammelten. Heute gehen sie in ein Geschäft. Sie kaufen.

Im Mittelpunkt steht damit gleich zu Anfang nicht der kleinbürgerliche Garten hinter dem Haus, sondern der kommerzielle Anbau von Gemüse und Früchten auf großflächigen, geordneten Feldern. Aber keine Sorge: die kleine private Wildnis findet genauso Platz wie der große Wald und die bunte Blumenwiese. Der Detailreichtum der Bilder, die gewohnte Größenverhältnisse und die Grenzen des Realen außer Kraft setzen, unterstreicht dabei stets die Formenvielfalt der Natur und die Magie des Wachsens. Die über- sowie unterirdischen Bildwelten werden als geheimnisvolle, vor Leben überquellende Labyrinthe inszeniert, in denen sich die im Text oftmals anthropomorphisierten Pflanzen und Wurzeln auf wundersame, aber selbstbestimmte Weise ihre Wege durch eine Natur bahnen, die sich vom Menschen nur bedingt domestizieren lässt. Die wimmelnden Gärtnerfiguren (deren schelmisch-absurder Diversität neben dem Vor- und Nachsatzpapier im Monat September eine ganze Bildseite gewidmet wird) treten dabei nicht als menschliche Gärtner_innen, sondern als mikroskopisch kleine, geschäftige Heinzelmännchen auf. De-individualisiert mit immer gleicher Latzhose und leeren Gesichtern, widmen sie sich immer neuen ausgefallenen Tätigkeiten, die einmal mehr, einmal weniger mit Gartenarbeit zu tun haben. Sie bewässern die Felder, pflegen das Grün, bauen Fernsehantennen aus Marienkäfern und schießen Brombeer-Teilchen mit Kanonenrohren durch die Lüfte.

Die feinen Zeichnungen voller intertextueller und kultureller Anspielungen entziehen sich zudem jeglicher traditioneller Wimmelbuchästhetik und erscheinen wie Ausschnitte eines Mikrokosmos, den wir uns durch den Blick eines Mikroskops erschließen. Pro illustrierter Seite übernimmt immer eine Frucht-, Gemüse- oder Pflanzensorte die Hauptrolle, die sich gemeinsam mit den vervielfachten Miniaturgärtnern, unterschiedlichen tierischen Bewohnern und gartenfremden Versatzstücken in hybride, surrealistische Landschaften einfügen. Immer wieder verstecken sich Augenpaare in den mal gewissenhaft strukturierten, mal wild wuchernden Gartendarstellungen. Faune verschmelzen als Götter der Natur ganz körperlich mit der Erde und futuristische Pflanzenarten erinnern eher an extraterrestrische Science Fiction als an botanische Dokumentation. Die sachliche Informationsvermittlung tritt dabei zugunsten der Imagination phantastisch-absurder Welten in den Hintergrund. Wenn sich Raumschiffe als Pilze tarnen und Spiegeleier aus Brombeeren platzen, dann erübrigt sich auch die Frage, wer zuerst da war, die Henne oder das Ei.

Die dazugehörigen Texte zeigen sich meist weniger übermütig, aber ebenso unkonventionell. Einerseits geben sie konkrete praktische Hinweise zu den Aufgaben eines Gärtners sowie allgemeine Informationen zur Pflanzenwelt. Angereichert durch kurze philosophische Exkurse und humorvolle Passagen, gehen sie andererseits aber deutlich über diesen sachlichen Aspekt hinaus:

Stets steckt [der Gärtner] die Hände in die Erde und schaut in den Himmel. […] Zwischen der Saat und der Ernte wacht der Gärtner, er staunt und … gärtnert. Gärtnern heißt zu verstehen, was passiert, und auf das zu reagieren, was nicht vorhersehbar war. […] Der Blumenwald lässt den Gärtner, der seine Hasen- und Ameisenaugen für ihn öffnet, staunen. Er versteht zwar nicht alles, aber er ist sehr interessiert. Also legt er sich hinein in den Wald und lauscht. Auch er versucht, mit den Pflanzen zu sprechen, er tut, was er kann. Manchmal schläft er dabei ein.

Der konstante Frohsinn der Gärtner erstarkt jedoch, als im Januar der Schnee des Winters und das Eis der Welt bis ins Wohnzimmer schmelzen. In poetischen und zugleich subversiven Zeilen stellt Gillés Clement Fragen nach der Zukunft der Gärtner des Planeten, denen Vincent Gravé ein apokalyptisches Szenario einer unter Wasser getauchten, verschmutzen Welt gegenüberstellt. Nicht nur in der Verbindung unterschiedlicher Genres liegt also die Stärke dieses bemerkenswerten Buches, sondern auch in seiner differenzierten Darstellung der vermeintlichen Oppositionen von Natur und Kultur, die zuletzt auch eine ökokritische Perspektive übernimmt.

Claudia Sackl

 

Passend zum Thema Garten hat das STUBE-Team eine Auswahl an Büchern zusammengestellt, deren Bandbreite vom Pflanzensachbuch über den Insektenkrimi bis hin zum Kunstmärchen reicht. Zur annotierten Themenliste geht es >>>hier

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


DVD. good!movies 2018. 97min. € 14,99.

Es war einmal Indianerland. Ein Trip von Ilker Ҫatak. Nach dem preisgekrönten Roman von Nils Mohl.


Lässig werden lange Haare zu einem Dutt gedreht und legen ein Nackentattoo frei. Mausers Blick darauf markiert ein Erkennen – und zeigt, dass der 17-Jährige angekommen ist.
Angekommen ist Mauser, nachdem eine dem Pool der verbotenen Schwimm-badparty entstiegene Venus ihn auf Umwege gebracht hat. Einem Paradiesvogel gleich hat Jackie ihn aus der Stadtrandsiedlung zum Powwow gelockt, mitten hinein ins knallbunte Festivalgeschehen, wo Mauser schwebend und halluzinierend mit sich selbst konfrontiert wurde.
Angekommen ist Mauser aber auch, weil er sich von Zöllner losgesagt hat. Er hat Zöllner, seinen Vater, nicht angeschrien wie geplant. Wie erhofft. Und doch wird er bei den Wettkämpfen antreten und dabei keine Angst vor seiner eigenen Biografie und Herkunft zeigen. Er wird sich im Stadtrand verorten und sogar Emmemms Boxhandschuhe tragen. Und er wird auf die Kraft derjenigen vertrauen, an die man sich halten kann: Edda.   
Sie ist diejenige, die die Mediacontrols als Tattoo im Nacken trägt. Die Frau mit der Bohrmaschine, der Gartenhütte und dem omahaften Teeservice, die den (Schutz-) Schirm über Mauser spannt, als dessen Leben in Brüche geht, weil Zöllner seine Frau umgebracht hat. Edda, die sich mit unerschütterlichem Humor und Lust an Westernmetaphern auf das Grünhorn einlässt und Mauser erdet, nachdem Jackie ihn hat abheben lassen.


Nils Mohls Roman „Es war einmal Indianerland“ erschien 2011 und wurde im Jahr darauf mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Verortet am Stadtrand einer deutschen Großstadt entwirft der Hamburger Autor damit eine (wie er es selbst nennt) Grammatik des Erwachsenwerdens, die er mit „Stadtrandritter“ und „Zeit für Astronauten“ vervollständigt. Verbunden sind die drei Romane durch Handlungsstränge und Figuren; nicht aber über einen chronologisch fortlaufenden Plot. Auch und insbe-sondere weil Nils Mohl grundsätzlich nicht chronologisch erzählt, sondern den Text jeweils als Arrangement seiner Einzelteile präsentiert – ganz der fragmentierten Wirklichkeit seiner Protagonist_innen entsprechend. Als verbindendes Element setzt er jene Mediacontrols (Play, Stop, Break, Fast Forward, Fast Backward) ein, die zu einer Art Label der Stadtrandtrilogie wurden. Die Fragmente von Zeit, Raum, Figuren und Entwick-lungs prozessen müssen im Lektürevorgang erst in einen sinnbildenden Zusammenhang gebracht werden; und spiegeln damit die Notwendigkeit der Figuren, die Bruchstücke ihres Lebens und Erlebens in einen sinnstiftenden Zusammenhang zu bringen.

Wie lässt ein solcher a-chronologisch erzählter Roman sich verfilmen?
Gar nicht, wäre man geneigt gewesen zu sagen, bevor man den Film gesehen hat.

Doch es handelt sich nicht nur per se um einen außergewöhn-lichen (und außergewöhnlich experimentierfreudigen) Film, sondern auch im Sinne der filmischen Adaption um einen ästhetischen Glückfall: Durch seine radikale Bekenntnis zur Romanvorlage lässt „Es war einmal Indianerland“ kommerziell weit erfolgreichere, auf Jugendromanen basierende Filme weit hinter sich (zieht sozusagen fast forward an ihnen vorbei). Mitverantwortlich dafür sind Max Reinhold und Nils Mohl selbst, die das Romangeschehen durch kluge Interventionen in ein dramaturgisch schlüssiges Drehbuch überführen; sowie der Regisseur Ilker Ҫatak, der 2014 für seinen Kurzfilm „Sadakat“ den Studenten-Oscar gewonnen und in der Folge trotz zahlreicher lukrativer Angebote am Indianerland-Projekt festgehalten hat; und natürlich Jan Ruschke, der für die rasante Montage der Szenen verantwortlich zeichnet und als Cutter für die Lola, den Deutschen Filmpreis 2018, in der Kategorie Bester Schnitt nominiert war. (Davor sollte sogar Beuys seinen Hut ziehen ...)
Zur Abspielfrequenz in deutschsprachigen Kinos stand die Qualität des Films jedoch in indirektem Verhältnis; in Österreich fand der Film nicht einmal einen Verleih, der zumindest dafür gesorgt hätte, dass man den Film drei Tage lang um 14.30 Uhr in Saal 7 des Artis-Kino auf einer Leinwand in Fernsehbildschirm-größe hätte sehen können. Aber jetzt (!) ist die DVD erschienen. Im Vergleich zum gelben Filmplakat ohne die Mediacontrols am oberen Bildrand des rosaroten (?) Cover. Aber wer wollte sich darüber erregen?


Nils Mohls Roman lebt (in seinem ersten Teil) vom literarisch spannungsvollen Verhältnis des Ich-Erzählers zum Boxer Mauser. Es handelt sich um ein in zwei Stimmen realisiertes
Erzählkonzept, das sich (Achtung Spoiler!) als Alter Ego-Version herausstellt. Der Film jedoch begibt sich gar nicht erst in einen Infight mit David Fincher, sondern übernimmt eine der beiden Stimmen ins Off. Diese Stimme nutzt die Du-Form, wenn sie Mausers Erleben kommentiert (und dabei zentrale Textpassagen des Romans neu arrangiert). Leonard Scheicher schafft es dabei die Gleichzeitigkeit von Verunsicherung, Verletzlichkeit und Selbstbestimmt der Figur stimmlich zu inszenieren. Mauser hingegen, der Boxer, wird von ihm verkörpert und bleibt dabei zurückhaltend-gewitzt.
Deutliche Akzente der Alter Ego-Figur fließen im Sinne des Adaptionsprozesses in die Figur des Kondor ein, der im Film deutlich mehr Raum und Bedeutung erhält und von Joel Basman als agressionsbereiter Gangsta für „Arme“ gegeben (und Kondors Großspurigkeit dabei mit herbem Witz karikiert) wird. Kondor bringt nicht mehr nur die Ereignisse um Jackie ins Laufen, sondern übernimmt die Rolle des Agent Provocateur, der Mausers Zweifel daran schürt, für Jackie nur zum Partyknüller mit Ghettocharme zu werden. Dieses Moment der Provokation jedoch wird immer expliziter als vertrackter Wunsch Kondors nach Mausers Aufmerksamkeit inszeniert – und damit als Gradmesser für Mausers Bekenntnis zur eigenen Herkunft. Dem entsprechend wird der Boxkampf zwischen Kondor und Mauser als ebenso cooler wie martialischer Fight mitten hinein in die Stadtrand-Szenerie gestellt.
Neben Jackie (Emilia Schüle), Edda (Johanna Polley) und Zöllner (Clemens Schick) wird Kondor zur vierten Zentralfigur, die Mauser am Beginn des Films mit den (rückblickend geschilderten) Ereignissen verknüpft. In einer grandiosen filmischen Exposition wird mit unterschiedlichen Wahrnehmungs-ebenen gespielt, indem radikale Verlangsamungen auf den Moment fokussieren und diese Momente dennoch in das (Erzähl-) Universum einbetten.
Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse in Mausers Leben, die an diese vier Figuren gebunden sind, werden wie im Roman auch hier a-chronologisch arrangiert. Die Bilder scheinen (wie die Stimmen in Mausers Kopf) nie still zu halten, das Vor und Zurück zeigt ihn als einen, der aus der Bahn geworfen wurde. Die Bilder werden radikal verlangsamt, wenn Mauser seine Lebens-Balance an einem von der Decke hängenden Tennisball erprobt, werden gestoppt, wenn Mauser Edda beleidigt, beschleunigen sich im Glücksgefühl über Jackies Gunsterweisung als Timelapses und kippt in surreal beschleunigte Stop-Motion-Technik, wenn Mausers selbstgefertigter Enegrydrink als chemischer Prozess aufschäumt. Es wird sichtbar durch die Story geswitcht und durch Crash Zooms innerhalb einzelner Sequenzen für Dynamik gesorgt.
Wie ein großer Spielplatz fühlt der Film sich an, bekennt Ilker Ҫatak im Audiokommentaren der DVD; situativ konnte er gemeinsam mit dem Team ästhetische Mittel und technische Möglichkeiten erproben – wobei Wes Andersen, Jean-Luc Godard oder Gus van Sant für einige Szenen ganz explizit Pate standen. Die Lust am Zitat und Arrangement entspricht Nils Mohls eigener Vorliebe dafür, Teile zu einer Einheit zu arrangieren und damit das Erzählte formal zu gestalten.


Mit dem Aufbruch zum Powwow, zum Musikfestival an der Grenze, erzählt der Film nicht mehr rückblickend und verzichtet auf das Moment des A-Chronologischen. Die rituelle Devastierung Mausers, aus der ein neues Ich hervorgeht, wird als eine Art Endlos-Trip realisiert; sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Einerseits wird das Geschehen fast halbdokumentarisch in das polnische Garbicz-Festival eingebettet, andererseits werden die Farben und Facetten eines Drogentrips bis an die Schmerzgrenze ausgereizt und – wie der gesamte Film – mit dem suggestiven Sounddesign von Acid Pauli unterlegt.
Dann ein radikaler Schnitt: Auch Zöllner treibt sich am Festival herum; wohl um unerkannt über die Grenze abzuhauen. Mausers finale Begegnung mit ihm findet im entleerten Waldgebiet am Rande des Festivals statt. Ein Forst, der abgeholzt und vertrocknet erscheint und vorwegnimmt, dass Mausers Wut auf Zöllner letztlich verlöschen wird. Für den Übertritt in ein Leben nach Zöllner jedoch bedarf es des expliziten Übergangsrituals. Und auch wenn der totgefahrene Eber hier nicht mühselig an des See geschleppt werden muss und die Bohrmaschine nicht sichtbar 17 Löcher in Kreuzform ins Kanu bohrt, so wird die Szene am See doch zu einer der berührendsten des Films. Denn mit dem Eber und Zöllner (Stichwort: Mütze) lässt Mauser auch den Indianer gehen – die in sich ruhende Figur, die Mauser den Weg weist in ein selbstbestimmtes Leben (und damit wohl auch ins Erwachsenwerden).


Und dann, natürlich: Edda. Noch einmal. Denn dargestellt von der anbetungswürdigen Johanna Polley ist sie es, die mit ihrer Direktheit, ihrem schiefen Grinsen und ihrem leicht abwegigen Humor diesen Film prägt. Sie ist es, die Mauser Mauser sein lässt und letztlich zur Indianerfrau wird, die das Greenhorn heimführt.



Heidi Lexe

Wer Lust auf mehr hat ist herzlich an die Universität Wien eingeladen:
Am Donnerstag, den 3. Mai 2018 wird Nils Mohl in der Vorlesung Kinder- und Jugendliteratur und ihr filmischen Adaptionen zu Gast sein. Im Werkstattgespräch mit Heidi Lexe wird es anhand zahlreicher Filmausschnitte um „Es war einmal Indianerland“ gehen. (Hauptuni, HS 33, 18.30 Uhr)
Danach ist Nils Mohl der Eröffnungsreferent der STUBE-Fernkurstagung „Timewarp und Taschenuhr“ in Strobl und wird dort auch aus der Stadtrandtrilogie lesen.

Nils Mohls ganz persönlicher Drehbericht kann auf seiner Homepage nachgelesen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Tyrolia 2018. € 14,95.

Michael Roher: Frosch
und die abenteuerliche Jagd nach Matzke Messer

Vorab eine Klarstellung: Es liegt natürlich NICHT am Titel, dass ausgerechnet ein Frosch die Kröte des Monats bekommt. Zumal es in diesem Kinderroman überhaupt nicht um einen Frosch geht. Worum es dann geht? Nun ja, um Frosch, die eigentlich Lupinie Anneliese Meltzer heißt, aber eine Vorliebe für die Farbe Grün hat. Und, wie der Titel schon sagt, um Matzke Messer, einen Kinderfresser. Darüber hinaus aber auch um eine aus Versehen in einen Drachen verwandelte Hexe, eine irrtümlich auf den Mond verschossene menschliche Kanonenkugel, eine Gurke mit Gehirnerschütterung – um nur einige Aspekte anzusprechen. Neben der im besten Sinne völlig durchgeknallten Geschichte überzeugen die einigermaßen ungewöhnlichen Hauptfiguren, die sich das STUBE-Team daher genauer angeschaut hat…

Frosch

Dass eine gute Ausrüstung wesentlich für das Gelingen von Abenteuern ist, wissen wir spätestens seit John Fardells genialem Bilderbuch „Der Tag, an dem Louis gefressen wurde“ – dort war es übrigens ein Schluckauf-Frosch, der nach einer Verfolgungsjagd den gefressenen kleinen Bruder in einer Hicks- und Rülpsparade aus dem Inneren der Ungeheuer hinauskatapultiert hat. So spricht es für die Kompetenz von Frosch, dass sie ihren Rucksack bereits drei Wochen vor Beginn des erhofften Abenteuers mit allem befüllt hat, was sie so brauchen könnte – darunter so nützliche Dinge wie ein Lexikon über Vampire, Naschvorrat für siebzehn Wochen und eine wasserdichte Dose für geheime Unterlagen. Dass die Urlaubsdestination ein Gurkenbauernhof in Hinterschweinsbach ist, tut ihrer Abenteuerlust nur kurz Abbruch, denn sobald sie das Gerücht vom Kinderfresser Matzke Messer hört, ist klar, dass es selbst an diesem langweiligen Ort eine wichtige Mission für sie gibt. Die Entschlossenheit, mit der sie an einem Knackpunkt der verwickelten Geschichte ihren prall gefüllten Rucksack kurzerhand verkauft, um an einen weit wichtigeren Gegenstand zu kommen, ist ein weiterer Beweis für die Genialität dieser wunderbar unkonventionellen Mädchenfigur – denn was nützt die beste Ausrüstung, wenn man verloren im Universum gelandet ist und sich nach Mama und Papa sehnt?

Kathrin Wexberg


Achtung, Achtung!

Haltet eure Glitzerhüte und Schminkkästen fest, behaltet euren Nagellack bei euch und schließt die Kleiderschränke zu, denn hier – kommt – Gunnar. Gunnar Gürkchen von Gutenstein aka Tinkerbell die Zauberfee findet nämlich Gefallen an allem, was glitzert und glänzt, sei es sein neuer pinkfarbener Nagellack oder das „hinreißend sexy Galaxy-Gunnar-Glitzerkostüm“, das er sich eigens für den Weltraumausflug zusammengestellt hat. So eine Gelegenheit zur modischen Selbsterprobung lässt er sich auf keinen Fall entgehen. Schließlich sollte eine Gurke von Welt stets wohl-gepflegt und schick auftreten, wenn sie schon mal die Möglichkeit bekommt, aus der Gurkenkiste hinaus ein paar Schritte in die große weite Welt zu machen. Seine guten Manieren hat Gunnar für solche Situationen auf jeden Fall längst perfektioniert! Selbst mit Gehirnerschütterung und verlorenem Gedächtnis weiß er noch immer über die Gepflogenheiten gurkigen Zusammenseins Bescheid und lässt, wenn es denn sein muss, auch gerne mal die Hüllen fallen. Einer muss es ja tun. Hin und wieder kann es übrigens auch vorkommen, dass er vor lauter Überschwang ein paar Küsschen verteilt, das Eis muss ja irgendwie gebrochen und der eigenen Freude Ausdruck verliehen werden. Doch wehe es sind seine frisch lackierten Fingernägel, die brechen, dann kann man sich mit tausendprozentiger Sicherheit auf einen hysterischen Anfall gefasst machen – Nobody is perfect!

Julia Krokoszinski


Steckbrief einer Senfgurke

Name: Big G.
Styling: Leder, je Kluft desto yeah
Lieblingsessen: Butterbrot mit Senf
(ohne Schinken, ohne Kren, vor allem aber: ohne Gurkerl)
Lieblings-Lokal: Big George in Timelkam
Stadt: Cumberland, Maine, U.S.
Song: Gangstas Paradise (Coolio)
Comic: Sin City
Roman: Wir pfeifen auf den Gurkenkönig
Schauspieler: Benedict Cumberbatch
Schauspielerin: Amandla Stenberg (Bussi, Bossi!)
Film/derzeit: Black Panther
Film /all time: Malcolm X
Serie: Luther (Idris Elba: Bussi, Bossi!)
Autor_in: Angie Thomas
Illustrator_in: Michael Roher
Künstler_in: Banksy
Musiker_in: Keith Richards
Wer ich gerne sein möchte: Captain Jack Sparrows Vater
Was ich gerne sein möchte: So cool wie Jack Sparrows Vater (Bussi, Bossi!)
Motto: THUG Life

Heidi Lexe


Die Sprachkünstler_innen

Rudi Junior und Gina di Centriolo
Krasser könnte der Unterschied zwischen den beiden sprachauffälligsten Figuren der Erzählung nicht sein. Auf der einen Seite die unwiderstehliche Gurkendame Gina die Centriolo, die stets weiß, was Sache ist und dies schwungvoll mit keckem Akzent auf den Punkt zu bringen weiß: „Haben wir eine Wahl? Ik meine, diese Alte maken una Insalata aus uns, wenn sie nikt bekommt ihre Essen!“ Die Rede ist in diesem Fall von der jähzornigen Hexe namens Walpurga Graupner, die am Gretelweg 7 in 6666 Hinterschweinsbach wohnt und unbedingt Rübeneintopf von ungebeten Gästen verlangt. Auch die Hexe Graupner hat steile Sprüche wie „Achselschweiß und Schwefelfurz“ drauf, soll aber nicht ablenken von den eigentlichen Sprachwundern. Noch eine Kostprobe von Gina gefällig? „Ik halte keine zehn Minuten mehr aus mit diese Putzfimmel-Mumie! No! Mökte ik lieber sterben, als wenn ik muss bleiben nok länger mit diese Ekin Azea unter eine Dak.“ Wenn Sie sich nun fragen, wer oder was ist Ekin Azea? Das ist die angesprochen Mumie mit Sauberkeitsdrang und auch sie trägt mit ihrer Namensgebung zum unersättlichen Humor Michael Rohers bei. Doch auch sie soll nicht den Weg versperren für die zweite Sensation, wenn es um Sprache geht. Auf der einen Seite haben wir also Gina, die mit glasklaren Ansagen sowie italienischem Akzent für Ordnung und mit ihrem herzhaften „Mamma mia!“ für heitere Stimmung sorgt. Auf der anderen Seite steht der Bauernsohn: Junior genannt, ein eher wortkarger Junge, der jedoch mit einwandfreiem Dialekt glänzt und dessen Sprachvarietät wohl dem Vierländereck Wald-, Most-, Mühl- und Traunviertel zuzuordnen ist. Auch hier soll ein Beispiel für Verständnis sorgen: Als Junior von Mücke gefragt wird, ob es denn nicht es etwas Aufregendes am Hof gebe, Kampfstiere zum Beispiel, antwortet dieser mit den Worten: „Na. Nua Guakn.“ Über die weiß er allerdings für seine Verhältnisse viel und exaltiert zu berichten: „Na jo. Hauptsächlich hom mia do Guakn. Mi mochan jo Semfguakn, oiso so einglegte Guakn im Glasl mit Semfkeandl und Essig und Zucka und so, kennst de?“ Junior ist jedoch nicht zu unterschätzen, weder sprachlich noch als Antriebsmotor für den crazy Verhandlungsverlauf. Schließlich ist er es der Frosch von dem titelgebenden Matzke Messer berichtet: „Jo, a Kinderfresser is des, ana vo de gonz oagn! Zumindest sogt des de oida Meier. Owa, ehrlich gsogt, de gute Frau hot an ziemlichen Sprung in da Schissl, wonnst verstehst wos i moan?" Wir verstehen Junior selbstverständlich und können von dieser charmanten Mundartkunst gar nicht genug bekommen. Daher muss auch unbedingt Juniors letzter Satz zitiert werden: „I schlof im Bett ei und wonn i aufwoch, bin i iagndwon im Goadn oda in da Stubm oder wo.“ [Dieser Satz könnte auch für den begeisterten Verfasser dieses kurzen Beitrags zutreffen, wenn man „Stubm“ mit STUBE übersetzt.) Das allerletzte Wort bekommt aber die bezaubernde Gurke Gina Gina di Centriolo, die mit folgender Zeile gut und gerne die Meinung des STUBE-Teams über Michael Rohers neuem Kinderroman aussprechen darf:
„Das ist ja fantastico! Una Sensazione! Ragazzi!“

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


kunstanst!fter 2018. € 24,70.

Kaugummi verklebt den Magen*

*Ein nicht ganz so wahres Buch von Christina Röckl

Aus dem „Dada Manifesto“, 1918:
„Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhytmen [sic!], […]“ (Richard Huelsenbeck)

Aus dem Kaugummi Manifesto, 2018:
„Wir [erwachsene Menschen] tun doch tatsächlich so, als wüssten wir alles. […] Deshalb wollen wir sie [Kinder] manchmal einfach nur verkackeiern“ (Christina Röckl)

In knapp einem Monat (12. April 2018) wird die berühmte Grundsatzerklärung der Kunstbewegung Dada 100 Jahre alt. Genau zur richtigen Zeit – also jetzt – erscheint Christina Röckls zweites Bilderbuch, das man nicht besser als mit Richard Huelsenbecks Worten beschreiben kann: „ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhytmen [sic!]“. Eine Zutat fehlt in dieser Beschreibung allerdings noch und das ist das, was Christina Röckl einleitend mit „verkackeiern“ herrlich frech umschreibt: die vorsätzlich kreative Lüge. „Kaugummi verklebt den Magen“ ist ein bildgewaltiges Manifest gegen Fake-News, wie man das im Jahr 2018 wahrscheinlich bezeichnen darf und gleichzeitig ist das Bilderbuch eine augenzwinkernde Hommage an die unerschöpfliche Kreativität der Erwachsenen, wenn es darum geht Abstrusitäten wie „Wer zu lange in die Glotze guckt, kriegt viereckige Augen“ in die Welt zu setzten.

Dadaistisch ist die Form, dadaistisch ist der Inhalt und vor allem ist die „nicht ganz so“ ernsthafte Haltung gegen Wissensvermittlung dadaistisch, die Christina Röckl bereits in ihrem Fußnotenuntertitel anspricht und damit strenge Mentalitäten anprangert, wie auch vor 100 Jahren Hugo Ball, George Grosz, Hans Arp und Co. den ach so dogmatischen Expressionismus anprangerten. Dada hin, Dada her. Wenn man das fast quadratische Bilderbuch zum ersten Mal in Händen hält, wird schlagartig klar, dass es sich nicht um ein schnell-schnell produziertes Stück Kinderliteratur handelt. (Doch wer den kunstanst!fter Verlag kennt, ist ohnehin vorgewarnt!) Das 26 Seiten umfassende Buch ist satte 13 Millimeter dick und das „Aufschlagverhalten ist gut“, wie es Christina Röckl in einem Interview selbst formuliert. Dafür sorgt eine spezielle Bindung, die extra für dieses Buch mit den extra üppigen Einbandpappen angewandt wurde. Dass die Haptik, die durch den vorgetäuschten Umfang selbst eine Mogelpackung darstellt, für Christina Röckl ein Herzensanliegen ist, merkt man rasch, wenn sie über Bücher spricht oder wenn sie wie bei einem >>>STUBE-Freitag in Workshops mit Bilderbuchfans Druck- und Bindetechniken erprobt.

Erprobt hat sich Christina Röckl mit diesem Bilderbuch aber auch selbst. Sie lotet nicht nur die Grenzen der Materialität aus, sondern kreiert auch auf der erzählerischen Ebene ein regelrechtes Spektakel der Bilderbuchkunst. Bild und Text verbinden sich hier nicht parallel oder im Zopf oder kontrapunktisch (wie das Jens Thiele einst unterschied). Für die Röckl‘sche Form des Erzählens müssen erst noch Begriffe erfunden werden. Vielleicht könnte man es als eine mit Bild und Text arbeitende Klimax der Expressivität bezeichnen. Das ist natürlich positiv gemeint und verweist darauf, dass es nicht immer Sinn macht nach Strukturen zu suchen, sondern vielmehr die Wirkung des Kunstwerkes für sich sprechen zu lassen. Denn wie die vielen unterschiedlichen Textbausteine – Sprechblasen, Newsbanner, Beschriftungen, Lexikonartikel, Fahneninschriften, Wegweiser und vieles mehr – mit der artifiziellen Illustration korrespondieren, tritt tatsächlich in den Hintergrund. Bild ist Text und Text ist Bild und am Ende gehen die sonst meist gut zu trennenden Ebenen völlig ineinander auf. Was bleibt ist ein gewaltiges rhythmisches Farbrauschen, das es im Bilderbuch so wahrscheinlich noch nicht gegeben hat.

„Kaugummi verklebt den Magen“ ist ein Buch für alle, die noch nie etwas von Fußnoten gehört haben, für alle, die Bilderbuchkunst schätzen, für alle, die schon viele Fußnoten gesetzt haben, für alle, die die schrägsten Bilderbuchfiguren kennenlernen wollen und vor allem für jene, die glauben, dass Spinat Muskeln wachsen lässt, Cola die Füße schwarz einfärbt, drei Mal küssen Babys macht, beim Schielen die Augen stehen bleiben, …

Peter Rinnerthaler

Für alle, die mehr über „Kaugummi verklebt den Magen“, über Christina Röckls erstes Bilderbuch "Und dann platzt der Kopf", für das sie den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat und über Christina Röckl selbst erfahren möchten, gibt es ein ausführliches Video-Interview mit Peter Rinnerthaler. STUBE-Card-Inhaber_innen finden die Videos im exklusiven >>>STUBE-Card-Bereich

Wer noch keine STUBE-Card besitzt, die Videos sehen will und auch die umfangreichen Serviceleistungen der STUBE genießen möchte, kann sich >>>hier informieren und auch anmelden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Aus dem Franz. v. Maren Illinger.
minedition 2017. € 15,40.

Emmanuel Bourdier und ZÄU: Haselnusstage

Ein Credo des STUBE-Teams lautet: Wir lieben Paratexte. Zum Beispiel kryptische Widmungen vor der eigentlichen Erzählung oder interessante Zusatzinfos über die Gestaltung bei Comics/Graphic Novels oder seitenlange Dankesworte im Anhang. Vorsichtig und Zurückhaltung ist allerdings bei der Lektüre von Klappentexten geboten. Wer möchte schon gespoilert werden oder die Lektüre von modischen Schlagwörtern beeinflussen lassen? Auch bei „Haselnusstage“ empfiehlt es sich nicht sofort auf die Rückseite des Bilderbuchs zu blicken, sondern ganz konventionell vorne zu beginnen und im Impressum zu lesen, dass das Buch vom Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis unterstützt wurde oder sich zu wundern, dass sich Emmanuel Bourdier bei Zikaden bedankt, „denen meine Schwester und ich immer gelauscht haben.“

Einmal umblättern und man liest „14 Uhr / Heute riecht Papa nach Pfefferminze. Mist. Ich mag es lieber, wenn er nach Haselnuss riecht.“ (Somit wäre auch das erste Paratextmysterium bereits mit Satz Nummer eins gelüftet). Gegenüber sieht man das strahlende Gesicht des Vaters, das auf einer ganzen Seite groß in Szene gesetzt wird: ein breites Kinn, buschige Augenbrauen, schwarze und kurzgeschnittene Haare, schneeweiße Zähne, die das heitere Lächeln besonders hervorheben. Diese Nahaufnahme des väterlichen Kopfes stellt keine Ausnahme dar, sondern kann wohl als das ästhetische Spezifikum des Illustrators ZÄU bezeichnet werden. Fast in allen Illustrationen führt er die Betrachter_innen mitten in die Szenerie, indem er angeschnittene Gesichter oder zumindest Figuren im Brustbild zeigt, wodurch ein intensiver Mix aus Nähe und Enge entsteht. Der Fokus liegt somit auf der Mimik des jungen Ich-Erzählers und die seiner Eltern und dadurch auch auf deren emotionaler Einstellung.

Das intime Familienporträt wird sowohl auf der Bildebene als auch auf der Textebene erzeugt. Die sprachliche Entsprechung der Nahaufnahmen sind die nuancierten Beobachtungen und Überlegungen des Jungen: „Ich weiß, dass Papa mein Papa ist, wenn ich nur seine Ohren anschaue. Wir sind die beiden Einzigen auf der Welt, die mit den Ohren nach oben und unten und rechts und links wackeln können. Mit der Zunge die Nasenspitze berühren oder die Nasenlöcher aufblähen, das können doch viele auf dem Planet Erde. Das mit den Ohren können nur wir.“ Zu sehen ist das halbe Gesicht des Jungen und noch größer des Vaters Hinterkopf mit weiß herausleuchtendem Ohr. Text und Bild können in dieser konzentrierten Kombination einen äußerst persönlichen Einblick in die Vater-Sohn-Beziehung geben. Die intensivierte Nähe erzeugt über die Doppelseiten hinweg auch ein Gefühl der Enge, das für das Thema des Bilderbuches noch von zentraler Bedeutung sein soll. Auch über die Beschreibung des Geruchs „Hinter der Minze riecht es nach Zigaretten. Papa hat wieder angefangen zu rauchen. Schon das dritte Mal in sechs Monaten.“, gelingt es Bourdier, dass man dieser Beziehung oft näherkommt, als man es vielleicht möchte. Das gilt vor allem für jene Szene, in der der Vater zornig wird: „Er hat mich am Arm gepackt und mir richtig ein bisschen wehgetan.“ Grund war die „Fünf im Diktat“.

Dargestellt werden die fröhlichen und die traurigen Momente in groben Kreidestrichen, die eine schwarz-braun-weiß-graue Farbpalette nicht verlassen. Zur Universalität der Erzählung über das Thema Familie unter besonderen Umständen trägt zudem die Aussparung spezifischer Merkmale bei, die Rückschlüsse auf eine bestimmte räumliche Verortung ermöglichen würden. Ob das Bilderbuch in Frankreich, Mexiko oder Russland spielt, ist irrelevant. Es spielt in einem städtischen Milieu, der Rest bleibt Interpretation. Stichwort Interpretation! Folgt man den Erzählungen des Jungen, der die Hochs und die Tiefs der väterlichen Beziehung schildert, der in Rück- und Vorausblicken davon erzählt, wie glücklich und betrübt er sein kann, lässt bis knapp vor Ende zwar durchklingen, dass das Verhältnis zu seinem Vater von einer sehr hohen Intensität bestimmt ist, doch dass sich all das Erzählte und Reflektierte innerhalb einer einzigen Stunde in dem Besucher_innenzimmer eines Gefängnisses abspielt, bleibt bis zur letzten Doppelseite offen. Der Klappentext verrät dies, wenn es heißt: „Eine Stunde. Eine Stunde mit ihm. […] Eine Stunde, um all die anderen zu vergessen.“ Das Moment der Überraschung, das dieses Bilderbuch auszeichnet und das das Moment der Überraschung auf geschickte Weise inszeniert, darf allerdings nicht nur als eine Art Pointe verstanden werden. Als plötzlich Gitterstäbe und ein Wärter auftauchen beginnt man zu überlegen, ob es bereits illustratorische Indizien für die Gefängnisszenerie gab oder ob der Junge bereits im Text darauf verwiesen hat. Nicht wirklich lautet die Antwort. Kahle Wände, schmuckloses Geschirr tauchen im Bild zwar auf, geben jedoch keine eindeutigen Hinweise. Das Bilderbuch-bestimmende Moment und somit der eindrücklichste Anhaltspunkt ist die Intensität, mit der die Beziehung beschrieben wird, aber auch die sprachlich äußert klug gelöste Passage, in der es um die in der Schule gestellte Frage nach dem Beruf des Vaters geht und die abermals auf die fein abgestimmte Gefühlslage des Jungen verweist: „Am Anfang, als meine Freunde mich fragten, welchen Beruf Papa hat, wusste ich nicht so recht, was ich sagen sollte. […] „Aber jetzt weiß ich, was ich antworte: Wolkenbildhauer, Maulwurfsbändiger, Schimpfworterfinder.“ Dank einer poetischen wie fantasievollen Taktik gelingt es dem Jungen auszuweichen und dennoch die persönliche wie liebevolle Einstellung zu seinem Vater zu formulieren, die er an einer anderen Stelle auch auf wehmütige Weise auszudrücken weiß: „Aber leider ist er auch ein … Leermacher, Geisterkönig, Nebelfabrikant.“

Peter Rinnerthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Avant 2017. € 32,90.

Carlos Spottorno & Guillermo Abril: Der Riss

„Die ukrainische Regierung und die prorussischen Rebellen im Osten des Landes haben am Mittwoch [27.12.2017] hunderte Gefangene ausgetauscht.“ (Wiener Zeitung, 28.12.2017)

Was wie ein überraschendes Weihnachtswunder wirkte, war jedoch eine langfristig geplante Aktion zwischen den beiden verfeindeten Seiten. Dass in einem EU-Nachbarland (seit nun über drei Jahren) Krieg herrscht und dass es überhaupt Kriegs-gefangene gibt, scheint allerdings niemanden mehr zu wundern. Für wesentlich mehr Verwunderung und Medienpräsenz sorgt ein sich anbahnender, militärischer Konflikt zwischen Nordkorea und den USA, wo sich am 20. Jänner 2018 der Amtsantritt Donald Trumps als US-Präsident zum ersten Mal jährt. Viel Kritik musste dieser jeher für sein Vorhaben einstecken, eine Mauer an der mexikanischen Grenze errichten zu wollen. Ein Gros der Schelte kam aus der Europäischen Union, was für Guillermo Abril, dem spanischen Reporter, der für den Text der Graphic Novel „Der Riss“ verantwortlich war, nicht nachvollziehbar ist:

„Mehr als Verlogenheit sehe ich in dieser Kritik reines Unwissen. Wissen wir EuropäerInnen in den verschiedenen Ländern überhaupt, dass es Mauern mit dem gleichen Ziel in Melilla, in Griechenland und in Bulgarien bereits gibt?“

Guillermo Abril und der Dokumentarfotograf Carlos Spottorno haben die Mauern und Zäune Europas selbst gesehen, sie haben sich an die Grenzen der Union begeben, zwei Jahre lang darüber für eine Zeitung berichtet und am Ende eine Graphic Novel über die fatale Lage in Nordafrika, Griechenland, Italien, Ungarn, dem Baltikum, Polen und Finnland publiziert. Via Polen gelangten sie auch in die Ukraine, wo in diesem kurz nach Weihnachten wieder angesprochenen Krieg bereits 9.000 Tote und 20.000 Verletzte verzeichnet wurden und wo laut Guillermo Abril von der Öffentlichkeit unbemerkt 500 US-amerikanische und kanadische Soldaten stationiert sind, um „die ukrainischen Truppen zu trainieren“.

Das Cover dieser Graphic Novel, zeigt allerdings keine Kriegsszenerie, sondern ein junges Mädchen auf hoher See, mit Schwimmweste, gerettet von Mundschutz-tragenden Männern. Das Thema Flucht steht im Raum. Die beiden Journalisten fokussieren allerdings nicht ausschließlich auf die Migrations-ströme der letzten Jahre, sondern legen eine Reportage über die Europäische Union und deren Brüchigkeit vor, in der die katastrophale Lage im Mittelmeer als eine von mehreren Zerreißproben für die EU dargestellt wird.

„Der Riss“ dient als Metapher, um die Geschehnisse an den Grenzen Europas verstehen zu können. Zu komplex und zu unmenschlich sind die Umstände, die die Reporter in der Exklave Melilla, auf Lampedusa oder in Ungarn erleben und nach der nun abgeschlossenen Berichterstattung in Comicform veröffentlichen. Mit nachbearbeiteten Fotografien und sachlichen Infotexten entsteht ein ästhetisches wie journalistisches Kunstwerk zur Vermittlung europäischer Zeitgeschichte, die die beiden Journalisten kaum fassen konnten:

„[…] wir erlebten die Tragödie auf dem Mittelmeer, als wir bei einer Rettung von Geflüchteten auf hoher See dabei waren, und wir hatten Zugang zum größten Geflüchtetenlager Europas, auf Sizilien. In diesen Momenten war es unvorstellbar, dass das alles nur ein Jahr später noch in den Schatten gestellt werden würde durch die größte Fluchtwelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Zeit und Distanz zu diesen ersten Reisen Anfang 2014 öffneten uns die Augen. Wir begannen, die Spannungen zwischen den euro-päischen Ländern, die von den Grenzen ausgingen, schärfer zu beobachten: Schengen wurde ausgesetzt, der Populismus und der Nationalismus wuchsen, der Brexit, Trump … Europa und die Welt veränderten sich, je stärker die Risse aufbrachen, von denen wir im Buch sprechen.“, fasst Guillermo Abril in einem im Anhang abgedruckten Interview zusammen.

Um diese schwerwiegenden sowie komplexen Ereignisse und Zusammenhänge in eine nachvollziehbare Erzählung bringen zu können, wählen Spottorno und Abril eine Form, die man durchaus als zeitgenössischen Trend am Comicmarkt bezeichnen darf: die dokumentarische Graphic Novel, die einen hohen Authentizitätsanspruch verfolgt. Selten wird dieser allerdings so klar formuliert und zu verbürgen versucht, wie im Impressum dieser Graphic Novel:

„Alle Geschichten in diesem Buch sind real und entsprechen den Erlebnissen der Autoren auf ihren Reisen, die für die hier zusammengestellten Reportagen dienten. Die Reihenfolge wurde für ein besseres Verständnis der Geschichte mitunter verändert. Über die farbliche Bearbeitung aller Fotos hinaus wurden einige Aufnahmen gedreht, Horizonte begradigt und optische Ver-
zerrungen korrigiert, um die visuelle Erzählung zu erleichtern.


Was hier äußerst sachlich klingt, beschreibt jedoch sehr gut, wie gearbeitet wurde. Durch die Modifikation der Bilder entstand eine außergewöhnliche Ästhetik, der der Spagat zwischen dokumentarischem Journalismus und anspruchsvoller Kunst gelingt. Daneben können dank der Comictechnik und der sequenzierten Bildabfolge Fluchtnarrative sehr eindrucksvoll nacherzählt werden, aber auch emotionale Momente erzeugt werden, wenn etwa auf Lampedusa angeschwemmte Alltagsgegenstände der Flüchtenden wortlos nebeneinander-gestellt werden. Dass dahinter ein durchdachtes Bild- und Textprogramm steht, bemerkt man schnell und wird von Carlos Spottorno auch reflektiert:

„Als ich darüber nachgedacht habe, wie man die Reportage so erzählen kann, dass Text und Foto gleichberechtigt sind und sich gegenseitig bereichern, habe ich mich mit der Graphic Novel beschäftigt und erkannt, dass das die perfekte Sprache für uns ist.“

Carlos Spottorno und Guillermo Abril schaffen somit auch „die perfekte Sprache“, um neu aufkeimenden antieuropäischen Haltungen entgegentreten zu können, um Fakten und Bilder in ordentlich recherchierter und technisch hochwertiger Form in der Hand zu haben und um Jugendlichen wie Erwachsenen verständlich zu machen, wie wichtig ein funktionierendes Europa für kommende Krisen ist.

Peter Rinnerthaler